Pflegepraxis

Medikamentengabe in der Pflege – sicher, korrekt, dokumentiert

Medikamentenfehler zählen zu den häufigsten vermeidbaren Zwischenfällen in der Pflege. Die konsequente Anwendung der 6-R-Regel, das Wissen um Applikationsformen und Wechselwirkungen sowie eine lückenlose Dokumentation schützen Pflegebedürftige und Pflegekräfte gleichermaßen.

6 R
Sicherheitsregel
~5 %
Medikationsfehlerrate stationär
BtMG
Betäubungsmittelgesetz

Die 6-R-Regel – Kern der Medikamentensicherheit

Vor jeder Medikamentengabe müssen alle sechs Punkte überprüft werden. Kein Schritt darf übersprungen werden:

👤

1. Richtiger Patient

Identität prüfen – Name, Geburtsdatum. Besonders wichtig bei gleichnamigen Bewohnern oder bei Vertretungsdiensten.

💊

2. Richtiges Medikament

Wirkstoff und Präparat mit der ärztlichen Verordnung abgleichen. Achtung bei Generika und Rabattverträgen – gleiches Medikament kann anders aussehen.

3. Richtige Dosierung

Menge exakt nach Verordnung. Bei Bedarf umrechnen (z. B. Tropfen → ml). Besondere Vorsicht bei Insulin, Antikoagulantien und Opioiden.

🕔

4. Richtiger Zeitpunkt

Nüchtern, vor/nach dem Essen, abends – Einnahmezeitpunkt bestimmt Wirksamkeit. Interaktionen mit Mahlzeiten beachten.

💉

5. Richtige Applikation

Oral, sublingual, rektal, subkutan, transdermal, inhalativ – die Applikationsform darf nie eigenmächtig geändert werden.

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6. Richtige Dokumentation

Sofort nach Gabe abzeichnen. Nichteinnahme, Erbrechen oder Verweigerung dokumentieren und Arzt informieren.

Merksatz: „Richtige Person, richtiges Medikament, richtige Dosis, richtige Zeit, richtiger Weg, richtige Dokumentation.“ – Erst prüfen, dann geben, dann dokumentieren.

Erweitertes R-System: Viele Einrichtungen arbeiten heute mit 8 R oder 10 R. Zusätzlich zu den 6 R werden geprüft: 7. Richtiger Grund (Ist die Indikation noch gegeben?), 8. Richtige Aufklärung (Wurde der Patient informiert?), 9. Richtige Reaktion (Wird die Wirkung/Nebenwirkung überwacht?) und 10. Richtiges Handeln bei Fehlern (Ist das Fehlermanagement bekannt?). Die 6 R bleiben das Fundament – das erweiterte System ergänzt um Qualitäts- und Sicherheitsaspekte.

Applikationsformen – Überblick und Besonderheiten

ApplikationBeispieleWichtige Hinweise
Oral (p.o.) Tabletten, Kapseln, Säfte, Tropfen Aufrechte Position, mit ausreichend Wasser. Retard-Tabletten nie teilen oder mörsern (außer ausdrücklich erlaubt). Bei Schluckstörungen: Arzt wegen Alternativ-Darreichung informieren.
Sublingual Nitrospray, einige Schmerzmittel Unter die Zunge legen, nicht schlucken. Schneller Wirkeintritt über Mundschleimhaut.
Rektal Suppositorien, Klysmen Geeignet bei Erbrechen, Schluckstörungen, Kindern. Aufbewahrung kühl. Einführung in Seitenlage.
Subkutan (s.c.) Insulin, Heparin, Clexane Injektionsbereiche rotieren (Lipodystrophie-Prophylaxe). Einstichwinkel 45–90°. Behandlungspflege LG 2
Transdermal Fentanyl-Pflaster, Nikotin-Pflaster Pflaster auf unbehaarte, trockene Haut. Zeitpunkt des Wechsels deutlich notieren. Altes Pflaster entfernen bevor neues geklebt wird.
Inhalativ Dosieraerosole, Pulverinhalatoren Korrekte Inhalationstechnik schulen und regelmäßig überprüfen. Mund nach Kortison-Inhalation ausspülen (Soor-Prophylaxe).
Topisch Salben, Cremes, Augentropfen Hände vorher desinfizieren. Augentropfen: Kopf nach hinten, Tropfen in Bindehautsack, 1–2 Min. Tränenpunkt abdrücken.

Häufige Wechselwirkungen – Worauf Pflegekräfte achten müssen

Ältere, multimorbide Menschen nehmen oft 5 oder mehr Medikamente gleichzeitig (Polypharmazie). Wechselwirkungen sind dann nahezu unausweichlich. Pflegekräfte erkennen oft als Erste Symptome:

KombinationRisikoBeobachten
Marcumar + ASS/NSARStark erhöhte BlutungsgefahrHämatome, Blut im Stuhl, Zahnfleischbluten
ACE-Hemmer + KaliumpräparateHyperkaliämieMuskelschwäche, Herzrhythmusstörungen
Metformin + Kontrastmittel/AlkoholLaktatazidoseÜbelkeit, Bauchschmerzen, Verwirrtheit
Digitalis + SchleifendiuretikaDigitalis-Intoxikation durch HypokaliämieÜbelkeit, Sehstörungen, Bradykardie
Opioide + BenzodiazepineAtemdepressionAtemfrequenz, Sedierungsgrad, SpO₂
L-Thyroxin + Kalzium/ProtonenpumpenhemmerVerminderte ResorptionMindestens 2 Std. Abstand einhalten

Alarmzeichen melden: Plötzliche Verwirrtheit, starke Blutungen, Atemfrequenz <10/min, neue Herzrhythmusstörungen, anaphylaktische Reaktionen → sofort Notarzt/Arzt informieren. Nie eigenmächtig Medikamente absetzen oder Dosis ändern.

Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) & Bundesmedikationsplan

AMTS ist ein zentrales gesundheitspolitisches Ziel in Deutschland. Seit 2007 gibt es nationale Aktionspläne (aktuell: 5. Aktionsplan AMTS 2021–2024, AKdÄ/BMG). Die Pflege ist ein unverzichtbarer Partner im AMTS-Prozess.

Bundeseinheitlicher Medikationsplan (BMP)

Seit 01.10.2016 haben alle Versicherten, die ≥ 3 systemisch wirkende Arzneimittel gleichzeitig anwenden, Anspruch auf einen Bundesmedikationsplan (§ 31a SGB V).

  • Wird vom Haus- oder Facharzt erstellt und bei jedem Arztbesuch aktualisiert
  • Enthält: Wirkstoff, Handelsname, Dosierung, Einnahmezeitpunkt, Hinweise, Grund
  • Seit 2018 auch als elektronischer Medikationsplan (eMP) auf der elektronischen Gesundheitskarte speicherbar
  • Apotheken prüfen und ergänzen OTC-Präparate

Pflegeaufgabe: Bei Aufnahme/Erstbesuch den aktuellen BMP einfordern. Bei jeder Änderung der Medikation (Arztbesuch, Krankenhausentlassung) prüfen, ob der BMP aktualisiert wurde. Diskrepanzen sofort klären!

Medikationsabgleich (Medication Reconciliation)

An jeder Übergangsstelle (Aufnahme, Verlegung, Entlassung) muss ein systematischer Abgleich aller Medikamente erfolgen:

1
Erfassen

Alle aktuellen Medikamente sammeln (BMP, Entlassbrief, Patientenbefragung, alte Dosetten prüfen, Selbstmedikation erfragen).

2
Abgleichen

Ist-Medikation vs. Soll-Medikation (Verordnung) vergleichen. Jede Abweichung markieren.

3
Klären

Diskrepanzen mit dem Arzt besprechen: Absichtliche Änderung? Versehentliche Auslassung? Doppelverordnung?

4
Dokumentieren

Geänderte Medikation im Pflegedokumentationssystem aktualisieren, BMP anpassen lassen.

Polypharmazie – Risiko erkennen

Ab ≥ 5 Medikamenten gleichzeitig spricht man von Polypharmazie. Ab ≥ 10 von exzessiver Polypharmazie. In deutschen Pflegeheimen nehmen Bewohner im Durchschnitt 6–8 Medikamente ein. Risiken:

Wechselwirkungen

Bei 5 Medikamenten: ca. 10 mögliche Interaktionspaare. Bei 10 Medikamenten: 45 Paare. Exponentielles Risiko.

Adhärenz-Verlust

Je mehr Medikamente, desto häufiger werden Einnahmen vergessen, verwechselt oder eigenmächtig weggelassen.

Verordnungskaskade

Nebenwirkung eines Medikaments wird als neues Symptom gedeutet → neues Medikament → neue Nebenwirkungen → Teufelskreis.

PRISCUS-Liste

Seit 2010 (Update 2.0: 2023) die deutsche Negativliste potenziell inadäquater Medikation für älterer Patienten (≥ 65 J.). 187 Wirkstoffe, z. B. Diazepam, Amitriptylin, Doxazosin.

Medikamente stellen vs. verrichten

Stellen (Richten)

  • Vorbereitung der Medikamente aus der Verpackung in individuelle Dispenser (Wochendosetten)
  • Darf nur durch Fachkräfte oder geschultes Personal mit Freigabe erfolgen
  • Vier-Augen-Prinzip empfohlen: Eine Person stellt, eine kontrolliert
  • In ruhiger Umgebung, ohne Ablenkung, bei guter Beleuchtung
  • Beschriftung: Name, Datum, Mahlzeit (morgens/mittags/abends/nachts)

Verrichten (Geben)

  • Das tatsächliche Übergeben oder Verabreichen an den Pflegebedürftigen
  • 6-R-Regel erneut am Bett prüfen
  • Sicherstellen, dass Medikament tatsächlich eingenommen wurde (nicht im Mund versteckt)
  • Besondere Vorsicht bei Demenz: Medikament kann in Nahrung versteckt werden – aber nur nach ärztlicher Anordnung und ethischer Abwägung
  • Sofort dokumentieren – Handzeichen in Medikamentenblatt

Betäubungsmittel (BtM) – Besondere Vorschriften

Für Betäubungsmittel (Opioide wie Morphin, Fentanyl, Oxycodon, Hydromorphon) gelten strenge gesetzliche Vorgaben nach dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und der BtMVV:

Achtung: Tilidin + Naloxon in Retardform (z. B. Tilidin comp. retard) ist seit 2013 von der BtM-Pflicht ausgenommen (Änderung Anlage II BtMG). Nur nicht-retardiertes Tilidin (Tropfen) und Tilidin ohne Naloxon fallen weiterhin unter das BtMG.

🔒

Aufbewahrung

In einem abschließbaren BtM-Tresor oder Schrank, getrennt von anderen Medikamenten. Schlüssel nur bei autorisierten Personen.

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Dokumentation

BtM-Buch mit lückenloser Bestandsführung: Datum, Uhrzeit, Patient, Dosis, Verabreichender, Restbestand. Jede Ampulle muss nachvollziehbar sein.

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Verordnung

Nur auf BtM-Sonderrezept (gelb, dreiteilig). Gültigkeit: 7 Tage. Maximale Verschreibungsmenge je Rezept beachten.

Vernichtung

Rest-BtM dürfen nicht einfach entsorgt werden. Vernichtung mit Zeuge und Protokoll. Pflaster: gebraucht zusammenkleben und dokumentiert entsorgen.

High-Risk-Medikamente – erhöhte Sorgfaltspflicht

Bestimmte Arzneimittelgruppen haben eine enge therapeutische Breite oder ein besonders hohes Schadenspotenzial bei Fehlern. Das ISMP (Institute for Safe Medication Practices) führt diese als High-Alert Medications. In der Pflege sind vor allem relevant:

💉 Insulin

Insulin-TypWirkeintrittWirkdauerBeispiel
Schnellwirkend (Bolus)10–20 Min.3–5 Std.NovoRapid, Humalog, Apidra
Kurzwirkend (Normalinsulin)30 Min.5–8 Std.Actrapid, Insuman Rapid
Langwirkend (Basal)1–2 Std.20–26 Std.Lantus, Levemir, Toujeo, Tresiba
Mischinsulin15–30 Min.bis 24 Std.NovoMix 30, Humalog Mix

Kritische Fehlerquellen bei Insulin:

• Verwechslung von Basal- und Bolusinsulin („Lantus“ statt „Humalog“) → lebensbedrohliche Hypoglykämie

• Einheitenverwechslung: „10 E“ wird als „100“ gelesen → immer „10 Einheiten“ ausschreiben

• Applikation ohne BZ-Kontrolle

• Falscher Injektionsort (Lipodystrophie → unberechenbare Resorption)

Pflegeregel: Vor jeder Insulingabe BZ messen. Insulin-Pen/Ampulle am Bett zeigen (4-Augen). Spritz-Ess-Abstand beachten. Injektionsorte rotieren (Bauch, Oberschenkel, Oberarm). Pen nie ohne Nadel einstechen.

💊 Antikoagulanzien – Marcumar vs. DOAK

Vitamin-K-Antagonisten (z. B. Marcumar, Falithrom)DOAK (z. B. Eliquis, Xarelto, Pradaxa, Lixiana)
MonitoringINR-Wert (therapeutisch 2,0–3,0). Regelmäßige Blutentnahme nötig.Kein reguläres Monitoring. Nierenfunktion (GFR) 1–2x/Jahr prüfen.
WechselwirkungenZahlreich! Vitamin-K-haltige Lebensmittel (Spinat, Brokkoli), NSAR, Antibiotika.Weniger WW als VKA. CYP3A4- und P-gp-Hemmer beachten.
Pflege-CaveINR-Heft überprüfen, Ernährungsberatung, Hämatome beobachten.Einnahmezeiten einhalten (Rivaroxaban: mit Mahlzeit). Keine eigenmächtige Pausierung vor OPs.
BlutungszeichenHämatome, Nasenbluten, Zahnfleischbluten, dunkler Stuhl, roter Urin, Schwindel → sofort Arzt informieren.
AntidotVitamin K (Konakion), ProthrombinkomplexIdarucizumab (Praxbind, für Dabigatran), Andexanet alfa (für Xa-Hemmer)

💥 Weitere High-Risk-Medikamente

Digoxin/Digitoxin

Enge therapeutische Breite. Intoxikationszeichen: Übelkeit, Sehstörungen (Gelbsehen), Bradykardie. Puls vor Gabe messen – bei < 60/min Rücksprache Arzt.

Methotrexat (MTX)

Bei Rheuma/Psoriasis: 1x wöchentlich (nicht täglich!). Tägliche Gabe ist ein bekannter tödlicher Fehler. Einnahmetag farblich markieren.

Kaliumpräparate (i.v.)

Bolusinjektion von Kalium ist potenziell tödlich (Herzstillstand). Nur als Infusion mit Infusionspumpe, nie als Bolus. Auf Normalstation max. 40 mmol/l.

Opioide

Atemdepression bei Überdosierung. Besondere Vorsicht bei Erstgabe, Dosiserhöhung und Kombination mit Sedativa. Siehe auch Schmerzassessment.

Medikamente bei Schluckstörungen (Dysphagie) & Sondengabe

Ca. 30–40 % der Pflegeheimbewohner leiden an Dysphagie. Die sichere Medikamentengabe erfordert spezielle Kenntnisse:

Grundsätze bei Schluckstörungen

  • Prüfen, ob eine Alternativ-Darreichungsform existiert (Säfte, Tropfen, Schmelztabletten, Supp., Pflaster)
  • Vor dem Mörsern immer Rücksprache mit Apotheke/Arzt
  • Gemörserte Tabletten in breiiger Nahrung (Apfelmus, Joghurt) verabreichen – nie in heißen Getränken (Wirkstoffzerstörung)
  • Aufrechte Sitzposition (≥ 45°), kleine Schlucke, Nachspülen mit angedickte Flüssigkeiten bei Aspirationsgefahr
  • Nach Gabe 30 Min. aufrecht sitzen lassen (Refluxprophylaxe)

Nicht teilen/mörsern!

Folgende Präparate dürfen NICHT gemörsert oder geteilt werden:

• Retard-Präparate (Suffix „retard“, „SR“, „XR“, „ER“, „LP“) → Dosisdumping-Gefahr

• Magensaftresistente Tabletten („msr“, „enteric-coated“) → Wirkstoff wird im Magen zerstört

• Zytostatika → Kontaminationsgefahr für Pflegekraft

• Hormonpräparate (z. B. Tamoxifen, Finasterid) → Kontaktgefahr

• Weichgelatinekapseln mit Flüssiginhalt → Wirkstoff nicht stabil

Medikamentengabe über PEG-/Ernährungssonde

1
Prüfung

Ist das Medikament sondengeeignet? Liste „Oralia“ oder Apotheke fragen. Flüssige Formen bevorzugen.

2
Vorbereitung

Sondenkost mindestens 30 Min. vorher stoppen (Außer Arzt gibt abweichende Anweisung). Sonde mit 20–30 ml Wasser spülen.

3
Applikation

Jedes Medikament einzeln über die Sonde geben. Zwischen jedem Medikament mit 10–20 ml Wasser spülen. Nie mehrere Medikamente mischen!

4
Nachspülen

Nach dem letzten Medikament: 20–30 ml Wasser. 30 Min. warten, dann Sondenkost fortsetzen. Dokumentation im Medikamentenblatt.

Cave: L-Thyroxin muss mind. 1 Std. isoliert über die Sonde gegeben werden, da zahlreiche Interaktionen mit Sondenkostbestandteilen bestehen. PPI (z. B. Pantoprazol) als MUPS-Tablette in Wasser suspendieren – nie mörsern.

Lagerung & Haltbarkeit von Arzneimitteln

Falsch gelagerte Medikamente verlieren ihre Wirksamkeit oder werden schädlich. Die Lagerungsbedingungen sind auf der Packung/Fachinformation angegeben:

LagerungshinweisTemperaturBeispielePraxis-Hinweis
Raumtemperatur 15–25 °C Die meisten Tabletten, Kapseln, Tropfen Nicht in Bad oder Küche (Feuchtigkeit, Wärme). Medikamentenschrank im Flur/Abstellraum.
Kühlschrankpflichtig 2–8 °C Insulin, Augentropfen (angebrochen), einige Antibiotika-Säfte, Impfstoffe Kühlkette nicht unterbrechen! Insulin darf nicht einfrieren. Separater Medikamenten-Kühlschrank mit Thermometer empfohlen.
Lichtgeschützt Nifedipin, Methotrexat, Furosemid-Lösung In Originalverpackung belassen. Nicht auf Fensterbrett stellen.

Anbruchsfristen beachten

Augentropfen

Nach Anbruch max. 4–6 Wochen (konserviert) bzw. 24 Std. (Einzeldosen). Anbruchdatum auf Flasche notieren!

Insulin (angebrochen)

Im Pen: 4 Wochen bei Raumtemperatur (nicht mehr kühlen!). Danach verwerfen, auch wenn noch Restinsulin vorhanden.

Antibiotika-Säfte

Nach Aufbereitung je nach Präparat 7–14 Tage im Kühlschrank. Immer Fachinformation prüfen.

Wochendosetten

Gerichtete Medikamente max. 14 Tage im Voraus. Lichtgeschützt, trocken, mit Deckel verschlossen.

Praxisbeispiele – Medikamentensicherheit im Pflegealltag

Fallbeispiel 1: Frau B., 81 Jahre – Verwechslung bei Generikawechsel

Situation: Frau B. nimmt seit Jahren Metoprolol 47,5 mg retard (1-0-0). Durch einen Rabattvertragswechsel erhält sie nun ein anderes Generikum – andere Verpackung, andere Tablettenfarbe, anderer Name („Metoprololsuccinat-1A Pharma“). Die Pflegehilfskraft erkennt das Medikament nicht wieder und stellt es nicht.

Fehleranalyse: Kein Abgleich mit dem Bundesmedikationsplan. Wirkstoff identisch, aber Handelsname und Optik anders.

Lösung: Fachkraft prüft anhand des Wirkstoffnamens (nicht des Handelsnamens) und des BMP. Hilfskräfte werden geschult, bei Änderungen der Verpackung immer Rücksprache zu halten. Medikamentenblatt wird aktualisiert.

Fallbeispiel 2: Herr T., 74 Jahre – Insulin-Zwischenfall

Situation: Herr T. hat Diabetes Typ 2. Morgens erhält er Lantus (Basalinsulin) und NovoRapid (Bolusinsulin). Eine neue Pflegekraft verwechselt die Pens und spritzt 24 Einheiten NovoRapid statt Lantus.

Folge: Nach 30 Min.: Schweißausbruch, Zittern, BZ 38 mg/dl → schwere Hypoglykämie.

Sofortmaßnahmen: Traubenzucker oral (Patient noch ansprechbar), engmaschige BZ-Kontrolle (alle 15 Min.), Arztmeldung, Notfallprotokoll.

Prävention: Insulin-Pens farblich markieren und räumlich trennen. Vor Injektion: Pen-Etikett laut vorlesen (4-Augen). Auf Station: Insulin im Medikamentenschrank, nicht am Bett.

Fallbeispiel 3: Frau W., 88 Jahre – Heimliche Medikamentengabe bei Demenz

Situation: Frau W. hat eine fortgeschrittene Demenz und verweigert seit 3 Tagen alle Medikamente – auch ihr dringend benötigtes Herzmedikament (Amiodaron). Die Tochter bittet: „Mischen Sie es doch einfach ins Essen!“

Rechtslage: Das heimliche Untermischen von Medikamenten in Essen ist ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit. Es ist nur zulässig, wenn:

  • Der rechtliche Betreuer (nicht die Angehörigen!) ausdrücklich zustimmt
  • Eine ärztliche Anordnung vorliegt mit Begründung der Notwendigkeit
  • Alle Alternativen erschöpft sind (Darreichungsformwechsel, Tropfen, Pflaster)
  • Das Vorgehen dokumentiert ist (Ethische Fallbesprechung empfohlen)

Lösung: Gerät konsultiert, Arzt kontaktiert, Amiodaron als Trinklösung bestellt. Betreuerin stimmt zu. Medikamentengabe in Apfelsaft erfolgreich.

Häufige Fragen zur Medikamentengabe

Dürfen Pflegehilfskräfte Medikamente verabreichen?

Ja, unter bestimmten Voraussetzungen: Das Medikament wurde von einer Pflegefachkraft gestellt, es gibt eine ärztliche Verordnung, und die Hilfskraft wurde nachweislich eingewiesen. Die Gesamtverantwortung verbleibt bei der Fachkraft. Injektionen (s.c., i.m.) sind grundsätzlich Fachkraft-Tätigkeiten, sofern keine spezielle Delegation (z. B. Behandlungspflege LG 1) vorliegt.

Was tun, wenn ein Bewohner Medikamente verweigert?

Selbstbestimmungsrecht beachten: Ein einwilligungsfähiger Mensch darf Medikamente ablehnen. Dokumentieren, Arzt informieren, Gründe erfragen (Schluckschwierigkeiten? Nebenwirkungen? Angst?). Ggf. Alternativen anbieten (Saft statt Tablette). Bei rechtlicher Betreuung: Betreuer informieren.

Welche Medikamente dürfen nicht gemörsert werden?

Grundsätzlich dürfen retardierte (Langzeitwirkung), magensaftresistente und zytostatische Präparate nicht gemörsert werden. Beim Mörsern wird die kontrollierte Freisetzung zerstört – es droht eine gefährliche Überdosierung. Im Zweifelsfall immer in der Apotheke oder beim Arzt nachfragen.

Was ist bei Medikamenten über PEG-Sonde zu beachten?

Nur Medikamente verwenden, die für die Sondengabe geeignet sind (flüssig oder mörserbar). Medikamente einzeln über die Sonde geben und zwischen jedem Medikament mit 10–20 ml Wasser spülen. Retardpräparate sind kontraindiziert. Medikamente nie mit Sondenkost mischen. Sondenkost 30 Min. vor und nach Gabe pausieren.

Was ist der Bundesmedikationsplan und wer bekommt ihn?

Der Bundesmedikationsplan (BMP) ist ein standardisiertes Dokument mit allen verordneten und selbst gekauften Medikamenten. Seit Oktober 2016 haben alle Versicherten mit ≥ 3 gleichzeitig verordneten systemischen Arzneimitteln Anspruch darauf (§ 31a SGB V). Er wird vom Arzt erstellt, von der Apotheke ergänzt und muss bei jeder Therapieänderung aktualisiert werden. Pflege: Bei Aufnahme den aktuellen BMP einfordern und mit der laufenden Medikation abgleichen.

Wer haftet bei einem Medikationsfehler?

Es gilt das Prinzip der persönlichen Verantwortung: Wer das Medikament stellt, haftet für das korrekte Stellen. Wer es verabreicht, haftet für die korrekte Gabe (6-R-Prüfung am Bett). Delegation an Hilfskräfte entbindet die Fachkraft nicht von der Überwachungspflicht. Im Schadensfall wird geprüft: War die Qualifikation ausreichend? War die Anweisung klar? Wurde dokumentiert? → Lückenlose Dokumentation ist der beste Haftungsschutz.

Wie gehe ich mit abgelaufenen Medikamenten um?

Abgelaufene Medikamente dürfen nicht mehr verabreicht werden – auch nicht „nur ein paar Tage drüber“. Sie werden aussortiert, in der Apotheke oder über den Restmüll (nicht über Abfluss/Toilette!) entsorgt und in der Bestandsliste ausgebucht. Regelmäßige Verfallsdatenkontrolle (z. B. monatlich) ist Pflichtaufgabe. Tipp: „First in – First out“-Prinzip bei der Einlagerung.

Was ist die PRISCUS-Liste und warum ist sie für die Pflege relevant?

Die PRISCUS-Liste 2.0 (2023) enthält 187 Wirkstoffe, die für ältere Menschen (≥ 65 J.) potenziell unangemessen sind, weil Risiken den Nutzen überwiegen. Beispiele: Diazepam (Sturzgefahr), Amitriptylin (Delir), Doxazosin (orthostatische Hypotonie). Pflegekräfte, die diese Medikamente im Plan sehen, sollten erhöht auf Nebenwirkungen achten und den Arzt auf mögliche Alternativen hinweisen.

Quellenangaben

Hinweis: Diese Seite ersetzt keine ärztliche Verordnung. Medikamente dürfen nur auf Grundlage einer gültigen ärztlichen Anordnung verabreicht werden. Stand: April 2026.

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Selbsttest
Was beschreibt die sogenannte 5-R-Regel bei der Medikamentengabe?
5 Reinigungsschritte vor jeder Gabe
5 Risikofaktoren für Nebenwirkungen
Richtiger Patient, Medikament, Dosis, Zeitpunkt, Applikationsweg
5 Dokumentationspflichten im Medikamentenblatt
Richtig – die 5-R-Regel. Sie beschreibt: richtiger Patient, richtiges Medikament, richtige Dosis, richtiger Zeitpunkt und richtige Applikationsform. Diese Regel ist die zentrale Sicherheitsregel bei jeder Medikamentengabe in der Pflege.
📚
Tim Reinhold

Dozent & Fachautor im Bereich Medikamentengabe in der Pflege – sicher, korrekt, dokumentiert. Ich erstelle Lerninhalte, die Pflegefachkräfte und Betreuungspersonal konkret unterstützen.