Behandlungspflege

Katheterpflege im häuslichen Bereich

Ein professionelles Katheter-Management im ambulanten Setting verhindert katheterassoziierte Harnwegsinfektionen (CAUTI), die häufigste nosokomiale Infektion in Deutschland. Die KRINKO-Empfehlung zur Prävention katheterassoziierter HWI (2023) gilt als maßgebliche Leitlinie.

80 %
Nosokomialer HWI durch Katheter (KRINKO 2023)
3–8 %
CAUTI-Risiko pro Katheter-Tag
§ 37 SGB V
Häusliche Krankenpflege

Katheterarten im Überblick

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Transuretraler DK

Indikation: Harnableitung bei Obstruktion, perioperativ, Bilanzierung. Material: Silikon (Langzeit) oder Latex/Silikon-beschichtet. Wechsel: alle 4–6 Wochen (Silikon) bzw. 2 Wochen (Latex).

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Suprapubischer Katheter (SPK)

Indikation: Langzeitableitung, Harnröhrenhindernis, nach OP. Durch die Bauchdecke in die Blase gelegt. Vorteile: geringeres HWI-Risiko, bessere Mobilität, kein Harnröhrentrauma. Wechsel: alle 4–8 Wochen.

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ISK – Intermittierender Katheterismus

Goldstandard bei neurogener Blase (Querschnitt, MS, Spina bifida). 4–6×/Tag Einmalkatheter. Geringes Infektionsrisiko. Hygienisch einwandfreie Durchführung erlernbar – auch durch Angehörige.

KRINKO-Grundsatz 2023: „Harnwegskatheter sollen nur bei strenger Indikation gelegt und so früh wie möglich entfernt werden.“ Tägliche Überprüfung der Indikation ist Pflicht – auch im häuslichen Bereich durch den Pflegedienst.

Epidemiologie

Laut KRINKO/RKI (2023) verursachen Harnwegskatheter 80 % aller nosokomialen Harnwegsinfektionen in Deutschland. Das NRZ für Surveillance (2024) dokumentiert jährlich über 200.000 katheterassoziierte HWI allein in stationären Einrichtungen – mit einer Letalität von 3–5 % bei Urosepsis. Im ambulanten Bereich tragen laut Destatis (2025) über 300.000 Pflegebedürftige einen DK oder SPK. CAUTI führen zu ca. 7 Tagen zusätzlicher Behandlungsdauer und Kosten von über 3.000 € pro Episode (IQWiG 2024).

CAUTI als Delir-Auslöser: Katheterassoziierte Harnwegsinfektionen sind einer der häufigsten infektiösen Trigger für ein Delir bei älteren Patienten. Frühe Katheterentfernung ist somit auch Delir-Prävention.

Pflege des transurethralen Dauerkatheters

Tägliche Katheterpflege (Standardmaßnahmen)

1
Händehygiene

Händedesinfektion vor und nach jedem Kontakt mit dem Kathetersystem. Einmalhandschuhe tragen.

2
Meatuspflege

Harnröhrenausgang 1×/Tag mit Wasser und ggf. pH-neutraler Waschlotion reinigen. Vom Meatus weg wischen. Keine Desinfektionsmittel am Meatus – erhöht CAUTI-Risiko (KRINKO 2023)!

3
Katheterfixierung prüfen

Katheter am Oberschenkel fixieren (Pflasterstreifen oder Katheterfixierung). Verhindert Zug an der Harnröhre und Druckulzera. Freie Schlauchführung – keine Knicke oder Schleifen. Bei Transfers und Mobilisation besonders auf Zug achten; Mobilitätshilfen erleichtern die sichere Positionierung.

4
Drainagesystem kontrollieren

Auffangbeutel immer unter Blasenniveau. Geschlossenes System nie öffnen (Diskonnektion ist häufigste Infektionsursache!). Beutel rechtzeitig entleeren (max. 2/3 Füllung).

5
Urin beobachten

Farbe, Menge, Geruch, Trübung, Sediment. Dokumentation der Flüssigkeitsbilanz (Einfuhr/Ausfuhr). Bei Fieber + trübem Urin: V.a. CAUTI – ärztliche Vorstellung!

Sofort ärztliche Kontaktaufnahme bei: Fieber > 38,5 °C, Schmerzen suprapubisch oder Flanke, blutig-trüber Urin, Harnverhalten (kein Urin > 4 Stunden), Katheter verstopft/disloziert, akuter Harnwegsinfektion-Verdacht.

Pflege des suprapubischen Katheters

Einstichstellen-Pflege

  • Tägliche Inspektion – Rötung, Schwellung, Sekretion, Schmerz?
  • Verbandwechsel alle 48–72 h oder bei Durchfeuchtung – aseptisch!
  • Desinfektion der Einstichstelle mit Hautantiseptikum (z. B. Octenisept®)
  • Sterile Schlitzkompresse um Katheter legen, mit Pflaster fixieren
  • Keine Salben oder Puder auf die Einstichstelle (außer ärztlich verordnet)

Vorteile des SPK gegenüber DK

  • Geringeres HWI-Risiko – keine Keimbesiedelung über Harnröhre
  • Kein Harnröhrentrauma – besonders bei Männern relevant
  • Bessere Mobilität – Schlauch an der Bauchdecke stört weniger
  • Blasentraining möglich – SPK abklemmen und versuchen, spontan zu entleeren
  • Intimhygiene uneingeschränkt möglich

SPK-Wechsel erfolgt durch den Arzt (alle 4–8 Wochen). Die tägliche Pflege der Einstichstelle darf durch den Pflegedienst im Rahmen der Behandlungspflege (§ 37 SGB V) durchgeführt werden.

Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK)

Die ISK ist die bevorzugte Ableitungsmethode bei neurogener Blasendysfunktion (AWMF-Leitlinie 043-025, DGU 2024). Im Vergleich zum Dauerkatheter zeigt ISK signifikant weniger CAUTI und bessere Lebensqualität. Häufige Grunderkrankungen: Querschnitt, MS, diabetische Neuropathie, Parkinson – bei Demenz ist die Selbstkatheterisierung oft nicht mehr durchführbar.

Anforderungen

  • Ausreichende Fingergeschicklichkeit und Kognition
  • Schulung durch Fachpersonal (Urologie, Kontinenzberatung)
  • Hygienische Einmalkatheter – sterile oder aseptische Technik
  • 4–6 Katheterisierungen/Tag (Restharn < 400 ml)
  • Miktionsprotokoll führen

Kathetertypen für ISK

TypBeschreibung
NelatonGerader Katheter, Standardversion
TiémannGebogene Spitze – bei Prostatavergrößerung
Hydrophil beschichtetIntegrierte Gleitmittelbeschichtung, geringeres Harnröhrentrauma
Kompakt-KatheterKurz, diskret, für unterwegs (Frauen)

CAUTI-Prävention nach KRINKO 2023

Katheterassoziierte Harnwegsinfektionen sind zu 70 % vermeidbar. Bündelstrategie nach KRINKO-Empfehlungen:

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Indikation prüfen

Tägliche Frage: „Braucht dieser Patient heute noch den Katheter?“ Frühestmögliche Entfernung ist die wirksamste Einzelmaßnahme.

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Geschlossenes System

Geschlossenes Drainagesystem nie öffnen. Kein Systemwechsel ohne Indikation. Probenentnahme nur über Probeentnahmestelle.

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Händehygiene

Vor und nach jedem Kontakt mit Kathetersystem: Händedesinfektion. Einmalhandschuhe. Wichtigste Einzelmaßnahme zur Infektionsprävention.

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Flüssigkeitszufuhr

Mind. 1,5–2 l/Tag trinken (sofern keine Kontraindikation). Hoher Urinfluss spült Keime aus. Bei Dysphagie angedickte Flüssigkeiten, bei PEG-Ernährung Flüssigkeitsbilanz beachten. Dehydratation fördert zudem Blutdruckentgleisungen und Mundtrockenheit.

Dokumentation

Im Pflegedokumentationssystem und Strukturmodell (SIS), gemäß QM-Standards:

  • Katheterart, Charrière-Größe, Material, Blockungsvolumen
  • Legedatum und nächster Wechseltermin – digitale Pflegesysteme setzen automatische Erinnerungen
  • Meatuspflege / Einstichstellenpflege – durchgeführt, Befund (Hautzustand gemäß Dokumentationsstandards)
  • Urinbeobachtung – Farbe, Menge, Auffälligkeiten
  • Komplikationen – Verstopfung, Dislokation, Infektion, Intertrigo perineal
  • Indikationsüberprüfung – täglich dokumentieren (KRINKO-Vorgabe)

Katheter bei besonderen Patientengruppen

Demenz und Katheter

Patienten mit Demenz ziehen häufig am Katheter (bis zu 30 % der Demenz-Patienten mit DK). Validation und ablenkende Strategien aus der Biografiearbeit können das Manipulationsrisiko senken. Verdeckte Leitungsführung (unter Kleidung) und frühzeitige Katheterentfernung prüfen.

Diabetes und Katheter

Diabetiker haben ein 2–3-fach erhöhtes CAUTI-Risiko durch Glukosurie (Keimnährboden) und Hyperglykämie-bedingte Immunsuppression. Optimale Blutzuckereinstellung und verstärkte Hautpflege (Einstichstelle) sind essenziell.

Immobilität und Thromboserisiko

Katheterträger sind häufig bettlägerig – das erhöht das Thromboserisiko. Gleichzeitig steigt durch Immobilität das Dekubitus-Risiko an Fixierungsstellen. Kompressionstherapie und regelmäßige Lagewechsel nicht vergessen.

Lebensende

In der Sterbephase kann ein Katheter Komfort bieten (kein Toilettentraining nötig), muss aber mit dem Patientenwillen abgestimmt sein. Ethische Abwägung und sensible Begleitung sind zentral.

Angehörigenbelastung: Die Katheterversorgung zu Hause ist für Angehörige psychisch und physisch belastend. Burnout-Prävention und Nutzung von Pflegekassen-Leistungen (Verhinderungspflege, Entlastungsbetrag) ansprechen. Abgrenzung Behandlungspflege vs. Grundpflege: SGB V vs. SGB XI.

Digitale Überwachung und Zukunft

Digitale Innovationen verändern das Katheter-Management:

  • Smart-Katheter mit integrierten Sensoren messen Temperatur, pH und Trübung – Frühwarnung vor CAUTI über Pflege-Apps
  • Telemedizinische Kathetervisite – Foto-Dokumentation der Einstichstelle, Remote-Beurteilung durch Urologie
  • KI-gestützte Spülalgorithmen erkennen Verstopfungsmuster und alarmieren präventiv (vgl. Robotik und Zukunft der Pflege)

Häufige Fragen zur Katheterpflege

Wie oft muss ein Dauerkatheter gewechselt werden?

Silikon-Katheter: alle 4–6 Wochen. Latex-/Latex-Silikon-Katheter: alle 1–2 Wochen. Der Wechsel erfolgt durch den Arzt oder durch Pflegefachkräfte mit ärztlicher Delegation. Außerplanmäßiger Wechsel bei Verstopfung, Dislokation oder Infektion.

Darf man mit Dauerkatheter baden oder duschen?

Duschen: ja – mit transurethralem DK unproblematisch. Baden: nur in sauberem Wasser und abgetrocknetem Katheter. SPK: Einstichstelle und Verband müssen mit wasserdichtem Verband geschützt werden. Kein Schwimmen in öffentlichen Gewässern/Bädern.

Wer bezahlt die Katheter und Materialien?

Katheter, Urinbeutel und Verbandmaterial werden vom Arzt verordnet und über die Krankenkasse (§ 33 SGB V) abgerechnet. Die Katheterpflege durch den Pflegedienst ist Behandlungspflege nach § 37 SGB V und wird ärztlich verordnet.

Was tun bei Katheter-Verstopfung?

Schlauchverlauf prüfen (Knick? Abklemmung?). Beutelposition überprüfen. Nicht eigenmächtig spülen! Blasenspülung nur auf ärztliche Anordnung. Bei Harnverhalten (> 4 Stunden kein Urin): sofort Arzt kontaktieren. Ggf. Katheterwechsel erforderlich.

Welche Hautprobleme treten bei Katheterträgern auf?

Häufig: Intertrigo in der Leiste durch Feuchtigkeit, Druckstellen durch Katheterfixierung, und inkontinenzassoziierte Dermatitis (bei Leckage neben dem Katheter). Prävention: Barriercremes, regelmäßige Hautkontrolle, korrekte Fixierung. Bei SPK: Einstichstellen-Infektion früh erkennen.

Wie beeinflusst ein Katheter die Inkontinenz?

Ein Dauerkatheter behandelt nicht die Ursache der Inkontinenz – er umgeht sie. Nach Katheterentfernung können die Symptome zurückkehren oder sich verschlechtern (Blasen-Atrophie). Deshalb: ISK oder konservative Maßnahmen (Beckenbodentraining, Toilettentraining bei Demenz) wenn möglich bevorzugen.

Gibt es telemedizinische Katheter-Betreuung?

Ja. Über Pflege-Apps können Pflegekräfte Fotos der Einstichstelle oder Urinproben-Bilder an Urologen senden. Einige Kliniken bieten telemedizinische Katheter-Sprechstunden an. Smart-Katheter mit Sensorik ermöglichen Echtzeit-Monitoring (vgl. Zukunft der Pflege).

Testen Sie Ihr Wissen

Haben Sie alles behalten? Prüfen Sie sich selbst mit dieser Frage zu Katheterpflege:

Wissenscheck
Wie häufig sollte ein transurethraler Dauerkatheter (DK) laut Leitlinien spätestens gewechselt werden?
A) Täglich
B) Alle 1–3 Wochen, spätestens nach Herstellerangabe
C) Nur bei Infektionszeichen
Auflösung anzeigen

Richtige Antwort: B

Transurethrale Dauerkatheter werden je nach Kathetermaterial alle 1–3 Wochen (Latex) bzw. bis zu 12 Wochen (Silikon) gewechselt – gemäß Herstellerangabe. Ein routinemäßiger Wechsel zu festen Intervallen ohne medizinische Indikation ist zu vermeiden. Wichtiger ist die tägliche Hygiene der Eintrittsstelle und die Kontrolle auf Infektionszeichen.

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Tim Reinhold

Dozent & Fachautor im Bereich Katheterpflege im häuslichen Bereich. Ich erstelle Lerninhalte, die Pflegefachkräfte und Betreuungspersonal konkret unterstützen.