Schlaganfall – Pflege und Rehabilitation
FAST-Test, Bobath-Konzept, Schluckstörungen erkennen und die pflegerische Versorgung nach Apoplex fachgerecht gestalten.
Was ist ein Schlaganfall?
Ein Schlaganfall (Apoplex, Hirninfarkt) ist eine plötzliche Durchblutungsstörung des Gehirns mit nachfolgendem Untergang von Nervenzellen. Ca. 80 % sind ischämisch (Gefäßverschluss durch Thrombus/Embolus), ca. 20 % sind hämorrhagisch (Hirnblutung).
Die Folgen hängen vom betroffenen Hirnareal ab: Hemiparese/Hemiplegie (halbseitige Lähmung), Aphasie (Sprachstörung), Dysphagie (Schluckstörung), Neglect (Vernachlässigung einer Körperhälfte), kognitive Defizite. Frühe Rehabilitation beginnt bereits auf der Stroke Unit – die Pflege spielt eine zentrale Rolle in der Langzeit-Rehabilitation.
🚨 Time is Brain! Bei Schlaganfall-Verdacht sofort 112 anrufen. Jede Minute zählt – in der ersten Stunde sterben bis zu 1,9 Millionen Nervenzellen pro Minute ab.
Häufige Fehler in der Schlaganfall-Pflege
- Betroffene Seite ignorieren – Pflege nur von der gesunden Seite verstärkt den Neglect und hemmt die Rehabilitation
- Schluckstörung nicht erkennen – stille Aspiration (ohne Husten) führt zu Aspirationspneumonie
- Spastik provozieren – hastige Bewegungen, Kaltreize und assoziierte Reaktionen verstärken den Muskeltonus
- Zu früh zu viel übernehmen – „Helfen statt Fördern“ verhindert neuronale Plastizität und Selbstständigkeit
- Kommunikation aufgeben – Aphasie bedeutet nicht Unverständnis; Betroffene verstehen oft mehr, als sie ausdrücken können
- Depression übersehen – Post-Stroke-Depression betrifft ca. 30 % und verschlechtert die Rehabilitation deutlich
Praxis: Pflege nach linkshemisphärischem Insult
Herr Q., 74 Jahre, Pflegegrad 3, Z. n. ischämischem Mediainfarkt links vor 6 Wochen. Rechtsseitige Hemiparese (Arm mehr als Bein), Broca-Aphasie (versteht, kann aber kaum sprechen), leichte faziale Parese rechts. Pflegerin Frau A. nähert sich von der betroffenen Seite (rechts), stellt Nachttisch und Gegenstände rechts. Bei der Morgentoilette leitet sie Herrn Q. an, den Waschlappen mit der gesunden linken Hand zu führen, während die rechte Hand auf dem Waschbeckenrand abgestützt wird (Bobath). Vor dem Frühstück: Schlucktest mit Wasser (kleine Mengen, aufrechte Position). Frau A. spricht langsam, verwendet kurze Sätze und gibt Zeit zum Antworten. Herr Q. nickt, zeigt auf Bilder – Kommunikation gelingt trotz Aphasie.
➔ Fazit: Bobath-Konzept + Schluckassessment + kommunikative Geduld = aktivierende Pflege, die neuronale Plastizität fördert.
FAST-Test: Schlaganfall erkennen
F – Face (Gesicht)
Bitten Sie die Person zu lächeln. Hängt ein Mundwinkel herab? Ist das Gesicht asymmetrisch?
A – Arms (Arme)
Beide Arme nach vorne strecken, Handflächen nach oben. Sinkt ein Arm ab oder kann nicht gehoben werden?
S – Speech (Sprache)
Einen einfachen Satz nachsprechen lassen. Ist die Sprache verwaschen, fehlen Wörter oder macht der Satz keinen Sinn?
T – Time (Zeit)
Bei einem positiven Zeichen: sofort 112 anrufen! Zeitpunkt des Symptombeginns notieren – entscheidend für die Lyse-Therapie.
Pflegerische Schwerpunkte nach Schlaganfall
| Problem | Maßnahme | Konzept/Leitlinie |
|---|---|---|
| Hemiparese/-plegie | Bobath-Lagerung, Transfer über betroffene Seite, Reize setzen, Spastik vermeiden | Bobath-Konzept (24-h-Pflege) |
| Dysphagie | Wasserschluck-Test, Kostanpassung (passiert/angedickt), aufrechte Position min. 30 Min. nach Essen | Logopädie, DNQP Ernährungsmanagement |
| Aphasie | Kurze Sätze, Ja/Nein-Fragen, Bildkarten, Geduld, nicht über den Betroffenen sprechen | Logopädie, Kommunikationshilfen |
| Neglect | Reize von betroffener Seite setzen, Nachttisch/TV auf betroffener Seite, berühren | Bobath, Ergotherapie |
| Sturzgefahr | Gangschule, Hilfsmittel, Schuhwerk prüfen, Umgebung sichern | DNQP Sturzprophylaxe |
| Post-Stroke-Depression | Beobachtung (Rückzug, Antriebslosigkeit, Weinen), Arzt informieren, Zuwendung | Screenig-Instrumente, psychiatrische Mitbehandlung |
Bobath-Konzept: Grundprinzipien für die Pflege
Ansprache, Berührung, Gegenstände und Mobilisation über die betroffene Seite. Nachttisch auf der betroffenen Seite aufstellen. Neglect entgegenwirken.
Auf der betroffenen Seite liegen (30°-Seitenlage) fördert Wahrnehmung. Schulter nach vorne, Arm gestreckt, Knie leicht gebeugt. Spastik-fördernde Muster vermeiden (Faust, Spitzfuß).
Aufstehen und Transfers möglichst über die betroffene Seite – fördert das Körperschema und die Integration der betroffenen Extremitäten.
Die betroffene Hand wird geführt, nicht die gesunde ersetzt sie. Z. B.: Waschlappen in die betroffene Hand geben und die Bewegung anleiten. Neuronale Plastizität braucht Übung.
Langsame, ruhige Bewegungen. Keine Kaltreize. Fehlmuster (Flexion Arm, Extension Bein) nicht fördern. Schulter nie am Arm ziehen – Subluxationsgefahr!
Das Wichtigste auf einen Blick
- FAST-Test kennen und anwenden – Time is Brain, sofort 112 anrufen
- Betroffene Seite einbeziehen – nicht die gesunde Seite bevorzugen
- Dysphagie-Screening vor erster oraler Nahrung – stille Aspiration ist lebensgefährlich
- Bobath-Prinzipien im Alltag umsetzen – 24-Stunden-Konzept, nicht nur in der Therapie
- Kommunikation anpassen – Aphasie ≠ Intelligenzstörung; Geduld und Hilfsmittel nutzen
- Post-Stroke-Depression erkennen – betrifft ~30 %, verschlechtert Rehabilitationserfolg
- Ressourcen fördern, nicht übernehmen – jede eigenständige Bewegung zählt
Wenn Sie sich nur einen Gedanken merken:
Merksatz: Nach dem Schlaganfall ist Pflege Therapie. Jede Handlung – vom Waschen bis zum Lagern – ist eine Chance, das Gehirn neu zu vernetzen. Rehabilitation beginnt am Bett.
Häufig gestellte Fragen zur Schlaganfall-Pflege
Was ist der Unterschied zwischen Hemiparese und Hemiplegie?
Hemiparese = unvollständige halbseitige Lähmung (Restbeweglichkeit vorhanden). Hemiplegie = vollständige halbseitige Lähmung (keine willkürliche Bewegung möglich). Die meisten Schlaganfallpatienten haben eine Hemiparese – die Rehabilitation zielt darauf, die Restfunktion zu nutzen und auszubauen.
Was ist ein Neglect?
Neglect = Vernachlässigung einer Körperhälfte und/oder Raumhälfte, ohne dass eine Lähmung der Grund ist. Der Betroffene „sieht“ die betroffene Seite nicht, rasiert nur eine Gesichtshälfte, isst nur vom halben Teller. Typisch bei rechtshemisphärischem Infarkt (linker Neglect). Pflegerisch: Reize gezielt von der vernachlässigten Seite setzen.
Wie erkennt man eine Dysphagie nach Schlaganfall?
Frühzeichen: Husten/Würgen beim Essen/Trinken, feuchte/gurgelnde Stimme nach Schlucken, Nahrung bleibt im Mund liegen, Speichelfluss, häufige Verschluckung. Achtung: Stille Aspiration (ohne Husten!) ist häufig! Deshalb: Wasserschluck-Test vor der ersten oralen Nahrung. Im Zweifel: Logopädie-Konsil.
Warum soll der Transfer über die betroffene Seite erfolgen?
Transfer über die betroffene Seite fördert die neuronale Plastizität: Das Gehirn erhält sensorische und motorische Impulse von der betroffenen Seite und bildet neue Verbindungen. Über die gesunde Seite transferieren verstärkt den „Learned Non-Use“ – das Gehirn gewöhnt sich daran, die betroffene Seite nicht zu nutzen.
Wie lange dauert die Rehabilitation nach Schlaganfall?
Die stärksten Verbesserungen treten in den ersten 3–6 Monaten auf (höchste neuronale Plastizität). Verbesserungen sind aber noch über Jahre möglich. Frühe Mobilisation (innerhalb 24–48 h nach Insult) ist prognostisch entscheidend. Die Pflege als 24-h-Rehabilitation trägt wesentlich zum Langzeiterfolg bei.
Testen Sie Ihr Wissen
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Richtige Antwort: B) Um die Wahrnehmung der betroffenen Seite zu fördern und einem Neglect entgegenzuwirken
Gegenstände auf der betroffenen Seite zwingen den Patienten, den Kopf und ggf. den Körper dorthin zu drehen. Das setzt sensorische Reize auf der betroffenen Seite und fördert die neuronale Neuvernetzung (Plastizität). Bei Neglect ist das besonders wichtig, um die vernachlässigte Körper-/Raumhälfte wieder ins Bewusstsein zu bringen.
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