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Krankheitsbild

Niereninsuffizienz – Pflege bei chronischer Nierenschwäche

Chronische Niereninsuffizienz (CKD) betrifft Millionen Menschen in Deutschland und schreitet oft schleichend voran. Pflegefachkräfte spielen eine zentrale Rolle in Früherkennung, Begleitung und Komplikationsvermeidung.

≈ 9 Mio.
Betroffene in DE
≈ 80.000
Dialysepatienten
5 Stadien
KDIGO-Klassifikation

Was ist Niereninsuffizienz?

Unter chronischer Niereninsuffizienz (CKD – Chronic Kidney Disease) versteht man einen fortschreitenden, irreversiblen Verlust der Nierenfunktion über mindestens drei Monate. Die Nieren filtern normalerweise täglich rund 180 Liter Primärharn und regulieren Elektrolyte, Säure-Basen-Haushalt, Blutdruck und die Bildung von Erythropoetin (EPO). Ein Funktionsverlust hat daher weitreichende Auswirkungen auf den gesamten Organismus.

Die akute Niereninsuffizienz (AKI – Acute Kidney Injury) entsteht dagegen plötzlich und ist bei rechtzeitiger Behandlung potenziell reversibel. Häufige Ursachen sind Schock, Sepsis, nephrotoxische Medikamente oder Harnwegsverlegung.

Epidemiologisch zählt CKD zu den häufigsten chronischen Erkrankungen weltweit. In Deutschland sind laut der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie rund 9 Millionen Menschen betroffen, wobei die Dunkelziffer hoch ist, da frühe Stadien meist symptomfrei verlaufen. Die Prävalenz steigt mit dem Alter deutlich an: Während bei den unter 50-Jährigen weniger als 5 % betroffen sind, liegt die Rate bei über 70-Jährigen bei über 20 %. Diabetes mellitus Typ 2 und arterielle Hypertonie verursachen zusammen rund 60 % aller Fälle. Jährlich beginnen in Deutschland etwa 7.000 Patienten neu mit einer Dialysebehandlung, und auf der Warteliste für eine Nierentransplantation stehen dauerhaft über 7.500 Personen.

KDIGO-Stadien

StadiumGFR (ml/min/1,73 m²)BeschreibungPflegerische Relevanz
G1≥ 90Nierenschaden bei normaler GFRRisikofaktormanagement, Lebensstilberatung
G260–89Leichte EinschränkungBlutdruckkontrolle, Medikamentenanpassung
G3a45–59Leicht-moderat eingeschränktErnährungsberatung, Anämie-Screening
G3b30–44Moderat-schwer eingeschränktKnochengesundheit, Elektrolytkontrolle
G415–29Schwer eingeschränktVorbereitung Nierenersatztherapie, Shunt-Präparation
G5< 15Terminales NierenversagenDialyse oder Transplantation erforderlich

Ursachen und Risikofaktoren

Häufigste Ursachen

  • Diabetes mellitus – diabetische Nephropathie, häufigste Einzelursache (ca. 35 %)
  • Arterielle Hypertonie – hypertensive Nephropathie, durch Gefäßschäden an Glomeruli
  • Glomerulonephritis – entzündliche Schädigung der Nierenkörperchen
  • Polyzystische Nierenerkrankung – genetisch bedingt (ADPKD)
  • Interstitielle Nephritis – durch Medikamente (NSAR, Aminoglykoside) oder Infektionen

Risikofaktoren

  • Alter > 65 Jahre – physiologischer GFR-Rückgang (ca. 1 ml/min/Jahr ab dem 40. LJ)
  • Adipositas und metabolisches Syndrom
  • Rauchen – beschleunigt Progression um den Faktor 2–3
  • Nephrotoxische Medikamente – NSAR, Kontrastmittel, Aminoglykoside, Lithium
  • Rezidivierende Harnwegsinfektionen / Harnstau
  • Familiäre Vorbelastung

Symptome erkennen

Die chronische Niereninsuffizienz verläuft in frühen Stadien häufig symptomlos. Erst ab einer GFR < 30 ml/min treten in der Regel klinisch relevante Symptome auf:

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Flüssigkeitshaushalt

Ödeme (peripher, Lunge), reduzierte oder erhöhte Urinmenge (Poly-/Oligurie), Nykturie, Gewichtszunahme durch Wasserretention.

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Urämie-Symptome

Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Mundgeruch (Foetor uraemicus), Juckreiz (urämischer Pruritus), braun-gelbliche Hautverfärbung.

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Kardiovaskulär

Arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz, Perikarditis, beschleunigte Atherosklerose. Kardiovaskuläre Ereignisse sind häufigste Todesursache bei CKD.

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Blut und Knochen

Renale Anämie (EPO-Mangel), sekundärer Hyperparathyreoidismus, renale Osteodystrophie („Gläserne Knochen“). Sturzrisiko erhöht.

„Silent Killer“: Viele Patienten erfahren erst bei einem GFR-Wert < 15 ml/min von ihrer Erkrankung. Regelmäßige Kontrolle von Kreatinin, GFR und Albuminurie ist bei Risikopatienten entscheidend.

Pflegerische Maßnahmen

Überwachung und Monitoring

  • Vitalzeichen – täglich Blutdruck (Ziel < 130/80 mmHg), Puls, Körpertemperatur
  • Flüssigkeitsbilanz – präzise Ein- und Ausfuhr-Dokumentation, täglich wiegen (immer gleiche Bedingungen)
  • Hautbeobachtung – Ödeme (prätibial, periorbital), Hautfarbe, Turgor, urämischer Frost (weißliche Kristalle)
  • Urinbeobachtung – Menge, Farbe (konzentriert, Blut?), Schäumen (Proteinurie), Geruch
  • Bewusstseinslage – urämische Enzephalopathie: Unruhe, Verwirrtheit, Somnolenz bis Koma
  • Laborwerte verstehen – Kreatinin, Harnstoff, GFR, Kalium, Phosphat, Calcium, Hb, PTH, BGA

Ernährung und Diätetik

  • Eiweißreduktion – Stadium G3–5: 0,6–0,8 g/kg/Tag (unter diätologischer Begleitung, Malnutritionsrisiko beachten!)
  • Kaliumrestriktion – bei Hyperkaliämie: Bananen, Kartoffeln, Trockenfrüchte, Nüsse einschränken; Wässern von Gemüse
  • Phosphatrestriktion – Softdrinks, Fertigprodukte, Schmelzkäse meiden; Phosphatbinder nach Anordnung
  • Natrium-/Kochsalzreduktion – maximal 5–6 g NaCl/Tag zur Blutdruck- und Ödemkontrolle
  • Flüssigkeitsrestriktion – in späten Stadien: Vortages-Urinmenge + 500 ml als Richtwert
  • Individuelle Beratung – keine „Nierendiät“ von der Stange, sondern angepasst an Stadium, Komorbiditen, Dialyse

HYPERKALIÄMIE-NOTFALL (Kalium > 6,5 mmol/l): Lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen möglich! Sofort Arzt informieren. Kein kaliumhaltiges Essen/Infusionen. Notfallmaßnahmen: Calcium i.v. (Kardioprotektion), Insulin/Glukose, Salbutamol, ggf. Notfalldialyse.

Shunt-Pflege (Dialysepatienten)

  • Shunt-Arm schützen – kein Blutdruck messen, keine Blutentnahmen, keine Infusionen am Shunt-Arm
  • Tägliche Kontrolle – Schwirren (Thrill) tasten, Strömungsgeräusch (Bruit) auskultieren
  • Hautzustand – Rötung, Schwellung, Druckstellen, Nachblutung an Punktionsstellen beobachten
  • Infektionszeichen – bei Fieber, Rötung, Schmerz, Eiter sofort Arzt benachrichtigen
  • Thromboseprävention – Arm nicht abknicken, keine engen Bänder oder Kleidung, Shunt-Arm nachts nicht aufliegen

Medikamentöse Therapie – pflegerische Aspekte

  • RAAS-Hemmer – ACE-Hemmer oder Sartane als Basistherapie zur Progressionsverlangsamung; Blutdruck und Kalium nach Dosisanpassung kontrollieren
  • SGLT2-Inhibitoren – Dapagliflozin, Empagliflozin: nephroprotektiv unabhängig von Diabetes; Harnwegsinfektionsgefahr erhöht
  • Phosphatbinder – zu den Mahlzeiten einnehmen (nicht nüchtern!), verschiedene Präparate (Calciumacetat, Sevelamer, Lanthan)
  • ESA-Therapie – Erythropoetin-stimulierende Agenzien bei renaler Anämie; Ziel-Hb 10–12 g/dl, Thromboserisiko beachten
  • Vitamin-D-Analoga – Calcitriol oder Alfacalcidol bei sekundärem Hyperparathyreoidismus, Calcium-Spiegel überwachen
  • Kalium-Binder – Patiromer oder Natrium-Zirkoniumcyclosilikat bei persistierender Hyperkaliämie, Stuhlgang beobachten

Psychosoziale Begleitung

  • Chronische Erkrankung – Angst, Depression, sozialer Rückzug sind häufig, regelmäßig nachfragen
  • Dialysemüdigkeit – nach Jahren der Dialyse: Wunsch nach Therapieabbruch ernst nehmen, ethische Fallbesprechung
  • Selbstmanagement fördern – Patienten schulen in Flüssigkeitskontrolle, Diät, Medikamenten-Adhärenz
  • Angehörigenarbeit – Aufklärung über Erkrankung, Diät-Unterstützung, Entlastungsangebote

Nierenersatztherapie im Überblick

VerfahrenPrinzipVorteileNachteile
Hämodialyse (HD)Blutreinigung über extrakorporalen Kreislauf und DialysatorEffektiv, 3×/Woche in ZentrenGefäßzugang nötig, Hypotonie, Shunt-Komplikationen
Peritonealdialyse (PD)Bauchfell als natürliche Membran, Dialysatüber KatheterZu Hause möglich, kreislaufschonendPeritonitis-Risiko, Eiweißverlust, Erschöpfung Peritoneum
NierentransplantationSpenderorgan (Lebend-/Verstorbenenspende)Beste Langzeitprognose, LebensqualitätLebenslange Immunsuppression, Abstoßungsrisiko, Wartezeit

Häufig gestellte Fragen

Kann sich die Nierenfunktion wieder erholen?

Bei einer akuten Niereninsuffizienz (AKI) ist eine vollständige Erholung bei rechtzeitiger Behandlung möglich. Die chronische Niereninsuffizienz (CKD) ist dagegen irreversibel – Ziel ist es, die Progression zu verlangsamen. Konsequente Blutdruckeinstellung und Diabtesmanagement können das Fortschreiten um Jahre verzögern.

Wann muss mit der Dialyse begonnen werden?

Nicht allein nach GFR-Wert, sondern symptomorientiert. Typischerweise bei GFR < 10–15 ml/min in Kombination mit urämischen Symptomen: Übelkeit, Erbrechen, Flüssigkeitsüberladung, Hyperkaliämie, Perikarditis oder Enzephalopathie. Die Shunt-Anlage oder Katheter-Implantation sollte frühzeitig (GFR < 20) geplant werden.

Welche Medikamente sind nephrotoxisch?

Besonders kritisch sind: NSAR (Ibuprofen, Diclofenac), Aminoglykosid-Antibiotika, Vancomycin, jodhaltige Kontrastmittel, Metformin (Laktatazidose bei GFR < 30), Lithium und Ciclosporin. Pflegefachkräfte sollten bei CKD-Patienten jede neue Medikation kritisch hinterfragen.

Welche Pflegegrade werden bei Niereninsuffizienz anerkannt?

Die Anerkennung eines Pflegegrades hängt nicht von der Diagnose, sondern vom Grad der Selbstständigkeitseinschränkung ab. Dialysepflichtige Patienten erreichen aufgrund von Mobilitätseinschränkungen, Ernährungsmanagement und Therapieaufwand häufig Pflegegrad 3 oder höher.

Was sind SGLT2-Inhibitoren und warum sind sie nierenschützend?

SGLT2-Inhibitoren (z. B. Dapagliflozin, Empagliflozin) hemmen die Natrium-Glukose-Rückresorption in der Niere. Große Studien wie DAPA-CKD und EMPA-KIDNEY zeigten eine signifikante Verlangsamung der CKD-Progression – auch bei Patienten ohne Diabetes. Die AWMF-Leitlinien empfehlen sie inzwischen als Standardtherapie ab CKD-Stadium G3.

Wie unterscheiden sich Hämodialyse und Peritonealdialyse im Alltag?

Bei der Hämodialyse kommen Patienten 3× wöchentlich für 4–5 Stunden ins Dialysezentrum. Die Peritonealdialyse (CAPD/APD) findet dagegen täglich zu Hause statt: Beim CAPD-Verfahren werden 4–5 manuelle Beutelwechsel pro Tag durchgeführt, bei der APD übernimmt ein Cycler die Wechsel nachts. Peritonealdialyse ermöglicht größere Autonomie, erfordert aber strenge Hygiene am Katheteraustritt.

Welche Rolle spielt Ernährung bei der Progressionsverlangsamung?

Ernährungstherapie ist eine der wirksamsten nicht-medikamentösen Maßnahmen. Eine moderate Eiweißreduktion (0,6–0,8 g/kg/Tag) senkt die Harnstoffproduktion und entlastet die Nieren. Zusätzlich reduziert eine kochsalzarme Kost (< 6 g/Tag) Ödeme und Blutdruck. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine individuelle Beratung durch nephrologisch geschulte Diätassistenten.

Wissen testen

Selbsttest
An welchem Arm eines Dialysepatienten mit AV-Shunt darf kein Blutdruck gemessen werden?
Am dominanten Arm
Am Shunt-Arm
An beiden Armen
Am weniger muskulösen Arm
Richtig: Am Shunt-Arm darf kein Blutdruck gemessen, keine Blutentnahme durchgeführt und keine Infusion angelegt werden. Die Kompression durch die Manschette kann den Shunt-Fluss stören oder eine Thrombose auslösen.

Quellen und weiterführende Informationen

Tim Reinhold – Gründer und Hauptdozent von Weiterbildungen Reinhold
Tim Reinhold Gründer & Hauptdozent

Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Praxisanleiter und Pflegedienstleitung. Gründer von Weiterbildungen Reinhold (Hattingen) seit 2020. Über 1.500 Unterrichtseinheiten Fachqualifizierung in Behandlungspflege, Palliativ Care und Beatmungspflege. Mehr zur Person ›

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