Vitalzeichen messen – Blutdruck, Puls, Temperatur, Atmung, SpO₂
Die Kontrolle der Vitalzeichen ist eine der grundlegendsten pflegerischen Maßnahmen und gehört zur Behandlungspflege nach SGB V. Sie liefert entscheidende Informationen über den Gesundheitszustand und ermöglicht die Früherkennung lebensbedrohlicher Veränderungen.
Die fünf Vitalzeichen im Überblick
Vitalzeichen (auch Vitalparameter) sind messbare Körperfunktionen, die Rückschlüsse auf lebenswichtige Organfunktionen erlauben. In der Pflege werden standardmäßig fünf Parameter erhoben:
| Vitalzeichen | Normalwert Erwachsene | Einheit | Messmethode |
|---|---|---|---|
| Blutdruck | 120/80 (optimal) bis 139/89 (hochnormal) | mmHg | Oberarm-Manschette (manuell/automatisch) |
| Puls | 60–100 | Schläge/min | Radialispuls, Pulsoximeter |
| Körpertemperatur | 36,5–37,4 | °C | Ohr, Stirn, axillär, rektal, oral |
| Atemfrequenz | 12–20 | Atemzüge/min | Beobachtung (30 s zählen × 2) |
| Sauerstoffsättigung (SpO₂) | 95–100 | % | Pulsoximeter am Finger |
Quelle: AWMF-Leitlinien, Deutsche Hochdruckliga. Normalwerte gelten für gesunde Erwachsene in Ruhe.
Blutdruck messen – Technik und Normalwerte
Der Blutdruck ist der wichtigste Vitalparameter in der Pflege. Er beschreibt den Druck, den das Blut auf die Gefäßwände ausübt, und wird in systolischem (während der Herzkontraktion) und diastolischem (während der Herzerschlaffung) Wert angegeben.
Klassifikation nach ESC/ESH und Hochdruckliga
| Kategorie | Systolisch (mmHg) | Diastolisch (mmHg) | Bewertung |
|---|---|---|---|
| Optimal | < 120 | < 80 | NORMAL |
| Normal | 120–129 | 80–84 | NORMAL |
| Hochnormal | 130–139 | 85–89 | BEOBACHTEN |
| Hypertonie Grad 1 | 140–159 | 90–99 | ARZT |
| Hypertonie Grad 2 | 160–179 | 100–109 | ARZT |
| Hypertonie Grad 3 | ≥ 180 | ≥ 110 | NOTFALL |
| Hypotonie | < 100 | < 60 | BEOBACHTEN |
Korrekte Blutdruckmessung – Schritt für Schritt
5 Minuten Ruhe vor der Messung. Kein Koffein/Rauchen 30 Min. vorher. Blase entleeren. Sitzende Position, Rücken abgestützt, Beine nicht überkreuzt.
Manschette am unbekleideten Oberarm, Unterkante 2–3 cm über der Ellenbeuge. Manschettenbreite: 2/3 des Oberarms (12–14 cm Standard). Bei adipösen Patienten: XXL-Manschette.
Arm auf Herzhöhe auflegen. Bei höherer Position: falsch niedrige Werte. Bei tieferer Position: falsch hohe Werte. Handfläche nach oben.
Manuell (auskultatorisch): Manschette aufpumpen bis 30 mmHg über erwartetem Systolenwert. Langsam ablassen (2–3 mmHg/s). Korotkow-Töne erkennen: 1. Ton = systolisch, Verschwinden = diastolisch.
Automatisch: Gerät starten, ruhig halten, nicht sprechen.
Werte mit Zeitpunkt, Arm (li./re.), Position (sitzend/liegend), ggf. Medikamenteneinnahme in der Pflegedokumentation festhalten. Bei Erstmessung: beide Arme messen.
Hypertensiver Notfall: Bei Blutdruck ≥ 180/110 mmHg mit Symptomen (Brustschmerz, Atemnot, Sehstörungen, Bewusstseinsstörung, starke Kopfschmerzen) → Notarzt rufen (112). Keine eigenmächtige Medikamentengabe.
Puls messen – Frequenz, Rhythmus, Qualität
Der Puls gibt Auskunft über die Herzfrequenz, den Herzrhythmus und die Gefäßfüllung. Die Standardmessstelle ist die Arteria radialis (Handgelenk, Daumenseite).
Pulswerte und Bewertung
| Befund | Frequenz | Beschreibung |
|---|---|---|
| Bradykardie | < 60/min | Zu langsam – mögliche Ursachen: Medikamente (Betablocker), Hypothyreose, erhöhter Hirndruck ARZT |
| Normokardie | 60–100/min | Normaler Ruhepuls NORMAL |
| Tachykardie | > 100/min | Zu schnell – mögliche Ursachen: Fieber, Schmerz, Schock, Dehydration, Angst ARZT |
Pulsmessung – Worauf achten?
- Frequenz – Schläge pro Minute (mind. 30 s zählen, bei Arrythmie: volle 60 s)
- Rhythmus – regelmäßig oder unregelmäßig? Extrasystolen? Absolute Arrythmie bei Vorhofflimmern?
- Qualität – kräftig, fadenförmig (Schockzeichen!), hart, weich
- Pulsdefizit – Differenz zwischen apikal (Stethoskop, Herzspitze) und peripher (Handgelenk) gemessenem Puls – Hinweis auf Vorhofflimmern
- Seitenvergleich – bei Erstuntersuchung beide Seiten vergleichen
Merksatz: Pro 1 °C Fieber steigt der Puls um ca. 10–15 Schläge/min. Ein Puls > 100/min bei Fieber ist daher erwartbar. Steigt der Puls ohne Fieber oder andere erklärbare Ursache über 100, ist das ein Warnsignal (Dehydration, innere Blutung, Lungenembolie).
Körpertemperatur messen
Die Körpertemperatur ist ein empfindlicher Indikator für Infektionen, Entzündungen und Stoffwechselstörungen. Die Messgenauigkeit hängt entscheidend vom Messort ab.
| Befund | Temperatur | Bezeichnung |
|---|---|---|
| Hypothermie | < 35,0 °C | Unterkühlung NOTFALL |
| Subnormal | 35,0–36,4 °C | Leicht erniedrigt BEOBACHTEN |
| Normal | 36,5–37,4 °C | Normbereich NORMAL |
| Subfebril | 37,5–38,0 °C | Leicht erhöht BEOBACHTEN |
| Fieber | 38,1–38,9 °C | Fieber ARZT |
| Hohes Fieber | 39,0–40,9 °C | Hohes Fieber ARZT |
| Hyperthermie | ≥ 41,0 °C | Lebensbedrohlich NOTFALL |
Messorte und Genauigkeit
- Rektal – genaueste Methode (Goldstandard), ca. 0,5 °C höher als oral. In der Pflege selten angewandt.
- Ohr (tympanal) – schnell und praktisch, Infrarot-Messung am Trommelfell. Ohrtrichter korrekt positionieren (Ohr leicht nach hinten-oben ziehen).
- Stirn (temporal) – kontaktlos, hygienisch, aber weniger genau bei Schweiß oder kalter Haut.
- Oral (sublingual) – unter der Zunge, Mund 10 Min. vorher geschlossen. Nicht bei Kindern, Bewusstlosen, nach heißem/kaltem Trinken.
- Axillär – in der Achselhöhle, am ungenauesten (bis 1 °C unter Kerntemperatur). Nur als Schätzwert.
Praxistipp: Bei älteren Menschen kann Fieber fehlen („afebrile Infektion“). Achten Sie auf indirekte Zeichen: Verwirrtheit, Unruhe, Appetitlosigkeit, Tachykardie. Bei Menschen mit Demenz sind Verhaltensänderungen oft das erste Infektionszeichen.
Atemfrequenz – Der oft vergessene Vitalparameter
Die Atemfrequenz ist der sensitivste Frühwarner für klinische Verschlechterung – und zugleich der am häufigsten vergessene Vitalparameter. Eine veränderte Atemfrequenz tritt oft Stunden vor Veränderungen des Blutdrucks oder Pulses auf.
| Befund | Frequenz | Mögliche Ursachen |
|---|---|---|
| Bradypnoe | < 12/min | Opioide, erhöhter Hirndruck, metabolische Alkalose ARZT |
| Eupnoe | 12–20/min | Normalbefund NORMAL |
| Tachypnoe | > 20/min | Fieber, Schmerz, Angst, Pneumonie, Herzinsuffizienz, Lungenembolie ARZT |
| Apnoe | Atemstillstand | Reanimationspflichtig NOTFALL 112 |
Zählung und Beobachtung
- Zählmethode – Thoraxbewegungen über 30 Sekunden zählen und verdoppeln (bei Unregelmäßigkeiten: 60 s). Tipp: Atemfrequenz „heimlich“ zählen (während der Pulsmessung), da Patienten die Atmung bewusst ändern.
- Atemtiefe – flach, normal, vertieft (Kussmaul-Atmung bei metabolischer Azidose)
- Atemmuster – Cheyne-Stokes (periodisch zu-/abnehmend – Sterbephase), Biot (unregelmäßig mit Pausen – Hirnschädigung)
- Atemgeräusche – Stridor (einengendes Hindernis), Giemen/Brummen (Obstruktion), Rasselgeräusche (Flüssigkeit)
- Zyanose – bläuliche Verfärbung der Lippen, Fingernagelbätten, Akren = Sauerstoffmangel
Cave: Eine Atemfrequenz > 25/min oder < 10/min in Ruhe ist immer ein Warnsignal und erfordert sofortige ärztliche Abklärung. In Kombination mit Tachykardie, Hypotonie oder Bewusstseinsstörung: Notarzt (112).
Sauerstoffsättigung (SpO₂) – Pulsoximetrie
Die Pulsoximetrie misst nicht-invasiv die partielle Sauerstoffsättigung des Hämoglobins im arteriellen Blut. Sie gehört heute zur Standardausstattung in der ambulanten und stationären Pflege.
| SpO₂-Wert | Bewertung | Maßnahme |
|---|---|---|
| 95–100 % | NORMAL | Keine Maßnahme erforderlich |
| 90–94 % | ERNIEDRIGT | Arzt informieren, Lagerung optimieren, ggf. O₂-Gabe |
| < 90 % | KRITISCH | Sofort Arzt/Notarzt, O₂-Gabe, Oberkörperhochlagerung |
| < 85 % | NOTFALL | Notarzt 112, schwere respiratorische Insuffizienz |
Fehlerquellen der Pulsoximetrie
- Nagellack/künstliche Nägel – vor allem dunkler/schwarzer Lack verfälscht Messung
- Kalte Finger – periphere Minderdurchblutung → falsch niedriger Wert
- Bewegungsartefakte – Zittern, Unruhe
- Kohlenmonoxid-Vergiftung – falsch normal hoher SpO₂ trotz Vergiftung (CO-Hb wird mitgemessen)
- Anämie – bei schwerem Hämoglobinmangel kann SpO₂ normal sein, obwohl zu wenig Sauerstoff transportiert wird
- Ikterus – starke Gelbsucht kann Messwerte verfälschen
Legen Sie den Pulsoximeter-Clip immer so an, dass das Licht durch den Finger scheint (Emitter oben, Sensor unten). Wärmen Sie kalte Finger vor der Messung auf. Achten Sie darauf, dass die angezeigte Pulsfrequenz mit dem tatsächlich gefühlten Puls übereinstimmt – bei starker Abweichung ist die Messung unzuverlässig.
Bei COPD-Patienten gelten häufig niedrigere Zielwerte (88–92 %) – hier nach ärztlicher Anordnung dokumentieren.
Dokumentation der Vitalzeichen
Die korrekte Dokumentation der Vitalzeichen ist rechtlich vorgeschrieben und dient der Verlaufskontrolle, Therapiesteuerung und forensischen Absicherung.
- Zeitpunkt – Datum und Uhrzeit der Messung
- Messwert – exakt in der richtigen Einheit (mmHg, /min, °C, %)
- Messmethode – Arm (li./re.), Position (liegend/sitzend), Messort (Ohr, axillär), Gerätetyp
- Abweichungen – auffällige Werte farblich oder textlich hervorheben
- Begleitumstände – nach Belastung, nach Medikamenteneinnahme, Schmerzen, Fieber
- Maßnahmen – Was wurde bei abweichenden Werten eingeleitet? Arzt informiert?
- Handzeichen – Name/Kürzel der messenden Pflegekraft
Merksatz: „Messen ohne Dokumentieren ist wertlos.“ – Jeder Messwert muss sofort dokumentiert werden. Nachträgliches Eintragen aus dem Gedächtnis ist fehlerträchtig und rechtlich problematisch.
Delegation und rechtliche Einordnung
Die Messung und Überwachung von Vitalzeichen gehört zur Behandlungspflege nach § 37 SGB V. Sie wird ärztlich verordnet und von der Krankenkasse finanziert.
- Behandlungspflege LG 1 – Blutdruckmessung, Pulskontrolle, Temperaturmessung gehören zur Leistungsgruppe 1
- Ärztliche Verordnung – Vitalzeichenkontrolle muss ärztlich verordnet sein (Muster 12, HKP-Verordnung)
- Delegation an Pflegehelfer – Blutdruckmessung und Temperaturmessung können an angelernte Kräfte delegiert werden (nach Anleitung und Überprüfung durch Pflegefachkraft)
- Angehörige – können nach Anleitung selbst messen (z. B. Blutdruck- und Blutzuckermessung). Pflegekurse nach § 45 SGB XI bieten Schulungen.
- Pflegedienst – Bei ärztlich verordneter Vitalzeichenkontrolle übernimmt die Krankenkasse (SGB V) die Kosten des Pflegedienstes
Häufige Fragen zu Vitalzeichen
Wie oft müssen Vitalzeichen gemessen werden?
Die Messhäufigkeit richtet sich nach der ärztlichen Verordnung und dem Zustand des Patienten. Typische Intervalle: 1–3× täglich bei chronisch Kranken, alle 4–8 Stunden im Krankenhaus, stündlich auf Intensivstation. Bei akuter Verschlechterung: engmaschigere Kontrolle nach ärztlicher Rücksprache.
Dürfen pflegende Angehörige Vitalzeichen messen?
Ja – Blutdruck, Puls, Temperatur und SpO₂ können Angehörige nach Anleitung selbst messen. Automatische Blutdruckgeräte und Fingerpulsoximeter sind frei erhältlich. Wichtig: Auffällige Werte immer dem Arzt melden. Die Messung durch den Pflegedienst wird bei ärztlicher Verordnung als Leistungen der Pflegekassen übernommen.
Was tun bei stark abweichenden Werten?
Ruhe bewahren. Erst kontrollmessen (Fehlerquelle ausschließen). Bei weiterhin deutlicher Abweichung: Symptome erfassen (Schwindel, Brustschmerz, Atemnot, Verwirrtheit?). Hausarzt/Bereitschaftsdienst kontaktieren. Bei Notfallzeichen (Bewusstlosigkeit, schwere Atemnot, Brustschmerz, SpO₂ < 85 %): sofort 112.
Warum ist der Blutdruck morgens oft höher?
Der Blutdruck folgt einem zirkadianen Rhythmus mit einem morgendlichen Anstieg („Morning Surge“). In den frhen Morgenstunden schüttet der Körper vermehrt Cortisol und Katecholamine aus. Dieser Anstieg ist bei Hypertonikern besonders ausgeprägt und erklrt, warum Herzinfarkte und Schlaganfälle häufiger morgens auftreten. Die regelmäßige Morgenmessung ist daher besonders aussagekräftig.
Welche Behandlungspflege-Weiterbildung braucht man?
Vitalzeichenmessung gehört zur Behandlungspflege Leistungsgruppe 1 (LG 1). Die Weiterbildung umfasst 160 Stunden und qualifiziert für grundsätzliche behandlungspflegerische Maßnahmen inkl. Blutdruckmessung, Blutzuckermessung, Verabreichung subkutaner Injektionen und Medikamentengabe. → Zur Weiterbildung Behandlungspflege
Quellenangaben
- Deutsche Hochdruckliga – Leitlinien zur Blutdruckmessung und Hypertonie-Klassifikation
- AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, Leitlinien
- DNQP – Expertenstandards in der Pflege
- Williams B et al.: 2018 ESC/ESH Guidelines for the management of arterial hypertension. European Heart Journal 2018;39(33):3021–3104.
- § 37 SGB V – Häusliche Krankenpflege
- BMG – Pflege in Deutschland
Hinweis: Diese Seite dient der Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Therapieentscheidung. Bei auffälligen Vitalwerten immer ärztlichen Rat einholen. Stand: April 2026.
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