Behandlungspflege

Wundversorgung – Anleitung für die Pflege

Akute und chronische Wunden fachgerecht versorgen: Wundarten, Phasen der Wundheilung, moderne Wundauflagen und der DNQP-Expertenstandard.

LG 1–2
Behandlungspflege § 132a SGB V
3 Phasen
Reinigung, Granulation, Epithelisierung
DNQP 2015
Expertenstandard Chronische Wunden

Was ist Wundversorgung?

Wundversorgung umfasst alle pflegerischen und therapeutischen Maßnahmen zur Behandlung von Gewebeschädigungen – von der akuten Erstversorgung bis zur langfristigen Therapie chronischer Wunden. Ziel ist die Schaffung optimaler Heilungsbedingungen: feucht, warm, keimarm, ungestört.

Man unterscheidet akute Wunden (Schnittwunden, Schürfungen, OP-Wunden) und chronische Wunden (Wunden, die trotz fachgerechter Therapie nach 4–12 Wochen nicht heilen: Dekubitus, Ulcus cruris, diabetisches Fußsyndrom). Der DNQP-Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“ ist die zentrale Leitlinie.

💡 Moderne Wundversorgung = feuchte Wundbehandlung. Trockene Wunden heilen langsamer! Krusten behindern die Zellmigration. Die idealfeuchte Wundumgebung fördert Granulation und Epithelisierung.

Häufige Fehler bei der Wundversorgung

  • Trockene Wundbehandlung – konventionelle Kompressen trocknen die Wunde aus und kleben beim Verbandwechsel fest
  • Desinfektionsmittel auf offener Wunde – zytotoxische Mittel (z. B. Wasserstoffperoxid) schädigen vitales Gewebe
  • Zu häufiger Verbandwechsel – stört die Wundheilung, neu gebildetes Gewebe wird abgerissen
  • Fehlende Wunddokumentation – ohne Größenmessung, Foto und Verlaufsdokumentation ist kein Therapieerfolg nachvollziehbar
  • Ursache nicht behandelt – chronische Wunden ohne Kausaltherapie (z. B. Kompression bei Ulcus cruris) heilen nicht
  • Unsterile Technik bei tiefen Wunden – Keimeinschleppung, Wundinfektion, Sepsis-Gefahr

Praxis: Wundversorgung bei Ulcus cruris

Praxisbeispiel

Frau L., 82 Jahre, Pflegegrad 3, chronisch-venöse Insuffizienz, Ulcus cruris venosum am linken Innenknöchel seit 4 Monaten. Größe: 3 × 4 cm, schmierig belegt, Exsudat mäßig. Pfleger Herr R. reinigt die Wunde mit NaCl 0,9 %, trägt Alginat-Auflage auf (Exsudat-Absorption) und deckt mit Schaumstoff-Sekundärverband ab. Zusätzlich Kompressionsverband nach ärztlicher Verordnung. Verbandwechsel alle 3 Tage. Nach 6 Wochen: Wundgrund rot-granulierend, Größe 1,5 × 2 cm.

➔ Fazit: Feuchte Wundbehandlung + Kausaltherapie (Kompression) = Erfolg. Ohne Kompression wäre die Wunde nicht geheilt.

Phasen der Wundheilung

Phase Zeitraum (ca.) Was passiert? Wundgrund Pflegeschwerpunkt
1. Reinigungsphase (Exsudation/Entzündung) Tag 1–5 Körper räumt Zelltrümmer, Keime, abgestorbenes Gewebe ab; Exsudation Schmierig, belegt, ggf. schwarz (Nekrose) Reinigung (NaCl, Wundspülung), ggf. Débridement, Exsudat-Management
2. Granulationsphase Tag 5–21 Neues Bindegewebe und Gefäße wachsen ein; roter, körniger Wundgrund Rot, feucht-glänzend, körnig Feuchte Wundumgebung erhalten, nicht abreiben, Schutz vor Trauma
3. Epithelisierungsphase Ab Tag 21 Hautzellen wandern vom Rand zur Mitte; Wunde schließt sich Rosa, dünne Haut vom Rand Schutz vor mechanischer Belastung, Hautpflege der Umgebungshaut

Verbandwechsel: Schritt für Schritt

1
Vorbereitung

Material bereitlegen (Wundauflage, Spüllösung, sterile Pinzette/Handschuhe, Abwurfbehälter). Händedesinfektion. Schutzhandschuhe anziehen. Patient informieren.

2
Alten Verband entfernen

Vorsichtig lösen (ggf. mit NaCl anfeuchten). Sekundärverband zuerst, dann Primärverband. Alten Verband beurteilen: Exsudatmenge, Geruch, Farbe.

3
Wunde beurteilen & dokumentieren

Größe (L × B × T in cm), Wundgrund (Farbe: schwarz/gelb/rot/rosa), Exsudat, Wundrand, Umgebungshaut, Geruch, Schmerzen. Foto mit Maßstab (bei chronischen Wunden).

4
Wunde reinigen

NaCl 0,9 % oder Ringerlösung. Von innen nach außen spülen (nicht wischen!). Keine zytotoxischen Mittel auf offene Wunde.

5
Neue Wundauflage anbringen

Primärverband phasengemäß wählen (siehe Tabelle unten). Über Wundrand hinausreichend. Sekundärverband zur Fixierung. Nicht zu straff!

6
Dokumentation

Zeitpunkt, Wundbeschreibung, verwendete Materialien, Schmerzangabe, nächster geplanter VW. In Wunddokumentation / Pflegebericht eintragen.

Moderne Wundauflagen: Übersicht

Wundauflage Wirkprinzip Indikation Hinweis
Schaumstoffverband (z. B. Mepilex) Exsudat-Absorption, feuchtes Milieu Mäßig bis stark exsudierende Wunden Nicht bei trockenen/nekrotischen Wunden
Alginat (z. B. Kaltostat) Gelbildung bei Exsudat, hämostatisch Stark exsudierende, tiefe/unterminierte Wunden Sekundärverband nötig, Alginat quillt
Hydrogel (z. B. Purilon) Feuchtigkeit spenden, autolytisches Débridement Trockene Wunden, Nekrosen, Belage Nicht bei stark exsudierenden Wunden
Hydrokolloid (z. B. DuoDERM) Gelbildung, feuchtes Milieu, Schutz Gering bis mäßig exsudierend, Granulationsphase Geräuschloser VW, nicht bei Infektion
Silberhaltige Auflagen Antimikrobiell (Breitband) Infizierte/infektionsgefährdete Wunden Zeitlich begrenzt einsetzen (max. 2–4 Wochen)

⚠️ Wundauflage = phasengemäß! In der Reinigungsphase: Exsudat-Management (Alginat/Schaum). In der Granulationsphase: Feuchthalten (Hydrokolloid/Schaum). Immer nach ärztlicher Verordnung und Wundtherapeut-Empfehlung.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Feucht statt trocken – moderne Wundversorgung erhält idealfeuchtes Milieu
  • NaCl 0,9 % zum Spülen – keine zytotoxischen Mittel auf offene Wunden
  • Wundauflage phasengemäß wählen – Reinigung ≠ Granulation ≠ Epithelisierung
  • Kausaltherapie nicht vergessen – Kompression bei Ulcus cruris, Druckentlastung bei Dekubitus
  • Wunddokumentation bei jedem VW – Größe, Wundgrund, Exsudat, Foto
  • Nicht zu häufig verbinden – jeder VW stört die Heilung; Intervall nach Exsudat richten
  • DNQP-Expertenstandard Chronische Wunden beachten

Wenn Sie sich nur einen Gedanken merken:

Merksatz: Die beste Wundauflage nützt nichts ohne Kausaltherapie – behandle die Ursache, nicht nur die Wunde. Und: feucht heilt besser als trocken.

Häufig gestellte Fragen zur Wundversorgung

Warum keine Desinfektion auf offene chronische Wunden?

Die meisten Desinfektionsmittel sind zytotoxisch – sie schädigen nicht nur Keime, sondern auch vitale Zellen (Fibroblasten, Granulozyten). Das verzögert die Wundheilung. Stattdessen: Wundspülung mit NaCl 0,9 %. Bei Infektion: antiseptische Wundspülungen (z. B. Polihexanid) nach ärztlicher Anordnung.

Was bedeutet „phasengemäße Wundversorgung“?

Die Wundauflage wird an die aktuelle Heilungsphase angepasst: In der Reinigungsphase absorbiert sie Exsudat und unterstützt Débridement. In der Granulationsphase hält sie die Wunde feucht und schützt neues Gewebe. In der Epithelisierungsphase schützt sie die dünne Neuhaut. Eine Alginat-Auflage auf einer trockenen Wunde schadet – ein Hydrogel auf einer stark exsudierenden Wunde nützt nichts.

Wann ist eine Wunde als „chronisch“ definiert?

Eine Wunde gilt als chronisch, wenn sie trotz fachgerechter Therapie nach 4–12 Wochen nicht abheilt. Typische chronische Wunden: Dekubitus, Ulcus cruris (venös, arteriell, gemischt), diabetisches Fußsyndrom. Sie benötigen immer Kausaltherapie + Wundmanagement.

Was ist Débridement?

Débridement = Entfernung von avitalem Gewebe (Nekrose, Beläge, Fibrin) aus der Wunde. Methoden: autolytisch (Hydrogel, feuchte Auflagen), mechanisch (Spülung, Tupfer), chirurgisch (Skalpell – nur Arzt/Wundtherapeut). Ohne Débridement kann keine Granulation beginnen.

Wer darf Wundversorgung durchführen?

Einfache Wundversorgung (Pflaster, Kompresse bei Bagatellwunden): Pflegehilfskräfte nach Anleitung. Komplexe/chronische Wundversorgung: Pflegefachkräfte, idealerweise mit Zusatzqualifikation (Wundexperte ICW/DNQP). Débridement mit Skalpell: nur Arzt oder Wundtherapeut mit ärztlicher Delegation.

Testen Sie Ihr Wissen

Wissenscheck
Warum ist die feuchte Wundbehandlung der trockenen überlegen?
A) Feuchte Wunden riechen weniger
B) Feuchtigkeit fördert die Zellmigration und verhindert Krustenbildung
C) Trockene Verbandwechsel sind teurer
D) Es gibt keinen Unterschied
Auflösung anzeigen

Richtige Antwort: B) Feuchtigkeit fördert die Zellmigration und verhindert Krustenbildung

In einer feuchten Umgebung können Fibroblasten und Epithelzellen besser wandern und neues Gewebe bilden. Krusten (Schorf) behindern die Zellmigration – die Zellen müssen unter der Kruste hindurchwandern, was die Heilung deutlich verlangsamt.

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Tim Reinhold Dozent für Pflegeweiterbildung · Fachautor im Wissenszentrum Pflege

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