Lagerung

Lagerung in der Pflege – 30°, 90° & Mikrolagerung

Druckentlastung, Atemunterstützung und Kontrakturprophylaxe: Welche Lagerung wann richtig ist.

DNQP 2017
Expertenstandard Dekubitusprophylaxe
2 h
Max. Liegedauer ohne Umlagerung
6 Positionen
Standardlagerungen in der Pflege

Was bedeutet Lagerung in der Pflege?

Lagerung (auch: Positionierung) ist die gezielte Veränderung der Körperposition eines pflegebedürftigen Menschen im Bett, Sessel oder Rollstuhl. Ziele sind Druckentlastung, Atemunterstützung, Schmerzlinderung, Kontrakturprophylaxe und Komfort.

Der DNQP-Expertenstandard „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ (2. Aktualisierung 2017) fordert individuell geplante Bewegungsförderung und Druckentlastung – regelmäßige Lagerungswechsel sind ein zentrales Element.

Warum ist korrekte Lagerung so wichtig?

Immobile Menschen können sich nicht selbst umdrehen. Ohne Lagerung drohen:

  • Dekubitus – Druckgeschädigte Haut bis hin zum offenen Ulkus (Grad I–IV)
  • Pneumonie – Hypostatische Lungenentzündung durch mangelnde Belüftung basaler Lungenabschnitte
  • Kontrakturen – Versteifung von Gelenken durch dauerhafte Fehlhaltung
  • Thrombose – Verlangsamter venöser Rückfluss durch Immobilität
  • Schmerzen – Druckschmerz an Knochenvorsprüngen (Sakrum, Fersen, Trochanter)

⚠️ Wichtig: Ein Dekubitus Grad IV kann bis auf den Knochen reichen und monatelange Behandlung erfordern. Prävention durch korrekte Lagerung ist immer einfacher als Therapie.

Praxis: Individuelle Lagerungsplanung

Praxisbeispiel

Herr S., 83 Jahre, Pflegegrad 4, bettlägerig nach Oberschenkelhals-Fraktur, BMI 18,5 (kachektisch). Pflegekraft Frau T. erstellt einen individuellen Lagerungsplan: 30°-Seitenlage links → Rückenlage mit Mikrolagerung → 30°-Seitenlage rechts im 2-Stunden-Wechsel. Die 90°-Seitenlage ist kontraindiziert (Trochanter-Dekubitusrisiko bei Kachexie). Nachts wird das Intervall auf 3 Stunden verlängert, da Herr S. auf einer Wechseldruckmatratze liegt.

➔ Fazit: Lagerungsplan individuell nach Risiko (BMI, Hautzustand, Matratze) – nicht nach Schema F.

Die wichtigsten Lagerungsarten

Lagerung Winkel Indikation Besonderheiten
30°-Seitenlage 30° Dekubitusprophylaxe (Standard) Goldstandard – entlastet Sakrum und Trochanter gleichzeitig; Kissen in den Rücken und zwischen die Knie
90°-Seitenlage 90° Atemunterstützung, Drainage Belastet Trochanter maximal – Dekubitusgefahr hoch; nur kurzzeitig oder bei adipösen Personen
135°-Lagerung (Bauchlage) 135° Pneumonieprophylaxe, ARDS Belüftet dorsale Lungenabschnitte; Kontraindikation: instabile Wirbelsäule
Mikrolagerung 5–10° Nachtlagerung, Komfort Minimale Positionsveränderung durch kleine Kissen/Handtücher; stört den Schlaf weniger
Oberkörperhochlagerung 30–45° Atemnot, Herzinsuffizienz, Aspiration Kopfteil hochstellen; Rutschgefahr Richtung Fußende beachten
Hohle Hand / Fersenfrei Dekubitusprophylaxe Fersen Kissen unter die Unterschenkel – Fersen schweben frei; häufigste vergessene Maßnahme

30°-Seitenlage – Schritt für Schritt

1
Kissen vorbereiten

Ein großes Kissen (oder gefaltete Decke) für den Rücken, ein flaches Kissen zwischen die Knie, ggf. ein Kissen unter den Unterschenkel zur Fersenentlastung.

2
Pflegebedürftigen zur Seite drehen

Arme vor der Brust kreuzen, Knie der Gegenseite leicht anwinkeln, über Schulter und Hüfte sanft zur Seite drehen – nur bis 30° (flache Schräglage).

3
Kissen positionieren

Großes Kissen längs in den Rücken schieben (von Schulterblatt bis Becken). Flaches Kissen zwischen die Knie. Kontrolle: Sakrum und Trochanter sind druckfrei.

4
Fersen freilagern

Kissen unter die Unterschenkel – Fersen schweben frei über der Matratze. Häufigste vergessene Maßnahme bei der Dekubitusprophylaxe!

5
Dokumentieren

Uhrzeit, Position, nächster Wechselzeitpunkt im Lagerungsprotokoll eintragen. Hautzustand auf Druckstellen kontrollieren.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • 30°-Seitenlage = Goldstandard – entlastet Sakrum UND Trochanter
  • Spätestens alle 2 Stunden umlagern – individuell kürzer bei hohem Risiko
  • Fersen immer freilagern – häufigste vergessene Prophylaxemaßnahme
  • Mikrolagerung nachts – minimale Positionswechsel ohne Schlafstörung
  • 90°-Seitenlage nur gezielt – Dekubitusgefahr am Trochanter
  • Individueller Lagerungsplan – abhängig von BMI, Hautzustand, Matratze, Mobilität
  • Lagerungsprotokoll führen – dokumentationspflichtig laut QPR

Wenn Sie sich nur einen Gedanken merken:

Merksatz: Jeder Dekubitus beginnt mit einer Lagerung, die zu spät kam. 30° und Fersen frei – zwei Maßnahmen, die 80 % aller Druckgeschädigungen verhindern können.

Häufig gestellte Fragen zur Lagerung

Wie oft muss ich umlagern?

Als Richtwert gilt: spätestens alle 2 Stunden. Bei hohem Dekubitusrisiko (Kachexie, schlechter Hautzustand) kann ein kürzeres Intervall nötig sein. Bei Wechseldruckmatratze kann das Intervall ggf. verlängert werden – aber nie ganz wegfallen.

Ist die Braden-Skala Pflicht?

Der DNQP (2017) empfiehlt keine standardisierten Risikoskalen als alleiniges Instrument. Das klinische Assessment durch die Pflegefachkraft hat Vorrang. Die Braden-Skala darf ergänzend genutzt werden, ersetzt aber nicht die individuelle Hautinspektion.

Welche Matratze reduziert Dekubitusrisiko?

Wechseldruckmatratzen und viskoelastische Schaumstoffmatratzen reduzieren den Auflagedruck. Sie ersetzen aber NICHT die regelmäßige Lagerung – sie ergänzen sie. Verordnungsfähig als Hilfsmittel nach § 33 SGB V.

Wann ist die 90°-Seitenlage kontraindiziert?

Bei kachektischen Menschen (wenig Unterhautfettgewebe), bestehendem Trochanter-Dekubitus oder Hüft-TEP. Die 90°-Lage belastet den Trochanter maximal – alternative: 30°-Seitenlage oder 135°-Bauchlage.

Was ist der Unterschied zwischen Lagerung und Positionierung?

Im modernen Sprachgebrauch werden beide Begriffe synonym verwendet. „Positionierung“ betont stärker die aktive Beteiligung des Pflegebedürftigen und wird in neuerer Fachliteratur bevorzugt. Der DNQP verwendet den Begriff „Bewegungsförderung“ als übergeordnetes Konzept.

Testen Sie Ihr Wissen

Wissenscheck
Welche Lagerung gilt als Goldstandard der Dekubitusprophylaxe?
A) 90°-Seitenlage
B) Rückenlage flach
C) 30°-Seitenlage
D) Oberkörperhochlagerung
Auflösung anzeigen

Richtige Antwort: C) 30°-Seitenlage

Die 30°-Seitenlage entlastet gleichzeitig Sakrum und Trochanter – die beiden häufigsten Dekubituslokalisationen. Sie ist für nahezu alle Pflegebedürftigen geeignet und einfach durchzuführen.

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