Behandlungspflege

Kompressionsstrümpfe anziehen – Anleitung für die Pflege

Kompressionsstrümpfe korrekt anziehen, Kompressionsklassen verstehen und Hautschäden vermeiden: Schritt-für-Schritt-Anleitung mit Praxisbeispiel.

4 Klassen
Kompressionsklassen I–IV
Morgens
Anziehen vor dem Aufstehen
LG 1
Behandlungspflege § 132a SGB V

Was sind Kompressionsstrümpfe?

Kompressionsstrümpfe (medizinische Kompressionsstrümpfe, MKS) sind elastische Strümpfe mit definiertem Druckverlauf: Der Druck ist am Knöchel am höchsten und nimmt nach proximal ab. Dadurch wird der venöse Rückstrom zum Herzen unterstützt und Ödeme reduziert.

Indikationen: chronisch-venöse Insuffizienz (CVI), Varikosis, Thromboseprophylaxe, Lymphödem, nach Thrombose (postthrombotisches Syndrom) und zur Behandlung des Ulcus cruris venosum. Das korrekte Anziehen ist entscheidend – falsch angelegte Strümpfe können mehr schaden als nützen.

💡 Kompression = Basistherapie bei CVI. Ohne konsequente Kompression heilen venöse Ulzera nicht. Die Kompressionstherapie ist die wichtigste Kausalmaßnahme bei chronisch-venöser Insuffizienz.

Häufige Fehler beim Anlegen von Kompressionsstrümpfen

  • Faltenbildung – eingeschlagene Strümpfe erzeugen Druckstellen und Hautnekrosen, besonders über Knochenvorspprüngen
  • Zu spätes Anziehen – nach dem Aufstehen sind die Beine bereits geödemt; der Strumpf sitzt nicht korrekt und verliert Wirkung
  • Umgeschlagener Bündchenrand – schneidet wie ein Tourniquet ein, behindert venösen Rückstrom statt ihn zu fördern
  • Keine Hautpflege – trockene, rissige Haut unter Kompression neigt zu Ekzemen und Infektionen
  • An- und Ausziehen mit Schmuck/langen Nägeln – Beschädigung des Gestricks, Verlust der Kompressionswirkung
  • Kontraindikationen übersehen – bei fortgeschrittener pAVK (ABI < 0,5) ist Kompression kontraindiziert

Praxis: Kompressionsstrümpfe bei CVI

Praxisbeispiel

Herr O., 76 Jahre, Pflegegrad 2, chronisch-venöse Insuffizienz Stadium C4 (CEAP), beidseitige Varikosis, Z. n. Ulcus cruris venosum links (abgeheilt). Verordnung: Kompressionsstrümpfe Klasse II, knielag, flachgestrickt. Pflegerin Frau K. kommt morgens um 7:30. Herr O. liegt noch, Beine hochgelagert. Frau K. kontrolliert die Haut (intakt, leicht trocken), trägt eine dünne Schicht Pflegelotion auf und lässt sie 2 Minuten einziehen. Mit Gummihandschuhen stülpt sie den Strumpf bis zur Ferse um, setzt die Ferse exakt, zieht den Strumpf gleichmäßig über Wade und Knie. Keine Falten, Bündchen liegt glatt. Herr O. steht erst danach auf.

➔ Fazit: Morgens vor dem Aufstehen anlegen + Hautpflege + faltenfreier Sitz = wirksame Kompression. Seit konsequenter Versorgung kein Ulcus-Rezidiv.

Kompressionsklassen im Überblick

Klasse Druck (Knöchel) Indikation Beispiel
KKL I 18–21 mmHg Leichte Varikosis, Schwangerschaft, Prophylaxe Schwere Beine, Besenreiser
KKL II 23–32 mmHg CVI, nach Thrombose, leichtes Ödem Varikosis mit Ödem, postthrombotisch
KKL III 34–46 mmHg Schwere CVI, Ulcus cruris, Lymphödem Ulcus-Rezidivprophylaxe
KKL IV > 49 mmHg Schwerstes Lymphödem, Elephantiasis Fortgeschrittenes Lymphödem

⚠️ Kontraindikation: Fortgeschrittene pAVK (ABI < 0,5), dekompensierte Herzinsuffizienz, Phlegmasia coerulea dolens, septische Phlebitis. Vor Kompression immer ABI-Messung durch den Arzt!

Kompressionsstrümpfe anziehen: Schritt für Schritt

1
Zeitpunkt: Morgens vor dem Aufstehen

Beine sind noch ödemfrei. Patient liegt oder sitzt am Bettrand. Bei bereits geschwollenen Beinen: vorher 15–20 Min. Beine hochlagern.

2
Hautkontrolle & Hautpflege

Haut auf Drückstellen, Rötungen, Verletzungen prüfen. Dünne Pflegelotion (keine fettigen Cremes – zerstören das Gestrick!) auftragen und kurz einziehen lassen.

3
Strumpf umstülpen

Mit der Hand in den Strumpf greifen, Ferse fassen und den Strumpf bis zur Ferse umstülpen. Gummihandschuhe erleichtern den Griff und schützen das Gestrick.

4
Ferse exakt positionieren

Strumpf über die Zehenspitzen ziehen und die Fersenschale exakt auf die Ferse setzen. Falsche Fersenposition = gesamter Sitz verrutscht.

5
Gleichmäßig hochziehen

Strumpf Abschnitt für Abschnitt über Fußrücken, Knöchel, Wade und ggf. Oberschenkel hochziehen. Nicht zerren! Immer gleichmäßig mit beiden Händen arbeiten.

6
Faltenkontrolle & Feinkorrektur

Gesamten Strumpf auf Falten und Einschnürungen prüfen. Bündchenrand darf nicht umgeschlagen sein. Zehenbereich glatt streichen. Patient nach Druckgefühl fragen.

Anziehhilfen & Hilfsmittel

🧣

Gummihandschuhe

Besserer Griff am Gestrick, schützen den Strumpf vor Fingernägeln. Günstig, sofort verfügbar – das wichtigste Hilfsmittel.

📦

Gestell-Anziehhilfe

Metallgestell (z. B. Medi Butler): Strumpf wird aufgespannt, Fuß hineingestellt, Strumpf gleitet über das Bein. Ideal bei eingeschränkter Mobilität.

🍿

Gleitsocke / Gleithilfe

Seidige Gleitsocke unter dem Strumpf erleichtert das Anziehen bei offener Zehenspitze. Besonders bei KKL III/IV hilfreich.

📝

Ausziehhilfe

Metallhaken oder Gestell zum Abstreifen. Reduziert Kraftaufwand. Hilfsmittelverordnung durch den Arzt – Kostenträger: Krankenkasse.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Morgens vor dem Aufstehen anziehen – Beine sind noch ödemfrei
  • Fersenschale exakt positionieren – die Ferse bestimmt den gesamten Sitz
  • Keine Falten, kein umgeschlagener Bündchenrand – Einschnürungen verursachen Druckschäden
  • Gummihandschuhe verwenden – besserer Griff, Schutz des Gestricks
  • Hautpflege täglich – abends nach dem Ausziehen, dünne Lotion (keine fettigen Cremes)
  • ABI-Messung vor Kompression – Kontraindikation bei pAVK ausschließen
  • Strümpfe alle 6 Monate ersetzen – Kompressionswirkung lässt nach, 2 Paar pro Jahr verordnungsfähig

Wenn Sie sich nur einen Gedanken merken:

Merksatz: Die Ferse ist der Anker – sitzt die Fersenschale korrekt, sitzt der gesamte Strumpf. Und: morgens anlegen, abends ausziehen, Haut täglich pflegen.

Häufig gestellte Fragen zu Kompressionsstrümpfen

Warum müssen Kompressionsstrümpfe morgens angezogen werden?

Nach der Nachtruhe sind die Beine noch ödemfrei, da sie hochgelagert waren. Im Stehen und Sitzen sammelt sich innerhalb von Minuten Flüssigkeit in den Beinen. Ein Strumpf, der über ein geödemtes Bein gezogen wird, kann den Druck nicht korrekt aufbauen und schiebt das Ödem nur nach oben.

Wie oft müssen Kompressionsstrümpfe gewaschen werden?

Täglich waschen – bei 30–40 °C im Schonwaschgang oder Handwäsche. Kein Weichspüler (zerstört die Elastanfasern). Nicht in den Trockner. Das Waschen stellt die Kompressionswirkung wieder her, da die Fasern sich beim Trocknen zusammenziehen.

Was tun bei Hautproblemen unter dem Strumpf?

Häufige Probleme: Trockenheit, Juckreiz, Kontaktekzem. Tägliche Hautpflege abends (wasserbasierte Lotion, keine fettigen Cremes). Bei Ekzem: Arzt konsultieren (ggf. Baumwoll-Unterziehstrumpf, Materialwechsel auf Latex-frei). Nie mit offenen Wunden ohne Wundauflage Kompression anlegen.

Dürfen Pflegehilfskräfte Kompressionsstrümpfe anziehen?

Das An- und Ausziehen von Kompressionsstrümpfen gehört zur Behandlungspflege LG 1 (§ 132a SGB V). Es darf von Pflegehilfskräften durchgeführt werden, wenn eine fachliche Anleitung erfolgt ist und die Tätigkeit delegiert wurde. Die Hautkontrolle erfordert pflegerische Kompetenz.

Wie viele Kompressionsstrümpfe werden pro Jahr verordnet?

Standard: 2 Paar pro Jahr (Erst- und Zweitversorgung). Bei medizinischer Notwendigkeit (z. B. starke Gewichtsveränderung, Gestrickverschleiß) auch häufiger möglich. Die Verordnung erfolgt durch den Arzt; Kostenträger ist die gesetzliche Krankenkasse.

Testen Sie Ihr Wissen

Wissenscheck
Warum ist der Zeitpunkt des Anziehens bei Kompressionsstrümpfen so wichtig?
A) Weil die Strümpfe morgens elastischer sind
B) Weil die Beine morgens noch ödemfrei sind und der Strumpf korrekt sitzt
C) Weil der Blutdruck morgens niedriger ist
D) Weil die Haut morgens weniger empfindlich ist
Auflösung anzeigen

Richtige Antwort: B) Weil die Beine morgens noch ödemfrei sind und der Strumpf korrekt sitzt

Nach der Nachtruhe (Beine hochgelagert) ist das Interstitium relativ flüssigkeitsfrei. Ein Kompressionsstrumpf kann den korrekten Druckverlauf nur auf einem ödemfreien Bein aufbauen. Wird er über ein bereits geschwollenes Bein gezogen, entstehen Einschnürungen und der therapeutische Effekt geht verloren.

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Tim Reinhold Dozent für Pflegeweiterbildung · Fachautor im Wissenszentrum Pflege

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