Herzinfarkt – Erkennen, Handeln, Leben retten
Ein Herzinfarkt (Myokardinfarkt) entsteht, wenn ein Herzmuskelgebiet durch den Verschluss eines Herzkranzgefäßes nicht mehr durchblutet wird. Ohne sofortige Behandlung stirbt das betroffene Gewebe ab. In der Pflege müssen Symptome schnell erkannt und Erstmaßnahmen eingeleitet werden – jede Minute zählt.
Was passiert beim Herzinfarkt?
Das Herz wird über drei große Koronararterien (Herzkranzgefäße) mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt:
- RCA (rechte Koronararterie) – versorgt die Hinterwand und den rechten Ventrikel
- RIVA (Ramus interventricularis anterior, „LAD“) – versorgt die Vorderwand und die Herzspitze; häufigster Infarktort
- RCX (Ramus circumflexus) – versorgt die Seitenwand und Teile der Hinterwand
Beim Herzinfarkt verschließt sich eines dieser Gefäße, meist durch ein aufgebrochenes arteriosklerotisches Plaque, auf dem sich ein Blutgerinnsel (Thrombus) bildet. Das nachgeschaltete Herzmuskelgebiet erhält keinen Sauerstoff mehr – es beginnt innerhalb von 20–30 Minuten abzusterben.
„Time is muscle“: Je länger der Verschluss besteht, desto mehr Herzmuskelgewebe stirbt irreversibel ab. Ziel: Wiedereröffnung des Gefäßes innerhalb von 90 Minuten nach erstem medizinischem Kontakt (Door-to-Balloon-Zeit).
Risikofaktoren
Beeinflussbar
- Rauchen – wichtigster beeinflussbarer Risikofaktor
- Bluthochdruck (arterielle Hypertonie)
- Hyperlipidämie (erhöhtes LDL-Cholesterin)
- Diabetes mellitus
- Übergewicht/Adipositas (besonders abdominell)
- Bewegungsmangel
- Alkoholkonsum (übermäßig)
- Dauerstress, Schlafmangel
Nicht beeinflussbar
- Alter – Risiko steigt ab 45 (Männer) bzw. 55 (Frauen)
- Geschlecht – Männer häufiger betroffen, aber Frauen holen im Alter auf
- Familienanamnese – Herzinfarkt bei Verwandten 1. Grades vor dem 55. (m) bzw. 65. (w) Lebensjahr
- Genetische Disposition
Symptome erkennen
Typische Symptome
- Starke Brustschmerzen – Engegefühl, Druck, „wie ein Elefant sitzt auf der Brust“; Dauer > 5 Minuten, Besserung nicht durch Ruhe oder Nitroglycerin
- Ausstrahlung in linken Arm, Schulter, Unterkiefer, Oberbauch oder Rücken
- Kalter Schweiß, fahle/blasse Gesichtsfarbe
- Todesangst (Vernichtungsgefühl)
- Übelkeit und Erbrechen
- Atemnot
Symptome bei Frauen: Frauen zeigen häufiger atypische Symptome – starke Übelkeit, Erbrechen, Atemnot, Rückenschmerzen, Oberbauchschmerzen und extreme Müdigkeit. Der „klassische“ Brustschmerz kann fehlen! Dies führt häufig zu verzögerter Diagnose.
Stiller Herzinfarkt
Etwa 45 % aller Herzinfarkte verlaufen „still“ – ohne typische Brustschmerzen. Besonders häufig bei Diabetikern (diabetische Neuropathie dämpft die Schmerzwahrnehmung), älteren Menschen und Frauen. In der Pflege: Bei unklarer Verschlechterung des Allgemeinzustands, plötzlicher Verwirrtheit oder akuter Atemnot immer auch an einen Herzinfarkt denken!
Infarkttypen nach Lokalisation
| Infarkttyp | Betroffenes Gefäß | Häufigkeit | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Vorderwandinfarkt | RIVA (LAD) | Ca. 50 % | Häufigste Form; großes Infarktareal; hohes Risiko für Linksherzinsuffizienz |
| Hinterwandinfarkt | RCA oder RCX | Ca. 20–25 % | Oft mit Übelkeit/Erbrechen; Gefahr von Bradykardie und AV-Block |
| Seitenwandinfarkt | RCX | Ca. 15–20 % | Symptome ähnlich Vorderwandinfarkt; oft kombiniert |
| Kombinierter Infarkt | Mehrere Gefäße | Variabel | Schwerer Verlauf; hohe Mortalität; oft bei Mehrgefäßerkrankung |
Diagnose und Behandlung
Diagnose
- 12-Kanal-EKG – ST-Hebung (STEMI) oder nicht (NSTEMI); Diagnostik innerhalb von 10 Minuten nach Erstkontakt
- Troponin-Schnelltest – herzspezifisches Protein, das bei Zelluntergang freigesetzt wird (Troponin I oder T)
- Herzkatheteruntersuchung (Koronarangiografie) – Goldstandard; zeigt den Verschluss und ermöglicht sofortige Behandlung
Akuttherapie
- PCI (Perkutane Koronarintervention) – Ballondilatation + Stentimplantation; Therapie der Wahl bei STEMI
- Lysetherapie – medikamentöse Auflösung des Thrombus; nur wenn PCI nicht innerhalb von 120 Minuten verfügbar
- Bypass-Operation – bei Mehrgefäßerkrankung oder wenn PCI nicht möglich
Erstmaßnahmen in der Pflege
Wenn Sie bei einer betreuten Person einen Herzinfarkt vermuten:
1. Notruf 112 – Stichwort: „Verdacht auf Herzinfarkt“
Ort, Rückrufnummer, Symptome, Name und Alter der Person. Nie warten, ob es besser wird!
2. Oberkörperhochlagerung (30–45°)
Entlastet das Herz. Enge Kleidung öffnen. Fenster öffnen für frische Luft.
3. Beruhigen und bei der Person bleiben
Angst und Aufregung erhöhen den Sauerstoffbedarf des Herzens. Ruhig sprechen, Situation erklären.
4. Vitalzeichen überwachen
Bewusstsein, Atmung, Puls regelmäßig kontrollieren. Bei Bewusstlosigkeit: Stabile Seitenlage. Bei Atem-/Kreislaufstillstand: sofort CPR beginnen (30:2).
5. Medikamente NUR nach ärztlicher Anordnung
Kein eigenmächtiges Verabreichen von Nitroglycerin oder ASS. Aktuelle Medikamentenliste für den Rettungsdienst bereithalten.
Wichtig: Keine körperliche Belastung! Die Person darf nicht laufen, nicht selbst Treppen steigen. Kein Essen, kein Trinken (für den Fall einer Notfall-OP). Wenn ein AED (Defibrillator) verfügbar ist – bereithalten!
Häufige Fragen zum Herzinfarkt
Wie unterscheidet sich ein Herzinfarkt von Angina Pectoris?
Angina Pectoris („Brustenge“) ist eine vorübergehende Minderdurchblutung des Herzmuskels. Die Brustschmerzen dauern typischerweise weniger als 5 Minuten und bessern sich durch Ruhe oder Nitroglycerin. Beim Herzinfarkt sind die Schmerzen stärker, dauern länger (> 20 Minuten) und bessern sich nicht durch Nitroglycerin. Angina Pectoris ist ein Warnsignal – bei Verschlechterung droht ein Infarkt.
Kann man einen Herzinfarkt im Schlaf bekommen?
Ja – ein Herzinfarkt kann zu jeder Zeit auftreten, auch im Schlaf. Studien zeigen eine Häufung in den frühen Morgenstunden (6–12 Uhr), da Blutdruck und Herzfrequenz morgens physiologisch ansteigen. In der Altenpflege: Auf nächtliche Unruhe, Schweißausbrüche oder Veränderungen der Vitalzeichen achten.
Was ist der Unterschied zwischen STEMI und NSTEMI?
STEMI (ST-Elevations-Myokardinfarkt): Kompletter Gefäßverschluss, sichtbar als ST-Hebung im EKG. Erfordert sofortige Kathäter-Intervention. NSTEMI (Nicht-ST-Elevations-Myokardinfarkt): Inkompletter Verschluss, ST-Hebung fehlt im EKG, aber Troponin ist erhöht. Wird innerhalb von 24–72 Stunden mittels Herzkatheter behandelt.
Wie hoch ist die Überlebensrate bei einem Herzinfarkt?
Bei rechtzeitiger Behandlung (PCI innerhalb von 90 Minuten) liegt die Krankenhaussterblichkeit bei unter 5 %. Ohne Behandlung steigt die 30-Tage-Mortalität auf 30–40 %. Das größte Problem: Viele Betroffene warten zu lange, bis sie den Notruf wählen (durchschnittlich 2–5 Stunden). Time is muscle!
Wie kann man einem Herzinfarkt vorbeugen?
Die wichtigsten Maßnahmen: Nicht rauchen (Risikoreduktion um 50 % nach 1 Jahr), regelmäßige Bewegung (150 min/Woche), gesunde Ernährung (mediterran), Blutdruck und Cholesterin kontrollieren, Diabetes gut einstellen, Stress reduzieren, moderate Gewichtsreduktion. Bei bestehender Herzkrankheit: konsequente medikamentöse Sekundärprävention (ASS, Statin, Betablocker etc.).
Quellenangaben
- Deutsche Herzstiftung e. V. – Herzinfarkt: Ursachen, Symptome, Therapie
- ESC Guidelines for the management of acute myocardial infarction in patients presenting with ST-segment elevation. European Heart Journal 2023.
- Thygesen K et al.: Fourth Universal Definition of Myocardial Infarction. Circulation 2018;138:e231–e270.
- Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) – Leitlinien Akutes Koronarsyndrom
- Statistisches Bundesamt: Todesursachenstatistik 2023. Ischämische Herzkrankheiten.
Hinweis: Diese Seite dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt sofort 112 anrufen! Stand: April 2026.
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Richtige Antwort: B) Sofort 112 anrufen und Oberkörperhochlagerung
Der Notruf hat höchste Priorität. Jede Minute Verzögerung kostet Herzmuskelgewebe. Bewegung (A) erhöht den Sauerstoffbedarf und verschlimmert die Situation. Abwarten (C) ist lebensgefährlich. Medikamente (D) dürfen nur nach ärztlicher Anordnung gegeben werden.
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