Puls messen – Anleitung für die Pflege
Manuelle und apparative Pulskontrolle: Frequenz, Rhythmus, Qualität – und wann sofort gehandelt werden muss.
Was ist die Pulsmessung?
Die Pulsmessung erfasst die rhythmischen Druckwellen, die das Herz bei jeder Kontraktion in die Arterien schickt. In der Pflege wird der Puls standardmäßig an der Arteria radialis (Handgelenk, Daumenseite) getastet.
Beurteilt werden fünf Eigenschaften: Frequenz (Schläge/Min.), Rhythmus (regelmäßig/unregelmäßig), Qualität (kräftig/schwach), Spannung (hart/weich) und Füllung (voll/leer). Die Pulskontrolle gehört zur basalen Vitalzeichenkontrolle und ist Teil der Behandlungspflege LG 1.
💡 Merke: Nie mit dem Daumen tasten – der Daumen hat einen eigenen Puls, der den Patientenpuls überlagern kann. Immer Zeige-, Mittel- und Ringfinger verwenden.
Häufige Fehler bei der Pulsmessung
- Daumen zum Tasten – eigener Puls wird fälschlich mitgezählt
- Zu starker Druck – Arterie wird komprimiert, Puls verschwindet
- Zu kurze Zähldauer – 15-Sekunden-Messung × 4 kann Arrhythmien übersehen
- Messung nach Anstrengung – Frequenz ist erhöht, keine Ruhewerte
- Nur Frequenz dokumentiert – Rhythmus und Qualität werden übersehen
- Pulsdefizit nicht erkannt – bei Vorhofflimmern kann peripher weniger zählbar sein als apikal
⚠️ Pulsdefizit: Wenn jemand z. B. Vorhofflimmern hat, kann die auskultierte Herzfrequenz (apikal) höher sein als der periphere Puls. Diese Differenz heißt Pulsdefizit und muss dokumentiert und gemeldet werden.
Praxis: Pulskontrolle bei Vorhofflimmern
Herr J., 77 Jahre, Pflegegrad 3, permanentes Vorhofflimmern, Marcumar-Therapie, Herzinsuffizienz NYHA II. Pflegekraft Frau S. kontrolliert morgens den Puls: 3 Finger auf die A. radialis, volle 60 Sekunden zählen. Ergebnis: 92/Min., unregelmäßig, Pulsqualität wechselnd (teils kräftig, teils schwach – typisch für VHF). Dokumentation: „Puls 92/min, arrhythmisch, wechselnd kräftig, Vorhofflimmern bekannt.“
➔ Fazit: Volle 60 Sek. zählen → Rhythmus beurteilen → Qualität dokumentieren → bei neuer Arrhythmie Arzt informieren.
Puls messen – Schritt für Schritt
Patient sollte mindestens 5 Minuten ruhen (sitzend oder liegend). Arm bequem lagern, Handfläche nach oben. Uhr mit Sekundenzeiger oder Stoppuhr bereitlegen.
Zeige-, Mittel- und Ringfinger auf die Innenseite des Handgelenks legen, daumenseitig (radial), knapp unterhalb der Handwurzelknochen. Leichten Druck ausüben, bis der Puls spürbar ist.
Bei regelmäßigem Puls: 30 Sekunden zählen × 2. Bei unregelmäßigem Puls immer volle 60 Sekunden. Gleichzeitig Rhythmus und Qualität beurteilen.
Frequenz: Schläge/Min. · Rhythmus: regelmäßig oder unregelmäßig (Extrasystolen? Arrhythmie?) · Qualität: kräftig oder schwach · Spannung: hart (Hypertonie?) oder weich · Füllung: voll oder leer (Schock?).
Frequenz, Rhythmus, Qualität, Uhrzeit, Körperposition notieren. Bei Tachykardie > 100/min oder Bradykardie < 60/min (außerhalb ärztlicher Vorgaben): Arzt informieren. Bei neu aufgetretener Arrhythmie: sofort melden.
Puls-Tastpunkte – Übersicht
| Tastpunkt | Arterie | Einsatzbereich |
|---|---|---|
| Handgelenk (Standard) | A. radialis | Routine-Pulskontrolle, Vitalzeichen |
| Hals | A. carotis | Notfall/Reanimation – nur bei Bewusstlosigkeit! |
| Leiste | A. femoralis | Notfall, Durchblutungsprüfung untere Extremität |
| Fußrücken | A. dorsalis pedis | pAVK-Screening, nach Herzkatheter |
| Hinter dem Innenknöchel | A. tibialis posterior | pAVK-Screening, Durchblutung Fuß |
Puls-Normwerte & Grenzwerte
| Kategorie | Frequenz (Schläge/Min.) | Bedeutung |
|---|---|---|
| Normaler Ruhepuls (Erwachsene) | 60–100 | Unauffällig |
| Bradykardie | < 60 | Normal bei Sportlern; bei älteren Menschen: Medikamenten-NW prüfen (Betablocker!) |
| Tachykardie | > 100 | Fieber? Schmerzen? Dehydration? Herzrhythmusstörung? |
| Notfall Bradykardie | < 40 | Sofort Arzt/112 – Kreislaufversagen droht! |
| Notfall Tachykardie | > 150 | Sofort Arzt/112 – Herzversagen möglich! |
⚠️ Notfall-Regel: Puls < 40 oder > 150 mit Symptomen (Schwindel, Brustschmerz, Atemnot, Bewusstseinsstörung) → Sofort Notarzt (112)!
Das Wichtigste auf einen Blick
- Nie mit dem Daumen tasten – eigener Puls verfälscht die Zählung
- A. radialis = Standardtastpunkt – 3 Finger, Handgelenk daumenseitig
- Bei Arrhythmie volle 60 Sekunden zählen – 15-Sek.-Methode zu ungenau
- 5 Eigenschaften beurteilen – Frequenz, Rhythmus, Qualität, Spannung, Füllung
- Neu aufgetretene Arrhythmie sofort melden – kann Vorhofflimmern sein
- Puls < 40 oder > 150 = Notfall – sofort Arzt/112
- Dokumentation – Frequenz, Rhythmus, Qualität, Uhrzeit, Position
Wenn Sie sich nur einen Gedanken merken:
Merksatz: Der Puls verrät mehr als eine Zahl – Rhythmus und Qualität sind mindestens so wichtig wie die Frequenz. Drei Finger, 60 Sekunden, fünf Beurteilungspunkte.
Häufig gestellte Fragen zur Pulsmessung
Warum nicht am Hals (Karotis) tasten?
Die A. carotis sollte nur im Notfall getastet werden (Bewusstlosigkeit, Reanimation). Druck auf den Karotissinus kann einen Vagusreflex auslösen → reflexartige Verlangsamung des Herzschlags bis zum kurzzeitigen Herzstillstand. Routine: immer A. radialis.
Was ist der Unterschied zwischen Puls und Herzfrequenz?
Die Herzfrequenz ist die Anzahl der elektrischen Erregungen des Herzens pro Minute (z. B. im EKG). Der Puls ist die periphere Druckwelle. Bei gesunden Menschen sind sie gleich. Bei Arrhythmien (z. B. VHF) kann ein Pulsdefizit bestehen: nicht jeder Herzschlag erzeugt eine tastbare Pulswelle.
Ist ein Pulsoximeter eine zuverlässige Alternative?
Ein Pulsoximeter zeigt Frequenz und SpO₂, aber keine Qualität, Spannung oder Füllung. Es erkennt keine Arrhythmien zuverlässig. Bei kalten Fingern, Nagellack oder pAVK kann es falsch messen. Ergänzend ja, als Ersatz für manuelle Palpation nein.
Wann ist Bradykardie gefährlich?
Bradykardie < 60/min ist bei Sportlern physiologisch. Gefährlich wird es bei Symptomen: Schwindel, Synkope, Verwirrtheit, Leistungsabfall. Häufigste Ursache bei älteren Menschen: Betablocker oder Digitalis-Überdosierung. Unter 40/min immer Arzt informieren.
Wie erkenne ich Vorhofflimmern beim Tasten?
Typisch: absolut unregelmäßiger Puls („Arrhythmia absoluta“) – keine Regelmäßigkeit erkennbar, wechselnde Stärke der Pulswellen. Neu aufgetretenes Vorhofflimmern erhöht das Schlaganfallrisiko → sofort Arzt informieren, EKG veranlassen.
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Richtige Antwort: B) Der Daumen hat einen eigenen Puls
Die Arteria princeps pollicis im Daumen erzeugt einen spürbaren Eigenpuls. Beim Tasten mit dem Daumen kann dieser eigene Puls mit dem Puls des Patienten verwechselt werden – das Ergebnis wäre verfälscht.
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