Pflegepraxis

Wundversorgung in der Pflege – phasengerecht, aseptisch, dokumentiert

Die fachgerechte Wundversorgung ist eine Kernkompetenz der Pflege. Der DNQP-Expertenstandard Chronische Wunden (2. Akt. 2025) bildet die Grundlage für systematisches Wundmanagement – von der Ersteinschätzung bis zur Heilung.

3
Wundheilungsphasen
M.O.I.S.T.
Therapiekonzept
§ 37
SGB V Behandlungspflege

Wundarten – akut vs. chronisch

Akute Wunden

  • Entstehen durch äußere Einwirkung (Schnitt, Sturz, OP, Verbrennung)
  • Heilen in der Regel innerhalb von 4–6 Wochen komplikationslos ab
  • Normale Wundheilungsphasen laufen geordnet ab

Chronische Wunden

  • Bestehen länger als 8 Wochen oder zeigen keine Heilungstendenz
  • Häufigste Formen: Ulcus cruris (venosum/arteriosum), Diabetisches Fußsyndrom (DFS), Dekubitus
  • Ursachenbehandlung (Grunderkrankung) ist entscheidend – ohne Kausaltherapie keine Heilung
Chronische WundeUrsacheLokalisationKausaltherapie
Ulcus cruris venosumChronisch venöse InsuffizienzInnenknöchel, UnterschenkelKompressionstherapie (entscheidend!)
Ulcus cruris arteriosumpAVK, arterielle DurchblutungsstörungZehen, Fußrücken, FerseRevaskularisation, keine Kompression!
Diabetisches FußsyndromNeuropathie + Angiopathie bei DiabetesDruckstellen, Zehen, BallenBZ-Einstellung, Druckentlastung, Schuhversorgung
DekubitusDruck + ScherkräfteSakrum, Fersen, TrochanterDruckentlastung → Dekubitus-Seite

Die 3 Wundheilungsphasen

Jede Wunde durchläuft – bei komplikationsloser Heilung – drei Phasen. Die phasengerechte Wundversorgung passt die Wundauflage an die jeweilige Phase an:

1
Reinigungsphase (Exsudationsphase)

Tag 1–4. Körper räumt Gewebetrümmer und Bakterien ab. Starke Exsudation (Wundsekret), Entzündungszeichen (Rötung, Wärme, Schwellung). Ziel: Wundreinigung (Debridement), Infektionskontrolle. Auflage: stark absorbierende Materialien (Alginate, Hydrofiber, Schaumverbände).

2
Granulationsphase (Proliferationsphase)

Tag 4–21. Neues Gewebe bildet sich (Granulationsgewebe: rot, körnig, gut durchblutet). Ziel: Feuchtes Wundmilieu erhalten, Gewebebildung fördern. Auflage: Hydrogele, Schaumverbände, Hydrokolloide.

3
Epithelisierungsphase

Ab Tag 21. Epithelzellen wandern vom Wundrand zur Mitte. Wunde schließt sich, Narbenbildung. Ziel: Neues Gewebe schützen, nicht verletzen. Auflage: dünne Hydrokolloide, Folienverbände, nicht haftende Materialien.

Das M.O.I.S.T.-Konzept – modernes Therapierahmenwerk

Das M.O.I.S.T.-Konzept (Dissemond et al., erstmals 2014, aktualisiert 2017) ist die Weiterentwicklung des älteren T.I.M.E.-Rahmenwerks (Schultz et al. 2003) und bildet den aktuellen Standard für die systematische Lokaltherapie chronischer Wunden. Es berücksichtigt den aktuellen Wissensstand zu Biofilm, Sauerstoffversorgung und Wundrandmanagement.

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M – Moisture balance

Feuchtigkeitsbalance: Weder zu feucht noch zu trocken. Exsudat-Management durch passende Wundauflagen. Mazerierte Wundränder erfordern absorbierende Auflagen; trockene Wunden brauchen Hydrogele.

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O – Oxygen balance

Sauerstoffbalance: Wundheilung braucht Sauerstoff. Durchblutung optimieren (Kompression bei CVI, Revaskularisation bei pAVK). Lokale Sauerstofftherapie (topisches O₂) wird in Studien erprobt.

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I – Infection control

Infektionskontrolle: Biofilm erkennen und beseitigen (Débridement + Antiseptik). Wundantiseptika (Polihexanid, Octenidin) bei kritischer Kolonisation. Systemische Antibiose nur bei systemischer Infektion – nicht lokal.

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S – Support

Unterstützung der Heilung: Kausaltherapie der Grunderkrankung. Ernährungsoptimierung (Eiweiß, Zink, Vitamin C). Wachstumsfaktoren, Hautersatzverfahren oder Stammzelltherapie als Optionen bei therapieresistenten Wunden.

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T – Tissue management

Gewebemanagement: Nekrosen und avitales Gewebe entfernen (Débridement). Granulationsgewebe schützen. Wundrand aktiv pflegen – kallosenartige Ränder hemmen die Epithelisierung und müssen angefrischt werden.

T.I.M.E. vs. M.O.I.S.T.: Das ältere T.I.M.E.-Konzept (Tissue, Infection/Inflammation, Moisture, Edge) fehlt der Aspekt der Sauerstoffversorgung und der systemischen Unterstützung. M.O.I.S.T. integriert beide und ist daher umfassender. In der Praxis können beide Akronyme als Gedächtnisstütze dienen – M.O.I.S.T. ist jedoch der aktuellere Rahmen.

Wundauflagen – Überblick der wichtigsten Materialien

WundauflageEigenschaftenEinsatzWechselintervall
SchaumverbändeStark absorbierend, polsternd, feuchthaltendMäßig bis stark exsudierende WundenAlle 2–5 Tage
AlginateAus Braunalgen, werden zu Gel, stark absorbierendTiefe, stark nässende Wunden, TaschenbildungAlle 1–3 Tage
HydrokolloideSelbstklebend, bilden Gel bei SekretkontaktGering exsudierende Wunden, Granulations-/EpithelphaseAlle 3–7 Tage
Hydrogele80 % Wasser, spenden FeuchtigkeitTrockene Wunden, Nekrosen aufweichen (autolytisches Debridement)Alle 1–3 Tage
HydrofiberCarboxymethylcellulose, extrem absorptivStark exsudierende, infizierte WundenAlle 1–3 Tage
Silberhaltige AuflagenAntimikrobiell, Biofilm-ReduktionInfizierte oder infektionsgefährdete WundenJe nach Produkt 1–7 Tage
FolienverbändeTransparent, wasserdicht, dünnEpithelphase, Schutz intakter Haut, Katheter-FixierungAlle 5–7 Tage

Merksatz: „Feucht heilt besser als trocken.“ – Das Prinzip der feuchten Wundbehandlung ist seit Winter (1962) belegt und heute Standard. Ausnahme: trockene Nekrosen an der Ferse bei pAVK – hier trocken belassen und ärztlich überwachen.

Débridement – Wundreinigung als Therapievoraussetzung

Ohne Débridement keine Wundheilung: Nekrotisches Gewebe, Fibrinbeläge und Biofilme verhindern die Granulation und sind ein Nährboden für Infektionen. Die AWMF-S3-Leitlinie 091-001 empfiehlt ein initiales Débridement bei Therapiebeginn und ein Erhaltungsdébridement bei jedem Verbandwechsel. Die Wahl der Methode richtet sich nach Wundzustand, Patientensituation und Qualifikation des Behandlers.

MethodePrinzipIndikationDurchführung
Chirurgisch / sharp Abtragung mit Skalpell, Curette, Löffel oder Schere Dicke Nekrosen, stark belegte Wunden, Infektion Ärztliche Maßnahme. Schnellste und effektivste Methode. Ggf. Lokalanästhesie erforderlich.
Autolytisch Körpereigene Enzyme lösen avitales Gewebe unter Feuchtigkeit Dünne Fibrinbeläge, Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko Hydrogele, Hydrokolloide oder feuchte Kompressen auflegen. Schonend, aber langsam (Tage bis Wochen).
Mechanisch Physikalische Entfernung durch Spülung, Kompresse oder Monofilamentpad Oberflächliche Beläge, Biofilm, Erhaltungsdébridement Debrisoft®-Pad, feuchte Kompresse mit leichtem Druck, Jet-Lavage. Durch Pflegefachkräfte durchführbar.
Biochirurgisch Sterile Fliegenlarven (Lucilia sericata) verdauen selektiv nekrotisches Gewebe Nekrosen bei OP-Kontraindikation, schlecht erreichbare Stellen Ärztliche Verordnung, BioBag oder Freilarven. Selektiv: gesundes Gewebe wird nicht angegriffen.
Enzymatisch Externe Enzyme (z. B. Kollagenase) zersetzen Nekrosen Eingeschränkt verfügbar, alternativ zu autolytisch In Deutschland kaum noch Präparate auf dem Markt. Wird durch autolytische Methoden verdrängt.
Ultraschall-assistiert Niederfrequenz-Ultraschall (20–40 kHz) zerstört Biofilme und Nekrosen Therapieresistente chronische Wunden, Biofilm-Verdacht Spezialklinik/Wundzentrum. Zunehmend eingesetzt, gute Studienlage für Biofilm-Reduktion.
Praxisbeispiel – Débridement

Frau M., 82 Jahre, Dekubitus Kategorie III am Sakrum. Wundgrund zu 60 % mit gelbem Fibrinbelag bedeckt, 40 % Granulationsgewebe. Kein Hinweis auf Infektion.

Vorgehen: Initiales mechanisches Débridement mit Monofilamentpad (Debrisoft®) bei jedem Verbandwechsel. Zusätzlich autolytisches Débridement durch Hydrogel auf fibrinbelegte Areale. Bei ausbleibendem Erfolg nach 2 Wochen: ärztliche Vorstellung zum chirurgischen Débridement.

Antiseptika und Biofilm-Management

Chronische Wunden sind in > 80 % der Fälle von einem Biofilm besiedelt – einer organisierten Bakteriengemeinschaft in einer Schutzmatrix, die gegen Antibiotika und das Immunsystem weitgehend resistent ist. Die Kombination aus Débridement + Antiseptik ist die einzige wirksame Strategie gegen Biofilme. Biofilme bilden sich nach Entfernung innerhalb von 24–72 Stunden neu – deshalb ist regelmäßiges Erhaltungsdébridement entscheidend.

Antiseptika im Vergleich

WirkstoffHandelsname (Bsp.)WirkspektrumEinwirkzeitBesonderheiten
Polihexanid (PHMB) Prontosan®, Lavasept® Breit (grampos., gramneg., MRSA, Pilze) 10–20 Min. Mittel der 1. Wahl laut AWMF S3-LL. Sehr gute Gewebeverträglichkeit. Nicht in Kombination mit Ringer-Lösung (Inaktivierung!).
Octenidin Octenisept® Breit (grampos., gramneg., MRSA, Pilze, Viren) 1–2 Min. Schneller Wirkungseintritt. Nicht in Wundhöhlen unter Druck einbringen (Gewebenekrose!). Für oberflächliche Wunden geeignet.
PVP-Jod Betaisodona® Breitestes Spektrum (inkl. Sporen) Sofort Schilddrüsenkontraindikation beachten. Zytotoxisch in höherer Konzentration. Einsatz v.a. bei akut infizierten/traumatischen Wunden. Färbt Wundgrund (Beurteilung erschwert).
Silberhaltige Auflagen Aquacel® Ag+, Mepilex® Ag Breit, Biofilm-Reduktion Kontinuierlich Antibakteriell über Tage. Bei kritischer Kolonisation und zur Biofilm-Prävention. Max. 2–4 Wochen, dann Reevaluation.
medizinischer Honig Medihoney®, Revamil® Grampos., gramneg., MRSA Kontinuierlich Osmotische Wirkung + H₂O₂-Freisetzung. Autolytische Débridement-Unterstützung. Nur medizinischen Honig (sterilisiert) verwenden.

Nicht mehr empfohlen: Lokale Antibiotika auf Wunden (Gentamicin-Ketten etc.) – fördern Resistenzentwicklung. Wasserstoffperoxid (H₂O₂) – zytotoxisch, zerstört Granulationsgewebe. Farbstofflösungen (Rivanol, Brillantgrün) – keine ausreichende Wirksamkeit, Zytotoxizität. Diese Mittel sind in der AWMF-Leitlinie als obsolet eingestuft.

Biofilm-Verdacht erkennen

Biofilm ist mit bloßem Auge schwer sichtbar. Hinweise auf Biofilm-Beteiligung sind:

  • Trotz korrekter Therapie keine Heilungstendenz über 2–4 Wochen
  • Glänzender, gelierter Belag auf dem Wundgrund, der sich mit Spülung nicht entfernen lässt
  • Erhöhtes Exsudat ohne klassische Infektionszeichen
  • Rezidivierende Infektion nach Antibiose
  • Wundabstrich zeigt multiresistente Keime (MRSA, VRE, MRGN)
Praxisbeispiel – Biofilm

Herr K., 74 Jahre, Ulcus cruris venosum seit 14 Monaten. Regelmäßige Verbandwechsel mit Schaumverband und Kompression, aber die Wundgröße stagniert seit 6 Wochen. Wundgrund leicht glänzend, Exsudat mäßig, keine klassischen Infektionszeichen.

Verdacht: Biofilm. Vorgehen: Mechanisches Débridement mit Monofilamentpad, anschließend Polihexanid-Spülung (10 Min. Einwirkzeit). Wechsel auf silberhaltige Wundauflage für 2–4 Wochen. Erhaltungsdébridement bei jedem Verbandwechsel. Reevaluation nach 4 Wochen – bei Stagnation: Überweisung an Wundzentrum (Ultraschall-Débridement).

Verbandwechsel – Schritt für Schritt

1
Vorbereitung

Material bereitlegen, Hände desinfizieren, Einmalhandschuhe anziehen. Patient bequem lagern, gute Beleuchtung sicherstellen. Bei Bedarf Bedarfsmedikation 30 Min. vorher geben (→ Schmerzassessment).

2
Alten Verband entfernen

Vorsichtig, non-touch-Technik (Pinzette oder Handschuhe). Verband beurteilen: Exsudatmenge, Geruch, Farbe. Alten Verband sofort in Abwurfbeutel.

3
Wundbeurteilung (Assessment)

Größe (Länge x Breite x Tiefe in cm), Wundgrund (Granulation, Fibrin, Nekrose), Wundrand, Wundumgebung, Exsudat (Menge/Farbe/Geruch), Infektionszeichen, Schmerz (NRS).

4
Wundreinigung

Mit Ringer-Lösung oder NaCl 0,9 % spülen (körperwarm). Von innen nach außen. Bei Biofilm oder hartnäckigen Belägen: mechanisches Debridement (Kompresse, Curette). An­tiseptika (Polihexanid, Octenidin) bei Infektion.

5
Neue Wundauflage anlegen

Phasengerecht auswählen (siehe Tabelle oben). Wundrand mit Hautpflege (Zinkpaste, Barrierefilm) schützen. Verband fixieren – nicht zu fest (Durchblutung!), nicht zu locker (Verrutschen!).

6
Dokumentation

Wundstatus, durchgeführte Maßnahmen, verwendetes Material, Handzeichen. Fotodokumentation bei Erstassessment und bei wesentlicher Veränderung (mit Lineal, Datum, Patientenidentifikation).

Kompressionstherapie – Schlüssel zum Ulcus cruris venosum

Beim Ulcus cruris venosum (ca. 70 % aller Beinulzera) ist die Kompressionstherapie die wichtigste kausaltherapeutische Maßnahme – ohne Kompression heilt kein venöses Ulkus. Die AWMF-Leitlinie Lokaltherapie (091-001) und die S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Ulcus cruris venosum (AWMF 037-009) empfehlen einen Ruhedruck von 40–60 mmHg am Knöchel bei mobilen Patienten.

Kompressionsarten

SystemPrinzipIndikationBeispiel
Kurzzugbinden Hoher Arbeitsdruck, niedriger Ruhedruck Mobile Patienten, Ulcus bei CVI Pütter-Verband (2 Kurzzugbinden gegenläufig)
Mehrkomponenten-System Kombination aus Polster, Kurz-/Langzugbinde, kohäsiver Binde Goldstandard laut Leitlinie Profore®, UrgoK2®, Coban® 2
Adaptive Bandagen Klettverband mit einstellbarem Druck Selbstanlage durch Patienten, häusliche Pflege CircAid®, Juxta-CURES®
Medizinische Kompressionsstrümpfe Definierter Druck in kPa (Klasse I–IV) Rezidivprophylaxe nach Abhängilung, Langzeittherapie Kompressionsklasse III (34–46 mmHg) bei Ulcus venosum

Kontraindikation: Keine Kompression bei pAVK mit ABI < 0,5 (absolut) oder ABI 0,5–0,8 (nur reduzierte Kompression unter ärztlicher Aufsicht). Vor jeder Kompressionstherapie muss der Knöchel-Arm-Druck-Index (ABI) gemessen werden – bei Diabetes und Mediasklerose ist die Doppler-Messung ggf. falsch-hoch (zusätzlich Zehendruckmessung erforderlich).

Praxisbeispiel – Kompression

Frau S., 68 Jahre. Ulcus cruris venosum am Innenknöchel links seit 5 Monaten (3 × 2 cm). ABI beidseits 1,0 (pAVK ausgeschlossen). Mobilität erhalten.

Vorgehen: Wundversorgung mit Schaumverband + Polihexanid-Spülung. Kompression mit Mehrkomponenten-System (UrgoK2®), Wechsel alle 3–5 Tage. Nach Abheilung: Übergang auf Kompressionsstrumpf Klasse III zur Rezidivprophylaxe (lebenslang). Ohne Kompression Rezidivrate > 70 % innerhalb von 12 Monaten.

Vakuumtherapie (NPWT) – Unterdruck für komplexe Wunden

Die Negative Pressure Wound Therapy (NPWT), auch VAC-Therapie (Vacuum Assisted Closure) genannt, erzeugt einen kontrollierten Unterdruck (−80 bis −125 mmHg) auf der Wundoberfläche. Dies fördert die Durchblutung, reduziert Ödeme, entfernt Exsudat und stimuliert die Granulation. Die Methode ist in der AWMF-Leitlinie als Option bei therapieresistenten Wunden aufgeführt.

Indikationen

  • Tiefe Wunden mit starker Exsudation
  • Dekubitus Kategorie III–IV nach Débridement
  • Diabetisches Fußsyndrom (postoperativ)
  • Postoperative Wundheilungsstörungen
  • Spalthaut-Transplantation (Verbesserung der Einheilung)
  • Offenes Abdomen (Laparostoma)

Kontraindikationen

  • Freiliegende Blutgefäße oder Anastomosen
  • Nicht debridierte Nekrosen
  • Unbehandelte Osteomyelitis
  • Maligne Wunden (Tumorgewebe im Wundgrund)
  • Unerklärte Fisteln
  • Patienten unter Antikoagulation: erhöhte Blutungsgefahr – engmaschige Kontrolle

Praxistipp NPWT: Die NPWT ist eine ärztlich verordnete Behandlungspflege. Der Schwamm-/Verbandwechsel erfolgt in der Regel alle 48–72 Stunden. Seit 2019 sind auch tragbare Einweg-NPWT-Systeme (z. B. PICO®, Avelle®) verfügbar, die ambulant eingesetzt werden können – Verordnung als Hilfsmittel möglich.

Wunddokumentation – Was muss erfasst werden?

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Wundgröße

Länge x Breite x Tiefe in cm (Uhr-Methode bei unregelmäßiger Form). Taschenbildung/Unterminierung in Uhrrichtung angeben.

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Wundgrund

Anteil in %: Granulation (rot), Fibrin (gelb), Nekrose (schwarz/braun), Epithelgewebe (rosa). RYB-System (Red-Yellow-Black).

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Exsudat

Menge (gering/mäßig/stark), Farbe (serös/sanguinolent/eitrig), Geruch (keiner/fötid). Eitriges, übel riechendes Exsudat = Infektionsverdacht.

Infektionszeichen

Klassisch: Rubor, Calor, Dolor, Tumor, Functio laesa. Zusätzlich: verzögerte Heilung, zunehmendes Exsudat, Geruch, Pocketing, Bridging.

Ernährung und Wundheilung

Eine Mangelernährung verzögert die Wundheilung signifikant. Die EPUAP/NPIAP-Leitlinie 2019 empfiehlt bei Patienten mit chronischen Wunden ein erhöhtes Eiweiß- und Mikronährstoffangebot. Ernährungsscreening (z. B. MNA-SF) gehört zum Wundassessment.

NährstoffTagesbedarf bei WundheilungFunktionQuellen
Eiweiß 1,25–1,5 g/kg/Tag (EPUAP/NPIAP 2019) Kollagensynthese, Immunfunktion, Granulation Fleisch, Fisch, Eier, Hülsenfrüchte, Trinknahrung
Vitamin C 100–200 mg/Tag Kollagensynthese, Antioxidans, Eisenresorption Paprika, Zitrusfrüchte, Brokkoli
Zink 15–30 mg/Tag (bei Mangel) Zellteilung, Immunfunktion, Kollagenstabilität Rotes Fleisch, Vollkorn, Nüsse
Vitamin A 700–900 µg RE/Tag Epithelisierung, Zelldifferenzierung Leber, Karotten, Süßkartoffel
Eisen Individuell (Ferritin kontrollieren) Sauerstofftransport, Anämie-Vermeidung Fleisch, Hülsenfrüchte, Spinat
Arginin 4,5–9 g/Tag (Supplementation) Stickoxid-Vorstufe → Durchblutung, Immunstimulation Nüsse, Fleisch, Ergänzungsnahrung (z. B. Cubitan®)
Flüssigkeit ≥ 1,5 l/Tag (individuell anpassen) Nährstofftransport, Exsudatbildung, Gewebeturgor Wasser, Tee, Flüssigkeitsmangel-Seite

Merksatz: Jede Wunde ist ein Eiweißverbraucher. Ein Dekubitus Kategorie IV kann bis zu 50 g Eiweiß täglich über das Exsudat verlieren. Ohne Ernährungsintervention ist keine Wundheilung möglich.

Praxisbeispiel – Ernährung

Herr B., 79 Jahre, BMI 19,2, Dekubitus Kat. III am Sakrum. MNA-SF: 7 Punkte (Ernährungsmanagement). Albumin 28 g/l (erniedrigt).

Vorgehen: Ernährungsplan mit 1,5 g Eiweiß/kg/Tag (= 95 g bei 63 kg). Normale Kost anreichern (Sahne, Öl, Eiweißpulver). 2 × täglich hochkalorische Trinknahrung mit Arginin und Zink (z. B. Cubitan®). Vitamin-D-Supplementation 800 IE/Tag. Gewichtskontrolle wöchentlich. Albumin-Kontrolle nach 4 Wochen. Ohne Ernährungsoptimierung würde die Wundheilung stagnieren.

Praxisbeispiele – Wundversorgung Schritt für Schritt

Drei typische Szenarien aus der Pflegepraxis:

A
Akute Schnittwunde (Sturz, ambulante Pflege)

Herr T., 81 Jahre, gestürzt, Platzwunde 4 cm am Schienbein, mäßig blutend, nicht tief. Vorgehen: Händedesinfektion → Blutung stillen (Kompresse, Hochlagern) → Spülung mit NaCl 0,9 % → Wundränder adaptieren (Steri-Strips) → Folienverband → Tetanus-Impfstatus prüfen → Arzt informieren wenn Wundränder klaffen (> 1 cm) oder tiefer als Dermis → Kontrolle nach 48 h.

B
Diabetisches Fußulkus (ambulanter Pflegedienst)

Frau H., 72 Jahre, Diabetes Typ 2, Ulkus an der Großzehe plantar, 2 × 1,5 cm, Fibrinbelag 50 %, kein Infektionszeichen, Neuropathie vorhanden. ABI 0,9 (arteriell ausreichend). Vorgehen: Autolytisches Débridement (Hydrogel auf Fibrin) → Schaumverband → Druckentlastung entscheidend: Vorfußentlastungsschuh verordnen → BZ-Einstellung optimieren (Rücksprache Hausarzt, HbA1c-Ziel < 7,5 %) → Verbandwechsel alle 2–3 Tage → Vorstellung in diabetischer Fußambulanz innerhalb 2 Wochen.

C
Chronisches Ulcus cruris venosum (Pflegeheim)

Herr W., 85 Jahre, CVI seit 20 Jahren, Ulcus am Innenknöchel re. seit 8 Monaten, 5 × 3 cm, Granulationsgewebe 70 %, Fibrin 30 %, mäßig exsudierend. ABI 1,1. Vorgehen: Mechanisches Erhaltungsdébridement (Kompresse) → Polihexanid-Spülung → Schaumverband (Exsudation managen) → Kompression mit Mehrkomponenten-System (Wickelung von distal nach proximal, 8er-Tour) → Verbandwechsel alle 3–5 Tage → Ernährung optimieren → Mobilisation fördern (Aktivierung der Wadenmuskelpumpe) → Reevaluation alle 4 Wochen.

Häufige Fragen zur Wundversorgung

Dürfen Pflegehilfskräfte Verbandwechsel durchführen?

Einfache Verbandwechsel bei akuten, unkomplizierten Wunden können an geschulte Hilfskräfte delegiert werden. Chronische Wunden (Dekubitus, Ulcus, DFS) sind Fachkraft-Tätigkeiten – Wundassessment, Therapieentscheidung und Dokumentation obliegen der Pflegefachkraft. In der ambulanten Pflege ist Wundversorgung als Behandlungspflege ärztlich verordnet.

Was ist besser – NASSe oder TROCKENe Wundbehandlung?

Feucht ist der evidenzbasierte Standard. Winter (1962) zeigte, dass Wunden unter feuchten Bedingungen bis zu 50 % schneller heilen. Ausnahme: trockene, schwarze Fersennekrosen bei pAVK – hier gilt „trocken belassen, beobachten“ bis zur gefäßchirurgischen Abklärung.

Wann ist eine Wunde infiziert?

Jede offene Wunde ist bakteriell kontaminiert – das ist normal und nicht behandlungsbedürftig. Eine Infektion liegt vor, wenn die Körperabwehr überwunden wird: zunehmende Rötung > 2 cm um den Wundrand, lokale Überwärmung, Schwellung, eitriges/stinkendes Exsudat, systemische Zeichen (Fieber, CRP-Anstieg). Dann: Abstrich, Arztinformation, ggf. Antibiose.

Wer trägt die Kosten für Wundauflagen?

Moderne feuchte Wundauflagen sind über ärztliche Verordnung zu Lasten der Krankenkasse erhältlich (§ 31 SGB V). Das BEEP-Gesetz (November 2025) erweitert die Verordnungsfähigkeit sonstiger Produkte zur Wundbehandlung. Pflegebedürftige zahlen die gesetzliche Zuzahlung (max. 10 €/Verordnung). Bei Dauerversorgung kann auch über eine Hilfsmittelverordnung abgerechnet werden.

Was ist ein Wundexperte ICW® und wann braucht man einen?

Der Wundexperte ICW® (Initiative Chronische Wunden) ist eine zertifizierte Weiterbildung für Pflegefachkräfte, die spezifisches Fachwissen in der phasengerechten Wundversorgung vermittelt. Bei chronischen Wunden ohne Heilungstendenz nach 4 Wochen sollte ein Wundexperte oder ein spezialisiertes Wundzentrum hinzugezogen werden. In vielen Pflegeeinrichtungen ist ein Wundexperte als interne Fachberatung tätig und unterstützt Pflegekräfte bei Therapieentscheidungen und Dokumentation.

Wie erkenne ich, ob eine Wunde einen Biofilm hat?

Biofilm ist mit bloßem Auge kaum sichtbar. Verdacht besteht bei: ausbleibender Heilungstendenz trotz korrekter Therapie, glänzender/gelierter Belag, erhöhtem Exsudat ohne klassische Infektionszeichen, oder rezidivierender Infektion nach Antibiose. Die Therapie besteht aus mechanischem Débridement (alle 48–72 h, da Biofilm sich in 24–72 h neu bildet) + Antiseptik (Polihexanid oder silberhaltige Auflagen).

Wann muss ein Arzt einbezogen werden?

Sofortige ärztliche Vorstellung bei: klinischen Infektionszeichen (zunehmendes Erythem > 2 cm, Überwärmung, eitrigem Exsudat, Fieber), freiliegenden Knochen oder Sehnen (Dekubitus Kat. IV), akuter Blutung, Krepitation (V.a. Gasbrand). Regelmäßige ärztliche Visiten bei: allen chronischen Wunden, zur Festlegung der Wundtherapie und zum Débridement.

Darf man bei Kompressionstherapie die Binden nachts ablegen?

Bei Mehrkomponenten-Systemen (Pütter-Verband, UrgoK2®): Nein, diese bleiben Tag und Nacht liegen und werden alle 3–5 Tage gewechselt. Bei Kompressionsstrümpfen: Ja, diese werden morgens angezogen und abends ausgezogen – die Beinvenen sind im Liegen weniger belastet. Wichtig: Nachts auf ausreichende Inspektion der Haut achten (Druckstellen, Einschnürungen).

Quellenangaben

Hinweis: Wundversorgung erfordert fachliche Qualifikation. Chronische Wunden müssen ärztlich diagnostiziert und überwacht werden. Stand: April 2026.

Testen Sie Ihr Wissen

Zum Schluss: Wie sicher sind Sie beim Thema Wundversorgung? Hier ist Ihre Testfrage:

Wissenscheck
Welches Prinzip gilt als Goldstandard der modernen Versorgung chronischer Wunden?
A) Trockene Wundbehandlung mit sterilen Mullkompressen.
B) Feuchte Wundbehandlung (Moist Wound Healing).
C) Okklusivverband ohne Materialwechsel bis zur Abheilung.
D) Desinfektion mit Ethanol bei jedem Verbandwechsel.
Auflösung anzeigen

Richtige Antwort: B)

Die feuchte Wundbehandlung (Moist Wound Healing nach Winter, 1962) ist evidenzbasiert und seit dem DNQP-Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“ Standard in der Pflege. Ein feuchtwarmes Wundmilieu fördert Zellmigration, Granulation und Epithelisierung. A: Trockene Wundbehandlung ist veraltet und verzögert die Heilung. C: Okklusivverbände ohne Kontrolle können Mazeration und Infektion begünstigen. D: Ethanol ist zytotoxisch und zerstört vitales Granulationsgewebe.

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Tim Reinhold

Pflegedozent & Fachautor – Schwerpunkt Wundmanagement und Wundversorgung. Mein Anspruch: praxisrelevante Inhalte, die sich direkt im Pflegealltag anwenden lassen.