Stomapflege – Grundlagen für die häusliche Versorgung
In Deutschland leben über 160.000 Menschen mit einem Stoma. Eine kompetente Versorgung durch Angehörige und Pflegedienste gewährleistet Komplikationsfreiheit, Hautschutz und Selbstständigkeit. Die Deutsche ILCO e. V. und die FgW (Fachgesellschaft Stoma) bieten evidenzbasierte Versorgungsempfehlungen.
Stomaarten im Überblick
Colostomie
Ausleitung des Dickdarms. Häufigste Form. Stuhl ist meist geformt bis breiig. Lokalisation: linker Unterbauch (Descendostomie) oder rechter Oberbauch (Transversostomie). Indikation: Rektumkarzinom, Divertikulitis, Stuhlinkontinenz. Bei Diabetes mellitus verzögert sich die peristomale Wundheilung.
Ileostomie
Ausleitung des Dünndarms. Stuhl ist flüssig–breiig, enzymatisch aggressiv. Lokalisation: rechter Unterbauch. Indikation: CED (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa), FAP. Erhöhtes Dehydrationsrisiko!
Urostomie
Harnableitung über Ileum-Conduit oder Ureterokutaneostomie. Urin läuft kontinuierlich. Indikation: Blasenkarzinom (Zystektomie), neurogene Blase. Vgl. Katheterpflege.
Endständig vs. doppelläufig: Endständige Stomata sind meist permanent. Doppelläufige (protektive) Stomata dienen als vorübergehender Schutz (z. B. nach Anastomose) und werden nach 6–12 Wochen rückverlagert. Bei Ileostomie-Patient:innen steigt das Risiko für Schluckstörungen und Aspiration durch Elektrolytverschiebungen.
Epidemiologie und Versorgungsdaten
Laut Deutscher ILCO (2024) leben in Deutschland über 160.000 Menschen mit einer Stomaanlage. Etwa 70 % aller Neuanlagen sind Kolostomien nach kolorektalem Karzinom (AWMF S3-Leitlinie 021-007, Aktualisierung 2024). Die Ileostomie-Rate steigt durch zunehmende CED-Inzidenz – die Deutsche Morbus Crohn / Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) verzeichnete 2024 über 420.000 CED-Betroffene. Urostomien machen ca. 12 % der Anlagen aus, häufig nach Zystektomie bei Blasenkarzinom (RKI-Krebsregister 2024: ~16.800 Neuerkrankungen/Jahr). Ernährungssonden (PEG) und Stomata betreffen häufig dieselben Patient:innen nach abdominalchirurgischen Eingriffen. Die peristomale Komplikationsrate beträgt laut einer Metaanalyse (WOCN 2023) bis zu 80 % innerhalb der ersten 2 Jahre – Hautläsionen (Intertrigo) und Dermatitis sind die häufigsten Probleme.
Versorgungssysteme
Einteilige Systeme
- Hautschutzplatte und Beutel fest verbunden
- Wechsel als Ganzes (alle 1–3 Tage)
- Dünn und flexibel – gut bei flachem Stoma
- Weniger auskühlend für das Stoma
Zweiteilige Systeme
- Hautschutzplatte (Basisplatte) und Beutel getrennt
- Basisplatte bleibt 3–5 Tage, Beutel wird gewechselt
- Weniger Hautbelastung durch selteneren Plattenwechsel
- Verschiedene Beuteltypen auf gleicher Platte
Beuteltypen
| Typ | Einsatz |
|---|---|
| Geschlossener Beutel | Colostomie mit geformtem Stuhl – Einmalgebrauch |
| Ausstreifbeutel | Ileostomie, flüssiger Stuhl – von unten entleerbar |
| Urostomiebeutel | Harnableitung – Ablassventil, Nachtanschluss |
| Mini-Kappe | Colostomie + Irrigation – diskrete Abdeckung zwischen Irrigationen |
Individuell anpassen! Stomatherapeuten (ET/WTcert®) beraten bei Auswahl und Anpassung. Jedes Stoma ist einzigartig – Größe, Lage, Hauttypus und Lebensweise bestimmen das optimale System.
Stomapflege Schritt für Schritt
Material bereitlegen: neues Versorgungssystem, Schablone, Schere, Reinigungstücher (oder lauwarmes Wasser + Vliesstoff), Hautschutzpaste, ggf. Konvexplatte. Händedesinfektion, Handschuhe.
Platte von oben nach unten ablösen – mit einer Hand Gegenzug auf die Haut. Adhesive-Remover-Spray oder -Tücher erleichtern die Ablösung. Gebrauchtes System in Beutel entsorgen.
Peristomale Haut mit lauwarmem Wasser und weichem Vlies reinigen. Keine Seife, kein Desinfektionsmittel, keine Cremes – beeinträchtigen die Haftung! Stoma darf leicht bluten (gut durchblutet = normal).
Stomafarbe (rosa-rot = normal; blass/livide = Durchblutungsstörung), Größe, Form. Peristomale Haut: Reizung, Mazeration, Pilzbefall, allergische Reaktion? Feuchtigkeitsbedingte Läsionen (Intertrigo) treten besonders bei Ileostomie auf. DET-Score (Discolouration, Erosion, Tissue Overgrowth) zur standardisierten Beurteilung. Sorgfältige Mundpflege gehört ebenfalls zum Pflegeprogramm von Stomaträger:innen.
Hautschutzring/-paste bei Hautunebenheiten. Öffnung mit Schablone anpassen (max. 2–3 mm größer als Stoma). Platte von unten nach oben auf trockene Haut kleben, 1 Minute andrücken (Körperwärme aktiviert Haftung). Beutel einsetzen.
Häufige Komplikationen
| Komplikation | Ursache | Maßnahme |
|---|---|---|
| Peristomale Dermatitis Häufig | Stuhlkontakt, allergische Reaktion, mechanische Reizung | Passgenauigkeit optimieren, Hautschutzpaste, ggf. Produktwechsel |
| Retraktion | Stoma zieht sich unter Hautniveau zurück | Konvexe Versorgung, Gürtel; ggf. chirurgische Korrektur |
| Prolaps | Darmabschnitt stülpt sich übermäßig vor | Größeres Versorgungssystem, Prolapsgurt; bei Inkarzeration = Notfall! |
| Parastomale Hernie | Bauchwandschwäche um das Stoma | Stützgürtel, flexible Versorgungssysteme; bei Komplikation: OP |
| Stenose | Verengung der Stomaöffnung (Narbenbildung) | Bougierung durch Arzt/Stomatherapeut; ggf. OP |
Notfall-Warnsignale: Blaues/schwarzes Stoma (Nekrose), inkarzierter Prolaps (Stoma lässt sich nicht reponieren), peristomaler Abszess mit Fieber. Sofortiger ärztlicher Kontakt erforderlich! Patient:innen mit Diabetes oder Blutdruckentgleisungen haben ein erhöhtes Komplikationsrisiko. Bettlägerige Stomaträger:innen benötigen zusätzlich konsequente Thromboseprophylaxe.
Hilfsmittelversorgung und Kostenträger
Stomaversorgungsartikel sind Hilfsmittel nach § 33 SGB V und werden auf ärztliches Rezept von der Krankenkasse übernommen:
- Versorgungssysteme (Platten, Beutel) – in bedarfsgerechter Menge
- Zubehör – Hautschutzpaste, Hautschutzringe, Gürtel, Adhesive Remover
- Irrigationsausstattung – für Colostomie-Patienten mit geeignetem Stoma
- Stomatherapie – Schulung und Anpassung durch StomatherapeutIn (über Homecare-Unternehmen oder Klinik)
- Gesetzliche Zuzahlung: 10 % pro Packung, max. 10 € – Befreiung bei Belastungsgrenze (2 % des Bruttojahreseinkommens, chronisch krank: 1 %)
- Die Abgrenzung zwischen SGB V und SGB XI ist für Stomaträger:innen besonders relevant – ein Überblick aller Pflegekassenleistungen hilft bei der Orientierung
- Für die Hilfsmittelversorgung bei Mobilitätseinschränkungen gelten ergänzende Regelungen nach § 40 SGB XI
Homecare-Versorgung: Spezialisierte Homecare-Unternehmen liefern Stomaprodukte direkt nach Hause, bieten telefonische Beratung und regelmäßige Hausbesuche durch StomatherapeutInnen. Die Kosten werden von der Krankenkasse getragen. Kompressionstherapie wird häufig parallel verordnet, z. B. bei parastomaler Hernie mit Stauungssymptomatik.
Dokumentation
Die Stomadokumentation orientiert sich am Strukturmodell (SIS) und den Anforderungen der Qualitätssicherung im Pflegedienst. Alle Maßnahmen müssen nachvollziehbar festgehalten werden – auch im Hinblick auf die Dokumentationsstandards bei Dekubitus, die analog für peristomale Wunden gelten:
- Stomaart, Lokalisation, Größe, Farbe, Form (endständig/doppelläufig)
- Versorgungssystem – Hersteller, Produkt, Größe, Wechselintervall
- Peristomale Haut – DET-Score, Veränderungen, Maßnahmen
- Ausscheidung – Menge, Konsistenz, Farbe, Auffälligkeiten
- Komplikationen – Leckagen, Hautprobleme, Stomaveränderungen
- Schulungstand der Patient:in bzw. Angehörigen
- Ernährungsstatus – bei Ileostomie Flüssigkeitsbilanz und Elektrolyte, Blutzuckerwerte bei Diabetes
- Digitale Dokumentation – zunehmend via elektronischer Pflegeakte mit Fotodokumentation
Besondere Patientengruppen
Stoma bei Demenz
Patient:innen mit Demenz benötigen eine vereinfachte, routinebasierte Versorgung. Validation nach Naomi Feil hilft bei Unruhe während des Wechsels. Die Biografiearbeit unterstützt die angstfreie Pflege. Bei fortgeschrittener Demenz übernimmt häufig ein:e Angehörige:r die Versorgung.
Stoma bei Diabetes
Diabetiker:innen sind durch verzögerte Wundheilung und erhöhte Infektanfälligkeit gefährdet. Peristomale Hautprobleme (Intertrigo) treten häufiger auf. Die Kontrolle von Hyperglykaemie und Hypoglykämie ist essenziell – Blutzuckerschwankungen beeinflussen die Stuhlkonsistenz bei Ileostomie.
Immobilität und Stoma
Transfertechniken müssen an das Stoma angepasst werden – Druckvermeidung über der Versorgung ist essenziell. Mobilitätshilfsmittel sollten verordnet werden, bevor Immobilität eintritt. Bei bettlägerigen Patient:innen gilt besondere Aufmerksamkeit für Dekubitusprophylaxe rund um das Stoma.
Stoma am Lebensende
In der Palliativsituation steht Komfort im Vordergrund. Die ethische Reflexion zur Versorgungsintensität ist wichtig – manchmal genügt eine vereinfachte Versorgung. Trauerbegleitung unterstützt Angehörige, die ein verändertes Körperbild wahrnehmen.
Angehörigenbelastung: Die Stomaversorgung eines nahestehenden Menschen kann emotional und physisch belastend sein. Burnout-Prävention für pflegende Angehörige ist essenziell. Entlastungsangebote nach § 45b SGB XI und Pflegekassenleistungen sollten frühzeitig beantragt werden.
Digitale Unterstützung in der Stomaversorgung
Stoma-Apps
Moderne Pflege-Apps unterstützen Stomaträger:innen mit Wechselprotokollen, Foto-Tagebuch und Ernährungstracking. Hersteller wie Coloplast und Hollister bieten kostenlose Begleit-Apps an.
Telemedizin-Sprechstunde
Telemedizinische Konsultationen ermöglichen die Fernbeurteilung peristomaler Hautprobleme via Foto-Upload. Stomatherapeut:innen können so frühzeitig intervenieren – besonders wertvoll in ländlichen Regionen.
Zukunftstechnologien
Die Digitalisierung in der Pflege bringt smarte Stomasensoren hervor, die Füllstand und pH-Wert messen. Robotik-Assistenzsysteme und KI-gestützte Hautanalyse-Tools werden aktuell erprobt (Fraunhofer IPA, Projektbericht 2024).
Häufige Fragen zur Stomapflege
Kann man mit Stoma duschen und baden?
Ja! Duschen ist mit und ohne Versorgungssystem möglich – Wasser schadet dem Stoma nicht. Baden: Versorgung dranlassen (Duschpflaster zum Abdichten). Schwimmen: mit Versorgung und ggf. Stomabadebekleidung.
Wie oft muss der Stomabeutel gewechselt werden?
Geschlossener Beutel (Colostomie): 1–3×/Tag bei Stuhlgang. Ausstreifbeutel (Ileostomie): Basisplatte alle 3–5 Tage, Beutel bei Bedarf. Urostomie: Beutel alle 1–3 Tage, Nachtbeutel täglich. Grundregel: wechseln, bevor Leckage auftritt.
Welche Lebensmittel sollte man bei Colostomie meiden?
Es gibt keine generellen Verbote. Blähende Lebensmittel (Kohl, Hülsenfrüchte, Zwiebeln) meiden manche Stomaträger. Joghurt und Fencheltee können helfen. Bei Ileostomie: faserreiche Nahrung gut kauen (Verstopfungsgefahr), ausreichend trinken (1,5–2 l extra wegen Flüssigkeitsverlust).
Wo finde ich eine Stomatherapeutin?
Über den behandelnden Arzt, das Krankenhaus (Stomasprechstunde), Homecare-Unternehmen (z. B. Coloplast Homecare, Hollister Homecare) oder die Deutsche ILCO e. V. (Selbsthilfe mit Regionalgruppen).
Welche Hautprobleme treten am häufigsten peristomal auf?
Peristomale Dermatitis, Intertrigo (Feuchtigkeitsläsionen) und allergische Kontaktekzeme sind mit Abstand die häufigsten Komplikationen. Bei Diabetes heilen Hautläsionen langsamer. Der DET-Score hilft, Veränderungen standardisiert zu dokumentieren.
Gibt es digitale Hilfen für die Stomaversorgung?
Ja! Hersteller bieten kostenlose Stoma-Apps mit Wechselprotokollen und Ernährungstracking. Telemedizinische Sprechstunden ermöglichen die Fernbeurteilung peristomaler Haut via Foto-Upload. Die Digitalisierung schreitet auch in der Stomaversorgung rasch voran.
Wie kann man Angehörige bei der Stomaversorgung unterstützen?
Schulungen durch Stomatherapeut:innen sind essenziell. Burnout-Prävention und regelmäßige Entlastungsangebote (Verhinderungspflege, Tagespflege) sollten frühzeitig genutzt werden. Die Pflegekasse übernimmt Schulungskosten nach § 45 SGB XI.
Quellen und weiterführende Informationen
- Deutsche ILCO e. V. – Selbsthilfe für Stomaträger (Daten 2024)
- FgW – Fachgesellschaft Stoma, Kontinenz und Wunde e. V. (Versorgungsstandards 2025)
- WOCN – Wound, Ostomy and Continence Nurses Society (Best Practice Guidelines 2023)
- AWMF S3-Leitlinie „Kolorektales Karzinom“ (Reg.-Nr. 021-007, Aktualisierung 2024)
- § 33 SGB V – Hilfsmittelversorgung (Stand 2025)
- DCCV – Deutsche Morbus Crohn / Colitis ulcerosa Vereinigung (Versorgungsdaten 2024)
- RKI – Zentrum für Krebsregisterdaten: Blasenkarzinom-Inzidenz (Daten 2024)
- Recalla, S. et al.: „Peristomal skin complications“, Journal of Wound, Ostomy & Continence Nursing 50 (3), 2023, S. 201–210
- DNQP (Hrsg.): Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“, 2. Aktualisierung 2024
- Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege: Indikatorenset Stomaversorgung, 2024
- Fraunhofer IPA: Projektbericht „Smarte Stomaversorgung – Sensortechnologie und KI“, 2024
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Was ist das Hauptziel der Stomapflege?
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