Pflegepraxis

Hygiene in der häuslichen Pflege

Hygiene schützt Pflegebedürftige und pflegende Angehörige vor Infektionen. Im häuslichen Umfeld gelten andere Rahmenbedingungen als im Krankenhaus – aber die Grundprinzipien bleiben gleich. Dieser Ratgeber zeigt, worauf es bei Händehygiene, Desinfektion, Wäsche und Wundpflege zu Hause wirklich ankommt.

80 %
Infektionen über die Hände übertragen
30 Sek.
Mindestdauer Händedesinfektion
42 €
Pflegehilfsmittel/Monat

Händehygiene – Die wichtigste Einzelmaßnahme

Rund 80 % aller Infektionen werden über die Hände übertragen (WHO 2009). In der häuslichen Pflege ist die Händehygiene daher die wirksamste Schutzmaßnahme – sowohl für den Pflegebedürftigen als auch für die Pflegeperson.

Die 5 Momente der Händehygiene (WHO)

1
Vor dem Patientenkontakt

Bevor Sie den Pflegebedürftigen berühren – z. B. vor dem Waschen, beim Transfer, beim Anziehen.

2
Vor aseptischen Tätigkeiten

Vor Wundversorgung, Katheterpflege, Medikamentengabe, Insulininjektion.

3
Nach Kontakt mit Körperflüssigkeiten

Nach dem Toilettengang/Inkontinenzversorgung, Wundkontakt, Mundpflege, Absaugung.

4
Nach dem Patientenkontakt

Nach jeder pflegerischen Maßnahme, auch wenn keine Körperflüssigkeiten im Spiel waren.

5
Nach Kontakt mit der Patientenumgebung

Nach Berühren von Bett, Nachttisch, Pflegeutensilien – auch ohne direkten Körperkontakt.

Händedesinfektion vs. Händewaschen: Im Pflegealltag ist die alkoholische Händedesinfektion (30 Sekunden, alle Flächen benetzen) dem Händewaschen überlegen – sie wirkt schneller, gründlicher und ist hautschonender. Händewaschen mit Seife ist zusätzlich nötig bei: sichtbarer Verschmutzung, nach dem Toilettengang und bei Durchfallerkrankungen (Noroviren, Clostridioides difficile – hier wirkt Alkohol nicht).

Schutzausrüstung in der häuslichen Pflege

Professionell eingesetzte Schutzausrüstung schützt vor Kontamination und Infektionsübertragung. In der häuslichen Pflege sind folgende Materialien empfehlenswert:

MaterialEinsatzKostenübernahme
EinmalhandschuheInkontinenzversorgung, Wundpflege, Kontakt mit Körperflüssigkeitenüber Pflegehilfsmittel (42 €/Monat)
HändedesinfektionsmittelVor und nach jedem Pflegekontaktüber Pflegehilfsmittel
FlächendesinfektionsmittelToilette, Waschbecken, Pflegebett, Haltegriffeüber Pflegehilfsmittel
EinmalschürzenGanzkörperpflege, starke Inkontinenzversorgungüber Pflegehilfsmittel
Mundschutz (MNS)Bei Erkältung der Pflegeperson, bei immungeschwächten Pflegebedürftigenüber Pflegehilfsmittel
BettschutzeinlagenInkontinenz, nächtlicher Schutzüber Pflegehilfsmittel

Pflegehilfsmittel-Pauschale: Ab Pflegegrad 1 haben Sie Anspruch auf monatlich 42 € für zum Verbrauch bestimmte Pflegehilfsmittel (Handschuhe, Desinfektion, Schürzen, Bettschutz). Der Antrag ist einfach: formloser Antrag bei der Pflegekasse oder direkt über einen Pflegehilfsmittel-Lieferanten, der dann monatlich liefert. Mehr zum Pflegehilfsmittel-Antrag

Flächendesinfektion – Wann und wo?

Im häuslichen Bereich ist keine sterile Umgebung nötig. Gezielte Desinfektion an den richtigen Stellen reicht aus:

Täglich desinfizieren

  • Toilettensitz und Spülknopf
  • Waschbecken und Armaturen im Pflegebad
  • Haltegriffe und Türklinken
  • Pflegebett-Gitter und Bedienpanel
  • Nachttisch-Oberfläche

Bei Bedarf desinfizieren

  • Nach Erbrechen oder Durchfall: alle kontaminierten Flächen sofort
  • Rollstuhl-Armlehnen und Rollator-Griffe (wöchentlich oder bei Verschmutzung)
  • Küchenarbeitsflächen bei Zubereitung von Sondenkost
  • Stethoskop, Blutdruckmessgerät, Fieberthermometer (nach jedem Gebrauch)

Einwirkzeit beachten! Desinfektionsmittel wirken nur, wenn die vom Hersteller angegebene Einwirkzeit eingehalten wird (meist 1–5 Minuten). Die Fläche muss während der gesamten Zeit feucht bleiben. Nicht trocken wischen!

Wäsche, Abfall und Küchenhygiene

Wäschehygiene

  • Normale Pflegewäsche: 60 °C mit Vollwaschmittel (Bleichmittel-haltig) reicht zur Keimreduktion
  • Infektiöse Wäsche (Durchfall, MRSA): 60 °C, ggf. Desinfektionswaschmittel (VAH-gelistet)
  • Inkontinenzwäsche: Grobe Verschmutzung erst kalt ausspülen, dann bei 60 °C waschen
  • Kontaminierte Wäsche separat sammeln (verschließbarer Wäschesack), nicht auschütteln
  • Waschmaschine regelmäßig bei 90 °C leer durchlaufen lassen (Biofilm-Prävention)

Abfallentsorgung

  • Normale Pflegeabfälle (Einmalhandschuhe, Inkontinenzmaterial): Restmüll im geschlossenen Beutel
  • Spitze/scharfe Gegenstände (Insulinnadeln, Lanzetten): Durchstichsicherer Abwurfbehälter (Sharps-Container), nie in den Hausmüll lose
  • Medikamentenreste: Apotheke zurückgeben (kostenlos) oder Restmüll – nie ins Abwasser

Küchenhygiene

  • Spüllappen täglich wechseln oder bei 60 °C waschen
  • Kühlschranktemperatur ≤ 7 °C, Fleisch/Fisch unten lagern
  • Bei Schluckstörungen: Angedickte Getränke frisch zubereiten (Keimwachstum!)

MRSA und multiresistente Erreger zu Hause

Immer häufiger werden Pflegebedürftige mit MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) oder anderen multiresistenten Erregern (MRE) aus dem Krankenhaus entlassen. Das klingt bedrohlich, ist aber im häuslichen Umfeld gut handhabbar:

  • Kein Isolationszimmer nötig – zu Hause ist eine strikte Isolation nicht erforderlich, da Angehörige als gesunde Kontaktpersonen im Normalfall nicht gefährdet sind
  • Standardhygiene konsequent einhalten: Händedesinfektion, Einmalhandschuhe bei Wundkontakt, separate Handtücher, Waschlappen und Rasierer
  • Sanierung: Ärztlich verordnete Sanierung (Nasensalbe, antiseptische Waschung) konsequent durchführen – Erfolg nach 3 negativen Abstrichen bestätigt
  • Besucher informieren: Händedesinfektion anbieten, aber keine Angst schüren. MRSA-Träger sind nicht „gefährlich“ für gesunde Kontaktpersonen
  • Wunden abdecken: Offene Wunden immer mit Verband abdecken – das schützt beide Seiten

Vorsicht bei immungeschwächten Mitbewohnern: Leben weitere Personen mit Immunschwäche (Chemotherapie, HIV, Organ-Transplantation) oder offenen Wunden im Haushalt, müssen strengere Hygienemaßnahmen mit dem Hausarzt oder dem Gesundheitsamt besprochen werden.

Körperpflege – hygienisch und würdevoll

Die tägliche Körperpflege ist ein sensibler Moment – sie berührt die Intimität des Menschen. Hygienische Korrektheit und persönliche Würde müssen dabei gleichzeitig gewährleistet sein:

  • Reihenfolge: Von „sauber“ nach „unrein“ – Gesicht zuerst, dann Oberkörper, Arme, Beine, zuletzt Intimbereich
  • Waschlappen-Regel: Für den Intimbereich immer einen separaten Waschlappen verwenden – bei Frauen von vorne nach hinten waschen (Harnwegsinfekt-Prävention)
  • Hautpflege: Nach dem Waschen die Haut vollständig abtrocknen (besonders Hautfalten, Zehenzwischenräume). Feuchte Hautfalten fördern Pilzinfektionen. Lotion auf trockene Hautstellen (pH-neutrales Produkt)
  • Mundpflege: Mindestens 2x täglich Zähne/Prothese reinigen. Bei bettlägerigen Personen: Mundpflegestäbchen mit Wasser oder Tee, Lippen feucht halten
  • Intimhygiene: Täglich, bei Inkontinenz nach jedem Versorgungswechsel. Hautpflegeprodukte (Barrierecreme) bei Inkontinenz-assoziierter Dermatitis
Praxistipp

Fragen Sie immer, was der Pflegebedürftige selbst übernehmen kann und möchte. Auch wenn es länger dauert – jede Eigenaktivität stärkt Selbstwertgefühl und Muskulatur. „Möchtest du dir das Gesicht selbst waschen?“ ist keine Frage der Effizienz, sondern der Würde.

Häufige Fragen zur Hygiene in der häuslichen Pflege

Brauche ich zu Hause einen Hygieneplan?

Für pflegende Angehörige: nein, ein formaler Hygieneplan ist nicht vorgeschrieben. Trotzdem ist es sinnvoll, sich eine Routine zu schaffen: Hände desinfizieren vor und nach der Pflege, Handschuhe bei Inkontinenzversorgung, tägliche Flächendesinfektion von Toilette und Haltegriffen. Ambulante Pflegedienste sind gesetzlich verpflichtet, einen Hygieneplan vorzuhalten (§ 36 IfSG).

Reicht normales Händewaschen nicht aus?

Für den Alltag: oft ja. Für die Pflege: nein. Händewaschen mit Seife reduziert die Keimzahl um ca. 90 %, Händedesinfektion um 99,9 %. Bei pflegerischen Maßnahmen (Wundversorgung, Inkontinenzversorgung, Katheterpflege) ist Händedesinfektion deutlich wirksamer und hautschonender als häufiges Waschen.

Ich habe Hautprobleme durch häufige Desinfektion – was tun?

Alkoholische Händedesinfektion ist hautschonender als häufiges Waschen. Bei trockener Haut: Nach dem letzten Pflegekontakt des Tages eine rückfettende Handcreme verwenden (nicht direkt vor der Desinfektion). Es gibt auch Händedesinfektionsmittel mit rückfettenden Zusätzen. Handschuhe konsequent tragen – sie schützen die Haut zusätzlich.

Muss kontaminierte Wäsche separat gewaschen werden?

Ja, Wäsche mit sichtbarer Kontamination (Stuhl, Urin, Blut, Erbrochenes) sollte separat bei mindestens 60 °C mit Vollwaschmittel gewaschen werden. Bei bekannter MRSA-Besiedelung oder Durchfallerkrankungen zusätzlich ein Desinfektionswaschmittel verwenden. Normale Bettwäsche und Kleidung können gemeinsam gewaschen werden.

Quellenangaben

Hinweis: Diese Seite dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Hygieneberatung. Bei MRSA oder anderen MRE-Befunden sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt oder Gesundheitsamt. Stand: April 2026.

Testen Sie Ihr Wissen

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Wissenscheck
Wie lange muss eine hygienische Händedesinfektion laut RKI-Empfehlung mindestens einwirken?
A) 15 Sekunden
B) 30 Sekunden
C) 60 Sekunden
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Richtige Antwort: B

Die hygienische Händedesinfektion muss laut RKI-Empfehlung mindestens 30 Sekunden einwirken, damit die Wirksamkeit des Präparats gewährleistet ist. 15 Sekunden (A) reichen nicht aus. 60 Sekunden (C) sind die Standardeinwirkzeit für die chirurgische Händedesinfektion, nicht für die hygienische.

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Tim Reinhold

Dozent für Pflegeweiterbildung · Fachautor für Hygiene in der häuslichen Pflege im Wissenszentrum Pflege. Wissen, das in der Praxis ankommt.