Mobilisation & Bewegungsförderung in der Pflege
Immobilität ist einer der stärksten Risikofaktoren für Komplikationen in der Pflege – von Thrombose und Pneumonie über Kontrakturen bis zu Dekubitus. Mobilisation ist deshalb keine optionale Übung, sondern eine pflegerische Kernkompetenz. Dieser Ratgeber zeigt, wie Sie Mobilität erhalten, fördern und sicher gestalten.
Warum Mobilisation so wichtig ist
Bereits nach 24 Stunden Bettlägerigkeit beginnt der Körper Muskelmasse abzubauen – bei älteren Menschen etwa 1–3 % pro Tag. Nach 10 Tagen Immobilität kann die Muskelkraft um bis zu 40 % reduziert sein (Creditor 1993). Die Folgen sind kaskadenartig:
Körperliche Folgen von Immobilität
- Muskuloskelettal: Muskelatrophie, Kontrakturen, Osteoporose-Progression
- Kardiovaskulär: Thrombose-Risiko verdreifacht, Orthostase-Probleme
- Pulmonal: Atelektasen, Pneumonie (besonders gefährlich bei älteren Patienten)
- Haut: Dekubitus durch Druckbelastung bei fehlendem Lagewechsel
- Verdauung: Obstipation durch fehlende Darmmotilität
- Psyche: Depression, Angst, kognitive Verschlechterung
Vorteile regelmäßiger Mobilisation
- Erhalt und Aufbau von Muskelkraft und Gelenkbeweglichkeit
- Förderung der Durchblutung und Thromboseprophylaxe
- Verbesserung der Atemfunktion (Pneumonieprophylaxe)
- Stärkung von Gleichgewicht und Koordination → weniger Stürze
- Erhalt der Selbstständigkeit und Teilhabe am Alltag
- Positiver Einfluss auf Stimmung, Schlaf und Appetit
Mobilitätsgrade – Wo steht der Pflegebedürftige?
Vor jeder Mobilisationsmaßnahme steht die Einschätzung der aktuellen Mobilität. Der DNQP-Expertenstandard „Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege“ (2. Aktualisierung 2022) empfiehlt eine systematische Erfassung:
| Mobilitätsstufe | Beschreibung | Pflegerisches Ziel |
|---|---|---|
| Stufe 1 – Vollständig mobil | Selbstständiges Gehen, Treppensteigen, Aufstehen ohne Hilfe | Mobilität erhalten, Sturzrisiko minimieren |
| Stufe 2 – Überwiegend mobil | Gehen möglich, aber unsicher oder mit Hilfsmittel; Hilfe beim Aufstehen | Sicherheit gewährleisten, Hilfsmittel anpassen, Kraft aufbauen |
| Stufe 3 – Geringfügig mobil | Transfer mit Hilfe, Gehen nur kurze Strecken, sitzt überwiegend | Sitzfähigkeit erhalten, Transferübungen, Stehübungen am Bett |
| Stufe 4 – Vollständig immobil | Bettlägerig, keine aktive Positionsveränderung möglich | Mikrolagerung, passive Bewegungsübungen, Dekubitusprophylaxe, Kontrakturenprophylaxe |
Merksatz: Mobilisation beginnt im Bett, nicht erst beim Aufstehen. Schon das aktive Drehen auf die Seite, das Anziehen der Füße (Dorsalflexion) oder das Händeöffnen/-schließen zählen als Mobilisation und verhindern den Abbau-Kreislauf.
Sicherer Transfer – Schritt für Schritt
Ein unsachgemäßer Transfer gefährdet sowohl den Pflegebedürftigen (Sturzgefahr, Schmerzen) als auch die Pflegeperson (Rückenschäden). Kinästhetik und Bobath-Konzepte bieten erprobte Prinzipien für rückenschonende, fördernde Transfers.
Grundregeln jedes Transfers
- Vorbereitung: Bett auf Arbeitshöhe, Bremsen fest, Schuhe mit rutschfester Sohle, Hilfsmittel bereitstellen
- Rückenschonend arbeiten: Breiter Stand, gerader Rücken, Kraft aus den Beinen – nie aus dem Rücken heben
- Eigenaktivität fördern: Alles, was der Betroffene selbst tun kann, soll er selbst tun – Führung statt Übernahme
- Bewegungsrichtung ankündigen: „Wir drehen jetzt zur Seite“ – nie unvermittelt bewegen
- Schwerkraft nutzen: Körpergewicht verlagern statt heben; Schwung und Impuls nutzen
Transfer Bett → Stuhl/Rollstuhl
Knie anwinkeln, Kopf leicht anheben, Pflegeperson führt die Schulter und das Becken in die Seitenlage. Beine über die Bettkante schwingen lassen.
Stützhand der Pflegeperson am Schulterblatt, andere Hand am Oberschenkel. Körpergewicht über die Bettkante verlagern – der Betroffene drückt sich mit dem unteren Arm hoch.
Füße stehen flach auf dem Boden, Hüftbreite. Kurze Pause einlegen – Kreislauf stabilisieren. Auf Schwindel oder Blässe achten (Orthostase!).
Rollstuhl schräg am Bett positionieren, Bremsen fest. Betroffener beugt sich vor („Nase über Zehenspitzen“), steht auf, dreht sich um 90° und setzt sich kontrolliert in den Rollstuhl.
Kinästhetik in der Pflege – Grundprinzipien
Das Kinästhetik-Konzept nach Hatch und Maietta basiert auf sechs Schlüsselkonzepten, die pflegerische Bewegungsunterstützung menschenwürdig und rückenschonend gestalten:
Interaktion
Bewegung entsteht im Dialog. Nicht für den Menschen bewegen, sondern mit ihm – durch Berührung, Gewichtsverlagerung und gemeinsamen Rhythmus.
Funktionale Anatomie
Körper in Massen (Kopf, Brustkorb, Becken, Extremitäten) und Zwischenräume gliedern. Bewegung entsteht durch Gewichtsverlagerung zwischen den Massen.
Menschliche Bewegung
Parallele vs. spiralförmige Bewegungsmuster. Spirale = natürlich und kraftsparend (z. B. Drehen aus der Rückenlage).
Anstrengung
Druck- und Zugkräfte bewusst einsetzen. Weniger Kraftaufwand durch richtige Positionierung und Nutzung der Schwerkraft.
Menschliche Funktion
Jede Position (Liegen, Sitzen, Stehen) hat unterschiedliche Funktionen für Atmung, Stoffwechsel und Wahrnehmung.
Umgebung
Bett, Stuhl, Fußboden – die Umgebung als Ressource für Bewegung nutzen (Höhe anpassen, Reibung reduzieren).
Statt einen Menschen im Bett nach oben zu „schieben“ (hoher Kraftaufwand, Scherkräfte auf der Haut), bitten Sie ihn, die Füße aufzustellen und das Becken anzuheben – dann reicht ein leichter Impuls am Becken, um ihn kopfwärts zu bewegen. Das spart 80 % Kraft und aktiviert den Betroffenen.
Gehhilfen und Mobilitätshilfsmittel
Das richtige Hilfsmittel kann den Unterschied zwischen Bettlägerigkeit und Selbstständigkeit ausmachen. Die Verordnung erfolgt durch den Arzt, die Kosten trägt in der Regel die Kranken- oder Pflegekasse.
| Hilfsmittel | Geeignet für | Voraussetzung | Kostenübernahme |
|---|---|---|---|
| Gehstock | Leichte Gleichgewichtsstörung, einseitige Entlastung | Ausreichende Armkraft, stabile Standphase | Kassenleistung (ärztl. Verordnung) |
| Rollator | Allgemeine Gangunsicherheit, reduzierte Ausdauer | Beide Hände einsetzbar, kognitive Fähigkeit zur Bedienung | Kassenleistung, Zuzahlung max. 10 € |
| Rollstuhl (Standard) | Längere Strecken nicht mehr gehfähig | Stabile Sitzfähigkeit | Kassenleistung (ärztl. Verordnung) |
| Aufstehhilfe / Lifter | Schwer mobilisierbare Personen, Transfer bei Adipositas | Pflegeperson geschult in der Bedienung | Kassenleistung bei med. Indikation |
| Rutschbrett / Transferhilfe | Seitlicher Transfer (Bett → Rollstuhl) | Sitzstabilität, keine Hautverletzungen im Gesäßbereich | Kassenleistung / Pflegekasse |
Tipp: Lassen Sie Gehhilfen immer von einem Physiotherapeuten oder Sanitätshaus individuell anpassen. Ein falsch eingestellter Rollator (zu hoch/zu niedrig) erhöht das Sturzrisikofaktoren statt es zu senken. Höhe des Rollators = Höhe des Handgelenks bei hängendem Arm.
Mobilisationsübungen – auch im Bett möglich
Für bettlägerige oder schwer eingeschränkte Menschen gibt es zahlreiche Übungen, die auch im Liegen oder Sitzen durchführbar sind. 2–3 Mal täglich, je 10–15 Minuten reichen aus, um den Abbau-Kreislauf zu durchbrechen:
Im Liegen
- Fußpumpe: Füße abwechselnd anziehen und strecken (fördert venösen Rückfluss, Thromboseprophylaxe)
- Fersen schieben: Ferse abwechselnd Richtung Gesäß ziehen und strecken
- Brücke heben: Knie aufstellen, Becken anheben, 5 Sekunden halten
- Arme kreisen: Arme nach oben führen, Kreisbewegungen mit den Händen
- Drehung zur Seite: Mit angezogenen Knien kontrolliert auf die Seite rollen und zurück
Im Sitzen (Bettkante/Stuhl)
- Knie strecken: Abwechselnd ein Bein ausstrecken und halten (Quadriceps-Kräftigung)
- Oberkörperrotation: Hände vor der Brust, Oberkörper abwechselnd nach links und rechts drehen
- Stuhlmarsch: Knie abwechselnd anheben („auf der Stelle marschieren“)
- Ball drücken: Weichen Ball zwischen den Händen pressen (Handkraft erhalten)
- Aufstehübung: Aus dem Sitzen aufstehen, 3 Sekunden stehen, wieder setzen – 5–10 Wiederholungen
Kontraindikationen beachten: Mobilisation nur nach ärztlicher Freigabe bei: frischen Frakturen, instabiler Angina pectoris, akuter Thrombose, starkem Schwindel oder unkontrolliertem Blutdruckentgleisungen (systolisch >200 mmHg). Bei Schmerzen: Intensität reduzieren, nicht über dem Schmerzniveau arbeiten. Schmerz ist kein Zeichen von Fortschritt, sondern ein Warnsignal.
Häufige Fragen zur Mobilisation
Wie oft sollte mobilisiert werden?
Der DNQP-Expertenstandard empfiehlt, dass jede Pflegefachkraft bei jedem Kontakt die Mobilität fördert. Als Minimum gelten: 2–3 gezielte Mobilisationseinheiten pro Tag (je 10–15 Minuten) plus Mikrobewegungen bei jeder Lagerung. Wichtig: Lieber häufig und kurz als selten und lang.
Mein Angehöriger weigert sich, aufzustehen. Was tun?
Häufige Ursachen: Schmerz (Schmerzassessment!), Angst vor dem Fallen, Depression, Antriebslosigkeit. Kleine Schritte setzen: Erst im Bett üben, dann Bettkante, dann kurzes Stehen. Erfolge loben. Motivation über konkrete Ziele („Zum Fenster gehen und raussehen“). Bei anhaltender Weigerung: ärztliche Abklärung (Depression? Schmerzen? Medikamenten-NW?).
Zahlt die Pflegekasse Physiotherapie?
Physiotherapie wird über die Krankenkasse (nicht Pflegekasse) verordnet. Der Hausarzt stellt das Rezept aus. Pflegebedürftige ab Pflegegrad 2 sind häufig von der gesetzlichen Zuzahlung befreit (Belastungsgrenze überschritten). Hausbesuche durch mobile Physiotherapeuten sind möglich und bei Immobilität üblich.
Ist Kinästhetik als Angehöriger erlernbar?
Ja. Es gibt spezielle Kinästhetik-Kurse für pflegende Angehörige (z. B. über Pflegekassen, VHS oder Alzheimer Gesellschaft). Auch im Rahmen der kostenlosen Pflegekurse nach § 45 SGB XI werden Grundlagen der rückenschonenden Mobilisation vermittelt. Schon die Grundprinzipien (Gewicht verlagern statt heben, spiralförmig bewegen) entlasten spürbar.
Quellenangaben
- DNQP – Expertenstandard Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege, 2. Aktualisierung 2022
- Creditor MC: Hazards of Hospitalization of the Elderly. Ann Intern Med 1993;118(3):219–226.
- Hatch F, Maietta L: Kinästhetik – Gesundheitsentwicklung und menschliche Aktivitäten. Urban & Fischer, 2011.
- S3-Leitlinie Prophylaxe der venösen Thromboembolie (AWMF 003–001)
- Bobath B: Adult Hemiplegia: Evaluation and Treatment. 3rd ed., Butterworth-Heinemann, 1990.
Hinweis: Diese Seite dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung durch Physiotherapeuten oder Ärzte. Bei akuten Bewegungseinschränkungen immer fachärztliche Abklärung einleiten. Stand: April 2026.
Testen Sie Ihr Wissen
Testen Sie sich selbst – diese Wissensfrage fasst die wichtigsten Punkte zu Mobilisation zusammen:
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Richtige Antwort: B)
Die Stufenmobilisation führt Patienten schrittweise vom Liegen über Seitenlage, Sitz an der Bettkante, Stand mit Hilfe bis zum freien Gehen. Dieses Vorgehen minimiert orthostatische Dysregulation und ermöglicht eine kreislaufschonende Belastungssteigerung. A: Kinästhetik fokussiert auf Bewegungsunterstützung und Eigenwahrnehmung, nicht primär auf die Stufenfolge. C: Bobath ist ein neurologisches Rehabilitationskonzept. D: Basale Stimulation fördert Wahrnehmung bei schwerstbetroffenen Personen, nicht systematische Vertikalisierung.
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