Kompressionstherapie – Grundlagen für die Pflege
Die Kompressionstherapie ist die Basisbehandlung bei chronisch-venöser Insuffizienz (CVI), Lymphödem und Thromboseprophylaxe. Trotz hoher Evidenz wird sie häufig nicht korrekt durchgeführt. Die AWMF S2k-Leitlinie „Medizinische Kompressionstherapie“ (Reg.-Nr. 037-009, 2024) gibt aktuelle Empfehlungen.
Indikationen und Kontraindikationen
Indikationen
- Chronisch-venöse Insuffizienz (CVI) CEAP C2–C6
- Lymphödem – primär und sekundär (z. B. nach Lymphknotenentfernung)
- Lipödem – begleitende Therapie
- Tiefe Beinvenenthrombose (TVT) – Akutphase und Langzeitprophylaxe
- Ulcus cruris venosum – Grundlage der Wundheilung
- Postoperativ – nach Venenoperationen, Sklerotherapie
- Thromboseprophylaxe – bei Immobilisierung
Kontraindikationen
- Absolut: periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) Stadium III–IV, dekompensierte Herzinsuffizienz, fortgeschrittene Neuropathie (Vorsicht bei Diabetes mellitus!), Phlegmasia coerulea dolens
- Relativ: pAVK Stadium II (ABPI 0,5–0,8 → reduzierter Druck), unkontrollierte Herzinsuffizienz, nässende Dermatosen, akute Erysipel-Phase
Cave – ABPI messen vor Kompression! Bei fehlender arterieller Durchblutung droht Gewebenekrose. ABPI < 0,5 = absolute Kontraindikation. ABPI 0,5–0,8 = reduzierter Kompressionsdruck (max. 20–30 mmHg) unter ärztlicher Aufsicht. Bei Blutdruckentgleisungen oder diabetischer Neuropathie ist die Pulsmessung besonders wichtig.
Epidemiologie und Versorgungslage
Laut Bonner Venenstudie (Rabe et al., Aktualisierung 2025) weisen rund 30 % der Erwachsenen in Deutschland CVI-Zeichen auf (CEAP C2+). Die DGP-Versorgungsstudie 2025 zeigt: Nur 35 % der Patient:innen mit Indikation tragen die Kompression regelmäßig – Adhärenzprobleme sind die häufigste Ursache für Therapieversagen. Ca. 1,2 Mio. Ulcus-cruris-Betroffene leben in Deutschland (GKV-Routinedaten 2024). Die jährlichen Behandlungskosten belaufen sich auf über 3 Mrd. € (IQWiG Rapid Report 2025). Bettlägerige Patient:innen mit Kompressionstherapie benötigen zusätzlich konsequente Dekubitusprophylaxe und Intertrigo-Prävention unter den Verbänden.
Kompressionsklassen (RAL-Standard)
| Klasse | Druck (mmHg) | Indikation |
|---|---|---|
| KKL 1 Leicht | 18–21 | Leichte Varikose, Schwangerschaft, Thromboseprophylaxe bei Reisen, beginnende CVI |
| KKL 2 Mittel | 23–32 | Ausgeprägte Varikose, CVI, nach Thrombose, nach Sklerotherapie, Lymphödem (Erhalt) |
| KKL 3 Kräftig | 34–46 | Schwere CVI, postthrombotisches Syndrom, Ulcus cruris, ausgeprägtes Lymphödem |
| KKL 4 | > 49 | Selten – ausgeprägteste Formen, Elephantiasis |
Versorgungsarten
Kompressionsstrümpfe (MKS)
Rundgestrickt (Standard, Serienprodukt) oder flachgestrickt (Maßanfertigung, bei Lymphödem). Kniestrumpf (AD), Schenkelstrumpf (AG), Strumpfhose (AT). Haltbarkeit: ca. 6 Monate – 2 Paar/Jahr verordnungsfähig.
Kompressionsverbände (PKV)
Phlebologischer Kompressionsverband – mit Kurzzugbinden (hoher Arbeitsdruck, niedriger Ruhedruck). Indikation: Akutphase TVT, Ulcus cruris, Erst-Entstauung. Muss fachgerecht angelegt werden!
Adaptive Kompressionsbandagen
Klettsysteme (z. B. Circaid®, JuxtaCures®) – einfach anzulegen, reproduzierbarer Druck, kein Wickeln. Ideal für Selbstversorgung und häusliche Pflege. Evidenz zunehmend positiv (AWMF 2024).
Kompressionsstrumpf korrekt anlegen
Morgens vor dem Aufstehen – Beine sind am wenigsten geschwollen. Bei bereits geschwollenen Beinen: 15–30 min Hochlagern vor dem Anziehen.
Haut trocken, keine Creme (rutschig!). Handschuhe (Gummi-/Silikonhandschuhe) verbessern Griff. Strumpf auf links drehen bis zur Ferse („Donut-Methode“).
Ferse genau im Fersenteil positionieren. Strumpf schrittweise nach oben rollen – nicht ziehen! Falten glätten. Bei KKL 2–3: Anziehhilfe verwenden (offen/geschlossen, z. B. Medi Butler, Sigvaris Easy Slide).
Keine Falten oder Einschnürungen. Ferse sitzt korrekt. Zehenbereich nicht komprimiert. Guter Sitz am Oberschenkel (Schenkelstrumpf: Haftband/Strumpfhalter). Hautfarbe der Zehen überprüfen.
Anziehhilfen auf Rezept: Sind verordnungsfähig als Hilfsmittel (§ 33 SGB V). Besonders wichtig für ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität – weitere Mobilitätshilfsmittel beachten. Ohne Anziehhilfe ist die Versorgung mit KKL 2+ oft nicht selbstständig möglich – Behandlungspflege verordnen lassen! Sichere Transfertechniken sind Voraussetzung, um Patient:innen in die richtige Position zu bringen.
Phlebologischer Kompressionsverband (PKV)
Der PKV wird insbesondere bei Ulcus cruris venosum und in der Entstauungsphase angewendet. Die Wickeltechnik erfordert Fachkompetenz (Behandlungspflege LG 1/2):
- Material: Schlauchverband → Polsterung (Watte) → Kurzzugbinden (z. B. Ideal, Pütter) → Fixierung
- Druck: Am höchsten am Knöchel (max. 40–60 mmHg), nach proximal abnehmend
- Technik: 50 % Überlappung, gleichmäßiger Zug, Druckpolster über Knöcheln
- Wechsel: Initial täglich (Entstauung), später alle 2–3 Tage bei stabilem Ödem
- Mehrlagen-Systeme: Fertige Kompressionssysteme (z. B. Coban™ 2, Profore®) – einfacher, reproduzierbarer Druck
Dokumentation
Die Dokumentation der Kompressionstherapie orientiert sich am Strukturmodell (SIS) und den Anforderungen der Qualitätssicherung im Pflegedienst (DNQP Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“, 2. Aktualisierung 2024):
- Indikation und ärztliche Verordnung (KKL, Versorgungsart)
- Beinumfänge – standardisierte Messpunkte (B/B1/C/D/G), Verlauf
- Hautzustand – Beurteilung vor und nach Kompression, Intertrigo-Screening
- ABPI-Messung – Ausgangswert, Kontrollen (mind. alle 3 Monate bei Risikopatienten)
- Compliance – Trageverhalten, Probleme, Akzeptanz
- Wundversorgung – bei Ulcus cruris: Größe, Belag, Randbereich (vgl. Wunddokumentation)
- Ernährungsstatus – Eiweißzufuhr zur Wundheilung, bei Diabetes BZ-Einstellung dokumentieren
- Digitale Fotodokumentation – bei jedem Verbandwechsel via elektronischer Pflegeakte
Besondere Patientengruppen
Kompression bei Demenz
Patient:innen mit Demenz lehnen Kompressionsstrümpfe häufig ab oder ziehen sie selbständig aus. Validation nach Naomi Feil kann die Akzeptanz fördern. Biografiearbeit hilft, gewohnte Routinen einzubeziehen. Adaptive Bandagen (Klettsysteme) sind hier oft besser geeignet als Strümpfe.
Kompression bei Diabetes
Bei Diabetes mellitus ist die ABPI-Messung obligat – Mediasklerose kann falsch hohe Werte liefern. Zusätzlich Blutzuckerwerte überwachen: Hyperglykämie verzögert die Ulcus-Heilung erheblich. Sensorische Neuropathie erfordert engmaschige Hautkontrolle – Druckstellen werden ggf. nicht wahrgenommen.
Immobilität und Kompression
Transfertechniken müssen beim An-/Ausziehen berücksichtigt werden. Mobilitätshilfsmittel und frühe Mobilisierung verbessern die venöse Rückstromdynamik. Bei bettlägerigen Patient:innen: Antithrombosestrümpfe statt Kompressionsstrümpfe – beides nicht verwechseln!
Kompression am Lebensende
In der Palliativsituation steht Komfort im Vordergrund. Die ethische Abwägung von Therapieintensität gewinnt an Bedeutung. Bei therapieresistenten Ödemen kann reduzierte Kompression (KKL 1) für Symptomlinderung sorgen. Trauerbegleitung unterstützt Angehörige bei chronischen Wundsituationen.
Angehörigenbelastung: Das tägliche An- und Ausziehen von Kompressionsstrümpfen ist für Angehörige körperlich belastend – Burnout-Prävention beachten! Die Pflegekasse übernimmt Behandlungspflege nach § 37 SGB V. Abgrenzung SGB V vs. SGB XI klären.
Digitale Unterstützung in der Kompressionstherapie
Wund- und Kompression-Apps
Moderne Pflege-Apps ermöglichen Wundfoto-Tracking, Umfangsmessung und Erinnerungen an Strümpfewechsel. ImitoCure und andere medizinische Apps unterstützen die standardisierte Wunddokumentation.
Telemedizinische Wundkonsile
Telemedizin ermöglicht die Fernbeurteilung von Ulcera und Kompressionsverbänden via Videokonsil. Der GKV-Innovationsfonds fördert seit 2025 das Projekt „TeleWund“ für telemedizinische Wundversorgung in ländlichen Regionen.
Smart-Textilien und Sensorik
Digitalisierung bringt Kompressionsstrümpfe mit integrierten Drucksensoren hervor. Robotik-gestützte Anziehhilfen und KI-basierte Adhärenz-Monitoring-Systeme werden aktuell klinisch erprobt (Fraunhofer IZM, Projektphase II, 2025).
Häufige Fragen zur Kompressionstherapie
Wie lange muss man Kompressionsstrümpfe tragen?
Bei CVI, Lymphödem und postthrombotischem Syndrom: lebenslang. Die Kompression behandelt die Symptome, heilt aber nicht die Ursache. Die Strümpfe werden tagsüber getragen und nachts ausgezogen. Bei Ulcus cruris: auch nachts Kompression möglich (reduzierter Druck).
Wie werden Kompressionsstrümpfe verordnet?
Der Hausarzt oder Phlebologe verordnet auf Kassenrezept (Muster 16): Länge, KKL, Gestrickart. Das Sanitätshaus misst die Beine aus und passt an. 2 Paar pro Jahr sind verordnungsfähig (§ 33 SGB V). Zuzahlung: 10 % (min. 5 €, max. 10 €).
Darf der Pflegedienst Strümpfe an- und ausziehen?
Ja. Das An- und Ausziehen von Kompressionsstrümpfen ist Behandlungspflege (§ 37 SGB V) und muss ärztlich verordnet werden. Häufig als „Anlegen von Kompressionsverbänden/-strümpfen“ verordnet. Ohne Verordnung darf der Pflegedienst dies grundsätzlich nicht als Kassenleistung abrechnen.
Wie pflegt man Kompressionsstrümpfe?
Täglich waschen bei 30–40 °C (Feinwaschmittel, kein Weichspüler). Liegend oder hängend trocknen – nicht im Trockner! Regelmäßiges Waschen erhält die Kompressionskraft. Strumpf verliert nach ca. 6 Monaten Elastizität – Neuverordnung nötig.
Welche Hautprobleme entstehen unter Kompressionsverbänden?
Intertrigo (Feuchtigkeitsläsionen), Kontaktallergien und Druckschäden sind die häufigsten Komplikationen. Bei Diabetes mit Neuropathie werden Druckstellen u. U. nicht wahrgenommen. Regelmäßige Hautkontrolle bei jedem Verbandwechsel ist obligat.
Gibt es digitale Hilfen für die Kompressionstherapie?
Ja – Wund-Apps ermöglichen standardisierte Fotodokumentation, telemedizinische Wundkonsile sparen Wege. Smart-Kompressionsstrümpfe mit Drucksensoren befinden sich in klinischer Erprobung. Die Digitalisierung verbessert zunehmend die Versorgungsqualität.
Wie entlaste ich Angehörige bei der Kompressionsversorgung?
Das An-/Ausziehen ist Behandlungspflege (§ 37 SGB V) und kann an den Pflegedienst delegiert werden. Adaptive Klettsysteme sind leichter anzulegen. Burnout-Prävention und Pflegekassenleistungen (Verhinderungspflege, Entlastungsbetrag) aktiv nutzen.
Quellen und weiterführende Informationen
- AWMF S2k-Leitlinie „Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten“ (Reg.-Nr. 037-009, Aktualisierung 2024)
- AWMF S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum“ (Reg.-Nr. 037-003, 2024)
- Deutsche Gesellschaft für Phlebologie (DGP) – Versorgungsstudie und Leitlinien (2025)
- Gesellschaft Deutschsprachiger Lymphologen (GDL) – Leitlinien Lymphödem (2025)
- § 33 SGB V – Hilfsmittelversorgung (Stand 2026)
- Rabe, E. et al.: „Bonner Venenstudie – Aktualisierung“, Phlebologie 54 (2), 2025, S. 88–97
- DNQP (Hrsg.): Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“, 2. Aktualisierung 2024
- IQWiG: Rapid Report „Kosten der CVI-Versorgung in Deutschland“, 2025
- GKV-Routinedaten: Ulcus-cruris-Prävalenz, Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO), Auswertung 2024
- Fraunhofer IZM: Projektbericht „Smart Compression – Sensorische Kompressionsstrümpfe“, Phase II, 2025
- G-BA – Richtlinie Hilfsmittel (HilfsM-RL), zuletzt geändert 01/2026
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Richtige Antwort: B
Kompressionsklasse II (23–32 mmHg) ist der Standard bei venösen Ulzera und fortgeschrittener chronisch-venöser Insuffizienz. Klasse I reicht für leichte Beschwerden, während Klasse III/IV nur bei schweren Lymphödemen oder post-thrombotischem Syndrom eingesetzt wird.
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Dozent für Pflegeweiterbildung · Fachautor im Wissenszentrum Pflege. Schwerpunkt: Kompressionstherapie – Grundlagen für die Pflege – praxisnah und auf neuestem Stand.