Pflegeplanung – Der Pflegeprozess systematisch umgesetzt
Die Pflegeplanung ist das Steuerungsinstrument professioneller Pflege. Sie stellt sicher, dass pflegerische Maßnahmen nicht zufällig, sondern individuell, zielgerichtet und überprüfbar erfolgen. Ob nach ABEDL, ATL oder im Strukturmodell – der Pflegeprozess bildet immer das Grundgerüst.
Der Pflegeprozess – 6 Schritte im Überblick
Der Pflegeprozess nach WHO/Fiechter & Meier ist ein systematischer, zyklischer Ablauf. Er läuft nie linear ab, sondern wird kontinuierlich angepasst:
Systematische Erfassung des Pflegebedarfs: Gespräch mit dem Pflegebedürftigen, Beobachtung, Assessmentinstrumente (SIS, Barthel-Index, Braden-Skala etc.), ärztliche Befunde, Angehörigengespräch.
Welche Einschränkungen bestehen? Welche Fähigkeiten sind noch vorhanden (Ressourcen)? Ressourcenorientierung ist zentral – Pflege baut auf dem auf, was der Mensch noch kann.
Realistische, messbare Ziele nach dem SMART-Prinzip: Spezifisch, Messbar, Attraktiv, Realistisch, Terminiert. Nah- und Fernziele unterscheiden.
Wer macht was, wann, wie oft, mit welchen Hilfsmitteln? Die Maßnahmen müssen auf die Ziele abgestimmt sein und die Ressourcen des Pflegebedürftigen einbeziehen.
Umsetzung der geplanten Maßnahmen. Dokumentation von Abweichungen und besonderen Beobachtungen.
Wurden die Pflegeziele erreicht? Sind die Maßnahmen wirksam? Was muss angepasst werden? Die Evaluation führt zurück zu Schritt 1 – der Pflegeprozess ist ein Kreislauf.
ABEDL nach Krohwinkel – Das Pflegemodell im Detail
Das ABEDL-Modell (Aktivitäten, Beziehungen und existenzielle Erfahrungen des Lebens) von Monika Krohwinkel ist das in Deutschland am weitesten verbreitete Pflegemodell. Es definiert 13 Lebensaktivitäten, anhand derer der Pflegebedarf systematisch erfasst wird:
| Nr. | ABEDL | Beispiele für Pflegeressourcen und ‑probleme |
|---|---|---|
| 1 | Kommunizieren können | Sprache, Hören, Sehen, nonverbale Zeichen. Problem: Aphasie, Demenz |
| 2 | Sich bewegen können | Mobilität, Transferfähigkeit, Sturzrisiko. → Mobilisation |
| 3 | Vitale Funktionen aufrechterhalten | Atmung, Kreislauf, Temperaturregulation. → Vitalzeichen |
| 4 | Sich pflegen können | Körperpflege, Hautpflege, Mundpflege. → Hygiene in der häuslichen Pflege |
| 5 | Essen und Trinken können | Appetit, Schluckfähigkeit, Ernährungsstatus. → Mangelernährung, Flüssigkeit |
| 6 | Ausscheiden können | Inkontinenz, Obstipation, Durchfall, Katheterpflege |
| 7 | Sich kleiden können | Selbstständigkeit beim An-/Ausziehen, Hilfsmittelbedarf |
| 8 | Ruhen und Schlafen können | Schlafqualität, Tag-Nacht-Rhythmus, Schlafstörungen |
| 9 | Sich beschäftigen können | Aktivitäten, Hobbys, Teilhabe, Biografiearbeit |
| 10 | Sich als Mann/Frau fühlen | Geschlechtsidentität, Intimität, Partnerschaft |
| 11 | Für eine sichere Umgebung sorgen | Sturzgefahr, Demenz-Sicherheit, Wohnraumanpassung |
| 12 | Soziale Bereiche des Lebens sichern | Familienbeziehungen, Freundschaften, Isolation |
| 13 | Mit existenziellen Erfahrungen umgehen | Trauer, Angst, Sinnfindung, Spiritualität, Sterbebegleitung |
Pflegeziele formulieren – SMART-Methode
Pflegeziele müssen so formuliert sein, dass sie überprüfbar sind. Die SMART-Methode bietet dafür eine bewährte Struktur:
S – Spezifisch
Genau beschreiben, was erreicht werden soll. „Mobilität verbessern“ ist zu vage – „Herr M. geht täglich mit Rollator 50 m“ ist spezifisch.
M – Messbar
Kriterien definieren, anhand derer der Erfolg beurteilt wird: Strecke, Zeit, Häufigkeit, Schmerzskala.
A – Attraktiv
Das Ziel muss für den Pflegebedürftigen sinnvoll und erstrebenswert sein – gemeinsam vereinbart.
R – Realistisch
Erreichbar mit den vorhandenen Ressourcen. Überhöhte Ziele führen zu Frustration auf beiden Seiten.
T – Terminiert
Zeitpunkt der Überprüfung festlegen: „Innerhalb von 2 Wochen“, „Bis zum 15.04.“.
„Frau S. kann innerhalb von 14 Tagen mit Unterstützung einer Pflegeperson 3x täglich von der Bettkante aufstehen und 10 Sekunden frei stehen, ohne Schwindelgefühl (NRS Schwindel ≤ 2).“
S=Aufstehen und Stehen, M=10 Sek./3x/NRS≤2, A=Patientin wünscht Mobilität, R=guter AZ, T=14 Tage.
Klassische Pflegeplanung vs. Strukturmodell (SIS)
Seit der Einführung des Strukturmodells 2015 stehen zwei Systeme nebeneinander. Beide sind zulässig:
| Merkmal | Klassische Pflegeplanung | Strukturmodell (SIS) |
|---|---|---|
| Grundlage | Pflegeprozess nach Fiechter/Meier, ABEDL/ATL | SIS mit 6 Themenfeldern + Risikomatrix |
| Pflegeprobleme | Einzeln formuliert mit Ressourcen | In der SIS beschrieben, nicht gesondert ausformuliert |
| Pflegeziele | SMART-Ziele zu jedem Problem | Implizit im Maßnahmenplan |
| Maßnahmenplan | Detaillierte Maßnahmen pro Problem | Tagesstrukturierender Maßnahmenplan |
| Pflegebericht | Tägliche Einträge | Nur Abweichungen vom Plan |
| Aufwand | Hoch (viel Schreibaufwand) | Deutlich reduziert |
| Eignung | Komplexe Fälle, Ausbildung, Prüfung | Praxisalltag stationär und ambulant |
Für die Ausbildung/Prüfung: In Pflegeausbildungen wird häufig die klassische Pflegeplanung nach ABEDL verlangt, da sie das analytische Denken schult. In der Berufspraxis hat sich das Strukturmodell (SIS) als Standard durchgesetzt. Beide Ansätze beruhen auf dem gleichen Pflegeprozess – sie unterscheiden sich nur in der Dokumentationstiefe.
Häufige Fragen zur Pflegeplanung
Wer erstellt die Pflegeplanung?
Die Pflegeplanung ist eine Fachkraft-Aufgabe – nur examinierte Pflegefachkräfte (Pflegefachfrau/-mann, Altenpfleger/in, Gesundheits- und Krankenpfleger/in) dürfen die SIS erstellen und den Maßnahmenplan verantworten. Pflegehilfskräfte führen die geplanten Maßnahmen durch und dokumentieren Abweichungen.
Wie oft muss die Pflegeplanung aktualisiert werden?
Bei jeder wesentlichen Zustandsveränderung (Sturz, Krankenhausaufenthalt, neue Diagnose, Pflegegrad-Änderung) und spätestens alle 6 Monate. In der ambulanten Pflege nach dem Beratungsbesuch (§ 37 Abs. 3 SGB XI). Viele Träger haben kürzere Evaluationsintervalle festgelegt (z. B. vierteljährlich).
Was ist der Unterschied zwischen ABEDL und ATL?
ATL (Aktivitäten des täglichen Lebens) nach Roper, Logan & Tierney umfassen 12 Lebensaktivitäten und stammen aus dem angelsächsischen Raum. ABEDL nach Monika Krohwinkel ist die deutsche Weiterentwicklung mit 13 Bereichen und legt zusätzlich Wert auf existenzielle Erfahrungen und soziale Beziehungen. In der deutschen Pflegepraxis ist ABEDL verbreiteter, ATL findet man eher in Krankenhäusern.
Quellenangaben
- Krohwinkel M: Fördernde Prozesspflege mit integrierten ABEDLs. Verlag Hans Huber, 2013.
- Fiechter V, Meier M: Pflegeplanung – Eine Anleitung für die Praxis. Recom, 1998.
- EinSTEP – Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation
- Roper N, Logan W, Tierney A: The Roper-Logan-Tierney Model of Nursing. Churchill Livingstone, 2000.
- § 113 SGB XI, § 630f BGB – Dokumentationspflicht und Qualitätssicherung
Hinweis: Diese Seite dient der allgemeinen Information. Die konkreten Anforderungen an die Pflegeplanung variieren je nach Träger, Einrichtung und Bundesland. Stand: April 2026.
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Richtige Antwort: B)
Die 13 AEDL (Aktivitäten, existenzielle Erfahrungen und Lebensaktivitäten des Lebens) stammen aus dem Modell der fördernden Prozesspflege von Monika Krohwinkel. Es ist das meistverbreitete Pflegemodell in deutschen Pflegeeinrichtungen. A: Fiechter & Meier beschreiben den 6-Phasen-Pflegeprozess, kein inhaltliches Modell. C: Das ATL-Modell wurde in Großbritannien entwickelt und umfasst 12 Lebensaktivitäten. D: Orems Modell fokussiert auf Selbstpflege und Pflege bei Defiziten.
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Dozent für Pflegeweiterbildung · Fachautor im Wissenszentrum Pflege. Schwerpunkt: Pflegeplanung und Pflegeprozess – praxisnah und auf neuestem Stand.