Injektionen in der Pflege – Subkutan, intramuskulär und intravenös
Die Verabreichung von Injektionen gehört zu den zentralen Kompetenzen in der Behandlungspflege. Korrektes Vorgehen schützt vor Komplikationen und sichert die Medikamentenwirksamkeit.
Die 6-R-Regel – Vor jeder Injektion
Vor jeder Medikamentengabe müssen folgende sechs Punkte geprüft werden. Fehler in einem der 6 R können schwerwiegende Folgen haben:
Richtiger Patient
Identitätsprüfung: Name nennen lassen, Patientenarmband, Verordnung abgleichen. Nie nur nach dem Zimmer gehen.
Richtiges Medikament
Präparatname und Wirkstoff auf Ampulle/Pen mit ärztlicher Anordnung vergleichen. Auch Aussehen (Farbe, Trübung) prüfen.
Richtige Dosierung
Dosis exakt berechnen/ablesen. Bei Insulin: Einheiten nie mit ml verwechseln! Insulinspritzen verwenden.
Richtige Zeit
Verabreichungszeitpunkt nach Anordnung. Insulin: BZ-abhängig. Heparin: feste Uhrzeiten. Antibiotika: Spiegel beachten.
Richtige Applikationsart
s.c., i.m. oder i.v.? Der Applikationsweg ist entscheidend für Wirkungseintritt und Nebenwirkungen.
Richtige Dokumentation
Sofort nach Gabe: Medikament, Dosis, Uhrzeit, Applikationsort, ggf. Reaktionen dokumentieren. „Nicht dokumentiert = nicht gegeben.“
Injektionsarten im Überblick
| Injektionsart | Abk. | Nadel / Winkel | Volumen | Typische Medikamente | Wirkungseintritt |
|---|---|---|---|---|---|
| Subkutan | s.c. | Kurze Nadel (12–16 mm), 45–90° | Max. 2 ml | Insulin, Heparin (NMH), Erythropoetin | 15–30 Min. |
| Intramuskulär | i.m. | Längere Nadel (30–40 mm), 90° | Max. 5 ml (Gluteal) | Impfstoffe, Vitamin B12, Depot-Neuroleptika | 10–20 Min. |
| Intravenös | i.v. | Venüle/Butterfly, 15–30° | Variabel | Antibiotika, Analgetika, Notfallmedikamente | Sofort (Sekunden) |
| Intradermal | i.d. | Feine Nadel (10 mm), 10–15° | Max. 0,1 ml | Tuberkulin-Test, Allergietestung | Lokal (48–72 h Ablesung) |
Subkutane Injektion (s.c.)
Die subkutane Injektion ist die häufigste Injektionsart in der ambulanten Pflege und gehört zur Behandlungspflege LG 1. In Deutschland werden täglich Millionen von s.c.-Injektionen durchgeführt – allein bei den rund 8 Millionen Diabetikern (Typ 1 und insulinpflichtiger Typ 2) fallen jährlich über 1 Milliarde Insulin-Injektionen an. Moderne Pen-Systeme und vorgefüllte Fertigspritzen haben die Anwendung deutlich vereinfacht, erfordern aber weiterhin eine sorgfältige Schulung und korrekte Technik.
Injektionsstellen
- Bauch – bevorzugt, 2 cm Abstand zum Nabel, unterhalb des Bauchnabels links/rechts
- Oberschenkel – Vorderseite/Außenseite, mittleres Drittel
- Oberarm – Außenseite/Rückseite, mittleres Drittel (häufig bei Impfungen)
- Gesäß – oberer äußerer Quadrant (selten bei s.c.)
Durchführung
Patient, Medikament, Dosis, Zeitpunkt, Applikationsart, Dokumentation. Händedesinfektion durchführen.
Rotationsschema beachten (Lipodystrophie vermeiden!). Keine Injektionen in Narben, Hämatome, Ödeme oder entzündete Haut.
Hautfalte mit Daumen und Zeigefinger anhöhen. Nadel im 45–90°-Winkel einstechen (bei kurzen Nadeln 90°). Medikament langsam injizieren. Nadel 10 Sek. belassen, dann herausziehen.
Einstichstelle leicht komprimieren (nicht reiben – besonders bei Heparin!). Nadel im Sicherheitssystem entsorgen. Dokumentation.
Insulin-Besonderheiten: Insulinspritzen (U-100) immer verwenden – nie normale Spritzen! Spritzstellen systematisch rotieren (Lipohypertrophie vermeiden). Pen-Nadeln sind Einmalartikel – nicht mehrfach verwenden. Kurzwirksames Insulin: keine Hautfalte, 90°. Mischung: trübes Insulin vor Gebrauch 20× schwenken (nicht schütteln).
Intramuskuläre Injektion (i.m.)
Die i.m.-Injektion wird bei Medikamenten eingesetzt, die eine rasche, aber nicht sofortige Wirkung erfordern oder die subkutan nicht vertragen werden. Typische Anwendungen: Impfungen (STIKO-konform: M. deltoideus), Vitamin-B12-Substitution bei perniziöser Anämie, Depot-Neuroleptika in der Psychiatrie und Notfallmedikamente wie Adrenalin (Anaphylaxie-Autoinjektor). Die korrekte Injektionsstelle ist entscheidend, um Nervenverletzungen und Hämatome zu vermeiden.
Injektionsstellen
Methode nach Hochstetter (ventrogluteale Injektion)
- Leitlinie empfiehlt diese Methode
- Geringeres Verletzungsrisiko als dorsogluteale Technik (N. ischiadicus!)
- Orientierung: Handwölbung auf Trochanter major, Zeigefinger auf Spina iliaca anterior superior, Mittelfinger zur Crista iliaca
- Injektionsfeld: Dreieck zwischen Zeige- und Mittelfinger
Weitere Injektionsstellen
- M. deltoideus (Oberarm) – Standard für Impfungen, max. 2 ml
- M. vastus lateralis (Oberschenkel) – Alternative bei Säuglingen/Kleinkindern und bei Selbstinjektion
- Dorsogluteale Injektion – nur noch in Ausnahmen! Risiko: N. ischiadicus-Verletzung
Aspiration vor i.m.-Injektion: Die aktuellen Empfehlungen der STIKO und WHO empfehlen KEINE routinemäßige Aspiration bei Impfungen im Deltoideus und Oberschenkel. Bei der ventroglutealen Injektion kann auf Aspiration ebenfalls verzichtet werden (keine großen Gefäße im Injektionsfeld).
Komplikationen und Prävention
Injektionen sind invasive Maßnahmen mit spezifischen Risiken. Die meisten Komplikationen sind durch korrekte Technik, Hygiene und sorgfältige Vorbereitung vermeidbar. Nadelstichverletzungen (NSV) sind die häufigste Berufsverletzung im Gesundheitswesen – pro Jahr erleiden in Deutschland schätzungsweise 500.000 Beschäftigte eine NSV, davon ein erheblicher Anteil in der Pflege. Die Verwendung von Sicherheitskanülen ist daher gesetzlich vorgeschrieben.
| Komplikation | Ursache | Prävention |
|---|---|---|
| Infektion / Abszess | Mangelnde Hygiene, kontaminiertes Material | Aseptisches Arbeiten, Hautdesinfektion, Einmalmaterial |
| Hämatom | Gefäßverletzung | Korrekte Injektionsstelle, nach Injektion komprimieren |
| Lipodystrophie | Wiederholte Injection an gleicher Stelle (Insulin) | Konsequentes Rotationsschema anwenden |
| Nervenverletzung | Falsche Injektionsstelle (dorsogluteale Technik) | Ventrogluteale Methode (Hochstetter) bevorzugen |
| Nadelstichverletzung | Recapping, unsachgemäße Entsorgung | NIEMALS Nadeln recappen! Sicherheitskanülen, Entsorgungsbehälter |
| Anaphylaxie | Allergische Reaktion auf Medikament | Allergien erfragen, nach Injektion 15 Min. beobachten (Impfungen), Notfallset griffbereit |
Nadelstichverletzung – Sofortmaßnahmen: 1. Blutung fördern (von proximal nach distal ausdrücken). 2. Wunde desinfizieren (mind. 1 Min.). 3. D-Arzt / Betriebsarzt aufsuchen. 4. Unfallanzeige bei der BG. 5. Serologische Untersuchung (HIV, Hepatitis B/C) beim Indexpatient und Verletzten. NIEMALS Nadeln in den normalen Abfall entsorgen!
Rechtliche Grundlagen
Die Delegation von Injektionen ist im Pflegeberufegesetz (§ 4 PflBG) und in den Rahmenverträgen zwischen Pflegekassen und Pflegediensten geregelt. Die Verantwortung ist zweigeteilt: Der Arzt trägt die Anordnungsverantwortung (richtige Indikation, Medikament, Dosierung), die Pflegekraft die Durchführungsverantwortung (korrekte Technik, Hygiene, Dokumentation). Bei Zweifeln an der Anordnung greift die Remonstrationspflicht.
- S.c.-Injektionen (Insulin, Heparin) – Behandlungspflege LG 1, delegierbar an geschulte Pflegehilfskräfte
- I.m.-Injektionen – ärztliche Anordnung erforderlich, Durchführung durch Pflegefachkräfte (Behandlungspflege LG 2)
- I.v.-Injektionen – grundsätzlich ärztlich vorbehaltene Tätigkeit, Delegation an Pflegefachkräfte nur unter strengen Voraussetzungen
- Anordnungsverantwortung – beim Arzt (Auswahlpflicht, Überwachungspflicht)
- Durchführungsverantwortung – bei der Pflegekraft (korrekte Technik, 6-R-Regel, Remonstrationspflicht bei Bedenken)
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Häufig gestellte Fragen
Muss vor einer subkutanen Injektion desinfiziert werden?
In Einrichtungen und der ambulanten Pflege: Ja, eine Hautdesinfektion mit einem alkoholischen Hautantiseptikum (Einwirkzeit 30 Sek.) ist Standard und entspricht den KRINKO-Empfehlungen. Bei Selbstinjektion durch informierte Patienten (z. B. Insulin-Pen) kann laut DDG-Leitlinie unter bestimmten Bedingungen darauf verzichtet werden.
Warum darf bei Heparin-Injektionen nicht gerieben werden?
Reiben nach subkutaner Heparin-Injektion fördert die Hämatombildung, da Heparin die Blutgerinnung hemmt und die Gefäße an der Einstichstelle ohnehin fragil sind. Stattdessen: Einstichstelle leicht andrücken (nicht reiben), Kompress ggf. 1–2 Min. aufdrücken.
Dürfen Pflegehelfer Insulin spritzen?
Ja, die subkutane Insulininjektion gehört zur Behandlungspflege LG 1 und darf an geschulte Pflegehilfskräfte delegiert werden. Voraussetzungen: ärztliche Anordnung, nachgewiesene Schulung, regelmäßige Kompetenzüberprüfung, klare Dosierungsanweisung inkl. BZ-Grenz-werte und Korrekturregeln.
Was bedeutet „Remonstrationspflicht“?
Wenn eine Pflegekraft Bedenken gegen eine ärztliche Anordnung hat (z. B. ungewöhnlich hohe Dosierung, Allergie bekannt, falsche Applikationsart), ist sie verpflichtet, den Arzt darauf hinzuweisen – das ist die Remonstrationspflicht. Bei offensichtlichen Fehlern darf die Pflegekraft die Durchführung verweigern.
Was sind Sicherheitskanülen und warum sind sie Pflicht?
Sicherheitskanülen haben einen integrierten Mechanismus (Schiebe- oder Klappschutzkappen), der die Nadel nach Gebrauch sofort abschirmt. Sie sind seit der EU-Richtlinie 2010/32/EU und der TRBA 250 (Technische Regeln Biologische Arbeitsstoffe) im deutschen Gesundheitswesen vorgeschrieben. Ziel: Vermeidung von Nadelstichverletzungen, die jährlich zu etwa 500.000 Vorfällen in der EU führen.
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Quellen und weiterführende Informationen
- DocCheck Flexikon – Injektion
- STIKO – Ständige Impfkommission am RKI
- BGW – TRBA 250 (Biologische Arbeitsstoffe im Gesundheitswesen)
- Behandlungspflege LG 1 & 2 – Weiterbildung
Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Praxisanleiter und Pflegedienstleitung. Gründer von Weiterbildungen Reinhold (Hattingen) seit 2020. Über 1.500 Unterrichtseinheiten Fachqualifizierung in Behandlungspflege, Palliativ Care und Beatmungspflege. Mehr zur Person ›
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