Wenn Helfer Hilfe brauchen – PTBS in der Pflege
Viele Menschen bringen die Erkrankung PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) vor allem mit Soldaten in Verbindung, die aus Krisengebieten zurückkehren. Dabei zeigen Studien seit Jahren, dass auch andere Berufsgruppen betroffen sind. Eine Untersuchung der Universität Hamburg aus dem Jahr 2000 mit 144 Pflegekräften deutete bereits darauf hin, dass ein relevanter Anteil der Teilnehmer Symptome einer PTBS entwickelte, in Einzelfällen auch im Vollbild. Zum Vergleich: In militärischen Kontexten werden je nach Studie Prävalenzen von etwa 4–10 % beschrieben.
Doch bevor wir uns mit der Frage nach dem „Warum“ beschäftigen: Was ist eigentlich PTBS?
Was ist PTBS?
Die PTBS ist ein psychischer Symptomkomplex, der als Reaktion auf extrem belastende, traumatische Ereignisse entsteht. Betroffene erleben diese Situationen immer wieder – beispielsweise in Form von Intrusionen (durch Trigger ausgelöste Erinnerungen) oder Flashbacks (plötzlich auftretende, unkontrollierbare Wiedererinnerungen). Hinzu kommen häufig vermeidendes Verhalten, emotionale Abstumpfung, erhöhte Reizbarkeit, Angst und eine anhaltende innere Anspannung. Nicht selten greifen Betroffene zu Alkohol oder Medikamenten im Sinne einer Selbstmedikation, was ein erhebliches Abhängigkeitspotenzial birgt.
Warum sind Pflegeberufe besonders betroffen?
Doch warum sind gerade Pflegeberufe sowie Einsatzkräfte im öffentlichen Dienst, etwa Feuerwehr oder Polizei, besonders betroffen?
Ein entscheidender Unterschied liegt in der Dauer und Wiederholung der Belastung. Viele Soldaten kehren nach einem zeitlich begrenzten Einsatz zurück und erhalten im Idealfall strukturierte Nachsorge sowie frühzeitige Diagnostik. In Pflegeberufen und Einsatzdiensten hingegen sind belastende Situationen oft Teil des Alltags – über Jahre hinweg und ohne klaren Abschluss.
Das Erleben potenziell traumatischer Ereignisse ist hier kaum vermeidbar. Je nach Fachbereich, etwa in Notaufnahmen oder auf Intensivstationen, kann die Belastung besonders hoch sein. Anders als bei einem einzelnen Einsatz handelt es sich jedoch nicht um eine abgeschlossene Phase, sondern um eine dauerhafte Konfrontation mit neuen, potenziell belastenden Reizen.
Der Satz „Wenn die Geister abends auf dem Bett sitzen, wird es Zeit, sich Hilfe zu holen“ beschreibt diesen Zustand sehr treffend. Irgendwann fällt es schwer, Abstand zu gewinnen. Wie stark sich eine PTBS entwickelt, ist individuell unterschiedlich – persönliche Erfahrungen und die eigene Resilienz spielen dabei eine zentrale Rolle.
Kumulative Belastung – die schleichende Entwicklung
Was häufig unterschätzt wird: PTBS entsteht nicht nur durch einzelne extreme Ereignisse, sondern kann sich auch schleichend entwickeln. Gerade in der Pflege oder im Rettungsdienst sind es oft nicht „die eine Situation“, sondern die Summe vieler Erlebnisse. Der immer wiederkehrende Kontakt mit Leid, Tod, Überforderung oder auch aggressiven Verhaltensweisen hinterlässt Spuren, die sich über die Jahre summieren und irgendwann die individuelle Belastungsgrenze überschreiten können.
Strukturelle Defizite
Hinzu kommt ein strukturelles Problem. In vielen dieser Berufe fehlt es an ausreichender Entlastung, Zeit zur Verarbeitung und niedrigschwelligen Unterstützungsangeboten. Während Einsatznachbesprechungen oder psychologische Betreuung in einigen Bereichen etabliert sind – etwa über die BGW (Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege) –, werden sie im Alltag oft nicht konsequent genutzt oder stehen schlicht nicht ausreichend zur Verfügung.
Wenn Belastbarkeit als selbstverständlich gilt
Ein weiterer Punkt ist die Wahrnehmung. In der Pflege gilt Belastbarkeit häufig als selbstverständlich. Wer funktioniert, fällt nicht auf. Wer nicht mehr kann, hat oft das Gefühl, zu versagen. Genau hier liegt die Gefahr: Symptome werden zu lange ignoriert oder heruntergespielt.
Dabei ist der Umgang mit psychischer Belastung keine Frage von Stärke oder Schwäche. Es ist eine normale Reaktion des Körpers und der Psyche auf unnormale, extreme Situationen.
Frühzeitig gegensteuern
Umso wichtiger ist es, frühzeitig gegenzusteuern. Dazu gehören der offene Austausch im Team, Supervisionen, klare Pausenstrukturen und – wenn nötig – professionelle Hilfe. Die S3-Leitlinie PTBS der AWMF empfiehlt bei Verdacht eine frühzeitige diagnostische Abklärung. Auch das eigene Bewusstsein für Warnsignale spielt eine entscheidende Rolle: Schlafstörungen, zunehmende Reizbarkeit, sozialer Rückzug oder das Gefühl innerer Leere sollten ernst genommen werden.
Am Ende steht eine einfache, aber oft verdrängte Erkenntnis: Wer dauerhaft anderen hilft, muss auch lernen, sich selbst Hilfe zuzugestehen.
Hilfsangebote: Telefonseelsorge (0800 111 0 111 / 0800 111 0 222, kostenlos, 24/7), Berufsgenossenschaften bieten psychologische Soforthilfe nach belastenden Ereignissen, und viele Arbeitgeber verfügen über Employee Assistance Programme (EAP) mit anonymer Beratung.
Quellen & weiterführende Literatur
- Teegen, F. & Genzwein, J. (2000): Traumatische Erfahrungen und Posttraumatische Belastungsstörungen bei Pflegekräften auf Intensivstationen. Universität Hamburg.
- ICD-11 – 6B40 Posttraumatische Belastungsstörung. World Health Organization.
- S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung (2019). AWMF-Register Nr. 155/001.
- Argentero, P. & Setti, I. (2011): Engagement and Burnout in Health Care Workers. Work & Stress, 25(2), S. 143–152.
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