Dekubitus – Erkennen, Vorbeugen, Behandeln
Ein Dekubitus (Druckgeschwür) gehört zu den häufigsten vermeidbaren Komplikationen in der Pflege. Der DNQP-Expertenstandard Dekubitusprophylaxe beschreibt evidenzbasierte Maßnahmen für Risikobewertung, Lagerung und Hautschutz.
Was ist ein Dekubitus?
Ein Dekubitus (lat. decubare = daliegen) ist eine lokal begrenzte Schädigung der Haut und/oder des darunter liegenden Gewebes, üblicherweise über knöchernen Vorprüngen. Er entsteht durch anhaltenden oder wiederkehrenden Druck in Kombination mit Scherkräften. Die internationale Definition stammt vom EPUAP/NPIAP/PPPIA (European Pressure Ulcer Advisory Panel).
Die Hauptursache ist die Kompression von Blutgefäßen: Wenn der Auflagedruck höher ist als der Kapillarverschlussdruck (ca. 32 mmHg), wird das Gewebe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Ohne Druckentlastung stirbt das Gewebe ab (Nekrose). Besonders gefährdet sind immobile und bettlägerige Patienten mit Pflegegrad 3–5.
Merksatz: Ein Dekubitus entsteht immer von innen nach außen. Wenn äußerlich eine Rötung sichtbar ist, kann der Gewebeschaden in der Tiefe bereits erheblich sein.
Klassifikation nach EPUAP/NPIAP
Die international anerkannte Klassifikation des EPUAP/NPIAP unterscheidet vier Kategorien, die den Schweregrad der Gewebeschädigung beschreiben. Das System ersetzt die ältere Einteilung nach Seiler/Daniel und wird im DNQP-Expertenstandard empfohlen.
| Kategorie | Bezeichnung | Beschreibung | Sichtbares Zeichen |
|---|---|---|---|
| I | Nicht wegdrückbare Rötung | Intakte Haut mit nicht wegdrückbarer Rötung (Fingertest positiv). Schmerz, Verhärtung, Erwärmung oder Kühle möglich. | Persistierende Rötung trotz Druckentlastung |
| II | Teilverlust der Haut | Oberflächlicher Defekt der Dermis – flächiges Ulkus mit rot-roséfarbenem Wundbett oder intakte/offene Blase. | Flache offene Wunde ohne Belag |
| III | Vollständiger Hautverlust | Zerstörung aller Hautschichten, subkutanes Fett sichtbar. Knochen, Sehnen, Muskeln nicht direkt sichtbar. | Tiefe Wunde, möglicherweise mit Taschenbildung |
| IV | Vollständiger Gewebeverlust | Knochen, Sehne oder Muskel freiliegend. Belag oder Schorf können vorhanden sein, oft Taschenbildung. | Tiefe Nekrose mit freiliegenden Strukturen |
Hinweis: Ein Dekubitus wird nicht rückklassifiziert. Ein abgeheilter Kategorie-IV-Dekubitus bleibt ein „abgeheilter Kategorie IV“. Quelle: EPUAP/NPIAP Prevention and Treatment of Pressure Ulcers, 2019.
Achtung: Zusätzlich gibt es die Kategorie „Keiner Kategorie/keinem Stadium zuordenbar“ (Wundbett durch Belag/Schorf verdeckt) und die „Vermutete tiefe Gewebeschädigung“ (intakte Haut, aber darunter liegende Schädigung vermutet). Beide erfordern sofortige ärztliche Abklärung.
Risikofaktoren für einen Dekubitus
Die Entstehung eines Dekubitus ist immer multifaktoriell. Der DNQP-Expertenstandard betont, dass eine individuelle Risikoeinschätzung wichtiger ist als der alleinige Einsatz von Risikoskalen.
Intrinsische Faktoren (patientenbezogen)
- Immobilität – bettlägerig, rollstuhlgebunden, Bewegungseinschränkung
- Sensibilitätsstörung – Diabetes-Polyneuropathie, Querschnittlähmung, Narkose
- Ernährung & Mangelernährung (E-Learning) – Eiweißmangel, Kachexie, Mangelernährung im Alter
- Flüssigkeitsmangel – Exsikkose, trockene Haut (Dehydration)
- Durchblutungsstörung – pAVK, Herzinsuffizienz, Schock
- Hautfeuchtigkeit – Inkontinenz, starkes Schwitzen, Fieber
- Hohes Alter – dünnere Haut, reduziertes Unterhautfettgewebe
- Begleiterkrankungen – Diabetes mellitus, MS, Demenz, Depression
Extrinsische Faktoren (umgebungsbezogen)
- Scherkräfte – Herunterrutschen im Bett, unkorrektes Umlagern
- Reibungskräfte – raue Bettwäsche, Faltenbildung
- Druckeinwirkung – zu seltene Umlagerung, harte Matratze
- Medikamente – Sedativa, Katecholamine, Immunsuppressiva
- Fixierung – mechanische Fixierung im Bett/Rollstuhl
- OP-Dauer – längere Operationen (> 2 Stunden)
- Ungeeignete Hilfsmittel – Standardmatratze statt Anti-Dekubitus-System
- Mangelnde Hautpflege – fehlende Hautinspektion, ungeeignete Pflegeprodukte
Prädilektionsstellen – Wo entsteht ein Dekubitus?
Ein Dekubitus entsteht bevorzugt über knöchernen Vorprüngen, wo das Gewebe zwischen Knochen und Auflagefäche komprimiert wird. Die häufigsten Stellen hängen von der Körperposition ab:
Rückenlage
- Sakrum / Kreuzbein – häufigste Stelle (ca. 40 %)
- Fersen – zweithäufigste Stelle (ca. 25 %)
- Hinterkopf – besonders bei Kachexie und Säuglingen
- Schulterblätter (Scapula)
- Ellenbogen
- Dornfortsätze der Wirbelsäule
Seitenlage / Sitzen
- Trochanter major (großer Rollhügel am Oberschenkel) – bei Seitenlage
- Malleolus (Knöchel) – bei Seitenlage
- Knieauskenseite – bei Seitenlage ohne Zwischenlagerung
- Sitzbeinhöcker – bei Rollstuhlfahrern und sitzenden Personen
- Ohren – bei strenger Seitenlage oder Sauerstoffbrille
Praxistipp: Bei jeder Änderung der Körperposition müssen die belasteten Hautareale inspiziert werden. Der Fingertest (kurzes Wegdrücken der Rötung) hilft bei der Früherkennung: Bleibt die Rötung nach dem Loslassen bestehen, handelt es sich um einen Dekubitus Kategorie I.
Risikoeinschätzung: Klinisches Urteil und Braden-Skala
Der DNQP-Expertenstandard Dekubitusprophylaxe (2. Aktualisierung 2017) stellt klar: Das klinische Urteil der Pflegefachkraft ist die primäre Methode zur Risikoeinschätzung – Skalen sind ergänzende Hilfsmittel, niemals Ersatz. Die Pflegefachkraft bewertet individuell Mobilität, Hautzustand, Ernährung, Inkontinenz und Allgemeinzustand.
Die Braden-Skala bleibt das international am häufigsten eingesetzte standardisierte Instrument. Sie erfasst sechs Subscores – je niedriger der Gesamtscore, desto höher das Risiko. Ihre Limitationen sind jedoch klar belegt: Die Sensitivität liegt je nach Setting bei 57–90 %, die Spezifität bei 26–74 % (EPUAP/NPIAP 2019). Einige Risikofaktoren wie Mikroklima, Medikation und krankheitsspezifische Faktoren werden nicht erfasst. Alternative Instrumente (Norton-Skala, Waterlow-Score) zeigen ähnliche Einschränkungen. Neuere Ansätze wie der PURPOSE-T (Pressure Ulcer Risk Primary Or Secondary Evaluation Tool) kombinieren systematisches Screening mit klinischer Beurteilung.
| Kriterium | Punkte (1–4) | Beschreibung |
|---|---|---|
| Sensorisches Empfinden | 1–4 | Fähigkeit, auf druckbedingte Beschwerden zu reagieren |
| Feuchtigkeit | 1–4 | Ausmaß der Hautfeuchtigkeit (Inkontinenz, Schweiß) |
| Aktivität | 1–4 | Grad der physischen Aktivität (bettlägerig bis normal gehfähig) |
| Mobilität | 1–4 | Fähigkeit, die Körperposition zu ändern und zu kontrollieren |
| Ernährung | 1–4 | Übliches Nahrungsaufnahmemuster (sehr schlecht bis ausgezeichnet) |
| Reibung & Scherkräfte | 1–3 | Grad der Reibung und Scherbelastung |
Interpretation des Braden-Scores
- ≤ 9 Punkte: sehr hohes Risiko KRITISCH
- 10–12 Punkte: hohes Risiko HOCH
- 13–14 Punkte: mittleres Risiko MITTEL
- 15–18 Punkte: geringes Risiko GERING
- > 18 Punkte: kein erhöhtes Risiko NORMAL
Moderne Ergänzung – SEM-Scanner: Seit ca. 2020 werden in Kliniken zunehmend subepidermale Feuchtigkeitsmesser (SEM-Scanner) eingesetzt. Diese Geräte erkennen Ödeme in tieferen Gewebeschichten – oft bevor eine sichtbare Rötung auftritt. Studien (z. B. Okonkwo et al. 2020) zeigen eine Vorlaufzeit von bis zu 5 Tagen gegenüber dem Fingertest. Der SEM-Scanner ist keine Pflicht, kann aber das klinische Urteil unterstützen.
Quellen: Braden B, Bergstrom N: Clinical utility of the Braden Scale. Decubitus 1989;2(3):44–51 • DNQP-Expertenstandard Dekubitusprophylaxe, 2. Aktualisierung 2017 • EPUAP/NPIAP/PPPIA Clinical Practice Guideline, 3rd Edition 2019.
Dekubitusprophylaxe – Die wichtigsten Maßnahmen
Die Prophylaxe basiert auf vier Säulen: Druckentlastung, Förderung der Eigenbewegung, Hautpflege und Mikroklimamanagement. Diese Maßnahmen sind im DNQP-Expertenstandard (2. Aktualisierung 2017) und der EPUAP/NPIAP-Leitlinie 2019 wissenschaftlich belegt.
1. Druckentlastung und Druckverteilung
- Regelmäßige Umlagerung – individueller Lagerungsplan, spätestens alle 2 Stunden, bei hohem Risiko häufiger
- 30°-Seitenlagerung – Goldstandard der Dekubitusprophylaxe, vermeidet Belastung des Trochanters
- Mikrolagerung – kleine Positionsveränderungen (Kissen, Handtuchrollen) für Zwischenlagerungen
- Freilagerung der Fersen – Fersen vollständig entlasten (Kissen unter Unterschenkel, nicht unter Ferse)
- Oberkörperhochlagerung ≤ 30° – Scherkräfte am Sakrum bei stärkerer Hochlagerung beachten
2. Hilfsmittel zur Druckverteilung
- Anti-Dekubitus-Matratzen – Wechseldruck- oder Weichlagerungssysteme (Risikostufe beachten)
- Sitzkissen – bei Rollstuhlfahrern druckverteilende Sitzkissen (Gel, Schaum, Luft)
- Lagerungshilfsmittel – Kissen, Keile, Rollen zur korrekten Lagerung
- Hilfsmittel sind als Pflegehilfsmittel oder über ärztliche Verordnung erhältlich
Nicht evidenzbasiert / kontraindiziert: Watteverbandpolsterung der Fersen, Ringkissen/Sitzringe (erhöhen Druck am Rand), Eis/Föhn, Massieren geröteter Stellen, Hyperoxidwasser, Zucker-/Honigauflagen. Diese Maßnahmen sind im DNQP-Expertenstandard ausdrücklich als nicht geeignet aufgeführt.
3. Hautpflege und Hautinspektion
- Tägliche Hautinspektion – bei jeder Lagerung die Prädilektionsstellen kontrollieren
- Fingertest bei Rötung – sofortige Druckentlastung und Dokumentation bei positivem Befund
- Hautpflege – pH-neutrale Waschlotion, rückfettende Lotion, keine alkoholhaltigen Produkte
- Inkontinenzversorgung – zeitnaher Vorlagenwechsel, Hautschutzpräparate (Barrierecreme)
- Ernährung optimieren – ausreichend Eiweiß (1,25–1,5 g/kg/Tag laut EPUAP/NPIAP 2019), Vitamine (insbes. Vitamin C und Zink), Flüssigkeit (mind. 1,5 l/Tag)
4. Mikroklimamanagement
Das Mikroklima an der Hautoberfläche (Temperatur und Feuchtigkeit) ist ein eigenständiger Risikofaktor, der in der EPUAP/NPIAP-Leitlinie 2019 stärker betont wird als früher:
- Feuchtigkeit reduzieren – Inkontinenzprodukte zeitnah wechseln, transpirierende Matratzenüberzüge, keine Kunststoffunterlagen direkt auf der Haut
- Temperatur kontrollieren – Überwärmte Haut wird schneller geschädigt; Raumtemperatur 20–22 °C, keine Heizkissen auf Prädilektionsstellen
- Textilien wählen – glatte, feuchtigkeitsableitende Bettwäsche; keine Faltenbildung, Bettlaken straff ziehen
5. Förderung der Eigenbewegung
- Mobilisation – frühestmögliche Aktivierung, Sitzen an der Bettkante, Gehtraining
- Bewegungsförderung – Kinästhetik-Prinzipien, Bobath-Konzept, Motivation zur Eigenbewegung
- Lagerungspläne mit Patientenbeteiligung – Betroffene in die Lagerung einbeziehen
Lagerungsplan erstellen – Schritt für Schritt
Ein individueller Lagerungsplan ist das zentrale Instrument der Dekubitusprophylaxe. Er wird auf Grundlage der Risikoeinschätzung erstellt und regelmäßig evaluiert.
Klinisches Urteil + Braden-Skala. Risikofaktoren identifizieren (Immobilität, Ernährung, Hautzustand, Inkontinenz).
Alle Prädilektionsstellen inspizieren und Befund in der Pflegedokumentation festhalten. Fingertest bei Rötungen.
Individuelle Zeitabstände bestimmen. Orientierung: alle 2 Stunden, bei hohem Risiko kürzer. Hautreaktion nach Lagerungswechsel beobachten.
Wechsel zwischen Rückenlage, 30°-Seitenlage re./li., ggf. Bauchlage. Nicht direkt auf den Trochanter lagern.
Matratze (Weichlagerung oder Wechseldruck), Lagerungskissen, Fersenentlastung. Verordnung über Arzt oder Pflegehilfsmittel.
Lagerungsplan regelmäßig überprüfen (bei jeder Lagerung Hautzustand kontrollieren). Bei Veränderung: Intervall und Maßnahmen anpassen.
Behandlung eines bestehenden Dekubitus
Die Behandlung eines Dekubitus richtet sich nach Kategorie, Wundzustand und Grunderkrankung. Zentral ist immer die sofortige und konsequente Druckentlastung. Die Wundbehandlung erfolgt nach dem Prinzip der feuchten Wundbehandlung.
| Kategorie | Behandlungsmaßnahmen | Wundauflagen |
|---|---|---|
| I | Sofortige Druckentlastung, Hautschutz, Beobachtung. Keine Wundauflage nötig. | Dünner Schaumstoffverband oder Folie als Schutz möglich |
| II | Druckentlastung, feuchte Wundbehandlung, Wundbeobachtung. | Hydrokolloide, Schaumstoffverbände, Hydrogele |
| III | Ärztliche Wundbehandlung, ggf. chirurg. Débridement, Wundmanagement. | Alginate, Hydrofaser, Vakuumtherapie (VAC) möglich |
| IV | Chirurgische Intervention oft erforderlich, Plastische Deckung, intensives Wundmanagement. | Spezialisierte Wundversorgung, VAC-Therapie, Lappenplastik |
Wichtig: Die Behandlung ab Kategorie III erfordert immer ärztliche Anordnung. Wundversorgung dieser Kategorien gehört zur Behandlungspflege (SGB V) und muss durch qualifiziertes Personal durchgeführt werden.
Dokumentation der Dekubitusprophylaxe
Eine lückenlose Pflegedokumentation ist nicht nur pflegerische Pflicht, sondern auch rechtliche Absicherung. Bei einem Dekubitus liegt die Beweislast bei der Pflegeeinrichtung – sie muss nachweisen, dass alle prophylaktischen Maßnahmen korrekt durchgeführt wurden.
- Risikobewertung – initiales Assessment bei Aufnahme, Wiederholung bei Veränderung
- Hautinspektion – Befund bei jeder Lagerung dokumentieren (Lokalisation, Größe, Beschaffenheit)
- Lagerungsprotokoll – Zeitpunkt, Position, Hilfsmittel, Hautzustand nach Lagerungswechsel
- Wunddokumentation – bei bestehendem Dekubitus: EPUAP-Kategorie, Größe, Tiefe, Wundrand, Exsudat, Geruch, Foto
- Maßnahmenplan – geplante und durchgeführte Maßnahmen, Evaluation mit Datum und Handzeichen
Führen Sie bei jedem Lagerungswechsel eine Hautinspektion durch und dokumentieren Sie den Befund sofort. Nutzen Sie eine standardisierte Wunddokumentationsvorlage mit Körperschema zur Lokalisation.
Im Strukturmodell SIS wird die Dekubitusprophylaxe im Themenfeld 2 (Mobilität/Beweglichkeit) und der Risikoeinschätzung erfasst.
Rechtliche Aspekte und Haftung
Ein Dekubitus, der durch mangelhafte Prophylaxe entsteht, kann als Pflegefehler gewertet werden. Das hat zunehmend juristische Konsequenzen:
- Beweislastumkehr – die Pflegeeinrichtung muss nachweisen, dass alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen wurden (BGH-Rechtsprechung)
- Qualitätsprüfung durch den MD – Dekubitusprophylaxe ist fester Bestandteil der Qualitätsprüfungen nach § 114 SGB XI
- Expertenstandard als Maßstab – der DNQP-Standard gilt vor Gericht als Maßstab für den Stand der Pflegewissenschaft
- Dokumentationspflicht – fehlende oder lückenhafte Dokumentation kann als Indiz für mangelhafte Prophylaxe gewertet werden
- Haftpflichtfälle – Schadensersatzansprüche bei nachweislichem Pflegefehler möglich
Merksatz: „Nicht dokumentiert = nicht gemacht.“ Dieser Grundsatz gilt in der Rechtsprechung bei Dekubitus-Fällen besonders streng. Eine lückenlose Dokumentation ist der beste Schutz vor Haftungsansprüchen.
Medizinprodukt-assoziierter Dekubitus (MDRPI)
Ein zunehmend beachtetes Problem ist der Medical Device Related Pressure Injury (MDRPI) – ein Dekubitus, der durch medizinische Geräte verursacht wird. Die EPUAP/NPIAP-Leitlinie 2019 widmet diesem Thema erstmals ein eigenes Kapitel. Studien zeigen, dass bis zu 30 % aller Dekubitalgeschwüre im Klinikbereich medizinproduktassoziiert sind.
Häufige Auslöser
- Sauerstoffmasken/-brillen – Druck auf Nasenrücken, Ohren, Wangen
- Endotrachealtuben – Mundwinkel, Lippen
- Blutdruckentgleisungenmanschetten – bei Dauermonitoring
- Katheter und Drainagen – Eintrittsstelle, unterliegende Haut
- Orthesen und Schienen – Kontaktpunkte an knöchernen Vorprüngen
- Anti-Thrombose-Strümpfe – Einschnürungen am Oberschenkel/Knöchel
- CPAP-Masken – Nasenrücken, Stirn, Kinn
- Zervikalstützen – Kinn, Hinterkopf
Prävention MDRPI: Medizinprodukte bei jeder Hautinspektion mitprüfen. Wo möglich: Position der Geräte regelmäßig verändern, dünne Schaumstoffpolster unterlegen, korrekte Größe wählen und Fixierungen nicht zu stramm anlegen. MDRPI müssen wie jeder Dekubitus nach EPUAP/NPIAP klassifiziert und dokumentiert werden.
Die 5 häufigsten Fehler in der Dekubitusprophylaxe
Ringkissen erhöhen den Druck am Rand und verschlechtern die Durchblutung. Stattdessen: druckverteilende Sitzkissen aus Gel oder Schaumstoff.
Die 90°-Seitenlage belastet den Trochanter maximal und ist kontraindiziert. Richtig: 30°-Seitenlage als Standard.
Massage bei Rötung schädigt das bereits geschädigte Gewebe weiter. Richtig: sofortige Druckentlastung und Beobachtung.
Ein Anti-Dekubitus-System ersetzt keine Lagerung – es unterstützt sie. Auch auf Wechseldruckmatratzen muss regelmäßig umgelagert werden.
Jeder Lagerungswechsel muss mit Zeitpunkt, Position und Hautzustand dokumentiert werden – auch bei Anti-Dekubitus-Matratze.
Häufige Fragen zur Dekubitusprophylaxe
Wie oft muss umgelagert werden?
Es gibt kein pauschales Intervall. Der DNQP empfiehlt eine individuelle Festlegung auf Basis der Risikoeinschätzung. Als Orientierung gilt: spätestens alle 2 Stunden, bei sehr hohem Risiko kürzer. Das entscheidende Kriterium ist die Hautreaktion: Besteht nach dem Umlagern eine nicht wegdrückbare Rötung, war das Intervall zu lang.
Welche Matratze ist empfehlenswert?
Die Matratzenauswahl richtet sich nach dem Dekubitusrisiko. Bei mittlerem Risiko genügen oft viskoelastische Schaumstoffmatratzen. Bei hohem und sehr hohem Risiko sind Wechseldrucksysteme (Niedrigdruckluftmatratzen) oder Weichlagerungssysteme (Mikrostimulation) indiziert. Die Verordnung erfolgt über den Arzt als Hilfsmittel zu Lasten der Krankenkasse.
Ist ein Dekubitus immer ein Pflegefehler?
Nein – nicht jeder Dekubitus ist vermeidbar. Bei bestimmten Konstellationen (z. B. Kreislaufschock, terminale Phase, schwere pAVK) kann trotz optimaler Prophylaxe ein Dekubitus entstehen. Entscheidend ist, dass die Einrichtung nachweisen kann, alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen zu haben. Daher ist die lückenlose Dokumentation so wichtig.
Was kostet ein Anti-Dekubitus-System?
Anti-Dekubitus-Matratzen kosten zwischen 200 € und 3.000+ € (je nach System). Bei ärztlicher Verordnung werden die Kosten von der Krankenkasse als Hilfsmittel übernommen (Hilfsmittelverzeichnis, Produktgruppe 11). Für Pflegebedürftige mit Pflegegrad ist auch eine Beantragung über die Pflegekasse oder die Barrierefreies Wohnen möglich.
Können pflegende Angehörige Dekubitusprophylaxe durchführen?
Ja – grundlegende Maßnahmen wie Umlagerung, Hautinspektion und Ernährungsoptimierung können Angehörige nach Anleitung durchführen. Pflegekurse nach § 45 SGB XI bieten dafür kostenlose Schulungen. Die Wundbehandlung ab Kategorie III ist jedoch Aufgabe des Pflegedienstes oder Arztes.
Quellenangaben
- DNQP – Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege, 2. Aktualisierung 2017
- EPUAP/NPIAP/PPPIA – Prevention and Treatment of Pressure Ulcers/Injuries: Clinical Practice Guideline, 2019
- § 113 SGB XI – Expertenstandards zur Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität in der Pflege
- RKI – Robert Koch-Institut, Empfehlungen zur Infektionsprävention
- Braden B, Bergstrom N: Clinical utility of the Braden Scale. Decubitus 1989;2(3):44–51.
- Okonkwo H et al.: A sub-epidermal moisture measurement instrument for early detection. J Wound Care 2020;29(10):562–569.
- Coleman S et al.: Developing a risk factor framework (PURPOSE-T). J Tissue Viability 2014;23(1):1–12.
- BMG – Bundesministerium für Gesundheit, Pflege
Hinweis: Diese Seite dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle Beratung oder ärztliche Diagnose. Bei Verdacht auf Dekubitus immer ärztliche Abklärung und professionelle Wundversorgung einleiten. Stand: April 2026.
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Richtige Antwort: B)
Der Kapillarverschlussdruck liegt bei ca. 32 mmHg. Wird dieser durch Auflage- oder Scherkräfte überschritten, kommt es zur Gewebsischämie und daraus resultierend zum Dekubitus. A ist falsch: Kategorie I zeigt lediglich eine nicht wegdrückbare Rötung bei intakter Haut. C ist falsch: Der DNQP (2017) empfiehlt das klinische Assessment durch die Pflegefachkraft als Primärinstrument – die Braden-Skala darf ergänzend verwendet werden. D ist falsch: Dekubitus kann auch an druckbelasteten Weichteilstellen ohne knöcherne Prominenz entstehen (z. B. medizinproduktassoziierter Dekubitus/MDRPI).
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