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Behandlungspflege

Einlauf & Klistier – Indikationen, Durchführung und Pflege

Einläufe und Klistiere gehören zu den häufigsten Ausscheidungshilfen in der Pflege. Fachgerechte Durchführung schützt vor Komplikationen und bewahrt die Würde.

37 °C
Körperwarme Lösung
Linksseitenlage
Standardlagerung
Ärztl. AO
Immer erforderlich

Begriffsabgrenzung: Einlauf und Klistier

Einlauf (Klysma)

Einbringen einer größeren Flüssigkeitsmenge (500–1.000 ml) über einen Darmrohr/Irrigator in das Rektum und ggf. Kolon. Wirkt durch Volumenreiz und Erweichung des Stuhls.

  • Reinigungseinlauf (z. B. präoperativ)
  • Hoher Einlauf (tiefere Darmabschnitte)
  • Kontrastmitteleinlauf (diagnostisch)

Klistier (Mikroklysma)

Fertigpräparat mit geringer Füllmenge (5–150 ml). Wird als Einmaltube rektal appliziert. Wirkung durch osmotische Flüssigkeitsverschiebung oder lokale Reizung.

  • Microlax® (5 ml – Kombination)
  • Glycerinsupp./Klistier
  • Sorbitol-Lösungen

Merksatz: Ein Einlauf/Klistier ist immer eine ärztlich angeordnete Maßnahme (Behandlungspflege). Auch Fertigklistiere dürfen nicht eigenmächtig angesetzt werden.

Indikationen und Kontraindikationen

Indikationen

  • Akute Obstipation (nach Ausschöpfung konservativer Maßnahmen)
  • Präoperative Darmvorbereitung
  • Vor diagnostischen Untersuchungen (Koloskopie, Röntgen)
  • Koprostase (Stuhlimpaktion)
  • Medikamentengabe (rektal, z. B. Cortison bei CED)

Kontraindikationen

  • Ileus (Darmverschluss)
  • Akutes Abdomen / Peritonitis
  • Frische Darm-OP / Anastomose
  • Blutende Hämorrhoiden / Rektumtumor
  • Massive rektale Blutung
  • Schwere Gerinnungsstörung

CAVE: Bei Ileus-Verdacht (fehlende Darmgeräusche, Erbrechen, aufgetriebenes Abdomen) darf KEIN Einlauf durchgeführt werden! Dies kann zur Darmperforation führen – Lebensgefahr!

Durchführung eines Reinigungseinlaufs

1
Vorbereitung

Ärztliche Anordnung prüfen. Material: Irrigator/Einlaufbeutel, Darmrohr (Ch 18–22), Gleitmittel (Vaseline/Gleitgel), Bettschutz, Einmalhandschuhe, Körperwarme Lösung (ca. 37 °C). Toilettenrufe bereitstellen.

2
Lagerung

Linksseitenlage mit leicht angezogenen Beinen. Anatomisch günstig: Das Sigmoid verläuft in dieser Position abwärts, die Lösung kann leichter einlaufen. Intimität wahren (Tür schließen, Sichtschutz).

3
Einführen des Darmrohrs

Darmrohr mit Gleitmittel benetzen. Vorsichtig ca. 10–15 cm in den Anus einführen – Richtung: zum Bauchnabel. Kein Widerstand? → Weiter. Widerstand? → Stopp, nicht forcieren!

4
Flüssigkeit einlaufen lassen

Irrigator max. 30–50 cm über Darmniveau aufhängen (nicht höher → zu viel Druck!). Lösung langsam einlaufen lassen. Patient beobachten: Schmerzen, Unwohlsein, Kreislauf. Bei Beschwerden pausieren oder abbrechen.

5
Einwirkzeit & Entleerung

Lösung 5–15 Minuten einwirken lassen. Patient zur Toilette begleiten oder Steckbecken bereitstellen. Stuhlbeobachtung: Menge, Farbe, Konsistenz, Beimenungen. Dokumentation.

Fertigklistier (Mikroklysma) anwenden

Die Anwendung eines Fertigklistiers (z. B. Microlax®) ist deutlich einfacher als ein großer Einlauf, erfordert aber ebenso Sorgfalt:

1. Vorbereitung

Anordnung prüfen. Patient informieren. Linksseitenlage oder Rückenlage mit angezogenen Beinen. Handschuhe anziehen.

2. Applikation

Verschluss öffnen, überschüssiges Gel als Gleitmittel auf die Tubenspitze geben. Tube vorsichtig rektal einführen (Erwachsene: gesamte Länge). Inhalt vollständig ausdrücken.

3. Nachsorge

Tube zusammengedrückt herausziehen (Sog vermeiden). Wirkung tritt nach 5–20 Minuten ein. Patient nicht allein lassen – Sturzgefahr auf dem Weg zur Toilette!

Einlauflösungen im Überblick

Lösung Menge Wirkprinzip Besonderheiten
Leitungswasser 500–1.000 ml Volumenreiz, mechanische Dehnung Körperwarm (37 °C), am häufigsten
NaCl 0,9 % 500–1.000 ml Isotonische Lösung, schonend Geringere Kreislaufbelastung, bei Kindern/Senioren
Seifenlösung 500–1.000 ml Reizung der Darmschleimhaut + Volumen Stärkere Wirkung, nur auf ärztliche AO, Schleimhautreizung möglich
Öleinlauf 100–200 ml Aufweichen von hartem Stuhl Besonders bei Koprostase, längere Einwirkzeit (mind. 30 Min.)
Microlax® 5 ml Osmotisch + peptisierend Fertigklistier, schnelle Wirkung (5–20 Min.)

Komplikationen und Gefahren

⚠️

Darmperforation

Gefährlichste Komplikation. Durch zu starkes Forcieren, falsches Darmrohr oder bei vorgeschädigter Darmwand. Symptome: plötzlicher Schmerz, Abwehrspannung → Notfall!

💨

Vagale Reaktion

Übelkeit, Bradykardie, Schwitzen, Schwindel bis Kreislaufkollaps durch Vagusreiz. Maßnahme: Einlauf sofort stoppen, flach lagern, Vitalzeichen.

💧

Elektrolytverschiebung

Bei zu häufigen Einläufen oder hypotonen Lösungen: Wasser-Intoxikation, Hyponatriämie. Besonders gefährlich bei Kindern und älteren Menschen.

🔴

Schleimhautläsion

Durch unsachgemäßes Einführen, zu heiße Lösung oder reizende Substanzen. Prävention: körperwarme Lösung, ausreichend Gleitmittel, vorsichtig einführen.

Besondere Patientengruppen

Ältere Menschen

Geriatrische Patienten haben häufiger eine eingeschränkte Sphinkterfunktion, dünnere Darmwand und ein erhöhtes Perforationsrisiko. Die Flüssigkeitsmenge sollte auf maximal 500 ml begrenzt werden, die Lösung besonders langsam einlaufen. Kreislaufüberwachung ist essenziell, da vagale Reaktionen bei älteren Menschen häufiger auftreten. Bei immobilen Patienten ist die Steckbecken-Versorgung im Bett vorzubereiten, bevor der Einlauf beginnt.

Kinder

Bei Kindern werden ausschließlich Fertigklistiere oder kleine Einlaufmengen (Neugeborene: 30–60 ml, Kleinkind: 100–250 ml, Schulkind: 250–500 ml) mit isotoner NaCl-Lösung verwendet. Darmrohrgröße: Ch 10–14 je nach Alter. Die Einführtiefe darf 5–10 cm nicht überschreiten. Eltern sollten anwesend sein, um Angst zu reduzieren und das Kind zu beruhigen.

Schwangere

Die früher routinemäßige präpartale Darmreinigung wird von der AWMF nicht mehr empfohlen, da kein evidenzbasierter Nutzen nachgewiesen ist. Wenn ärztlich angeordnet, nur kleine Mengen und schonende Lösungen verwenden. Seifenlösungen sind in der Schwangerschaft kontraindiziert.

Würde und Schamgefühl

Einläufe sind für viele Patienten extrem schambesetzt. Professionelles Verhalten umfasst:

  • Ruhige, sachliche Erklärung der Maßnahme vor Durchführung
  • Einverständnis einholen – auch bei ärztlicher Anordnung
  • Tür schließen, Sichtschutz aufstellen, nur notwendige Personen im Raum
  • Schnell und fachgerecht arbeiten – unnötige Wartezeiten vermeiden
  • Präoperativ: keine Behandlung auf offenem Stationsflur!
  • Würdevolle Sprache: „Darmentleerung“ statt umgangssprachlicher Begriffe

Tipp: Einige Patienten möchten Fertigklistiere selbst anwenden. Wenn möglich, die Selbstanwendung anbieten und nur bei Bedarf unterstützen. Das stärkt die Autonomie und reduziert die Scham.

Häufige Fragen zu Einlauf und Klistier

Warum Linksseitenlage?

Das Sigmoid (S-förmiger Dickdarmabschnitt) verläuft von der linken Beckenseite. In Linksseitenlage kann die Flüssigkeit der Schwerkraft folgend leichter ins Kolon fließen. Bei unmöglicher Linksseitenlage: Rückenlage mit angezogenen Beinen als Alternative.

Was ist der Unterschied zwischen Einlauf und Darmspülung?

Ein Einlauf bringt eine begrenzte Flüssigkeitsmenge ein, die nach Einwirkung ausgeschieden wird. Eine Darmspülung (Darmlavage, orthograde Spülung) bringt größere Mengen ein (z. B. 3–4 Liter PEG-Lösung oral vor Koloskopie) und spült den gesamten Darm.

Dürfen Pflegekräfte Einläufe eigenständig anordnen?

Nein. Einläufe und Klistiere sind ärztlich anzuordnende Maßnahmen. Die Pflegekraft führt sie auf ärztliche Anordnung durch (Durchführungsverantwortung). Ohne Anordnung – auch nicht „auf Verdacht“.

Was tun, wenn die Lösung sofort wieder abgeht?

Ursachen: Lösung zu kalt (Peristaltik-Reiz) oder zu schnell eingelaufen. Maßnahmen: Lösung erneut auf 37 °C erwärmen, langsamer einlaufen lassen, Patient anleiten: tief ein- und ausatmen, Gesäß zusammenpressen. Irrigator tiefer hängen (weniger Druck).

Wie oft darf ein Einlauf verabreicht werden?

Grundsätzlich nur nach ärztlicher Anordnung. Wiederholte Einläufe (mehr als 2–3 pro Woche) schädigen die Darmflora und können zu Elektrolytstörungen führen. Bei chronischer Obstipation sollten zuerst Ballaststoffe, Bewegung, Trinkmengenoptimierung und orale Laxanzien ausgeschöpft werden, bevor Einläufe als Dauerlösung zum Einsatz kommen.

Was ist ein hoher Einlauf und wann wird er eingesetzt?

Beim hohen Einlauf wird die Lösung über ein längeres Darmrohr (bis 30 cm Einführtiefe) in höhere Darmabschnitte eingebracht. Er kommt bei schwerer Koprostase oder zur vollständigen präoperativen Darmvorbereitung zum Einsatz. Die Durchführung erfordert besondere Erfahrung und wird in der Regel von ärztlichem Personal oder speziell geschulten Pflegefachkräften vorgenommen.

Selbsttest
Ein Patient berichtet während eines Einlaufs über plötzlichen starken Bauchschmerz. Was ist die erste Maßnahme?
A) Einlaufflüssigkeit schneller einlaufen lassen, um die Prozedur zu beenden
B) Einlauf sofort stoppen, Darmrohr belassen, Arzt informieren
C) Schmerzmittel verabreichen und Einlauf fortsetzen
D) Darmrohr sofort entfernen und den Patienten auf die Toilette setzen
Richtig: B) – Bei plötzlichem starken Schmerz: Einlauf sofort stoppen! Nicht weiterlaufen lassen. Das Darmrohr zunächst belassen (je nach Situation), Arzt sofort informieren. Mögliche Ursache: Darmperforation, Darmspasmus. Eine Perforation erfordert notfallchirurgische Versorgung.
Tim Reinhold – Gründer und Hauptdozent von Weiterbildungen Reinhold
Tim Reinhold Gründer & Hauptdozent

Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Praxisanleiter und Pflegedienstleitung. Gründer von Weiterbildungen Reinhold (Hattingen) seit 2020. Über 1.500 Unterrichtseinheiten Fachqualifizierung in Behandlungspflege, Palliativ Care und Beatmungspflege. Mehr zur Person ›

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