Multiple Sklerose (MS) – Pflege, Symptome und Alltagsbewältigung
Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems. Die Pflege erfordert höchste Individualisierung.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark angreift (Entmarkung/Demyelinisierung). Die Folge sind Entzündungsherde (Plaques), die die Nervenleitung stören.
MS wird als „Krankheit der 1000 Gesichter“ bezeichnet, weil die Symptome je nach Lokalisation der Herde extrem unterschiedlich sein können – von leichten Sensibilitätsstörungen bis zur schweren Tetraparese.
Epidemiologie
MS betrifft weltweit etwa 2,8 Millionen Menschen. In Deutschland leben rund 280.000 Betroffene. Die Erkrankung manifestiert sich häufig zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, Frauen sind etwa doppelt bis dreimal so häufig betroffen wie Männer. Die Prävalenz nimmt mit der Entfernung vom Äquator zu – Vitamin-D-Mangel, EBV-Infektion und genetische Prädisposition (HLA-DRB1*15:01) gelten als wichtige Risikofaktoren. MS ist damit die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems und eine der häufigsten Ursachen für bleibende Behinderung im jungen Erwachsenenalter.
Merksatz: MS ist nicht heilbar, aber behandelbar. Frühe Diagnose und konsequente Therapie können den Verlauf deutlich verlangsamen.
Diagnostik – McDonald-Kriterien
Die Diagnose der MS stützt sich auf die revidierten McDonald-Kriterien (2017). Kernprinzip ist der Nachweis der räumlichen (Herde an verschiedenen Orten im ZNS) und zeitlichen Dissemination (Herde unterschiedlichen Alters). Die Diagnosestellung erfolgt in der Regel durch einen Neurologen und erfordert eine Kombination aus klinischer Untersuchung, Bildgebung und Labordiagnostik. Je früher die Diagnose gestellt wird, desto früher kann die verlaufsmodifizierende Therapie beginnen.
- MRT des Gehirns und Rückenmarks: T2-hyperintense Läsionen in typischen Regionen (periventrikulär, juxtakortikal, infratentoriell, spinal) – Gadolinium-Anreicherung zeigt aktive Herde
- Liquordiagnostik: Oligoklonale Banden im Liquor (bei > 90 % der MS-Patienten positiv) – Stützbefund für intrathekale Immunreaktion
- Evozierte Potenziale (VEP): Verzögerte Reizleitung als Hinweis auf Demyelinisierung – besonders bei Optikusneuritis
- Differenzialdiagnosen: Neuromyelitis-optica-Spektrum (NMOSD), Vaskulitis, Neuroborreliose, Sarkoidose müssen ausgeschlossen werden
Pflege-Tipp: Pflegekräfte sollten bei jungen Erwachsenen mit transitorischen neurologischen Symptomen (Sehstörungen, Sensibilitätsstörungen, Gangstörungen) an MS denken und eine zeitnahe neurologische Abklärung unterstützen.
Verlaufsformen der MS
| Verlaufsform | Beschreibung | Häufigkeit |
|---|---|---|
| RRMS (Schubförmig-remittierend) | Schübe mit neurologischen Ausfällen, die sich ganz oder teilweise zurückbilden. Zwischen den Schüben stabile Phasen. | ca. 85 % initial |
| SPMS (Sekundär progredient) | Geht aus RRMS hervor. Stetige Verschlechterung mit oder ohne aufgesetzte Schübe. Übergang nach ca. 10–15 Jahren. | Viele RRMS-Patienten |
| PPMS (Primär progredient) | Von Beginn an stetige Verschlechterung ohne klar abgrenzbare Schübe. Späterer Erkrankungsbeginn (≥ 40 J.). | ca. 10–15 % |
Häufige Symptome und pflegerische Relevanz
Fatigue
Das belastendste Symptom für viele Betroffene. Extreme, nicht durch Schlaf behebbare Erschöpfung. Energiemanagement und Tagesstruktur anpassen.
Spastik & Parese
Erhöhter Muskeltonus, Gang- und Gleichgewichtsstörungen. Mobilisation, Physiotherapie, Hilfsmittelanpassung. Cave: Kontrakturgefahr!
Sehstörungen
Optikusneuritis (Sehnerventzündung) oft als Erstsymptom. Verschwommensehen, Doppelbilder, Schmerzen bei Augenbewegung.
Blasenstörungen
Überaktive oder unteraktive Blase. Dranginkontinenz häufig. Miktionsprotokoll, Beckenbodentraining, ggf. ISK schulen.
Sensibilitätsstörungen
Kribbeln, Taubheit, „Ameisenlaufen“, gestörtes Temperaturempfinden. Verletzungsgefahr erhöht – Hautinspektion wichtig!
Kognitive Störungen
Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit und Informationsverarbeitung betroffen. Keine Demenz, aber Alltagsrelevanz – Gedächtnishilfen anbieten.
Uhthoff-Phänomen: Wärme verschlechtert MS-Symptome vorübergehend. Bei Fieber, heißem Bad oder Sommer können bekannte Symptome akut zunehmen. Dies ist KEIN neuer Schub!
Pflegerische Schwerpunkte bei MS
Aktivitäten in die leistungsfähige Tageszeit legen (meist vormittags). Pausen einplanen. Kühle Umgebung, leichte Kleidung. Prioritäten setzen, Perfetkionsanspruch reduzieren.
Individuelle Bewegungsübungen, Gleichgewichtstraining. Hilfsmittel frühzeitig evaluieren (Rollator, Rollstuhl, Orthesen). Sturzprävention beachten.
Miktions- und Trinkprotokoll. Beckenbodentraining. Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK) schulen. Obstipationsprophylaxe, da Darmmotilität häufig betroffen.
Symptome eines Schubs erkennen (neue oder sich verschlechternde Symptome über >24h). Sofortige Arztinformation. Cortisonstoßtherapie meist ambulant/stationär. Während Schub: Bettruhe, Kühlung, psychische Unterstützung.
Krankheitsverarbeitung unterstützen. Depression tritt bei 50 % der MS-Betroffenen auf. Angst vor dem nächsten Schub, Rollenveränderung, Partnerschaft – Gesprächsangebote, Selbsthilfegruppen.
Medikamentöse Therapie – Pflegerische Aspekte
Schubtherapie
- Methylprednisolon i.v. (1.000 mg/Tag über 3–5 Tage)
- Pflegerisch: Blutzuckerkontrollen, Magenschutz, Schlafstörungen beachten
- Bei Nicht-Ansprechen: Plasmapherese möglich
Verlaufsmodifizierende Therapie
- Interferone, Glatirameracetat: s.c.-Injektionen – Injektionstechnik schulen
- Orale Therapien (Dimethylfumarat, Fingolimod): Laborkontrollen
- Hochaktive MS: Natalizumab, Ocrelizumab (Infusion)
- Alle: Infektzeichen beobachten (Immunsuppression!)
PML-Risiko: Bei Natalizumab (Tysabri) besteht ein Risiko für eine Progressive Multifokale Leukenzephalopathie (PML). Auf Veränderungen der Kognition, Sprache oder Motorik achten und sofort melden!
Leben mit MS – Pflegerische Unterstützung im Alltag
MS-Betroffene leben oft viele Jahrzehnte mit ihrer Erkrankung. Die pflegerische Unterstützung geht weit über medizinische Versorgung hinaus und umfasst die Förderung von Selbstständigkeit, Teilhabe und Lebensqualität.
Berufliche Teilhabe
- Viele MS-Betroffene können mit Anpassungen weiter berufstätig sein
- Arbeitszeitreduzierung, Home-Office, ergonomische Arbeitsplatzgestaltung
- Schwerbehindertenausweis (ab GdB 50) sichert Sonderkündigungsschutz und Zusatzurlaub
- Integrationsfachdienst und Rehabilitationsberater einbeziehen
Anpassung der häuslichen Umgebung
- Barrierefreie Badgestaltung (bodengleiche Dusche, Haltegriffe)
- Treppenlifte und Rampen bei Geh- und Gleichgewichtsstörungen
- Pflegehilfsmittel und Wohnumfeldverbesserung (bis 4.180 € je Maßnahme)
- Notrufsysteme, Sturzsensoren für Alleinlebende
Ernährung und Ergänzungstherapien
Eine ausgewogene, antientzündliche Ernährung (mediterran, reich an Omega-3-Fettsäuren, Gemüse und Obst) kann die Krankheitsaktivität positiv beeinflussen. Pflegekräfte sollten Betroffene über unseriöse „Heilungsversprechen“ aufklären – viele teure Nahrungsergänzungsmittel und Alternativtherapien haben keine wissenschaftliche Evidenz. Vitamin-D-Supplementierung sollte nur nach Laborkontrolle und ärztlicher Verordnung erfolgen.
Tipp: Die DMSG bietet kostenlose Beratung, Selbsthilfegruppen und ein Sorgentelefon (0800 67 32 411) für Betroffene und Angehörige. Diese Angebote aktiv vermitteln!
Häufige Fragen zu MS in der Pflege
Wie unterscheidet man einen Schub vom Uhthoff-Phänomen?
Ein Schub dauert mindestens 24 Stunden, tritt nicht bei Fieber/Infekt auf und zeigt neue oder deutlich verschlechterte Symptome. Das Uhthoff-Phänomen tritt bei Wärme auf und bildet sich nach Abkühlung innerhalb von Stunden vollständig zurück.
Können MS-Patienten einen Pflegegrad erhalten?
Ja, je nach Ausmaß der funktionellen Einschränkungen. Viele MS-Betroffene erhalten im Verlauf Pflegegrad 2–4. Wichtig: Fatigue und kognitive Störungen bei der Begutachtung hervorheben – diese werden oft unterschätzt. Ein Pflegetagebuch über 1–2 Wochen vor der Begutachtung hilft, den tatsächlichen Unterstützungsbedarf sichtbar zu machen. Bei Ablehnung sollte innerhalb von 4 Wochen Widerspruch eingelegt werden.
Was tun bei Spastik im Pflegealltag?
Langsame, ruhige Mobilisation. Keine ruckartigen Bewegungen. Wärme kann Spastik lösen (Ausnahme: Uhthoff beachten!). Lagerung nach Bobath-Konzept. Dehnübungen und passive Bewegung zur Kontrakturprophylaxe. Antispastische Medikation (Baclofen, Tizanidin) nach Arztanordnung.
Ist MS vererbbar?
MS ist keine klassische Erbkrankheit, aber es besteht eine genetische Disposition. Verwandte 1. Grades haben ein leicht erhöhtes Risiko. Umweltfaktoren (Vitamin-D-Mangel, EBV-Infektion, Rauchen) spielen eine wesentliche Rolle bei der Krankheitsauslösung.
Welche Rolle spielt Vitamin D bei MS?
Vitamin-D-Mangel gilt als Risikofaktor für die Entwicklung und den Verlauf der MS. Die DGN empfiehlt, den Vitamin-D-Spiegel bei MS-Patienten zu kontrollieren und bei Mangel zu substituieren. Eine eigenständige Hochdosis-Therapie ohne ärztliche Kontrolle ist jedoch nicht empfehlenswert.
Dürfen MS-Betroffene Sport treiben?
Unbedingt! Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert Kraft, Ausdauer, Gleichgewicht und Fatigue. Empfohlen werden gelenkschonende Sportarten wie Schwimmen, Radfahren, Yoga oder gezieltes Krafttraining. Wichtig: Bei Hitze das Uhthoff-Phänomen beachten und kühle Trainingsumgebungen bevorzugen.
Quellen & weiterführende Informationen
Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Praxisanleiter und Pflegedienstleitung. Gründer von Weiterbildungen Reinhold (Hattingen) seit 2020. Über 1.500 Unterrichtseinheiten Fachqualifizierung in Behandlungspflege, Palliativ Care und Beatmungspflege. Mehr zur Person ›
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