Lungenembolie – Erkennung, Notfallmaßnahmen und Prophylaxe
Die Lungenembolie (LAE) ist ein lebensbedrohlicher Notfall. Früherkennung und schnelles Handeln retten Leben.
Was ist eine Lungenembolie?
Eine Lungenembolie (Lungenarterienembolie, LAE) entsteht, wenn ein Blutgerinnsel (Thrombus) – meist aus den tiefen Bein- oder Beckenvenen – in die Lungenarterien verschleppt wird und dort ein Gefäß verschließt. Der betroffene Lungenabschnitt wird nicht mehr durchblutet, die Gasaustauschfläche verkleinert sich.
Je nach Größe des Thrombus reicht das Spektrum von klinisch stummen Mikroembolien bis zur fulminanten Embolie mit Herzkreislaufstillstand.
Epidemiologie
In Deutschland treten jährlich schätzungsweise 100.000–200.000 venöse Thromboembolien (VTE) auf. Die Lungenembolie ist die dritthäufigste kardiovaskuläre Todesursache nach Herzinfarkt und Schlaganfall. Die Letalität der unbehandelten Lungenembolie liegt bei 25–30 %, unter adäquater Therapie sinkt sie auf 2–8 %. Im Krankenhaus ist die LAE eine der häufigsten vermeidbaren Todesursachen – konsequente Thromboseprophylaxe ist daher essenziell.
Diagnostik
Die Diagnostik folgt einem Stufenschema: Zunächst wird die klinische Wahrscheinlichkeit mittels Wells-Score oder Genfer Score eingeschätzt. Bei niedriger Wahrscheinlichkeit kann ein D-Dimer-Test eine LAE weitgehend ausschließen (hoher negativer Vorhersagewert). Bei erhöhten D-Dimeren oder mittlerer/hoher klinischer Wahrscheinlichkeit folgt die CT-Angiographie (CTA) als Goldstandard. Ergänzend kommen Echokardiographie (Rechtsherzbelastung?), Troponin und BNP (prognostische Marker) sowie die Kompressionssonographie der Beinvenen zum Einsatz.
Lebensbedrohlich: Die fulminante Lungenembolie kann innerhalb von Minuten zum Tod führen. Bei Verdacht: Notruf 112, Oberkörperhochlagerung, Sauerstoff, absolute Bettruhe!
Virchow-Trias – Ursachen der Thromboseentstehung
Die Lungenembolie ist fast immer Folge einer tiefen Venenthrombose (TVT). Drei Faktoren begünstigen die Thrombosebildung:
1. Verlangsamter Blutfluss
Immobilität (Bettlägerigkeit, Gipsverband, lange Flugreisen), Herzinsuffizienz, Varikosis, Kompression von außen.
2. Gefäßwandschäden
Operationen, Trauma, venöse Katheter, Entzündungen (Phlebitis), Atherosklerose.
3. Veränderte Blutzusammensetzung
Gerinnungsstörungen (Faktor-V-Leiden), Dehydration, orale Kontrazeptiva, Malignome, Schwangerschaft.
Merksatz – Virchow-Trias: Stase (verlangsamter Blutfluss) + Schäden (Gefäßwand) + Stoffwechsel (veränderte Gerinnung) = Thromboserisiko.
Symptome erkennen
| Schweregrad | Symptome | Hämodynamik |
|---|---|---|
| Leicht (I) | Leichte Dyspnoe, flüchtige Symptome, ggf. unbemerkt | Stabil |
| Submassiv (II–III) | Dyspnoe, Tachykardie, Thoraxschmerz (atemabhängig), Angst, Husten, Fieber, Zyanose | Tachykard, ggf. Hypotonie |
| Fulminant (IV) | Akute schwere Dyspnoe, Schock, Bewusstlosigkeit, Herz-Kreislauf-Stillstand | Schock / Reanimationspflicht |
Leitsymptome
- Plötzliche Atemnot (häufigstes Symptom)
- Thoraxschmerz (atemabhängig, stechend)
- Tachykardie (> 100/min)
- Angst und Unruhe
- Husten, ggf. blutiges Sputum (Hämoptyse)
Zeichen der TVT (Bein)
- Einseitige Beinschwellung
- Überwärmung, livide Verfärbung
- Druckschmerz Wade (Meyer-Zeichen)
- Wadenschmerz bei Dorsalflexion (Homans-Zeichen)
- Glänzende, gespannte Haut
Notfallmaßnahmen bei Verdacht auf Lungenembolie
Sofort Arzt/Notarzt informieren (112). Kolleginnen hinzurufen. Reanimationsbereitschaft herstellen.
Oberkörperhochlagerung (30–45°) zur Atemerleichterung. Bei Schock: flach + Beine NICHT hochlagern (Rechtsherzbelastung!). Absolute Bettruhe – jede Anstrengung vermeiden.
O₂-Gabe über Maske/Nasensonde (4–8 l/min). SpO₂-Überwachung. Ziel: SpO₂ ≥ 92 %.
Großlumiger venöser Zugang. Vitalzeichen kontinuierlich: Puls, RR, SpO₂, Atemfrequenz. 12-Kanal-EKG.
Patient hat massive Todesangst. Ruhig bleiben, Präsenz zeigen, Atemanleitungen geben. Lippenbremse anleiten.
CAVE bei TVT-Verdacht: Betroffenes Bein NICHT mobilisieren, NICHT massieren, NICHT wickeln! Jede mechanische Manipulation kann den Thrombus lösen und eine Embolie auslösen. Bettruhe bis zur ärztlichen Abklärung!
Thrombose- und Embolieprophylaxe
Die beste Therapie der Lungenembolie ist ihre Verhütung. Pflegerische Prophylaxe umfasst:
Frühmobilisation
Wichtigste Maßnahme! Postoperativ und bei Immobilität so früh wie möglich mobilisieren. Bettübungen: Fußwippen, Beinkreisen.
Kompressionstherapie
Medizinische Thromboseprophylaxestrümpfe (MTPS) oder Kompressionsverbände. Korrekte Größe! Morgens vor dem Aufstehen anlegen. Täglich Hautinspektion.
Ausreichende Hydration
Dehydration erhöht die Blutdiskosität. Trinkmenge sicherstellen (mind. 1,5 l/Tag, wenn keine Einschränkung). Trinkprotokoll bei Risikopatienten.
Medikamentöse Prophylaxe
Niedermolekulares Heparin s.c. nach ärztlicher Anordnung (z. B. Enoxaparin, Dalteparin). NOAK bei bestimmten Indikationen. Injektionstechnik beachten!
Heparin-Injektion: Subkutan in die Bauchfalte, NICHT aspirieren, NICHT nachreiben (Hämatome!). Injektionsstellen wechseln. Auf Zeichen einer HIT (Heparininduzierte Thrombozytopenie) achten: Thrombozytenabfall ab Tag 5–14.
Risikoeinschätzung als Pflegeaufgabe
Jeder patient sollte bei Aufnahme ein Thromboserisiko-Assessment erhalten. Instrumente wie der Padua Prediction Score (stationär) oder der Caprini-Score (chirurgisch) helfen bei der Einschätzung. Pflegefachkräfte dokumentieren die Risikofaktoren (Immobilität, Malignom, Adipositas, Alter, Anamnese) und sorgen dafür, dass bei mittlerem oder hohem Risiko eine medikamentöse Prophylaxe angeordnet wird. Die regelmäßige Reassessierung ist besonders wichtig, da sich der Risikostatus während des stationären Aufenthalts verändern kann – etwa nach Operationen, bei zunehmender Immobilität oder neuen Diagnosen.
Therapie der Lungenembolie
Die Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad und dem hämodynamischen Zustand des Patienten:
| Schweregrad | Therapie | Pflegerische Relevanz |
|---|---|---|
| Leicht (niedriges Risiko) | Antikoagulation mit NOAK (Rivaroxaban, Apixaban) oder NMH + Vitamin-K-Antagonist | Frühzeitige Mobilisation möglich. Blutungszeichen beobachten. |
| Intermediär (mittleres Risiko) | Heparinisierung (unfraktioniert oder NMH), Monitoring auf Intensivstation | Engmaschige Vitalzeichen-Kontrolle. Troponin/BNP im Verlauf. Bei Verschlechterung: Lysetherapie erwägen. |
| Fulminant (hohes Risiko) | Systemische Thrombolyse (Alteplase), ggf. chirurgische Embolektomie oder kathetergestützte Verfahren | Intensivüberwachung, Reanimationsbereitschaft. Schwere Blutungskomplikationen möglich! |
Langzeitversorgung und Sekundärprophylaxe
Nach einer Lungenembolie benötigen Patienten eine strukturierte Nachsorge. Die Antikoagulation dauert mindestens 3–6 Monate, bei unprovozierten Ereignissen oder Thrombophilie häufig deutlich länger. Pflegefachkräfte spielen eine wichtige Rolle bei der Patientenedukation: Zeichen einer Rezidiv-TVT (Beinschwellung, Schmerz), Blutungszeichen unter Antikoagulation (Zahnfleischbluten, Hämaturie, Teerstuhl), Medikamentenadhärenz und die Bedeutung regelmäßiger Kontrollen müssen vermittelt werden. Das postthrombotische Syndrom (chronische Beinschwellung, Hautveränderungen) betrifft bis zu 50 % der Patienten nach TVT und erfordert dauerhafte Kompressionstherapie.
Risikofaktoren im Pflegealltag erkennen
Hohe Risikofaktoren
- Große Operationen (Hüft-/Knie-TEP, Bauch-OP)
- Immobilität > 3 Tage
- Bekannte Thrombophilie (Faktor-V-Leiden)
- Akute Herzinsuffizienz
- Vorausgegangene TVT/LAE
- Aktive Tumorerkrankung
Mittlere Risikofaktoren
- Alter > 60 Jahre
- Adipositas (BMI > 30)
- Chronische Veneninsuffizienz / Varikosis
- Hormonelle Kontrazeptiva / HRT
- Schwangerschaft / Wochenbett
- Dehydration
Häufige Fragen zur Lungenembolie
Warum dürfen Beine bei Schock NICHT hochgelagert werden?
Bei einer Lungenembolie ist das rechte Herz überlastet (Druckerhöhung im Lungenkreislauf). Beine hochlagern würde den venösen Rückstrom zum ohnehin überlasteten rechten Herzen erhöhen und die Situation verschlechtern. Stattdessen: Oberkörperhoch oder flach lagern.
Können auch junge Menschen eine Lungenembolie bekommen?
Ja. Risikofaktoren bei jungen Menschen: orale Kontrazeptiva (besonders in Kombination mit Rauchen), Faktor-V-Leiden-Mutation, Langstreckenflüge, postoperativ, Schwangerschaft. Die Symptome werden häufig verspätet erkannt, weil man bei jungen Patienten nicht daran denkt.
Was ist der Unterschied zwischen MTPS und Kompressionsstrümpfen?
MTPS (Medizinische Thromboseprophylaxestrümpfe) sind weiße Anti-Thrombose-Strümpfe mit geringerer Kompression für liegende/immobile Patienten. Kompressionsstrümpfe (Klasse I–IV) sind farbig, haben höhere Kompression und werden für mobile Patienten mit CVI/Varikosis verwendet.
Wie lange dauert die Antikoagulation nach einer Lungenembolie?
Mindestens 3–6 Monate, bei Rezidiv oder fortbestehendem Risikofaktor ggf. lebenslang. Üblicherweise mit NOAK (Rivaroxaban, Apixaban) oder Vitamin-K-Antagonisten (Marcumar). Pflegerisch: Blutungszeichen beobachten, INR-Kontrollen bei VKA, Sturzrisiko erhöht!
Was ist der Wells-Score?
Der Wells-Score ist ein klinisches Scoring-System zur Einschätzung der Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie. Punkte werden vergeben für: klinische TVT-Zeichen, Herzfrequenz > 100/min, Immobilisation/OP, frühere TVT/LAE, Hämoptyse, Malignom und „andere Diagnose unwahrscheinlicher“. Ab 5 Punkten gilt eine LAE als wahrscheinlich und eine CT-Angiographie ist indiziert.
Welche Rolle spielen D-Dimere in der Diagnostik?
D-Dimere sind Fibrinspaltprodukte, die bei aktivierter Gerinnung und Fibrinolyse ansteigen. Ein negativer D-Dimer-Test bei niedriger klinischer Wahrscheinlichkeit kann eine LAE mit hoher Sicherheit ausschließen. Allerdings sind D-Dimere unspezifisch – sie steigen auch bei Infektionen, Operationen, Tumoren und im Alter an. Ein positiver Test allein beweist keine Embolie.
Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Praxisanleiter und Pflegedienstleitung. Gründer von Weiterbildungen Reinhold (Hattingen) seit 2020. Über 1.500 Unterrichtseinheiten Fachqualifizierung in Behandlungspflege, Palliativ Care und Beatmungspflege. Mehr zur Person ›
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