Intertrigo – Hautentzündungen in Hautfalten
Intertrigo (Wundsein, intertriginöse Dermatitis) ist eine der häufigsten Hauterkrankungen in der Pflege. Die AWMF-Leitlinie Dermatosen bei Adipositas (2019) und der DNQP-Expertenstandard Hautintegrität geben Handlungsempfehlungen.
Was ist Intertrigo?
Intertrigo (lat. inter = zwischen, terere = reiben) ist eine entzündliche Hautveränderung in Bereichen, wo Haut auf Haut aufliegt. Durch Reibung, Feuchtigkeit (Schweiß, Urin) und Wärmestau entsteht ein feucht-warmes Milieu, das die Hautbarriere schädigt und Infektionen begünstigt.
Typische Lokalisationen
Körperfalten
Submammär (unter der Brust), abdominale Fettschürze, Leisten, Achselhöhlen, Nabelfalte.
Extremitäten
Kniekehlen, Ellenbeugen, zwischen den Fingern und Zehen, Interdigitalfalten.
Intimbereich
Perianal, inguinal, Skrotalfalten, Vulvafalten – besonders bei Inkontinenz (vgl. Inkontinenz).
Epidemiologie und Bedeutung
Die Initiative Chronische Wunden (ICW, 2024) schätzt die Intertrigo-Prävalenz in der Langzeitpflege auf 6 %, bei adipösen Pflegebedürftigen auf bis zu 48 %. Laut Destatis (2025) sind in Deutschland über 23 % der Erwachsenen adipös (BMI ≥ 30) – Tendenz steigend – wodurch Intertrigo in der Pflege zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Unterschätzte Komplikation: Unbehandelte Intertrigo kann zu septischen Verläufen führen, insbesondere bei Diabetes mellitus und Immunsuppression. Der DNQP-Expertenstandard Hautintegrität (2024) stuft die Intertrigo-Prävention erstmals als eigenständiges Handlungsfeld ein.
Stadien der Intertrigo
| Stadium | Klinisches Bild | Maßnahmen |
|---|---|---|
| I – Erythem Leicht | Rötung, leichte Schwellung, Juckreiz in der Hautfalte. Haut noch intakt. | Prophylaktische Hautpflege, Trockenhalten, Hautschutz |
| II – Erosion Mäßig | Nässende, mazerierte Haut. Oberflächliche Erosionen. Brennen/Schmerzen. | Wundauflagen, Zinkpaste, ggf. antimykotische/antibiotische Lokaltherapie |
| III – Sekundärinfektion Schwer | Candidose (weißliche Beläge, Satellitenpusteln) oder bakterielle Infektion (eitrig, übelriechend). Starke Schmerzen. | Ärztliche Verordnung: systemische Antimykotika/Antibiotika, ggf. Wundmanagement |
Risikofaktoren
Patientenbezogen
- Adipositas – wichtigster Risikofaktor (vermehrte Hautfalten, Schwitzen)
- Diabetes mellitus – gestörte Hautbarriere, Immunschwäche, Candida-Prädisposition (vgl. Blutzucker-Entgleisungen)
- Inkontinenz (Harn/Stuhl) – permanente Feuchtigkeitsbelastung (s. Inkontinenzversorgung)
- Immobilität – mangelhafte Belüftung der Hautfalten. Regelmäßige Lagerungswechsel und Mobilisationshilfen einsetzen; auch bei Delir erhöhtes Risiko
- Immunsuppression – Kortisontherapie, Chemotherapie
- Starkes Schwitzen (Hyperhidrose)
Umgebungsbezogen
- Hohe Raumtemperatur & Luftfeuchtigkeit
- Synthetische Kleidung – fehlende Feuchtigkeitsabsorption
- Unzureichende Hautpflege – zu seltener Wechsel von Inkontinenzmaterial
- Okklusivverbände/Windeln – Feuchtigkeit wird eingeschlossen
- Mangelhafte Trockenlegung nach dem Waschen
Prophylaxe und Hautpflege
Der DNQP-Expertenstandard „Erhaltung und Förderung der Hautintegrität in der Pflege“ (2024) gibt folgenden Rahmen vor:
Alle Hautfalten mindestens 1×/Tag inspizieren – bei Risikopatienten (Adipositas, Diabetes, Inkontinenz) 2×/Tag. Befunde im SIS dokumentieren und gemäß Dokumentationsstandards festhalten.
Hautfalten mit pH-neutralen, seifenfreien Waschlotionen (pH 5,5) reinigen. Lauwarmes Wasser. Keine aggressiven Seifen, keine Frotteerubbeln. Abtupfen statt reiben!
Hautfalten gründlich trocknen (auch kühl föhnen auf niedrigster Stufe). Zwischen Hautfalten Baumwoll- oder Leinenkompresse einlegen („Intertrigo-Einlage“). Keine Zellstofftupfer (fusseln, reizen).
Dünne Schicht Zinkoxid-Paste (z. B. Cavilon® Langzeit-Hautschutzfilm, Bepanthen® Wund- und Heilsalbe) oder Barrierecreme auftragen. Kein Puder – verklumpt mit Feuchtigkeit und verschlimmert die Situation!
Atmungsaktive Baumwollkleidung, weite Schnitte. Inkontinenzmaterial zeitnah wechseln. Hautschutztücher vor dem Anlegen. Bei Kompressionstherapie Haut unter Verbänden besonders kontrollieren.
Niemals Puder (Talkum) in Hautfalten! Puder verklumpt mit Schweiß, bildet Körnchen, die zusätzlich reiben und Nährboden für Pilze bieten. Dies ist ein häufiger, aber gefährlicher Pflegefehler.
Behandlung bei bestehender Intertrigo
Stadium I (Rötung, keine Erosion)
- Prophylaktische Maßnahmen intensivieren (s. o.)
- Zinkpaste oder Barrierecreme – 2–3×/Tag dünn auftragen
- Einlagen wechseln sobald feucht
- Engmaschige Kontrolle (2×/Tag)
Stadium II (Erosion, Nässen)
- Ärztliche Verordnung einholen
- Weiche, nicht-klebende Wundauflagen (z. B. Mepilex® Border, Cutimed® Siltec)
- Bei V. a. Candidose: Antimykotische Creme (Clotrimazol, Nystatin – ärztliche Verordnung)
- Schmerzmanagement – bei Verbändewechsel ggf. Lidocain-Gel
Stadium III (Sekundärinfektion)
- Abstrich für Erregerbestimmung (Pilz, Bakterien)
- Gezielte antimykotische oder antibiotische Therapie (systemisch und/oder lokal)
- Professionelles Wundversorgung
- Ursachen konsequent behandeln (Diabeteseinstellung optimieren, Inkontinenzversorgung anpassen, ggf. Katheterpflege verbessern)
Intertrigo bei besonderen Pflegesituationen
Intertrigo und Demenz
Patienten mit Demenz können Juckreiz und Brennen oft nicht verbal äußern; stattdessen zeigen sie Unruhe, Nesteln oder Abwehrverhalten bei der Körperpflege. Die Validation nach Naomi Feil und biografische Ansätze können die Kooperation bei der Hautinspektion verbessern.
Intertrigo und Stoma/PEG
Die Umgebungshaut von Stomata und PEG-Sonden ist durch Feuchtigkeit und Beutelhaftung besonders gefährdet. Peristomale Intertrigo erfordert spezielle Hautschutzringe und -pasten nach Herstelleranleitung.
Intertrigo unter Kompressionsverbänden
Bei Kompressionstherapie entsteht unter den Verbänden ein feucht-warmes Milieu – idealer Nährboden für Intertrigo. Vor jedem Verband Hautfalten inspizieren, trocknen und Barrierecreme auftragen. Bei der Thromboseprophylaxe mit MTPS gilt das gleiche Prinzip.
Mundwinkelrhagaden als Sonderform
Intertrigo der Mundwinkel (Perlèche/Angulus infectiosus) ist besonders bei Speichelfluss, schlecht sitzenden Prothesen und Dysphagie häufig. Mundpflege und Lippenschutz (Dexpanthenol-Salbe) senken das Risiko.
Würde und Scham: Intertrigo betrifft oft intime Körperbereiche. Laut Pflegeethik ist die Würde des Betroffenen bei Inspektion und Behandlung zentral. Gleichgeschlechtliche Pflegekraft anbieten, Wünsche respektieren, Privatsphäre schützen.
Rechtliche Grundlagen und Kostenübernahme
Die Intertrigo-Versorgung ist durch verschiedene Sozialgesetze abgesichert (vgl. SGB V vs. SGB XI):
| Leistung | Rechtsgrundlage | Kostenträger |
|---|---|---|
| Barrierecremes, Antimykotika (ärztlich verordnet) | § 31 SGB V (Arzneimittel) | Krankenkasse |
| Wundauflagen bei Stadium II/III | § 31 SGB V (Verbandmittel) | Krankenkasse |
| Pflegehilfsmittel (Handschuhe, Bettschutz) | § 40 SGB XI (42 €/Monat) | Pflegekasse |
| Inkontinenzmaterial | § 33 SGB V / § 40 SGB XI | Krankenkasse / Pflegekasse |
| Entlastungsbetrag für Hautpflege-Unterstützung | § 45b SGB XI (131 €/Monat) | Pflegekasse |
Übersicht aller Ansprüche: Leistungen der Pflegekasse. Die Belastung für Angehörige bei täglicher Hautpflege ist hoch – Burnout-Prävention beachten!
Häufige Fragen zu Intertrigo
Ist Intertrigo ansteckend?
Die Intertrigo selbst ist nicht ansteckend. Kommt es jedoch zu einer Candidose (Hefepilzinfektion), kann der Pilz bei engem Hautkontakt übertragen werden. Handhygiene und Handschuhe bei der Pflege schützen.
Hilft Zinksalbe bei Intertrigo?
Ja – Zinkoxid-Paste (z. B. Zinksalbe 25 %) schützt die Haut vor Feuchtigkeit und fördert die Wundheilung. Dünn auftragen, nicht einreiben. Vorsicht: Bei bestehender Pilzinfektion muss zusätzlich antimykotisch behandelt werden.
Wie unterscheidet man Intertrigo von Dekubitus?
Intertrigo entsteht durch Reibung + Feuchtigkeit in Hautfalten (Haut-auf-Haut). Dekubitus entsteht durch Druck auf Knochenvorsprünge (vgl. Dekubitusprophylaxe). Beide können gleichzeitig auftreten, besonders bei übergewichtigen, immobilen Patienten.
Welche Pflegehilfsmittel helfen?
Über die Leistungen der Pflegekasse (42 €/Monat) können u. a. Einmalhandschuhe, Bettschutzeinlagen und Desinfektionsmittel bezogen werden. Barrierecremes, Zinkpasten und Inkontinenzmaterial werden ärztlich verordnet und sind Kassenleistungen.
Gibt es digitale Hilfen zur Hautdokumentation?
Ja. Moderne Pflegedokumentationssysteme (Connext Vivendi, MediFox Dan) bieten standardisierte Hautassessments mit Fotodokumentation. Pflege-Apps ermöglichen Wundverlaufsfotos direkt am Bett. Über Telemedizin kann ein Dermatologe Fernbeurteilungen vornehmen – besonders wertvoll im ländlichen Raum.
Kann Intertrigo auch bei schlanken Menschen auftreten?
Ja – bei starkem Schwitzen, Inkontinenz, liegendem Katheter oder Kompressionsverbänden kann Intertrigo auch ohne Adipositas entstehen. Auch Neugeborene und Kleinkinder sind betroffen (Windeldermatitis als verwandte Entität).
Quellen und weiterführende Informationen
- AWMF-Leitlinie „Dermatosen bei Adipositas“ (Reg.-Nr. 013-083, Stand 2019)
- DNQP – Expertenstandard „Erhaltung und Förderung der Hautintegrität in der Pflege“ (2024)
- Deutsches Ärzteblatt – Intertrigo-Übersichtsarbeit
- Initiative Chronische Wunden (ICW e. V.) – Prävalenzerhebung 2024
- Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) – Leitlinien Mykosen 2023
- Statistisches Bundesamt (Destatis) – Adipositas-Prävalenz Deutschland 2025
- IQWiG – Versorgungsanalyse Wundversorgung in der ambulanten Pflege (2024)
- Meaume, S. et al. (2024): „Intertriginous Dermatitis in Older Adults“, Journal of the European Academy of Dermatology
- § 31 SGB V (Arzneimittel/Verbandmittel), § 33 SGB V (Hilfsmittel), § 40 SGB XI (Pflegehilfsmittel) – SGB V vs. SGB XI Übersicht
- Qualitätssicherung im Pflegedienst – Expertenstandard-Umsetzung und Audits
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Richtige Antwort: B
Intertrigo (Wundsein, intertriginöse Dermatitis) entsteht durch Reibung, Feuchtigkeit und Wärme in Hautfalten – z. B. submammär, inguinal oder zwischen den Zehen. Typisch sind Rötung, Mazeration und Brennen. Präventiv wirken Hauttrocknung, Baumwolleinlagen und konsequente Hautpflege.
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