Sozialrecht & Pflege

Unterschied SGB V und SGB XI – Kranken- vs. Pflegeversicherung

Viele Angehörige und auch Pflegekräfte kennen den Unterschied zwischen Krankenversicherung (SGB V) und Pflegeversicherung (SGB XI) nicht genau. Dabei entscheidet er über Zuständigkeiten, Leistungen und Kosten. Hier die Übersicht.

SGB V
Krankenversicherung
SGB XI
Pflegeversicherung
seit 1995
Pflegeversicherung eingeführt
3 LG
Leistungsgruppen Behandlungspflege

📚 Dieser Artikel gehört zum Cluster „Pflegeleistungen 2026“. Verwandte Themen: Leistungen der Pflegekasse · Pflegegeld & Sachleistungen · Leistungen der Pflegekassen · Behandlungspflege LG 1 & LG 2 · Hilfsmittel & Mobilität

SGB V vs. SGB XI – die Gegenüberstellung

KriteriumSGB V KrankenversicherungSGB XI Pflegeversicherung
Träger Krankenkasse (AOK, TK, Barmer etc.) Pflegekasse (angegliedert an Krankenkasse)
Ziel Heilung, Linderung, Verhütung von Krankheiten Unterstützung bei Pflegebedürftigkeit im Alltag
Voraussetzung Ärztliche Verordnung / Diagnose Pflegegrad (1–5), MD-Begutachtung
Leistungsprinzip Sachleistungsprinzip – volle Kostenübernahme (mit Zuzahlung) Teilkasko – gedeckelter Betrag, Eigenanteil möglich
Häusliche Pflege Häusliche Krankenpflege (§ 37 SGB V): Behandlungspflege (Spritzen, Wundversorgung, Medikamente) Pflegesachleistungen (§ 36 SGB XI): Grundpflege, hauswirtschaftliche Versorgung
Max. Leistung ambulant Unbegrenzt (nach Verordnung) PG 2: 796 € / PG 3: 1.497 € / PG 4: 1.859 € / PG 5: 2.299 € (2025/2026)
Hilfsmittel Medizinische Hilfsmittel (§ 33 SGB V): Rollstuhl, Hörgerät, Prothese Pflegehilfsmittel (§ 40 SGB XI): Pflegebett, Verbrauchsmaterial (42 €/Monat)
Begutachtung Arzt / ggf. MD bei ICD-Diagnose MD/MEDICPROOF (NBA – 6 Module, Punktesystem)

Behandlungspflege (SGB V)

Behandlungspflege ist medizinisch verordnete Pflege, die ärztlich angeordnet und von der Krankenkasse bezahlt wird:

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§ 37 Abs. 1 SGB V

Krankenhausvermeidungspflege: Behandlungspflege + Grundpflege + Hauswirtschaft – bis zu 4 Wochen (verlängerbar), um Krankenhausaufenthalt zu vermeiden.

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§ 37 Abs. 2 SGB V

Sicherungspflege: Behandlungspflege zur Sicherung ärztlicher Behandlung – unbefristet möglich. Häufigste Form: Medikamentengabe, Insulininjektionen, Wundversorgung, Kompressionsverbände.

📑

Verordnungsformular

Muster 12 (Häusliche Krankenpflege). Arzt verordnet, Krankenkasse genehmigt. Erstverordnung max. 14 Tage, Folgeverordnung bis zu 12 Monate.

Merksatz: Behandlungspflege = Krankenkasse bezahlt = alles Medizinische (Spritzen, Verband, Medikamente). Grundpflege + Hauswirtschaft = Pflegekasse bezahlt = alles Alltägliche (Waschen, Anziehen, Kochen).

Psychiatrische häusliche Krankenpflege (§ 37 Abs. 2 SGB V)

Seit 2005 ist auch psychiatrische häusliche Krankenpflege verordnungsfähig. Sie umfasst psychoedukative Maßnahmen, Krisenintervention und Beziehungsgestaltung bei schweren psychischen Erkrankungen. Die Verordnung erfolgt durch Psychiater oder den Hausarzt; die Krankenkasse genehmigt nach Prüfung. In der ambulanten Pflege gewinnt diese Leistung an Bedeutung, weil sie zwischen Klinikaufenthalt und eigenständiger Lebensführung vermittelt.

Pflegeleistungen (SGB XI)

LeistungParagraphInhalt
Pflegegeld § 37 SGB XI Geld für selbst organisierte Pflege (Angehörige). PG 2: 347 € / PG 3: 599 € / PG 4: 800 € / PG 5: 990 € (2025/2026)
Pflegesachleistungen § 36 SGB XI Professionelle Körperpflege, Ernährung, Mobilität, Hauswirtschaft durch Pflegedienst
Kombinationsleistung § 38 SGB XI Anteiliges Pflegegeld + anteilige Sachleistung (z. B. 60 % Sach + 40 % Geld)
Verhinderungspflege § 39 SGB XI Ersatzpflege bei Verhinderung der Hauptpflegeperson. Seit 01.07.2025: Gemeinsamer Jahresbetrag VP/KZP 3.539 € (ab PG 2)
Kurzzeitpflege § 42 SGB XI Stationäre Pflege auf Zeit (z. B. nach Krankenhaus). Seit 01.07.2025: im gemeinsamen Jahresbetrag 3.539 € enthalten (ab PG 2)
Tages-/Nachtpflege § 41 SGB XI Teilstationäre Betreuung – zusätzlich zu Sachleistung/Pflegegeld
Entlastungsbetrag § 45b SGB XI 131 €/Monat für Betreuung, Entlastung, hauswirtschaftliche Hilfe (ab PG 1, seit 01.01.2025)
Pflegehilfsmittel § 40 SGB XI Technisch + Verbrauch (42 €/Monat seit 01.01.2025). Wohnraumanpassung: 4.180 €/Maßnahme

Typische Abgrenzungsprobleme

Häufige Streitfälle

  • Baden/Duschen nach Wundversorgung: → SGB V, wenn medizinisch notwendig (z. B. nach Verband); SGB XI, wenn reine Körperpflege
  • Kompressionsstrümpfe an-/ausziehen: → SGB V (Behandlungspflege LG 1/LG 2)
  • Medikamente richten vs. verabreichen: → Richten = SGB V; Erinnerung an Einnahme = SGB XI
  • Blutzucker messen: → SGB V (Behandlungspflege)
  • Lagerung bei Dekubitus: → SGB V und SGB XI (Doppelfinanzierung möglich)

Finanzierungsprinzip

Vorrang der Krankenversicherung: Ist eine Maßnahme medizinisch erforderlich (ärztliche Verordnung), zahlt die Krankenkasse – auch wenn gleichzeitig ein Pflegegrad besteht. Nur der Anteil, der über die Behandlung hinausgeht (z. B. Grundpflege), fällt in die Pflegeversicherung (§ 13 Abs. 2 SGB XI).

Praxis-Tipp: Ein Pflegedienst rechnet häufig gleichzeitig mit Krankenkasse (Behandlungspflege) und Pflegekasse (Grundpflege/Hauswirtschaft) ab – für denselben Klienten. Die Abrechnungssysteme (SGB V: Leistungskomplexe/Zeitvergütung, SGB XI: Module) müssen sauber getrennt sein.

Digitale Abrechnung – SGB V und SGB XI trennen

Ambulante Pflegedienste müssen die Abrechnung von Behandlungspflege (SGB V) und Grundpflege (SGB XI) strikt trennen – obwohl beide Leistungen beim selben Klienten erbracht werden. Die wichtigsten Unterschiede:

💻

SGB V – Abrechnung

Leistungskomplexe oder Zeitvergütung nach HKP-Richtlinie. Abrechnung direkt mit der Krankenkasse über § 302 SGB V (Datenübermittlung). Verordnung durch Arzt (Muster 12), Genehmigung durch Kasse.

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SGB XI – Abrechnung

Modulare Leistungskomplexe nach Versorgungsvertrag (§ 89 SGB XI). Abrechnung mit der Pflegekasse. Basis: Pflegevertrag mit dem Klienten. Keine ärztliche Verordnung nötig – nur anerkannter Pflegegrad.

⚠️

Häufige Fehler

Doppelabrechnung (gleiche Tätigkeit über SGB V und XI), fehlende Genehmigung der Krankenkasse, falsche Zuordnung der Leistungsgruppe. Jedes Prüfverfahren des MD deckt Abrechnungsfehler auf.

Praxis-Tipp: Moderne Pflegesoftware (z. B. Medifox, Connext Vivendi, Care Office) trennt SGB-V- und SGB-XI-Leistungen automatisch und erzeugt separate Abrechnungsdateien. Achten Sie auf korrekte Zuordnung der ICD-10-Codes (SGB V) und Pflegegrade (SGB XI) in der Dokumentation.

Behandlungspflege – Leistungsgruppen

GruppeBeispieleQualifikation
LG 1 Blutdruckmessung, Kompressionsstrümpfe an-/ausziehen, Medikamentengabe (oral), Augentropfen, Blutzuckermessung Pflegehilfskraft mit LG-1-Qualifikation (z. B. Behandlungspflege-Kurs)
LG 2 Wundversorgung, Injektionen (s.c.), Katheterisierung, PEG-Pflege, Stomapflege, Absaugen (oral) Pflegefachkraft oder Pflegehilfskraft mit LG-2-Qualifikation
LG 3 Infusionstherapie, Beatmungspflege, Port-Versorgung, Tracheostomapflege Ausschließlich examinierte Pflegefachkraft

Gesetzliche Grundlagen im Überblick

ParagraphInhaltBuch
§ 37 Abs. 1Krankenhausvermeidungspflege – bis 4 WochenSGB V
§ 37 Abs. 2Sicherungspflege (Behandlungspflege) – unbefristetSGB V
§ 37cAußerklinische Intensivpflege (Beatmung)SGB V
§ 33Medizinische Hilfsmittel (Rollstuhl, Hörgerät)SGB V
§ 36Pflegesachleistungen (ambulant)SGB XI
§ 37Pflegegeld bei häuslicher PflegeSGB XI
§ 38Kombinationsleistung (Geld + Sachleistung)SGB XI
§ 39/§ 42Gemeinsamer Jahresbetrag VP/KZP 3.539 €SGB XI
§ 40Pflegehilfsmittel + WohnraumanpassungSGB XI
§ 45bEntlastungsbetrag 131 €/MonatSGB XI
§ 13 Abs. 2Vorrang der KrankenversicherungSGB XI

Häufige Fragen

Brauche ich einen Pflegegrad für Behandlungspflege?

Nein! Behandlungspflege (SGB V) ist unabhängig vom Pflegegrad. Sie brauchen nur eine ärztliche Verordnung (Muster 12). Auch junge Menschen ohne Pflegegrad erhalten Behandlungspflege – z. B. nach einer OP oder bei Diabetes.

Kann ich Pflegegeld und Pflegedienst gleichzeitig nutzen?

Ja – als Kombinationsleistung (§ 38 SGB XI). Wenn der Pflegedienst z. B. 60 % der Sachleistung ausschöpft, erhalten Sie noch 40 % des Pflegegelds. Zusätzlich können Sie Behandlungspflege (SGB V) vom gleichen Pflegedienst erhalten – das ist eine separate Leistung.

Was ist der Unterschied zwischen Pflegebett auf Rezept und Pflegebett von der Pflegekasse?

Funktional identisch – der Finanzierungsweg unterscheidet sich. Bei medizinischer Indikation (z. B. Lagerung nach OP): Rezept → Krankenkasse (§ 33 SGB V). Bei pflegerischer Indikation (z. B. Pflegeerleichterung bei PG 3): Pflegekasse (§ 40 SGB XI, Eigenanteil 25 €). In der Praxis stellt oft das Sanitätshaus den passenden Antrag.

Was zahlt die Pflegekasse bei Pflegegrad 1?

PG 1 hat einen Sonderstatus: Kein Pflegegeld, keine Pflegesachleistungen, keine Verhinderungs-/Kurzzeitpflege. Aber: Entlastungsbetrag (131 €/Monat seit 01.01.2025), Pflegehilfsmittel (42 €/Monat), Wohnraumanpassung (4.180 €), Pflegeberatung (§ 7a), Pflegekurse (§ 45). Behandlungspflege (SGB V) ist unabhängig und ebenfalls möglich.

Was ändert sich beim Gemeinsamen Jahresbetrag VP/KZP seit Juli 2025?

Seit dem 01.07.2025 sind Verhinderungspflege (§ 39 SGB XI) und Kurzzeitpflege (§ 42 SGB XI) in einem gemeinsamen Jahresbetrag von 3.539 € zusammengefasst. Die frühere Trennung in getrennte Töpfe (VP 1.685 € + KZP 1.854 €) entfällt. Das Budget kann flexibel für beide Leistungsarten eingesetzt werden.

Wer entscheidet, ob eine Leistung über SGB V oder SGB XI läuft?

Grundsätzlich gilt: Hat der Arzt eine Verordnung (Muster 12) ausgestellt, läuft die Leistung über die Krankenkasse (SGB V). Ohne Verordnung, aber mit Pflegegrad, übernimmt die Pflegekasse (SGB XI). Bei gemischten Tätigkeiten – z. B. Waschen nach Wundversorgung – muss der Pflegedienst die Zeiten dokumentarisch trennen. Im Streitfall entscheidet § 13 Abs. 2 SGB XI: Krankenversicherung hat Vorrang.

Können Angehörige Behandlungspflege durchführen?

In Ausnahmefällen ja – wenn der Arzt die Anleitung dokumentiert und die Krankenkasse zustimmt. Üblich ist das z. B. bei Insulininjektionen, Blutzuckermessungen oder Augenträpfen. Für komplexere Maßnahmen (Wundversorgung, Absaugen, Port-Pflege) ist eine Fachkraftqualifikation vorgeschrieben. Die Schulung der Angehörigen übernimmt der ambulante Pflegedienst – die Kosten trägt die Krankenkasse.

Was passiert, wenn die Krankenkasse die Behandlungspflege ablehnt?

Innerhalb von vier Wochen Widerspruch einlegen – formlos, aber am besten mit ärztlicher Stellungnahme. Häufigster Ablehnungsgrund: Die Kasse hält die Maßnahme für nicht medizinisch notwendig. Wird der Widerspruch abgelehnt, bleibt der Klageweg zum Sozialgericht. Bis zur Entscheidung läuft die Verordnung weiter – der Pflegedienst erbringt die Leistung auf eigenes Risiko oder stellt sie ein.

Testen Sie Ihr Wissen

Zum Schluss eine Wissensfrage: Wie gut kennen Sie sich zu SGB V und SGB XI aus?

Selbsttest

Was ist der zentrale Unterschied zwischen Leistungen nach SGB V und SGB XI?

SGB V = Pflegeleistungen, SGB XI = Krankenversicherung
SGB V = Krankenbehandlung, SGB XI = Pflegeleistungen
SGB V betrifft nur Kinder
Kein inhaltlicher Unterschied
Auflösung: Das SGB V regelt die gesetzliche Krankenversicherung und damit Leistungen der Krankenbehandlung und häuslichen Krankenpflege. Das SGB XI regelt die soziale Pflegeversicherung – also Pflegegeld, Sachleistungen und weitere Unterstützung bei dauerhafter Pflegebedürftigkeit.
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Tim Reinhold

Dozent für Pflegeweiterbildung. Als Fachautor widme ich mich besonders dem Thema Unterschied SGB V und SGB XI – Kranken- vs. Pflegeversicherung – verständlich aufbereitet für den Pflegealltag.