Schmerzassessment in der Pflege – Schmerzen erkennen, messen, behandeln
Schmerz ist das fünfte Vitalzeichen. Ein systematisches Schmerzassessment ist die Grundlage für eine wirksame Schmerztherapie – und ein zentraler Bestandteil der DNQP-Expertenstandards zum Schmerzmanagement.
Warum systematisches Schmerzassessment?
Probleme ohne Assessment
- Schmerzen werden unterschätzt – besonders bei älteren, dementen oder kognitiv eingeschränkten Menschen
- Chronische Schmerzen führen zu Depression, Immobilität, sozialem Rückzug und beschleunigtem Pflegebedarf
- Ohne Dokumentation fehlt die Grundlage für ärztliche Therapieanpassung
- Schmerzäußerungen werden als „Verhaltensauffälligkeiten“ fehlinterpretiert (z. B. Unruhe bei Demenz)
Ziele des Assessments
- Schmerzen frühzeitig erkennen – auch bei nicht-kommunikationsfähigen Menschen
- Schmerzintensität messbar machen für Verlaufskontrolle und Therapieanpassung
- Bedarfsmedikation gezielt einsetzen statt pauschal
- Qualitätsnachweis gegenüber MD und Aufsichtsbehörden
Schmerzarten – Schmerz ist nicht gleich Schmerz
Die korrekte Schmerzklassifikation ist Voraussetzung für eine gezielte Therapie. Der Arzt stellt die Diagnose – Pflegefachkräfte müssen die Unterschiede kennen, um Symptome richtig einzuordnen und zu dokumentieren.
Nach Zeitverlauf
| Akuter Schmerz | Warnfunktion, klar identifizierbare Ursache (OP, Sturz, Entzündung). Dauer: Tage bis wenige Wochen. Therapieziel: schnelle Schmerzlinderung. |
| Chronischer Schmerz | Besteht > 3–6 Monate oder über die zu erwartende Heilungsdauer hinaus. Verliert die Warnfunktion. Eigene Krankheitsentität (ICD-11: MG30). Begleitsymptome: Depression, Schlafstörung, sozialer Rückzug. |
| Durchbruchschmerz | Kurzzeitige Schmerzspitzen trotz laufender Basisanalgesie. Häufig bei Tumorpatienten. Erfordern schnell wirksame Bedarfsmedikation (z. B. Fentanyl-Nasenspray). |
Nach Entstehungsmechanismus
| Nozizeptiv | Somatisch (Haut, Knochen, Gelenke: gut lokalisierbar, stechend/druckend) oder viszeral (Organe: dumpf, kolikartig, schlecht lokalisierbar). |
| Neuropathisch | Schädigung/Erkrankung des Nervensystems. Brennend, einschießend, elektrisierend. Beispiele: diabetische Neuropathie, Postzosterneuralgie, Phantomschmerz. |
| Gemischt (Mixed Pain) | Nozizeptive + neuropathische Komponenten gleichzeitig. Häufig bei Rückenschmerz, Dekubitus, Tumorschmerz. |
| Nociplastisch | Veränderte Schmerzverarbeitung im ZNS ohne nachweisbaren Gewebeschaden. Beispiel: Fibromyalgie. Seit ICD-11 anerkannt (Konzept der zentralen Sensibilisierung). |
Warum ist das relevant für die Pflege? Nozizeptive Schmerzen sprechen auf klassische Analgetika (WHO-Stufe 1–3) gut an. Neuropathische Schmerzen dagegen erfordern Co-Analgetika (Antikonvulsiva wie Pregabalin/Gabapentin, Antidepressiva wie Amitriptylin/Duloxetin) – klassische NSAR wirken hier kaum. Wenn ein Patient trotz Ibuprofen über „Brennen und Kribbeln“ klagt, ist das ein Hinweis auf neuropathischen Schmerz und muss dem Arzt mitgeteilt werden.
Schmerzassessment-Instrumente im Überblick
Selbsteinschätzungsinstrumente
Diese erfordern, dass der Patient seinen Schmerz selbst mitteilen kann:
| Instrument | Skala | Anwendung | Geeignet für |
|---|---|---|---|
| NRS (Numerische Rating-Skala) | 0–10 (0 = kein Schmerz, 10 = stärkster vorstellbarer Schmerz) | „Wie stark ist Ihr Schmerz auf einer Skala von 0 bis 10?“ | Erwachsene, orientierte ältere Menschen |
| VAS (Visuelle Analog-Skala) | 10-cm-Linie, Patient markiert Punkt | Lineal mit Endpunkten „kein Schmerz“ / „stärkster Schmerz“ | Erwachsene mit guter Feinmotorik |
| VRS (Verbale Rating-Skala) | kein – leicht – mäßig – stark – unerträglich | Einfache Wortwahl, keine Zahlen nötig | Ältere Menschen, leicht kognitiv eingeschränkt |
| Smiley-Skala (Wong-Baker) | 6 Gesichter: lachend bis weinend | Patient zeigt auf das passende Gesicht | Kinder, Menschen mit Sprachbarriere |
Fremdeinschätzungsinstrumente
Bei Menschen, die Schmerz nicht verbal äußern können (Demenz, Bewusstseinsstörung, Beatmung):
| Instrument | Kriterien | Bewertung | Geeignet für |
|---|---|---|---|
| BESD (Beurteilung von Schmerzen bei Demenz) | Atmung, negative Lautierung, Gesichtsausdruck, Körpersprache, Tröstbarkeit | 0–10 Punkte, ab 4 = behandlungsbedürftiger Schmerz | Demenz, schwere kognitive Einschränkung |
| ECPA (Échelle Comportemental de la Douleur pour Personnes Âgées) | 8 Items in 2 Bereichen (Ruhe und Pflege/Bewegung) | 0–32 Punkte | Nicht-kommunikationsfähige ältere Menschen |
| BPS (Behavioral Pain Scale) | Gesichtsausdruck, obere Extremitäten, Beatmungstoleranz | 3–12 Punkte, ab 6 = Schmerzverdacht | Beatmete/sedierte Patienten (Intensivstation) |
| CPOT (Critical-Care Pain Observation Tool) | Gesichtsausdruck, Bewegungen, Muskelspannung, Beatmungstoleranz/Vokalisation | 0–8 Punkte, ab 3 = Schmerzverdacht | Intensivpatienten (beatmet und nicht-beatmet), validiert (Gélinas 2006) |
Merksatz: Selbsteinschätzung geht immer vor Fremdeinschätzung. Auch bei leichter Demenz kann die NRS oder VRS noch anwendbar sein. Erst wenn eine zuverlässige Selbstauskunft nicht mehr möglich ist, wird auf Fremdeinschätzung umgestellt.
BESD-Skala – Praxisanwendung
Die BESD-Skala wird bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz eingesetzt. Beobachtungszeitraum: mindestens 2 Minuten während Ruhe und während einer Pflegehandlung.
0 = normal, 1 = gelegentlich angestrengt, laut, 2 = geräuschvoll, Cheyne-Stokes-ähnlich, lange Phasen von Hyperventilation
0 = keine, 1 = gelegentliches Stöhnen/Seufzen, 2 = wiederholt rufen, Stöhnen, Weinen
0 = lächelnd/ausdruckslos, 1 = traurig/ängstlich/sorgenvoller Blick, 2 = Grimassieren, Stirnrunzeln, geschlossene Augen
0 = entspannt, 1 = angespannt, nervöses Hin-und-her-gehen, 2 = Abwehr, starre Körperhaltung, Schützen einer Körperregion
0 = Trösten nicht notwendig, 1 = Ablenken/Beruhigen möglich, 2 = Trösten, Ablenken, Beruhigen nicht möglich
„Frau B. (92, Demenz Grad 3) grimassiert bei der Körperpflege, zieht den Arm weg und ruft wiederholt ‚Nein!‘. BESD: Atmung 1, Lautäußerung 2, Gesicht 2, Körper 2, Tröstbarkeit 1 = 8 von 10 Punkten. Sofortige Arztinformation, Bedarfsmedikation 30 Min. vor nächster Pflege.“
WHO-Stufenschema – Grundlage der Schmerztherapie
Das WHO-Stufenschema gibt die Leitlinie für die medikamentöse Schmerztherapie vor. Pflegekräfte müssen es kennen, um die ärztliche Therapie zu verstehen und Nebenwirkungen zu beobachten:
Paracetamol, Metamizol, Ibuprofen, Diclofenac. Bei leichten bis mäßigen Schmerzen. Beobachten: Magen-Darm-Beschwerden, Nierenfunktion, Blutdruck.
Tramadol, Tilidin/Naloxon, Codein. Bei mäßigen bis starken Schmerzen. Beobachten: Übelkeit, Schwindel, Obstipation, Sedierung.
Morphin, Oxycodon, Hydromorphon, Fentanyl (Pflaster). Bei starken bis stärksten Schmerzen. BtM-pflichtig. Beobachten: Atemdepression, Obstipation (prophylaktisch Laxans!), Müdigkeit, Abhängigkeitspotenzial. → BtM-Vorschriften
Zusätzlich auf jeder Stufe möglich: Co-Analgetika (Antidepressiva, Antikonvulsiva bei neuropathischen Schmerzen), nichtmedikamentöse Maßnahmen (Wärme, Kälte, Lagerung, Ablenkung, Aromatherapie, basale Stimulation).
Nichtmedikamentöse Schmerztherapie – pflegerische Maßnahmen
Nichtmedikamentöse Verfahren sind auf jeder WHO-Stufe ergänzend einzusetzen – laut DNQP-Expertenstandard sogar verpflichtend zu planen und zu evaluieren. Sie können den Analgetikabedarf senken, die Selbstwirksamkeit fördern und Nebenwirkungen reduzieren.
🌡️ Wärmeapplikation
Heiße Rolle, Wärmflasche, Körnerkissen, warme Wickel. Wirkt durch Vasodilatation und Muskelrelaxation.
Indikation: Muskelverspannungen, Rückenschmerz, Arthroseschmerz, Bauchkrämpfe (viszeral).
Kontraindikation: Akute Entzündung, Ödeme, Sensibilitätsstörungen, Thrombose.
❄️ Kälteapplikation
Cool-Pack (maximal 15 Min., nie direkt auf die Haut), kalte Wickel, Kühlpads.
Indikation: Akute Schwellung, Gelenkerguss, postoperatives Schmerzödem, Sportverletzung.
Kontraindikation: Morbus Raynaud, arterielle Durchblutungsstörungen, Kälteurtikaria.
🙌 Lagerung & Positionierung
Schmerzreduzierende Lagerung ist eine Kernkompetenz der Pflege.
Beispiele: Stufenlagerung bei LWS-Schmerz (90 ° Hüfte, 90 ° Knie), Seitenlagerung mit Knierolle bei Hüftschmerz, Oberkörperhochlagerung bei abdominalem Schmerz, Weichlagerung bei Dekubitus.
💌 Basale Stimulation
Beruhigende Ganzkörperwaschung, atemstimulierende Einreibung (ASE), umhüllende Lagerung – besonders wirksam bei Menschen mit Demenz und eingeschränkter Kommunikation.
ASE: 2–3 Min. mit warmem Öl in Ausatemrichtung entlang der Wirbelsäule einreiben → Atemvertiefung, Schmerzlinderung, Entspannung.
🎶 Ablenkung & Musiktherapie
Persönliche Lieblingsmusik, Hörbücher, gezielte Gesprächsführung, Handmassage. Wirkt über Gate-Control-Theorie: nicht-schmerzhafte Reize hemmen die Schmerzweiterleitung im Rückenmark.
Evidenzstufe: Musiktherapie zeigt in Meta-Analysen moderate Schmerzreduktion (ca. 1 Punkt NRS) bei akutem und chronischem Schmerz.
🌿 Aromatherapie
Lavendelöl (Lavandula angustifolia) bei Unruhe und Schlafstörung, Pfefferminzöl bei Spannungskopfschmerz, Rosmarinöl bei Muskelschmerz.
Cave: Allergien, Asthma, Säuglinge/Kleinkinder. Immer verdünnt anwenden oder als Raumduft. Individuelle Präferenzen erfragen.
⚡ TENS
Transkutane Elektrische Nervenstimulation – niederfrequente Stromimpulse über Hautelektroden. Wirkt über Gate-Control und endogene Opioidfreisetzung.
Indikation: Chronische Rückenschmerzen, Arthrose, neuropathischer Schmerz. Gerät muss ärztlich verordnet werden; Pflege unterstützt bei Anlage und Evaluation.
💬 Edukation & Selbstmanagement
Aufklärung über Schmerzursachen, Führen eines Schmerztagebuchs, Entspannungstechniken (PMR nach Jacobson, Atemtechniken). Informierte Patienten zeigen nachweislich bessere Therapieerfolge.
Laut DNQP-Expertenstandard: Patientenedukation ist obligater Bestandteil des pflegerischen Schmerzassessments.
Merksatz: Nichtmedikamentöse Maßnahmen sind keine Alternative zur medikamentösen Therapie – sondern deren notwendige Ergänzung. Beides zusammen wirkt besser als jedes für sich allein.
Schmerzprotokoll – richtig dokumentieren
Ein Schmerzprotokoll wird bei jedem Pflegebedürftigen mit relevanten Schmerzen geführt. Es dient der Verlaufskontrolle und der Kommunikation mit dem Arzt.
Wann?
Datum, Uhrzeit der Einschätzung. Bei Bedarfsmedikation: vor und 30–60 Min. nach Gabe.
Wo?
Lokalisation: Welche Körperstelle? Ausstrahlung? Einseitig/beidseitig?
Wie stark?
NRS-Wert (0–10) oder BESD-Score. Immer dasselbe Instrument verwenden.
Schmerzqualität
Stechend, brennend, dumpf, pulsierend, kolikartig? Hilft dem Arzt bei Diagnose.
Auslöser/Verstärker
Bewegung, Ruhe, Kälte, Positionswechsel, bestimmte Pflegemaßnahmen?
Intervention & Wirkung
Was wurde gegeben/getan? Hat es geholfen? Neuer NRS-Wert nach Intervention.
Opioide in der Pflege – was Pflegekräfte wissen müssen
Opioide (WHO-Stufe 2 und 3) sind unverzichtbar bei starken Schmerzen. Pflegekräfte verabreichen sie, überwachen die Wirkung und erkennen Nebenwirkungen. Grundlage: ärztliche Verordnung gemäß Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und Betäubungsmittelverschreibungsverordnung (BtMVV).
BtM-Vorschriften im Pflegealltag
- Lagerung: BtM getrennt von anderen Arzneimitteln, in einem verschlossenen, nichtbeweglichen Behältnis (BtM-Schrank/Tresor).
- Dokumentation: Jede Entnahme im BtM-Buch mit Datum, Uhrzeit, Patient, Dosis und Handzeichen. Bestandskontrolle bei jeder Schichtübergabe.
- Rest-/Bruchampullen: Unter Zeugnis vernichten und dokumentieren.
- Ambulante Pflege: BtM-Rezept gilt 7 Tage. Pflaster dürfen nur der Patient oder eine beauftragte Pflegefachkraft wechseln.
Achtung: BtM-Verstöße sind kein Kavaliersdelikt! Fehlende Dokumentation oder unsachgemäße Lagerung können zu strafrechtlichen Konsequenzen führen.
Opioid-Pflaster (TTS) – Fentanyl & Buprenorphin
| Thema | Praxisregel |
|---|---|
| Applikationsort | Unbehaarte, intakte, trockene Haut – Oberkörper (Brust, Rücken, Oberarm). Nie auf geschädigte, bestrahlte oder ödematisierte Haut. |
| Wechselintervall | Standard: 72 h (alle 3 Tage). Fester Wechselplan mit Uhrzeit. Applikationsort bei jedem Wechsel rotieren. |
| Wirkeintritt | Fentanyl-TTS: 12–24 h. Daher bei Erstanlage Überbrückung durch orale/parenterale Analgesie nötig. |
| Cave Fieber/Wärme | Ab 40 °C Körpertemperatur: bis zu 30 % mehr Fentanyl-Freisetzung → Überdosierungsgefahr. Keine Wärmflaschen, Heizkissen oder heiße Bäder über dem Pflaster! |
| Entsorgung | Gebrauchte Pflaster zusammenkleben (Klebeseite auf Klebeseite) und über Restmüll oder Apotheke entsorgen (enthalten noch ca. 50 % des Wirkstoffs!). |
Opioid-Nebenwirkungen – Überwachung & Prophylaxe
Obstipation Sehr häufig
Betrifft 80–100 % aller Opioid-Patienten. Toleranzentwicklung tritt nicht ein! Prophylaxe ist obligat: Macrogol oder Natriumpicosulfat ab Tag 1 der Opioid-Therapie. Stuhlprotokoll führen.
Übelkeit/Erbrechen Häufig
In den ersten 7–14 Tagen. Meist Gewöhnung nach 1–2 Wochen. Bei Bedarf Antiemetika (z. B. Metoclopramid, Haloperidol). Patienten über vorübergehenden Charakter aufklären.
Sedierung Häufig
Besonders zu Beginn und bei Dosissteigerung. Sturzrisiko erhöht! Sedierungsskala dokumentieren. Rücksprache Arzt bei Atemfrequenz < 10/min.
Atemdepression Gefährlich
Bei korrekter Titration gegen den Schmerz extrem selten! Risikofaktoren: Erstgabe, schnelle Dosissteigerung, Niereninsuffizienz, Kombination mit Benzodiazepinen. Antidot: Naloxon (Cave: kurze HWZ → Rebound!).
Opioid-Mythos aufgeklärt: Die Angst vor „Süchtigmachen“ ist bei schmerzmedizinisch korrekt eingesetzten Opioiden unbegründet. Physische Abhängigkeit (Entzug bei abruptem Absetzen) ist normal und kein Suchtverhalten. Sucht (Craving, Kontrollverlust, schädlicher Gebrauch) tritt bei Tumorschmerzpatienten in < 1 % auf (LONTS-Leitlinie, AWMF 145-003).
Akutschmerz & prozedurale Schmerzen in der Pflege
Prozedurale Schmerzen entstehen durch pflegerische oder diagnostische Maßnahmen. Laut DNQP-Expertenstandard sind Pflegekräfte verantwortlich, diese Schmerzen zu antizipieren und präventiv zu handeln.
| Situation | Erwarteter Schmerz | Präventive Maßnahme |
|---|---|---|
| Verbandwechsel bei chronischen Wunden | NRS 3–7, brennend, stechend | Bedarfsmedikation 30 Min. vor dem Wechsel geben. Atraumatische Wundauflagen verwenden. Lidocain-Gel bei Wunddebridement. |
| Mobilisation nach OP/Fraktur | NRS 4–8, bewegungsabhängig | Analgesie 30–45 Min. vor Mobilisation. Absprache mit Physiotherapie. Schmerzverstärker vermeiden (ruckartige Bewegung, kalte Hände). |
| Lagerungsmaßnahmen (Mikrolagerung, Transfer) | NRS 2–5, kurzzeitig | Kinästhetik nutzen (Gewicht über Knochen leiten, kein Zug an Weichteilen). Ankündigen, Tempo anpassen, Pausen anbieten. |
| Absaugen (tracheobronchial) | Starker Hustenreiz, Würgen, Schmerz | Minimal-invasiv absaugen, katheterbreite anpassen. Bei beatmeten Patienten ggf. Sedierung erhöhen (Arztanordnung). |
| Katheterisierung | Brennen, Druckgefühl | Ausreichend Gleitmittel mit Lidocain (z. B. Instillagel), 5 Min. Einwirkzeit. Katheterstärke beachten (kleinstmöglicher Ch). |
Grundregel: Wenn eine pflegerische Maßnahme vorhersehbar Schmerzen verursacht, muss vor der Maßnahme für adäquate Analgesie gesorgt sein – nicht erst danach. Das ist ein Qualitätskriterium nach DNQP.
Chronischer Schmerz – Chronifizierung verstehen und verhindern
Chronischer Schmerz (> 3–6 Monate oder über die Heilungsdauer hinaus) ist eine eigenständige Erkrankung. In Deutschland leben ca. 17 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen – viele davon pflegebedürftig.
Schmerzgedächtnis & zentrale Sensibilisierung
Bei wiederholter oder unzureichend behandelter Schmerzreizung verändert sich die Schmerzverarbeitung im Rückenmark und Gehirn dauerhaft:
- Periphere Sensibilisierung: Nozizeptoren reagieren empfindlicher → Schmerz bei normalerweise harmlosen Reizen (Allodynie).
- Zentrale Sensibilisierung: Rückenmarksneurone werden übererregbar → verstärkte Schmerzwahrnehmung (Hyperalgesie).
- „Schmerzgedächtnis“: Auch nach Wegfall der Ursache bleibt der Schmerz bestehen, weil die neuronalen Verschaltungen sich strukturell verändert haben.
Konsequenz für die Pflege: Frühzeitige, konsequente Schmerztherapie verhindert Chronifizierung. Jede Stunde unbehandelten starken Schmerzes erhöht das Chronifizierungsrisiko!
Biopsychosoziales Schmerzmodell
Chronischer Schmerz wird nie rein biomedizinisch erklärt – psychische und soziale Faktoren sind gleichrangig:
| Bio | Gewebeschädigung, Entzündung, Nervenkompression, Arthrose |
| Psycho | Angst, Depression, Katastrophisieren, Hilflosigkeit, Vermeidungsverhalten (Fear-Avoidance) |
| Sozial | Isolation, Rollenverlust, Rentenbegehren, familiäre Konflikte, Arbeitsplatzverlust |
Multimodale Schmerztherapie
Die Goldstandard-Behandlung bei chronischem Schmerz ist die multimodale Schmerztherapie (interdisziplinär: Arzt, Pflege, Physiotherapie, Psychologie, Sozialarbeit). Pflege übernimmt die Rolle der Umsetzungsbegleitung im Alltag: Medikamentenmanagement, Aktivierung, Edukation, Dokumentation.
Tumorschmerz vs. Nicht-Tumorschmerz
| Tumorschmerz | Nicht-Tumorschmerz (CNTS) | |
|---|---|---|
| Leitlinie | S3-LL Palliativmedizin (AWMF 128-001OL) | S3-LL LONTS (AWMF 145-003) |
| Opioid-Einsatz | Großzügig, auch hochdosiert, kein Maximaldosis-Limit | Strenge Indikation, regelmäßige Therapieevaluation alle 3 Monate, Nutzen vs. Risiko |
| Therapieziel | Schmerzfreiheit/Maximale Linderung | Funktionsverbesserung, Schmerzreduktion NRS ≥ 30 % |
| Durchbruchschmerz | Häufig → Bedarfsmedikation essenziell | Selten als eigenständiges Konzept |
Praxisbeispiele – Schmerzassessment im Pflegealltag
Fallbeispiel 1: Herr M., 78 Jahre – postoperative Schmerzen
Situation: Herr M. wurde nach einer Hüft-TEP-OP auf die Station verlegt. Er gibt seit dem Aufwachraum Schmerzen an, ist aber der Meinung, er müsse „aushalten“ und „nicht jammern“.
Assessment: NRS-Erhebung ergibt NRS 7 in Ruhe, NRS 9 bei Bewegung. Schmerzqualität: stechend, lokalisiert im OP-Bereich (nozizeptiv-somatisch).
Maßnahmen:
- Aufklärung: „Schmerzen nach einer OP sind normal und müssen behandelt werden. Sie werden schneller gesund, wenn die Schmerzen unter Kontrolle sind.“
- Bedarfsmedikation laut ärztlicher Verordnung verabreicht (Piritramid s.c.)
- Kühlpack auf OP-Gebiet (15 Min., Tuch dazwischen)
- Reevaluation nach 30 Min.: NRS 3 → Mobilisation durch Physiotherapie möglich
- Schmerzprotokoll: Zeitpunkt, NRS vorher/nachher, Maßnahme, Wirkung
Fallbeispiel 2: Frau K., 86 Jahre – Demenz & Schmerzabwehr
Situation: Frau K. hat eine fortgeschrittene Demenz (MMSE 8/30). Sie kann nicht verbal kommunizieren. Beim Lagern schreit sie auf, wehrt Berührung ab und ist seit 2 Tagen nahrungsverweigend.
Assessment: NRS nicht möglich → Einsatz der BESD-Skala:
- Atmung: Laut, angestrengt → 2 Punkte
- Negative Lautierung: Stöhnen → 1 Punkt
- Gesichtsausdruck: Grimassieren → 2 Punkte
- Körpersprache: Abwehr → 2 Punkte
- Trost: Nicht trostfähig → 2 Punkte
- BESD-Gesamtscore: 9/10 → erhebliche Schmerzen
Maßnahmen:
- Sofortige Arztbenachrichtigung mit BESD-Score und klinischer Beobachtung
- Verdachtsdiagnose: Fraktur? Dekubitus? Harnwegsinfekt? Körperliche Untersuchung veranlasst
- Befund: Sakraldekubitus Grad 2 + Stuhlgang seit 5 Tagen ausgeblieben (Obstipation)
- Therapie: Metamizol 500 mg p.o. (als Tropfen), Laxans, Weichlagerung, ASE
- Reevaluation nach 2 Std.: BESD 4/10 → deutliche Besserung
Fallbeispiel 3: Frau S., 62 Jahre – Tumorschmerz & Opioid-Pflaster
Situation: Frau S. hat ein fortgeschrittenes Mammakarzinom mit Knochenmetastasen (LWS, Becken). Sie trägt ein Fentanyl-Pflaster 75 µg/h, hat aber seit 2 Tagen zunehmende Durchbruchschmerzen (NRS 8, einschießend in beide Beine).
Assessment-Ergebnis:
- NRS Ruhe: 4–5, NRS Bewegung: 8–9
- Schmerzqualität: dumpfer Dauerschmerz (nozizeptiv) + einschießend in die Beine (neuropathisch) → Mixed Pain
- Durchbruchschmerzen: 4–5x/Tag, Dauer jeweils 15–30 Min.
Maßnahmen:
- Arztinformation: „BESD nicht nötig, Patientin kommunikativ. NRS 8 bei Bewegung, Durchbruchschmerzen 4–5x/Tag trotz Fentanyl 75 µg/h. Neuropathische Komponente.“
- Arzt ordnet an: Dosissteigerung Fentanyl auf 100 µg/h + Pregabalin 75 mg 2x/tgl. (Co-Analgetikum für neuropathische Komponente) + Fentanyl-Nasenspray 100 µg bei Durchbruchschmerz
- Pflege: Pflasterwechsel, Dokumentation im BtM-Buch, Obstipationsprophylaxe prüfen (Macrogol?), Lagerung optimieren (Seitenlage mit Kissen zwischen den Knien)
- Schmerzprotokoll intensiviert: alle 4 Std. + bei jedem Durchbruchschmerz
- Nach 48 Std.: NRS Ruhe 2, Durchbruchschmerz 1–2x/Tag → deutliche Besserung
Häufige Fragen zum Schmerzassessment
Wie oft muss ein Schmerzassessment durchgeführt werden?
Bei Aufnahme, bei jeder klinischen Veränderung, nach Sturz oder OP, bei Einleitung/Änderung der Schmerztherapie und regelmäßig laut Pflegeplanung. Der DNQP-Expertenstandard empfiehlt mindestens 1x pro Schicht bei Patienten mit bekannten Schmerzen.
Ab welchem NRS-Wert muss gehandelt werden?
Der individuelle Grenzwert wird gemeinsam mit Patient und Arzt festgelegt. Als allgemeine Orientierung gilt: NRS ≥ 3 erfordert pflegerische Maßnahmen (Lagerung, Kälte/Wärme), NRS ≥ 5 erfordert ärztliche Rücksprache und ggf. Bedarfsmedikation. Wichtig: Das individuelle Behandlungsziel ist entscheidend, nicht ein starrer Grenzwert.
Können Pflegekräfte eigenständig Schmerzmittel geben?
Nein – Schmerzmittel dürfen nur auf Grundlage einer ärztlichen Verordnung gegeben werden. Dazu zählt auch die Bedarfsmedikation („Ibuprofen 400 mg bei Bedarf, max. 3x/Tag“). Die Pflegekraft entscheidet, wann der Bedarfsfall eintritt – das Assessment liefert die Grundlage für diese Entscheidung.
Wann verwende ich NRS und wann BESD?
Entscheidend ist die Kommunikationsfähigkeit des Patienten. Kann er seinen Schmerz selbst einschätzen (auch mit Zeigen auf eine Skala)? Dann NRS, VAS oder VRS. Kann er das nicht (Demenz, Aphasie, Bewusstseinstrübung, Beatmung)? Dann Fremdeinschätzung: BESD (bei Demenz), BPS oder CPOT (bei Intensivpatienten). Selbsteinschätzung hat immer Vorrang – sie ist der Goldstandard.
Machen Opioide süchtig?
Bei fachgerechtem Einsatz gegen Schmerzen: nein. Die physische Abhängigkeit (Entzugssymptome bei abruptem Absetzen) ist eine normale Körperreaktion und kein Suchtverhalten. Psychische Abhängigkeit (Craving, Kontrollverlust) tritt bei Tumorschmerzpatienten in unter 1 % der Fälle auf. Wichtig: Die Angst vor Abhängigkeit darf niemals dazu führen, dass Patienten unnötig leiden! Dies mit Angehörigen besprechen.
Was tun bei Schmerzspitzen trotz Pflaster (Durchbruchschmerz)?
Durchbruchschmerzen sind kurzzeitige, heftige Schmerzspitzen trotz laufender Basisanalgesie – häufig bei Tumorpatienten. Maßnahmen: (1) Bedarfsmedikation laut Verordnung geben (z. B. Fentanyl-Nasenspray, Morphin oral), (2) NRS dokumentieren, (3) Häufigkeit über 24 Std. zählen – bei > 3x/Tag Arzt informieren, da die Basisdosis wahrscheinlich erhöht werden muss.
Wie führe ich ein Schmerzprotokoll in der ambulanten Pflege?
In der ambulanten Pflege liegt das Schmerzprotokoll beim Patienten (in der Pflegemappe). Bei jedem Besuch: NRS oder BESD erheben, Medikamentengabe dokumentieren, Wirkung nach 30–60 Min. erfragen. Zusätzlich: Patienten/Angehörige anleiten, Schmerzspitzen zwischen den Besuchen selbst einzutragen. Das Protokoll wird bei jedem Arztbesuch vorgelegt – es ist das wichtigste Kommunikationsinstrument zwischen Pflege und Arzt.
Was ist bei der Schmerztherapie in der Palliativpflege besonders?
In der Palliativpflege steht Lebensqualität vor Lebensdauer. Opioide werden ohne Maximaldosis-Grenze eingesetzt, solange die Wirkung den Nebenwirkungen überwiegt. Bedarfsmedikation muss jederzeit verfügbar sein. Neben der Schmerzintensität werden auch Angst, Atemnot und Unruhe erfasst – sie verstärken die Schmerzwahrnehmung. S3-Leitlinie Palliativmedizin (AWMF 128-001OL) ist die maßgebliche Orientierung.
Warum klagt mein Patient nie über Schmerzen, zeigt aber Schmerzzeichen?
Mögliche Gründe: (1) Kulturelle Prägung – „Ein Mann weint nicht“, stoisches Verhalten als Tugend. (2) Angst vor Konsequenzen – Krankenhausverlegung, Medikamentenänderung. (3) Kognitive Einschränkung – der Patient erkennt seinen Schmerz nicht als solchen. (4) Resignation – „Damit muss ich leben“. Pflegerische Aufgabe: nonverbale Schmerzzeichen systematisch beobachten (Mimik, Schonhaltung, Appetitlosigkeit, Rückzug) und bei Verdacht ein Fremdeinschätzungsinstrument einsetzen.
Quellenangaben
- DNQP – Expertenstandard Schmerzmanagement in der Pflege: Akute Schmerzen (2. Aktualisierung 2020) und Chronische Schmerzen (1. Aktualisierung 2020).
- Warden V, Hurley AC, Volicer L: Development and Psychometric Evaluation of the PAINAD Scale. JAMDA 2003;4(1):9–15.
- Basler HD et al.: BESD – Beurteilung von Schmerzen bei Demenz. Deutsche Validierung der PAINAD-Skala. Der Schmerz 2006;20(6):519–526.
- Gélinas C et al.: Validation of the Critical-Care Pain Observation Tool (CPOT). Am J Crit Care 2006;15(4):420–427.
- WHO: Cancer Pain Relief – with a guide to opioid availability. 2. Aufl. Geneva, 1996 (Stufenschema-Grundlage).
- WHO: Guidelines for the Pharmacological and Radiotherapeutic Management of Cancer Pain in Adults and Adolescents. Geneva, 2018.
- AWMF S3-Leitlinie LONTS (145-003, 2020): Langzeitanwendung von Opioiden (in Überarbeitung).
- AWMF S3-Leitlinie Palliativmedizin (128-001OL, 2019) (in Überarbeitung, redaktionell überarbeitet 03/2025).
- BMG – Bundesministerium für Gesundheit, Pflege
Hinweis: Diese Seite dient der fachlichen Information. Schmerztherapie erfordert immer eine ärztliche Verordnung. Stand: April 2026.
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Richtige Antwort: C)
Die BESD-Skala (Beurteilung von Schmerzen bei Demenz) erfasst Schmerzverhalten über fünf Kategorien: Atmung, negative Lautäußerungen, Gesichtsausdruck, Körpersprache und Tröstbarkeit. Sie ist das einzige im DNQP-Expertenstandard ausdrücklich genannte Fremdeinschätzungsinstrument für kognitiv eingeschränkte Patienten. A & B: VAS und NRS setzen Selbstauskunft voraus und sind bei Demenz nicht zuverlässig. D: Das MPQ ist ein umfangreicher Forschungsfragebogen, kein pflegerisches Routineinstrument.
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