Reanimation in der Pflege – Herz-Lungen-Wiederbelebung (BLS)
Jede Minute ohne Herzdruckmassage senkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um 10 %. Pflegefachkräfte müssen den BLS-Algorithmus beherrschen – es gibt keinen Raum für Unsicherheit.
Was ist Reanimation (BLS)?
BLS (Basic Life Support) bezeichnet die grundlegenden Maßnahmen zur Wiederbelebung bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand: Herzdruckmassage und Beatmung im Verhältnis 30:2 sowie der frühestmögliche Einsatz eines AED (Automatisierter Externer Defibrillator).
In Deutschland erleiden jährlich rund 70.000 Menschen einen plötzlichen Herztod außerhalb des Krankenhauses. Die Überlebensrate liegt aktuell bei nur 10–13 %. Jede Minute ohne CPR verringert die Überlebenschance um etwa 10 %. Frühe Herzdruckmassage und frühe Defibrillation können die Überlebensrate auf über 50 % steigern.
Warum versagt die Reanimation zu oft?
Auch im professionellen Pflegesetting gibt es vermeidbare Fehler:
- Verzögerter Beginn: Wertvolle Minuten gehen verloren durch Diskussionen, Suche nach dem Arzt oder Unsicherheit über die Indikation
- Zu geringe Drucktiefe: Die häufigste Fehlerquelle – viele drücken zu zaghaft. Mindestens 5 cm, ideal 5–6 cm Drucktiefe sind erforderlich
- Zu langsame oder zu schnelle Frequenz: Die Kompressionsrate muss bei 100–120/min liegen – nicht schneller, nicht langsamer
- Zu lange Unterbrechungen: Jede Pause der Herzdruckmassage (z. B. für Beatmung, Rhythmus-Check, AED-Laden) stoppt den Blutfluss zum Gehirn
- AED nicht genutzt: In vielen Einrichtungen hängt ein AED – aber niemand weiß wo, oder traut sich nicht, ihn zu benutzen
- Kein regelmäßiges Training: CPR-Fertigkeiten nehmen bereits nach 3 Monaten messbar ab
Entscheidend: Bei Kreislaufstillstand sofort mit der Herzdruckmassage beginnen! Lieber mit CPR beginnen und sich irren, als zögern und den Patienten verlieren.
Praxisbeispiel: Kreislaufstillstand beim Frühstück
Frau X., 78 Jahre, Pflegegrad 2, sitzt beim Frühstück, als sie plötzlich bewusstlos vom Stuhl sackt. Die Pflegefachkraft eilt herbei: Ansprechen – keine Reaktion. Schmerzreiz am Trapezmuskel – keine Reaktion. Lauter Hilferuf: „Reanimation, Zimmer 7!“
Atemkontrolle: Kopf überstreckt, Kinn angehoben – kein Brustkorb hebt sich, kein Luftstrom spürbar. Die Pflegekraft beginnt nach 8 Sekunden mit der Herzdruckmassage: Handballen auf die untere Sternumhälfte, Arme durchgestreckt, 30 Kompressionen mit 5–6 cm Tiefe und 100–120/min. Die Kollegin holt den AED und setzt den Notruf 112 ab.
AED angelegt → Analyse: „Schock empfohlen“ → Schock ausgelöst → sofort weiter CPR 30:2. Nach 4 Minuten kommt der Rettungsdienst, Frau X. hat wieder einen tastbaren Puls. Sie wird im Krankenhaus weiter behandelt und kann nach 5 Tagen ohne neurologische Defizite entlassen werden.
Ergebnis: Früher CPR-Beginn (<10 Sek.) und schneller AED-Einsatz retteten Frau X. das Leben. Ohne sofortige Herzdruckmassage wäre das Outcome mit hoher Wahrscheinlichkeit fatal gewesen.
BLS-Algorithmus: Schritt für Schritt
Eigensicherheit prüfen. Person laut ansprechen und an beiden Schultern schütteln. Keine Reaktion? → Hilfe rufen (Kollegen alarmieren).
Auf den Rücken legen. Kopf überstrecken, Kinn anheben. Maximal 10 Sekunden: Sehen, Hören, Fühlen. Keine normale Atmung oder nur Schnappatmung → Kreislaufstillstand annehmen.
Eine Person ruft 112, eine andere holt den AED. Falls allein: erst Notruf (Freisprechen), dann sofort CPR beginnen. Telefonreanimation nutzen!
Handballen auf die untere Hälfte des Brustbeins setzen. Zweite Hand darauf, Finger verschränken. Arme durchgestreckt, senkrecht drücken. Drucktiefe: 5–6 cm. Frequenz: 100–120/min. Brustkorb nach jeder Kompression vollständig entlasten.
Kopf überstrecken, Kinn anheben, Nase zuhalten. 1 Sekunde lang beatmen bis sich der Brustkorb sichtbar hebt. Maximal 2 Versuche, dann weiter mit Kompressionen. Bei Unsicherheit oder fehlendem Beatmungsequipment: nur Herzdruckmassage (Compression-only CPR).
AED einschalten und den Sprachanweisungen folgen. Klebeelektroden aufkleben (rechts unter dem Schlüsselbein, links unter der Achsel). Analyse nur bei Stillstand der CPR. „Schock empfohlen“ → Schock auslösen → sofort weiter CPR. „Kein Schock empfohlen“ → sofort weiter CPR.
CPR nicht unterbrechen, außer bei: Lebenszeichen (Bewegung, Husten, normale Atmung), Eintreffen des Rettungsdienstes oder eigener Erschöpfung (Helfer*innen alle 2 Minuten wechseln!).
Qualitätsmerkmale der Herzdruckmassage
Drucktiefe 5–6 cm
Zu flache Kompressionen erzeugen keinen ausreichenden Blutfluss. Zu tief (>6 cm) erhöht die Verletzungsgefahr. Den „Sweet Spot“ treffen.
100–120/min Frequenz
Orientierung: Takt von „Stayin’ Alive“ (Bee Gees). Zu langsam = zu wenig Blutfluss. Zu schnell = unvollständige Entlastung.
Vollständige Entlastung
Nach jeder Kompression den Brustkorb vollständig zurückkommen lassen. Nicht „auf dem Brustkorb lehnen“ – sonst füllt sich das Herz nicht ausreichend.
Minimale Unterbrechungen
Jede Pause der Herzdruckmassage stoppt den Blutfluss. Die Hands-off-Zeit sollte unter 10 Sekunden bleiben. Helferwechsel alle 2 Minuten.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Kreislaufstillstand: Bewusstlosigkeit + keine normale Atmung = sofort CPR beginnen – keine Zeit verlieren
- Verhältnis 30:2 – 30 Kompressionen, dann 2 Beatmungen. Bei Unsicherheit: nur Herzdruckmassage (Compression-only CPR)
- Drucktiefe 5–6 cm, Frequenz 100–120/min, vollständige Entlastung nach jeder Kompression
- Druckpunkt: untere Hälfte des Brustbeins (Sternum) – Handballen aufsetzen, Arme durchgestreckt
- AED so früh wie möglich einsetzen – das Gerät leitet sprachgesteuert durch die Anwendung
- Helferwechsel alle 2 Minuten – Ermüdung führt zu schlechterer Kompressionsqualität
- CPR fortführen bis: Rettungsdienst übernimmt, Lebenszeichen auftreten oder Erschöpfung eintritt
Merksatz: Drücken rettet Leben! 30:2, fest (5–6 cm), schnell (100–120/min), vollständig entlasten, nicht unterbrechen. Früh defibrillieren – der AED kann nichts falsch machen.
Häufige Fragen zur Reanimation in der Pflege
Kann ich bei der Herzdruckmassage Rippen brechen?
Ja, Rippenfrakturen können vorkommen – besonders bei älteren Patienten mit Osteoporose. Das ist jedoch kein Grund, die Reanimation abzubrechen oder weniger fest zu drücken. Gebrochene Rippen heilen, ein Herz- Kreislauf-Stillstand ohne CPR ist tödlich. Die korrekte Drucktiefe von 5–6 cm muss eingehalten werden.
Darf ich als Pflegekraft einen AED benutzen?
Ja, unbedingt! AEDs sind für Laien konzipiert und dürfen von jeder Person angewendet werden. Das Gerät analysiert den Herzrhythmus automatisch und gibt nur dann einen Schock frei, wenn dieser indiziert ist. Es kann keinen Schaden anrichten. Als Pflegefachkraft sind Sie sogar besonders qualifiziert.
Wann darf ich die Reanimation beenden?
Die Reanimation darf beendet werden bei: Übernahme durch den Rettungsdienst/Notarzt, Einsetzen von Lebenszeichen (Puls, Atmung, Bewegung), dokumentierter Patientenverfügung die CPR ausschließt, oder eigener Erschöpfung ohne verfügbaren Helfer. Die Entscheidung zum Abbruch trifft im Idealfall ein Arzt.
Was ist Compression-only CPR?
Bei Compression-only CPR wird ausschließlich die Herzdruckmassage ohne Beatmung durchgeführt. Dies ist gemäß ERC-Guidelines akzeptabel, wenn: der Helfer nicht beatmen kann oder möchte, kein Beatmungsequipment verfügbar ist, oder bei telefonisch angeleiteter Reanimation. Ununterbrochene Kompressionen sind in jedem Fall besser als gar keine CPR.
Was, wenn eine Patientenverfügung CPR ausschließt?
Liegt eine eindeutige, aktuelle Patientenverfügung vor, die Reanimation ausschließt, muss dieser Wille respektiert werden. Im Zweifel (Verfügung nicht auffindbar, unklar formuliert) gilt: immer reanimieren! Die Entscheidung zur Nicht-Reanimation erfordert eine klare, dokumentierte Anordnung (z. B. DNAR-Anordnung durch den Arzt).
Quellen und weiterführende Literatur
- ERC – European Resuscitation Council Guidelines 2021: erc.edu/guidelines
- GRC – German Resuscitation Council – Reanimationsempfehlungen: grc-org.de
- DGUV – Erste Hilfe im Betrieb (DGUV Information 204-022): dguv.de
- Gesetze im Internet – § 323c StGB Unterlassene Hilfeleistung: gesetze-im-internet.de
Selbsttest: Reanimation
Antwort aufdecken
Richtig: B) Die empfohlene Drucktiefe beträgt 5–6 cm gemäß ERC-Guidelines 2021. Weniger als 5 cm erzeugt keinen ausreichenden Blutfluss, mehr als 6 cm erhöht die Verletzungsgefahr ohne zusätzlichen Nutzen.
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