Drainagen – Arten, Pflege und Überwachung
Drainagen leiten Wundsekret, Blut oder Luft aus Körperhöhlen ab. Korrekte Überwachung und Pflege verhindern Komplikationen.
Was ist eine Drainage?
Eine Drainage ist ein System aus Schläuchen und Auffangbehältern, das Flüssigkeiten (Wundsekret, Blut, Eiter, Galle, Lymphe) oder Luft aus Körperhöhlen oder Wundgebieten nach außen ableitet. Drainagen werden intraoperativ gelegt und sind ein wichtiger Bestandteil der postoperativen Versorgung.
Merksatz: Drainagen sind Fremdkörper – sie erhöhen das Infektionsrisiko. Daher gilt: So lange wie nötig, so kurz wie möglich.
Indikationen und Ziele
Drainagen verfolgen unterschiedliche therapeutische Ziele: Ableitung von Wundsekret zur Vermeidung von Seromen und Hämatomen, Ableitung von Eiter bei Abszessen, Entlastung von Pneumothorax oder Pleuraerguss sowie Ableitung von Galle nach Operationen am Gallengang. Die Wahl des Drainagesystems richtet sich nach Indikation, Lokalisation und erwarteter Sekretmenge. Grundsätzlich unterscheidet man aktive Drainagen (mit Sog, z. B. Redon) und passive Drainagen (Schwerkraft/Kapillarwirkung, z. B. Robinson, Easy-Flow). Auch offene und geschlossene Systeme werden differenziert – geschlossene Systeme haben ein geringeres Infektionsrisiko.
Drainagearten im Überblick
| Drainage | Wirkprinzip | Typische Indikation | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Redon-Drainage | Aktiver Sog (Vakuumflasche) | Weichteil-OPs, TEP, Schilddrüse | Häufigste Drainage, Unterdruck prüfen! |
| Robinson-Drainage | Passive Schwerkraft | Bauch-OPs, Abszesse | Beutel immer unter Wundniveau |
| Jackson-Pratt | Aktiver Sog (Ballon/Birne) | Brustchirurgie, Schilddrüse | Komprimierten Ballon aufrecht halten |
| Bülau-Drainage | Wasserschloss (Unterdruck) | Pneumothorax, Pleuraerguss | Thoraxdrainagen – besondere Überwachung! |
| T-Drainage (Kehr-Drain) | Passive Ableitung | Gallengangs-OP | Gallesekret überwachen (Menge + Farbe) |
| Easy-Flow / Penrose | Passive Kapillarwirkung | Oberflächliche Wunden, Abszesse | Offene Drainage – Verband häufig wechseln |
Pflegerische Überwachung und Versorgung
Drainagesekret alle 8 Stunden (oder häufiger) messen und dokumentieren. Plötzliche Zunahme oder Sistieren melden! Flüssigkeitsbilanzierung beachten.
Farbe (serös, blutig, eitrig, gallig?), Konsistenz, Geruch. Veränderungen deuten auf Komplikationen hin (Nachblutung, Infektion, Anastomoseninsuffizienz).
Redon-Flasche: Flasche muss eingedrückt (unter Vakuum) sein. Fehlender Sog = undicht oder verstopft. Nicht eigenmächtig „nachpumpen“ – ärztliche Rücksprache.
Täglich Einstichstelle auf Rötung, Schwellung, Sekretaustritt, Druckstellen prüfen. Aseptischer Verbandwechsel nach Standard.
Drainageschlauch knickfrei lagern. Auffangbeutel IMMER unter Wundniveau (Schwerkraftdrainage). Drainage gegen Herausrutschen sichern (Pflaster, Naht).
Besonderheit: Thoraxdrainage (Bülau)
Die Bülau-Drainage ist eine lebenserhaltende Maßnahme und erfordert besondere Aufmerksamkeit. Benannt nach dem deutschen Internisten Gotthard Bülau (1835–1900), ist sie das Standardverfahren zur Entlastung eines Pneumothorax oder Pleuraergusses. Die Drainage wird im 4.–5. Interkostalraum in der mittleren Axillarlinie gelegt. Im Gegensatz zu anderen Drainagesystemen wird die Bülau-Drainage über ein Wasserschloss betrieben, das als Einwegventil fungiert: Luft und Sekret können nach außen abfließen, aber nicht zurückströmen.
Wasserschloss
Das Wasserschloss verhindert Rückströmung von Luft in den Pleuraspalt. Füllstand (ca. 2 cm Wasser) regelmäßig prüfen. Schwingungen bei Atmung = korrekte Lage.
Luftleck beobachten
Bläschen im Wasserschloss = Luft aus dem Pleuraspalt (normal bei Pneumothorax). Dauerhaftes starkes Bläschen → Arzt informieren.
Niemals abklemmen!
Eine Thoraxdrainage darf NICHT abgeklemmt werden (Spannungspneumothorax!). Ausnahme: nur auf ausdrückliche ärztliche Anordnung und unter Überwachung.
Notfall: Diskonnektion
Wenn der Schlauch diskonnektiert: Sofort sterile Klemme oder den Schlauch abdrücken, Arzt rufen. System zügig unter sterilen Bedingungen reconnektieren.
CAVE Bülau-Drainage: Auffangsystem IMMER unter Thoraxniveau! Kippt das System oder wird es über Thoraxniveau gehoben, kann Flüssigkeit in den Pleuraspalt zurücklaufen – akute Ateamnot!
Komplikationen erkennen
Für den Arzt meldepflichtig
- Plötzliche Zunahme der Sekretmenge (> 100 ml/h → Nachblutung)
- Veränderung der Sekretfarbe: frisch blutig, trüb-eitrig, gallig
- Drainagesekret riecht fäkal (Anastomoseninsuffizienz)
- Sistieren der Förderung bei aufgetriebenem Abdomen (Verstopfung, Knick)
- Rötung, Schwellung, Fieber (Drainage-assoziierte Infektion)
- Hautemphysem (Knistern unter der Haut) bei Thoraxdrainage
- Schmerzzunahme an der Eintrittsstelle trotz Analgesie
Präventionsmaßnahmen
- Streng aseptischer Verbandwechsel
- Drainageschläuche nicht am Boden schleifen lassen
- Konnektionsstellen geschlossen halten
- Mobilisation: Drainage sichern, Zug vermeiden
- Zeitgerechte Entfernung bei nachlassender Förderung
- Schulung des Patienten zum sicheren Umgang bei Mobilisation
- Dokumentation jeder Manipulation am Drainagesystem
Drainage entfernen
Die Drainageentfernung ist eine ärztliche Maßnahme, die an Pflegefachkräfte delegiert werden kann (abhängig vom Drainagetyp und Klinikstandard). Die Entfernung sollte unter analgetischem Schutz erfolgen – der Bewohner wird vorab über den kurzen Schmerzreiz informiert. Ein bereitgestelltes Notfallset (Wundabdeckung, sterile Handschuhe, Vaseline bei Thoraxdrainage) ist Pflicht. Folgende Schritte sind einzuhalten:
- Arzt ordnet Entfernung an (Sekretmenge < 30–50 ml/24 h)
- Nahtmaterial entfernen (bei genähter Fixierung)
- Drainage zügig und gleichmäßig ziehen (Patient atmet aus oder presst bei Thoraxdrainage)
- Einstichstelle sofort steril abdecken
- Bei Thoraxdrainage: Abdichtung mit Vaseline-Tupfer / luftdichtem Verband
- Spitze der Drainage auf Vollständigkeit kontrollieren
Wichtig: Nach Entfernung einer Thoraxdrainage → Röntgen-Thorax-Kontrolle zum Ausschluss eines Pneumothorax!
Hygieneaspekte bei der Drainagepflege
Die KRINKO empfiehlt strenge Hygienemaßnahmen im Umgang mit Drainagen: Händedesinfektion vor und nach jedem Kontakt mit dem Drainagesystem, aseptischer Verbandwechsel an der Eintrittsstelle, geschlossene Systeme möglichst nicht diskonnektieren. Das Auffangsystem sollte erst gewechselt werden, wenn es voll ist – jede Eröffnung erhöht das Kontaminationsrisiko. Die Eintrittsstelle wird täglich auf Infektionszeichen (Rötung, Schwellung, Überwärmung, eitriges Sekret, Druckschmerz) inspiziert. Drainage-assoziierte Infektionen verlängern die Liegedauer erheblich und erhöhen die Morbidität.
Delegation und rechtliche Grundlagen
Das Legen einer Drainage ist eine ärztliche Tätigkeit. Die Überwachung und Pflege der liegenden Drainage ist eine pflegerische Kernaufgabe. Die Entfernung einfacher Drainagen (z. B. Redon, Easy-Flow) kann nach ärztlicher Anordnung an Pflegefachkräfte delegiert werden – vorausgesetzt, die Pflegefachkraft wurde eingewiesen und beherrscht die Maßnahme. Die Entfernung einer Thoraxdrainage bleibt in der Regel dem Arzt vorbehalten.
Häufige Fragen zu Drainagen
Darf der Patient mit Drainage mobilisiert werden?
Ja, Frühmobilisation ist wichtig! Drainage sicher fixieren, Auffangbehälter unterhalb des Wundniveaus halten, Schlauch knickfrei lagern. Der Patient sollte wissen, wie er die Drainage beim Aufstehen hält. Bei Bülau-Drainage: nur nach ärztlicher Freigabe.
Was bedeutet es, wenn die Redon-Flasche „aufgeht“?
Wenn die Redon-Flasche nicht mehr unter Vakuum steht (sich aufbläht), hat sie den Unterdruck verloren. Mögliche Ursachen: System undicht (Konnektionsstelle), Flasche voll, Drainage verstopft. Arzt informieren – nicht eigenmächtig Sog erneuern.
Wie dokumentiere ich Drainagesekret korrekt?
Dokumentation bei jeder Messung: Uhrzeit, Menge (ml), Farbe (serös/sanguinös/blutig/eitrig/trüb/gallig), Konsistenz, Geruch, Lagekontrolle der Drainage, Zustand der Einstichstelle. Bilanzierung in der 24-Stunden-Bilanz berücksichtigen.
Wann wird eine Drainage entfernt?
Allgemeine Faustregel: Wenn die Förderung auf unter 30–50 ml/24 h sinkt und das Sekret serös (klar) ist. Die Entscheidung trifft der Arzt. Je nach OP und Drainagetyp kann der Zeitpunkt variieren (1–7 Tage postoperativ).
Was ist der Unterschied zwischen aktiver und passiver Drainage?
Aktive Drainagen (z. B. Redon, Jackson-Pratt) arbeiten mit einem Unterdruck (Sog), der Sekret aktiv aus dem Wundgebiet zieht. Passive Drainagen (z. B. Robinson, Easy-Flow) nutzen die Schwerkraft oder Kapillarwirkung – das Sekret läuft ohne Sog in den Auffangbehälter. Aktive Drainagen fördern effektiver, passive Drainagen sind einfacher im Handling.
Dürfen Drainagen beim Transport umgeklemmt werden?
Redon- und Robinson-Drainagen dürfen kurzzeitig für den Transport abgeklemmt werden, wenn dies klinisch sinnvoll ist. Thoraxdrainagen (Bülau) dürfen dagegen niemals abgeklemmt werden – es droht ein Spannungspneumothorax! Beim Transport muss das Auffangsystem immer unter Thoraxniveau bleiben.
Quellen & weiterführende Informationen
- KRINKO: Prävention postoperativer Wundinfektionen
- AWMF S3-Leitlinie: Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen (Drainagemanagement)
- DocCheck Flexikon: Drainage (Medizin)
- BTS Guidelines: Management of Pleural Disease (Thoraxdrainage)
Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Praxisanleiter und Pflegedienstleitung. Gründer von Weiterbildungen Reinhold (Hattingen) seit 2020. Über 1.500 Unterrichtseinheiten Fachqualifizierung in Behandlungspflege, Palliativ Care und Beatmungspflege. Mehr zur Person ›
Postoperative Pflege professionell beherrschen
Drainagen, Verbandwechsel und Wundbeobachtung sicher anwenden.