Sauerstoffgabe – Anleitung für die Pflege
Sauerstofftherapie korrekt durchführen: Applikationssysteme, Dosierung, Überwachung und Sicherheitsregeln im pflegerischen Alltag.
Was ist Sauerstofftherapie?
Sauerstofftherapie bezeichnet die kontrollierte Zufuhr von medizinischem Sauerstoff über Nasenbrillen, Masken oder andere Applikationssysteme bei Patienten mit Hypoxämie (zu niedrigem Sauerstoffgehalt im Blut). Die Raumluft enthält ca. 21 % O₂ – durch O₂-Gabe wird die inspiratorische Sauerstoffkonzentration (FiO₂) erhöht.
In der häuslichen Pflege wird die O₂-Langzeittherapie (LTOT) ärztlich verordnet und durch Pflegekräfte überwacht. Sie gehört zur Behandlungspflege LG 1. Typische Indikationen: COPD, Lungenfibrose, Herzinsuffizienz, palliative Dyspnoe.
⚠️ Sauerstoff ist ein Medikament! Er darf nur nach ärztlicher Verordnung verabreicht werden. Zu viel O₂ ist bei COPD-Patienten (CO₂-Retainer) gefährlich – es kann den Atemantrieb unterdrücken!
Häufige Fehler bei der Sauerstoffgabe
- Zu hohe Dosis bei COPD – CO₂-Retainer vertragen oft nur 1–2 l/Min.; höhere Dosen können CO₂-Narkose auslösen
- SpO₂ nicht kontrolliert – ohne Pulsoximetrie wird die Therapie nicht überwacht, Über- oder Untersauerstoffung bleibt unbemerkt
- Trockene Nasenschleimhaut – bei > 4 l/Min. ohne Befeuchtung trocknen die Schleimhäute aus, Nasenbluten droht
- Nasenbrille falsch angelegt – Prongs zeigen nach oben statt in die Nasenlöcher; verratscht, nicht fixiert
- Brandgefahr ignoriert – offene Flammen, Rauchen, fetthaltige Cremes in O₂-Nähe sind hochgefährlich
- Sauerstoffgerät nicht geprüft – Füllstand, Schläuche, Anschlüsse nicht regelmäßig kontrolliert
Praxis: O₂-Langzeittherapie bei COPD
Herr F., 79 Jahre, Pflegegrad 3, schwere COPD GOLD IV, verordnete O₂-Langzeittherapie: 2 l/Min. über Nasenbrille, mind. 16 Std./Tag. Pflegerin Frau S. kontrolliert bei jedem Besuch: SpO₂ (Ziel: 88–92 %), Atemfrequenz, Bewusstsein, Schleimhautzustand. An einem Tag findet sie SpO₂ bei 97 % – Herr F. hatte den Fluss auf 5 l/Min. erhöht, weil er „besser atmen wollte“. Frau S. reduziert auf die verordnete Dosis und klärt ihn auf: bei CO₂-Retainern kann Überversorgung lebensgefährlich sein.
➔ Fazit: Patienten aufklären, Dosierung nicht eigenmmächtig verändern, SpO₂ kontrollieren.
Applikationssysteme im Überblick
| System | Flussrate | FiO₂ (ca.) | Einsatz | Hinweis |
|---|---|---|---|---|
| Nasenbrille | 1–6 l/Min. | 24–44 % | Standard für LTOT, COPD, Herzinsuffizienz | Prongs in Nasenlöcher, ab >4 l Befeuchtung nötig |
| Einfache O₂-Maske | 5–10 l/Min. | 40–60 % | Moderate Hypoxämie | Min. 5 l/Min., sonst CO₂-Rückatmung |
| Venturi-Maske | 2–15 l/Min. | 24–60 % (präzise) | CO₂-Retainer, genaue FiO₂ nötig | Farbcodierte Adapter für exakte Konzentration |
| Reservoirmaske | 10–15 l/Min. | 60–90 % | Schwere Hypoxämie, Notfall | Reservoir muss während Einatmung gefüllt bleiben |
⚠️ Bei COPD mit CO₂-Retention: Ziel-SpO₂ 88–92 % (nicht höher!). Venturi-Maske oder niedrig dosierte Nasenbrille verwenden. Vor O₂-Gabe immer BGA-Befund beachten.
O₂-Gabe über Nasenbrille: Schritt für Schritt
Flussrate (l/Min.), Dauer, Ziel-SpO₂ laut ärztlicher Anordnung kontrollieren.
O₂-Konzentrator/Flasche prüfen: Füllstand, Schlauch nicht geknickt, Anschlüsse dicht. Ggf. Befeuchtung (Aqua-dest.) einsetzen (ab > 4 l/Min.).
Prongs leicht nach oben gebogen in die Nasenlöcher einführen. Schlauch hinter den Ohren führen, unter dem Kinn mit Schieber fixieren. Sitz kontrollieren: bequem, nicht druckend.
Am Flowmeter die verordnete Flussrate eindrehen. Strömung am Prong prüfen (Handrücken oder Wasserglas-Test).
SpO₂ per Pulsoximeter messen (Zielwert nach AVO). Atemfrequenz, Bewusstsein, Zyanose beobachten. Bei Abweichung: Arzt informieren.
Flussrate, Dauer, SpO₂-Wert, Beobachtungen (Schleimhaut, Wohlbefinden) dokumentieren.
Sicherheitsregeln bei Sauerstoff
Brandgefahr
Absolutes Rauchverbot im Umfeld! Keine offenen Flammen, keine Feuerzeuge, keine Kerzen. O₂ selbst brennt nicht, macht Feuer aber explosionsartig intensiver.
Keine Fette/Öle
Keine fetthaltigen Cremes (Vaseline, Lanolin) an Nase/Gesicht! Fett + O₂ = extrem brandgefährlich. Wasserbasierende Pflegeprodukte verwenden.
Geräteprüfung
Schläuche, Anschlüsse, Ventile regelmäßig auf Dichtheit und Sauberkeit prüfen. Schlauch nicht länger als 15 m (Flussverlust). Füllstand bei Flaschen kontrollieren.
Schleimhautpflege
Nasenschleimhaut täglich inspizieren. Prongs aus Silikon bevorzugen. Nüstern mit wasserbasierten Gels oder NaCl 0,9 % feucht halten.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Sauerstoff = Medikament – nur nach ärztlicher Verordnung, nie selbstständig erhöhen
- COPD-Patienten (CO₂-Retainer): Ziel-SpO₂ 88–92 % – zu viel O₂ kann den Atemantrieb unterdrücken
- Ab > 4 l/Min.: Befeuchtung verwenden – Schleimhauttrockenheit vorbeugen
- Rauchverbot + keine Fette/Öle – extreme Brandgefahr
- SpO₂ per Pulsoximeter überwachen – bei jedem Pflegekontakt kontrollieren
- Nasenbrille korrekt anlegen – Prongs in Nase, Schlauch hinter Ohren
- Dokumentation: Flussrate, Dauer, SpO₂, Beobachtungen
Wenn Sie sich nur einen Gedanken merken:
Merksatz: Sauerstoff ist ein Medikament mit Nebenwirkungen – die richtige Dosis rettet Leben, die falsche Dosis kann es gefährden. Immer verordnungskonform arbeiten und die SpO₂ kontrollieren.
Häufig gestellte Fragen zur Sauerstoffgabe
Warum ist zu viel Sauerstoff bei COPD gefährlich?
Bei chronischer CO₂-Erhöhung (CO₂-Retainer) funktioniert der normale Atemantrieb über CO₂ nicht mehr – der Körper steuert stattdessen über den niedrigen Sauerstoff. Gibt man zu viel O₂, fällt dieser Antrieb weg → Atemdepression bis Atemstillstand (CO₂-Narkose).
Was ist der Unterschied zwischen O₂-Konzentrator und O₂-Flasche?
Konzentrator: Elektrisches Gerät, filtert O₂ aus der Raumluft. Unbegrenzte O₂-Versorgung bei Strom. Flasche: Komprimierter oder flüssiger O₂, Vorrat begrenzt. Für unterwegs oder als Notfall-Reserve. Beide werden vom Versorger bereitgestellt.
Wie oft muss SpO₂ gemessen werden?
In der häuslichen Pflege: bei jedem Pflegekontakt (mindestens 1×/Tag bei LTOT). Bei akuter Verschlechterung: engmaschig alle 15–30 Min. Die ärztliche Verordnung und der Zustand des Patienten bestimmen die Häufigkeit.
Darf der Patient mit O₂-Nasenbrille essen und trinken?
Ja – das ist ein großer Vorteil der Nasenbrille gegenüber der Maske. Patient kann essen, trinken, sprechen und hustenm während die O₂-Zufuhr weiterlauft. Wichtig: Brille nicht abnehmen beim Essen!
Was tun bei Nasenbluten durch O₂-Therapie?
Nasenbluten entsteht durch Austrocknung der Schleimhaut. Maßnahmen: Befeuchtung (ab > 4 l immer!), NaCl 0,9 %-Nasenspray, wasserbasierende Nasenpflege. Keine Vaseline (Fett + O₂ = brandgefährlich). Bei häufigem Nasenbluten: Arzt informieren.
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Auflösung anzeigen
Richtige Antwort: B) 88–92 %
Bei CO₂-Retainern wird der Atemantrieb über den niedrigen O₂-Spiegel gesteuert. Wird die SpO₂ zu hoch, fällt dieser Antrieb weg → Atemdepression. Deshalb: SpO₂ gezielt im Bereich 88–92 % halten, nicht auf 100 % steigern.
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