Behandlungspflege

Stomaversorgung – Anleitung für die Pflege

Kolostoma, Ileostoma und Urostoma fachgerecht versorgen: Beutelwechsel, Hautschutz, Komplikationen erkennen und Betroffene anleiten.

3 Arten
Kolostoma, Ileostoma, Urostoma
LG 2
Behandlungspflege § 132a SGB V
~160.000
Stomaträger in Deutschland

Was ist ein Stoma?

Ein Stoma (griech. „Mund, Öffnung“) ist eine operativ angelegte Körperöffnung, durch die Darminhalt oder Urin nach außen abgeleitet wird. Die Anlage erfolgt bei Erkrankungen wie Darmkrebs, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Blasenkarzinom oder nach Traumata.

Die Stomaversorgung umfasst den Beutelwechsel, die peristomale Hautpflege, die Komplikationskontrolle und die psychosoziale Begleitung der Betroffenen. Sie gehört zur Behandlungspflege LG 2 und erfordert fundiertes Fachwissen.

💡 Jedes Stoma ist individuell. Form, Größe und Aktivität verändern sich – besonders in den ersten Wochen postoperativ. Die Versorgung muss regelmäßig angepasst werden.

Häufige Fehler bei der Stomaversorgung

  • Falsche Ausschnitts-Größe – zu großer Ausschnitt legt peristomale Haut frei (Kontaktdermatitis), zu kleiner Ausschnitt drückt auf das Stoma
  • Fehlender Hautschutz – aggressives Sekret (v. a. Ileostoma) zerstört die peristomale Haut innerhalb von Stunden
  • Unebene Basisplatte – bei Hautfalten/Narben fehlt die Haftung, Unterwanderung durch Stuhl oder Urin
  • Zu häufiger Wechsel – unnötige mechanische Belastung der peristomalen Haut
  • Psychosoziale Vernachlässigung – Scham, sozialer Rückzug und Körperbildstörung werden nicht angesprochen
  • Keine Anleitung zur Selbstversorgung – Unabhängigkeit des Betroffenen wird nicht gefördert

Praxis: Stomaversorgung bei Kolostoma

Praxisbeispiel

Frau Z., 71 Jahre, Pflegegrad 3, Z. n. Sigma-Resektion bei kolorektalem Karzinom, endständiges Kolostoma links. 4 Wochen postoperativ. Stoma vital, rosarot, leicht prominierend, Durchmesser 28 mm. Pfleger Herr M. reinigt die peristomale Haut mit lauwarmem Wasser und Kompressen. Er misst das Stoma mit Schablone, schneidet die Basisplatte auf 30 mm aus (2 mm Spielraum) und trägt Hautschutzpaste an unebenen Stellen auf. Basisplatte anwärmen (Handwärme), aufkleben, von unten nach oben andrücken, Beutel einrasten. Frau Z. übt das Ausschneiden und Aufkleben zum ersten Mal selbst.

➔ Fazit: Exaktes Peristomales Messen + Hautschutz + Anleitung zur Selbstversorgung = intakte peristomale Haut und steigende Unabhängigkeit.

Stomaarten im Überblick

Stomaart Lokalisation Ausscheidung Hautrisiko Besonderheiten
Kolostoma Dickdarm (Sigma, Transversum) Geformt bis breiig Mittel Häufigste Form; ggf. Irrigation möglich
Ileostoma Dünndarm (terminales Ileum) Dünnflüssig, enzymatisch aggressiv Sehr hoch Hoher Flüssigkeitsverlust; prominierend angelegt
Urostoma Harnableitung (Ileum-Conduit) Urin (kontinuierlich) Hoch (Urinmazeration) Ablaufbeutel mit Ventil; Harnwegsinfekte beobachten

Versorgungssysteme

Einteiliges System

  • Basisplatte und Beutel fest verbunden
  • Bei jedem Beutelwechsel wird die Basisplatte mit gewechselt
  • Flexibel, flach, dezent unter der Kleidung
  • Geeignet bei: flachem Stoma, glatter peristomaler Haut

Zweiteiliges System

  • Basisplatte und Beutel getrennt (Rastring oder Klebeflansch)
  • Basisplatte bleibt 2–4 Tage, nur Beutel wird gewechselt
  • Weniger Hautbelastung durch seltenen Plattenwechsel
  • Geeignet bei: gereizte Haut, schwierigem parastomales Hautniveau

Beutelwechsel: Schritt für Schritt

1
Vorbereitung

Material bereitlegen: neues Versorgungssystem, Schablone, Schere, Kompressen, lauwarmes Wasser, ggf. Hautschutzpaste/-ring, Abfallbeutel. Händedesinfektion, Handschuhe.

2
Altes System entfernen

Beutel/Basisplatte von oben nach unten vorsichtig ablösen. Hautseite des alten Systems beurteilen: Stuhl-/Urinspuren unter der Platte? Unterwanderung? Haut unter dem transparenten Schutzfilm kontrollieren.

3
Stoma & Haut beurteilen

Stoma: Farbe (rosarot = gut, blass/livide = Durchblutungsstörung), Größe, Prominenz. Peristomale Haut: Rötung, Mazeration, Pilzbefall, allergische Reaktion? DET-Score dokumentieren.

4
Reinigung

Peristomale Haut mit lauwarmem Wasser und weichen Kompressen reinigen – kreisförmig von außen zum Stoma. Keine Seife (fettet, Platte haftet nicht), keine Desinfektionsmittel, kein Benzin, kein Alkohol.

5
Neue Versorgung anbringen

Stoma mit Schablone messen, Ausschnitt 1–2 mm größer als Stoma. Hautschutzpaste bei Unebenheiten. Basisplatte mit Handwärme anwärmen (verbessert Haftung). Von unten nach oben aufkleben, glattstreichen. Beutel einrasten/aufkleben.

6
Dokumentation

Stomagröße, Farbe, peristomaler Hautzustand (DET-Score), Ausscheidungscharakter (Farbe, Konsistenz, Menge), verwendetes Versorgungssystem, Besonderheiten.

Häufige Stoma-Komplikationen

🔴

Peristomale Dermatitis

Hautirritation durch Stuhl-/Urinkontakt. Ursache: Falscher Ausschnitt, Unterwanderung. Maßnahme: Exaktes Messen, Hautschutz, ggf. konvexe Platte.

🔹

Prolaps

Darm stülpt sich durch das Stoma übermäßig vor. Leicht: Versorgung anpassen, flexibler Beutel. Stark: Chirurgische Korrektur. Bauchpresse vermeiden.

🔵

Retraktion

Stoma sinkt unter Hautniveau ein – erschwert Abdichtung, führt zu Unterwanderung. Maßnahme: Konvexe Basisplatte, Stomagürtel. Ggf. chirurgische Revision.

⚠️

Parastomale Hernie

Bruchpforte neben dem Stoma – sichtbare Vorwölbung bei Bauchpresse. Elastischer Gurt zur Unterstützung. Operation bei Inkarzeration oder schwerer Versorgungsproblematik.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Stoma regelmäßig messen – Größe ändert sich besonders in den ersten 6–8 Wochen postoperativ
  • Ausschnitt 1–2 mm Spielraum – zu groß = Hautkontakt, zu klein = Stomaquetschung
  • Nur Wasser zur Reinigung – keine Seife, kein Alkohol, kein Desinfektionsmittel
  • Basisplatte anwärmen – Handwärme verbessert Haftung um bis zu 40 %
  • Peristomale Haut = Schlüsselfaktor – intakte Haut = gute Haftung = kein Leck
  • Selbstversorgung fördern – Anleitung und Übung erhöhen Lebensqualität und Unabhängigkeit
  • Stomatherapie einbeziehen – zertifizierte Stomatherapeuten bei komplexen Situationen hinzuziehen

Wenn Sie sich nur einen Gedanken merken:

Merksatz: Der Schlüssel zur guten Stomaversorgung ist die peristomale Haut – ist sie intakt, hält die Versorgung dicht. Ist sie geschädigt, beginnt ein Teufelskreis aus Leckage und weiterer Schädigung.

Häufig gestellte Fragen zur Stomaversorgung

Wie oft muss der Stomabeutel gewechselt werden?

Einteiliges System: Beutelwechsel bei Füllung (ca. 1–3 ×/Tag bei Kolostoma). Zweiteiliges System: Beutel bei Füllung wechseln, Basisplatte alle 2–4 Tage (oder bei Unterwanderung/Leckage). Nie eine dichte Versorgung unnötig wechseln – das belastet die Haut.

Was ist der DET-Score?

Der DET-Score (Discoloration, Erosion, Tissue overgrowth) ist ein standardisiertes Instrument zur Beurteilung der peristomalen Haut: Verfärbung (0–3), Erosion/Ulzeration (0–3), Gewebezunahme (0–3). Je höher der Score, desto stärker die Hautschädigung. Ideal: DET = 0.

Dürfen Stomaträger duschen und baden?

Ja! Duschen ist mit und ohne Beutel möglich – Wasser schadet dem Stoma nicht. Baden: mit geschlossenem Beutel, Abdichtung prüfen. Schwimmen: Mini-Kappen oder spezielle Badeversorgung. Normales Leitungswasser ist kein Problem.

Was tun bei starker peristomaler Hautrötung?

Ursache klären: Kontaktdermatitis (Stuhl/Urin? → Ausschnitt anpassen), allergische Reaktion (Hautschutzprodukt? → Materialwechsel), Pilzbefall (Candida? → antimykotisches Puder unter die Platte). Im Zweifel: Stomatherapeut einbeziehen.

Wer trägt die Kosten für Stomaversorgungsmaterial?

Stomaartikel sind Hilfsmittel und werden von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen (§ 33 SGB V). Die Verordnung erfolgt durch den Arzt. Die Versorgung übernehmen spezialisierte Homecare-Unternehmen oder Sanitätshäuser. Zuzahlung: max. 10 €/Monat.

Testen Sie Ihr Wissen

Wissenscheck
Warum ist die peristomale Hautpflege bei einem Ileostoma besonders wichtig?
A) Weil ein Ileostoma optisch unattraktiver ist
B) Weil Dünndarm-Ausscheidung aggressive Verdauungsenzyme enthält, die die Haut schnell zersetzen
C) Weil die Beutel bei Ileostoma billiger sind
D) Weil die Haut am Dünndarm dünner ist als am Dickdarm
Auflösung anzeigen

Richtige Antwort: B) Weil Dünndarm-Ausscheidung aggressive Verdauungsenzyme enthält, die die Haut schnell zersetzen

Das Ileostoma-Sekret enthält Pankreasenzyme (Lipase, Protease, Amylase) und Gallensäuren, die die peristomale Haut innerhalb weniger Stunden mazerieren und ulzerieren können. Deshalb wird ein Ileostoma prominierend angelegt („Nippelstoma“) und der Hautschutz muss lückenlos sein.

Weiterführende Themen im Wissenszentrum

Stomaversorgung steht in engem Zusammenhang mit:

📚 Passende E-Learning Fortbildungen & Weiterbildungen

Behandlungspflege und Stomatherapie vertiefen:

TR
Tim Reinhold Dozent für Pflegeweiterbildung · Fachautor im Wissenszentrum Pflege

Stomaversorgung, Hautschutz und Beutelwechsel — Praxiskompetenz aus der Behandlungspflege LG 1 & LG 2. Jetzt informieren