Ernährungswissen

Kohlenhydrate – Der wichtigste Energielieferant

Kohlenhydrate sind die bevorzugte Energiequelle des Körpers – insbesondere für Gehirn und Muskeln. In der Pflege ist das Verständnis von Kohlenhydraten essenziell für die Versorgung von Diabetikern, die Ernährung bei Mangelernährung und die Blutzuckerkontrolle.

4 kcal
Energie pro Gramm
50 %
der Energiezufuhr (DGE)
130 g
Minimum Gehirn/Tag

Was sind Kohlenhydrate?

Kohlenhydrate (Saccharide) sind organische Verbindungen aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff. Sie bilden den wichtigsten Energielieferanten für den menschlichen Körper und liefern rund 4 kcal pro Gramm – weniger als die Hälfte von Fetten (9 kcal/g), dafür aber schnell verfügbar.

Das Gehirn ist fast ausschließlich auf Glukose als Energiequelle angewiesen und benötigt etwa 130 g Glukose pro Tag. Auch rote Blutkörperchen (Erythrozyten) und das Nierenmark können Energie nur aus Glukose gewinnen. Die DGE empfiehlt, dass mindestens 50 % der täglichen Energiezufuhr aus Kohlenhydraten stammen sollten – vorzugsweise aus komplexen, ballaststoffreichen Quellen.

Merksatz: Nicht alle Kohlenhydrate sind gleich. Entscheidend ist die Qualität: Komplexe Kohlenhydrate aus Vollkorn, Gemüse und Hülsenfrüchten liefern neben Energie auch Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe. Einfachzucker aus Süßigkeiten und Softdrinks liefern nur „leere“ Kalorien.

Einteilung der Kohlenhydrate

Kohlenhydrate werden nach der Länge ihrer Zuckerketten in drei Hauptgruppen eingeteilt. Die Kettenlänge bestimmt, wie schnell sie verdaut und als Glukose ins Blut aufgenommen werden.

GruppeBezeichnungBeispieleVerdauung
Einfach Monosaccharide (Einfachzucker) Glukose (Traubenzucker), Fruktose (Fruchtzucker), Galaktose Sofort resorbierbar – schneller Blutzuckeranstieg
Zweifach Disaccharide (Zweifachzucker) Saccharose (Haushaltszucker = Glukose+Fruktose), Laktose (Milchzucker = Glukose+Galaktose), Maltose (Malzzucker) Rasche Spaltung – schneller Blutzuckeranstieg
Komplex Polysaccharide (Vielfachzucker) Stärke (Kartoffeln, Getreide, Reis), Glykogen (tierischer Speicherzucker), Cellulose und Pektin (Ballaststoffe) Langsame Spaltung – gleichmäßiger Blutzuckeranstieg, längere Sättigung

Blutzucker, Insulin und der Glykämische Index

Nach der Aufnahme von Kohlenhydraten steigt der Blutzuckerspiegel (Blutglukose). Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) schüttet daraufhin das Hormon Insulin aus, das die Glukose aus dem Blut in die Körperzellen schleust. Bei Diabetes mellitus ist dieser Mechanismus gestört.

Glykämischer Index (GI)

Der Glykämische Index beschreibt, wie schnell ein kohlenhydrathaltiges Lebensmittel den Blutzucker ansteigen lässt. Referenzwert ist reine Glukose (GI = 100).

Niedriger GI (≤ 55) EMPFOHLEN

  • Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen): GI 25–35
  • Vollkornbrot: GI 40–50
  • Haferflocken: GI 40
  • Äpfel, Birnen: GI 35–40
  • Naturjoghurt: GI 35

Hoher GI (≥ 70) EINSCHRÄNKEN

  • Weißbrot: GI 70–75
  • Kartoffelbrei: GI 85
  • Cornflakes: GI 80
  • Traubenzucker: GI 100
  • Wassermelone: GI 72 (aber geringe GL)

Glykämische Last (GL): Die GL ist aussagekräftiger als der GI allein, da sie die tatsächliche Kohlenhydratmenge pro Portion berücksichtigt. Beispiel Wassermelone: Hoher GI (72), aber niedrige GL (4 pro 100 g), weil sie wenig Kohlenhydrate enthält. Formel: GL = GI × KH-Menge (g) ÷ 100.

Ballaststoffe – Die unverdaulichen Kohlenhydrate

Ballaststoffe sind komplexe Kohlenhydrate, die der menschliche Körper nicht oder kaum verdauen kann – und gerade deshalb so wertvoll sind. Die DGE empfiehlt eine tägliche Zufuhr von mindestens 30 g Ballaststoffen.

Lösliche Ballaststoffe

  • Pektin (Äpfel, Zitrusfrüchte, Beeren)
  • Beta-Glucan (Hafer, Gerste) – senkt LDL-Cholesterin
  • Inulin (Chicorée, Topinambur, Artischocke)
  • Bilden im Darm ein Gel → verlangsamte Glukoseaufnahme
  • Präbiotisch: füttern nützliche Darmbakterien

Unlösliche Ballaststoffe

  • Cellulose (Vollkorn, Gemüse)
  • Hemicellulose (Weizenkleie, Nüsse)
  • Lignin (Leinsamen, Getreideschalen)
  • Erhöhen das Stuhlvolumen → fördern die Darmperistaltik
  • Wichtig für die Obstipationsprophylaxe in der Pflege

Pflegerelevanz: Ballaststoffe sind ein zentrales Element der Obstipationsprophylaxe. Viele pflegebedürftige Menschen nehmen zu wenige Ballaststoffe auf – besonders bei passierter Kost oder Trinknahrung. Wichtig: Ballaststoffreiche Ernährung wirkt nur bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr (mind. 1,5 l/Tag).

Kohlenhydrate in der Pflege – Besonderheiten

Diabetes mellitus und Kohlenhydrate

Bei Pflegebedürftigen mit Diabetes mellitus ist die Kohlenhydratzufuhr direkt mit der Blutzuckerkontrolle verknüpft. Pflegekräfte müssen:

  • Kohlenhydratmengen einschätzen – 1 Broteinheit (BE) ≈ 12 g KH, 1 Kohlenhydrateinheit (KE) = 10 g KH
  • Regelmäßige Mahlzeiten sicherstellen – Hypoglykämie-Risiko bei ausgelassenen Mahlzeiten
  • Komplexe KH bevorzugen – Vollkorn, Gemüse, Hülsenfrüchte statt Zucker und Weißmehl
  • Blutzuckermessung vor und nach Mahlzeiten bei instabiler Stoffwechsellage

Mangelernährung und Energieversorgung

Bei mangelernährten Patienten sind Kohlenhydrate als schnelle Energiequelle besonders wichtig. Wenn zu wenig Kohlenhydrate aufgenommen werden, greift der Körper auf Eiweißreserven (Muskeln) und Fettdepots zurück. Dies führt zum Muskelabbau (Sarkopenie) und Gewichtsverlust.

Achtung – Refeeding-Syndrom: Bei stark mangelernährten Patienten kann eine zu schnelle Wiederauffütterung mit Kohlenhydraten zu einem lebensbedrohlichen Refeeding-Syndrom führen (Elektrolytverschiebungen, insbesondere Phosphat, Kalium, Magnesium). Die Kalorienzufuhr muss langsam gesteigert werden („start low, go slow“).

Dysphagie und angepasste Kostformen

Bei Schluckstörungen (Dysphagie) muss die Konsistenz der Kohlenhydratquellen angepasst werden. Kartoffelbrei, angedickte Getränke, weich gekochtes Getreide und Griesbrei eignen sich gut. Brot und Rohkost können problematisch sein und müssen ggf. püriert werden.

Gute Kohlenhydratquellen auf einen Blick

🍞

Vollkornprodukte

Vollkornbrot, Haferflocken, Vollkornnudeln, brauner Reis – liefern komplexe KH, B-Vitamine und Ballaststoffe.

🥦

Hülsenfrüchte

Linsen, Kichererbsen, Bohnen – kombinieren komplexe KH mit pflanzlichem Eiweiß und Eisen. Niedriger GI.

🍅

Gemüse

Kartoffeln, Süßkartoffeln, Karotten, Kürbis – stärkehaltig und nährstoffreich. Blattgemüse: kalorienarm, ballaststoffreich.

🍎

Obst

Fruktose und Glukose plus Vitamine, Mineralstoffe und Ballaststoffe. 2–3 Portionen/Tag empfohlen. Ganz essen statt Saft trinken.

Häufige Fragen zu Kohlenhydraten

Machen Kohlenhydrate dick?

Nein – nicht Kohlenhydrate an sich führen zu Gewichtszunahme, sondern ein Kalorienüberschuss insgesamt. Komplexe Kohlenhydrate aus Vollkorn, Gemüse und Hülsenfrüchten sättigen gut und liefern wertvolle Nährstoffe. Problematisch sind eher hochverarbeitete Lebensmittel mit viel Zucker und Fett gleichzeitig (Kuchen, Kekse, Chips).

Was ist der Unterschied zwischen BE und KE?

Eine Broteinheit (BE) entspricht ca. 12 g verwertbaren Kohlenhydraten. Eine Kohlenhydrateinheit (KE) entspricht genau 10 g. In der modernen Diabetestherapie wird zunehmend die KE verwendet, da sie das einfachere Rechenmaß ist. In der Praxis sind beide Einheiten gebräuchlich.

Sind Low-Carb-Diäten gesund?

Moderate Low-Carb-Ernährung (ca. 100–150 g KH/Tag) kann bei bestimmten Erkrankungen (Typ-2-Diabetes, Übergewicht) kurzfristig hilfreich sein. Extreme Reduktionen (< 50 g/Tag, ketogene Diät) sind nicht für ältere und pflegebedürftige Menschen geeignet, da sie Muskelmasse, Nierenfunktion und kognitive Leistung beeinträchtigen können.

Wie viele Kohlenhydrate braucht man am Tag?

Die DGE empfiehlt, dass mindestens 50 % der Gesamtenergie aus Kohlenhydraten stammen. Bei einer Energiezufuhr von 2.000 kcal entspricht das etwa 250 g Kohlenhydrate pro Tag. Das absolute Minimum für die Gehirnversorgung liegt bei ca. 130 g/Tag.

Was ist Laktoseintoleranz?

Bei Laktoseintoleranz fehlt das Enzym Laktase, das den Milchzucker (Laktose) in Glukose und Galaktose spaltet. Unverdaute Laktose gelangt in den Dickdarm, wo Bakterien sie vergären – Blähungen, Bauchkrämpfe und Durchfall sind die Folge. Ca. 15–20 % der Deutschen sind betroffen. Laktosefreie Milchprodukte und Hartäse (fast laktosefrei) werden meist vertragen.

Quellenangaben

  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) – Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, Kohlenhydrate, aktuelle Fassung
  • WHO: Guideline: Sugars Intake for Adults and Children, 2015.
  • Foster-Powell K et al.: International table of glycemic index and glycemic load values. Am J Clin Nutr 2002;76(1):5–56.
  • DNQP – Expertenstandard Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege, aktuelle Fassung – insb. Screening bei Unter-/Übergewicht und Empfehlungen zur Energiezufuhr.
  • Volkert D et al.: ESPEN Guideline on Clinical Nutrition and Hydration in Geriatrics. Clin Nutr 2019;38:10–47 – insb. Empfehlungen zur Energie- und Kohlenhydratzufuhr bei geriatrischen Patienten.

Hinweis: Diese Seite dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Ernährungsberatung oder ärztliche Empfehlung. Bei Diabetes mellitus ist die Kohlenhydratzufuhr individuell mit dem Behandlungsteam abzustimmen. Stand: April 2026.

Testen Sie Ihr Wissen

Wissenscheck
Welche Aussage zu Kohlenhydraten ist korrekt?
A) Kohlenhydrate liefern 9 kcal pro Gramm – mehr als jeder andere Makronährstoff.
B) Ballaststoffe sind unverdauliche Kohlenhydrate, die unter anderem die Darmperistaltik fördern.
C) Das Gehirn kann seinen Energiebedarf vollständig aus Fettsäuren decken.
D) Disaccharide bestehen aus mehr als zehn Zuckerbausteinen.
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Richtige Antwort: B)

Ballaststoffe sind komplexe Kohlenhydrate, die der Mensch nicht verdauen kann. Sie fördern die Darmperistaltik und sind zentral für die Obstipationsprophylaxe. A ist falsch: Kohlenhydrate liefern 4 kcal/g, Fette liefern 9 kcal/g. C ist falsch: Das Gehirn ist auf Glukose angewiesen (ca. 130 g/Tag). D ist falsch: Disaccharide bestehen aus genau zwei Zuckerbausteinen.

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Tim Reinhold

Dozent für Pflegeweiterbildung · Autor im Wissenszentrum Pflege. Mein Schwerpunkt: Kohlenhydrate – Der wichtigste Energielieferant – verständlich, aktuell und praxisnah aufbereitet.