Notfall & Krankheitsbild

Herzinfarkt – Erkennen, Handeln, Leben retten

Ein Herzinfarkt (Myokardinfarkt) entsteht, wenn ein Herzmuskelgebiet durch den Verschluss eines Herzkranzgefäßes nicht mehr durchblutet wird. Ohne sofortige Behandlung stirbt das betroffene Gewebe ab. In der Pflege müssen Symptome schnell erkannt und Erstmaßnahmen eingeleitet werden – jede Minute zählt.

300.000
Herzinfarkte pro Jahr in DE
„Time is muscle“
Jede Minute kostet Herzgewebe
112
Sofort Notruf wählen

Was passiert beim Herzinfarkt?

Das Herz wird über drei große Koronararterien (Herzkranzgefäße) mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt:

  • RCA (rechte Koronararterie) – versorgt die Hinterwand und den rechten Ventrikel
  • RIVA (Ramus interventricularis anterior, „LAD“) – versorgt die Vorderwand und die Herzspitze; häufigster Infarktort
  • RCX (Ramus circumflexus) – versorgt die Seitenwand und Teile der Hinterwand

Beim Herzinfarkt verschließt sich eines dieser Gefäße, meist durch ein aufgebrochenes arteriosklerotisches Plaque, auf dem sich ein Blutgerinnsel (Thrombus) bildet. Das nachgeschaltete Herzmuskelgebiet erhält keinen Sauerstoff mehr – es beginnt innerhalb von 20–30 Minuten abzusterben.

„Time is muscle“: Je länger der Verschluss besteht, desto mehr Herzmuskelgewebe stirbt irreversibel ab. Ziel: Wiedereröffnung des Gefäßes innerhalb von 90 Minuten nach erstem medizinischem Kontakt (Door-to-Balloon-Zeit).

Risikofaktoren

Beeinflussbar

  • Rauchen – wichtigster beeinflussbarer Risikofaktor
  • Bluthochdruck (arterielle Hypertonie)
  • Hyperlipidämie (erhöhtes LDL-Cholesterin)
  • Diabetes mellitus
  • Übergewicht/Adipositas (besonders abdominell)
  • Bewegungsmangel
  • Alkoholkonsum (übermäßig)
  • Dauerstress, Schlafmangel

Nicht beeinflussbar

  • Alter – Risiko steigt ab 45 (Männer) bzw. 55 (Frauen)
  • Geschlecht – Männer häufiger betroffen, aber Frauen holen im Alter auf
  • Familienanamnese – Herzinfarkt bei Verwandten 1. Grades vor dem 55. (m) bzw. 65. (w) Lebensjahr
  • Genetische Disposition

Symptome erkennen

Typische Symptome

  • Starke Brustschmerzen – Engegefühl, Druck, „wie ein Elefant sitzt auf der Brust“; Dauer > 5 Minuten, Besserung nicht durch Ruhe oder Nitroglycerin
  • Ausstrahlung in linken Arm, Schulter, Unterkiefer, Oberbauch oder Rücken
  • Kalter Schweiß, fahle/blasse Gesichtsfarbe
  • Todesangst (Vernichtungsgefühl)
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Atemnot

Symptome bei Frauen: Frauen zeigen häufiger atypische Symptome – starke Übelkeit, Erbrechen, Atemnot, Rückenschmerzen, Oberbauchschmerzen und extreme Müdigkeit. Der „klassische“ Brustschmerz kann fehlen! Dies führt häufig zu verzögerter Diagnose.

Stiller Herzinfarkt

Etwa 45 % aller Herzinfarkte verlaufen „still“ – ohne typische Brustschmerzen. Besonders häufig bei Diabetikern (diabetische Neuropathie dämpft die Schmerzwahrnehmung), älteren Menschen und Frauen. In der Pflege: Bei unklarer Verschlechterung des Allgemeinzustands, plötzlicher Verwirrtheit oder akuter Atemnot immer auch an einen Herzinfarkt denken!

Infarkttypen nach Lokalisation

InfarkttypBetroffenes GefäßHäufigkeitBesonderheiten
Vorderwandinfarkt RIVA (LAD) Ca. 50 % Häufigste Form; großes Infarktareal; hohes Risiko für Linksherzinsuffizienz
Hinterwandinfarkt RCA oder RCX Ca. 20–25 % Oft mit Übelkeit/Erbrechen; Gefahr von Bradykardie und AV-Block
Seitenwandinfarkt RCX Ca. 15–20 % Symptome ähnlich Vorderwandinfarkt; oft kombiniert
Kombinierter Infarkt Mehrere Gefäße Variabel Schwerer Verlauf; hohe Mortalität; oft bei Mehrgefäßerkrankung

Diagnose und Behandlung

Diagnose

  • 12-Kanal-EKG – ST-Hebung (STEMI) oder nicht (NSTEMI); Diagnostik innerhalb von 10 Minuten nach Erstkontakt
  • Troponin-Schnelltest – herzspezifisches Protein, das bei Zelluntergang freigesetzt wird (Troponin I oder T)
  • Herzkatheteruntersuchung (Koronarangiografie) – Goldstandard; zeigt den Verschluss und ermöglicht sofortige Behandlung

Akuttherapie

  • PCI (Perkutane Koronarintervention) – Ballondilatation + Stentimplantation; Therapie der Wahl bei STEMI
  • Lysetherapie – medikamentöse Auflösung des Thrombus; nur wenn PCI nicht innerhalb von 120 Minuten verfügbar
  • Bypass-Operation – bei Mehrgefäßerkrankung oder wenn PCI nicht möglich

Erstmaßnahmen in der Pflege

Wenn Sie bei einer betreuten Person einen Herzinfarkt vermuten:

1. Notruf 112 – Stichwort: „Verdacht auf Herzinfarkt“

Ort, Rückrufnummer, Symptome, Name und Alter der Person. Nie warten, ob es besser wird!

2. Oberkörperhochlagerung (30–45°)

Entlastet das Herz. Enge Kleidung öffnen. Fenster öffnen für frische Luft.

3. Beruhigen und bei der Person bleiben

Angst und Aufregung erhöhen den Sauerstoffbedarf des Herzens. Ruhig sprechen, Situation erklären.

4. Vitalzeichen überwachen

Bewusstsein, Atmung, Puls regelmäßig kontrollieren. Bei Bewusstlosigkeit: Stabile Seitenlage. Bei Atem-/Kreislaufstillstand: sofort CPR beginnen (30:2).

5. Medikamente NUR nach ärztlicher Anordnung

Kein eigenmächtiges Verabreichen von Nitroglycerin oder ASS. Aktuelle Medikamentenliste für den Rettungsdienst bereithalten.

Wichtig: Keine körperliche Belastung! Die Person darf nicht laufen, nicht selbst Treppen steigen. Kein Essen, kein Trinken (für den Fall einer Notfall-OP). Wenn ein AED (Defibrillator) verfügbar ist – bereithalten!

Häufige Fragen zum Herzinfarkt

Wie unterscheidet sich ein Herzinfarkt von Angina Pectoris?

Angina Pectoris („Brustenge“) ist eine vorübergehende Minderdurchblutung des Herzmuskels. Die Brustschmerzen dauern typischerweise weniger als 5 Minuten und bessern sich durch Ruhe oder Nitroglycerin. Beim Herzinfarkt sind die Schmerzen stärker, dauern länger (> 20 Minuten) und bessern sich nicht durch Nitroglycerin. Angina Pectoris ist ein Warnsignal – bei Verschlechterung droht ein Infarkt.

Kann man einen Herzinfarkt im Schlaf bekommen?

Ja – ein Herzinfarkt kann zu jeder Zeit auftreten, auch im Schlaf. Studien zeigen eine Häufung in den frühen Morgenstunden (6–12 Uhr), da Blutdruck und Herzfrequenz morgens physiologisch ansteigen. In der Altenpflege: Auf nächtliche Unruhe, Schweißausbrüche oder Veränderungen der Vitalzeichen achten.

Was ist der Unterschied zwischen STEMI und NSTEMI?

STEMI (ST-Elevations-Myokardinfarkt): Kompletter Gefäßverschluss, sichtbar als ST-Hebung im EKG. Erfordert sofortige Kathäter-Intervention. NSTEMI (Nicht-ST-Elevations-Myokardinfarkt): Inkompletter Verschluss, ST-Hebung fehlt im EKG, aber Troponin ist erhöht. Wird innerhalb von 24–72 Stunden mittels Herzkatheter behandelt.

Wie hoch ist die Überlebensrate bei einem Herzinfarkt?

Bei rechtzeitiger Behandlung (PCI innerhalb von 90 Minuten) liegt die Krankenhaussterblichkeit bei unter 5 %. Ohne Behandlung steigt die 30-Tage-Mortalität auf 30–40 %. Das größte Problem: Viele Betroffene warten zu lange, bis sie den Notruf wählen (durchschnittlich 2–5 Stunden). Time is muscle!

Wie kann man einem Herzinfarkt vorbeugen?

Die wichtigsten Maßnahmen: Nicht rauchen (Risikoreduktion um 50 % nach 1 Jahr), regelmäßige Bewegung (150 min/Woche), gesunde Ernährung (mediterran), Blutdruck und Cholesterin kontrollieren, Diabetes gut einstellen, Stress reduzieren, moderate Gewichtsreduktion. Bei bestehender Herzkrankheit: konsequente medikamentöse Sekundärprävention (ASS, Statin, Betablocker etc.).

Quellenangaben

Hinweis: Diese Seite dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt sofort 112 anrufen! Stand: April 2026.

Testen Sie Ihr Wissen

Wissenscheck
Welche Maßnahme hat beim Verdacht auf Herzinfarkt höchste Priorität?
A) Person auffordern, sich zu bewegen („Kreislauf anregen“)
B) Sofort 112 anrufen und Oberkörperhochlagerung
C) Abwarten und Tee trinken – vielleicht wird es von selbst besser
D) Eigenmächtig ASS und Nitroglycerin verabreichen
Auflösung anzeigen

Richtige Antwort: B) Sofort 112 anrufen und Oberkörperhochlagerung

Der Notruf hat höchste Priorität. Jede Minute Verzögerung kostet Herzmuskelgewebe. Bewegung (A) erhöht den Sauerstoffbedarf und verschlimmert die Situation. Abwarten (C) ist lebensgefährlich. Medikamente (D) dürfen nur nach ärztlicher Anordnung gegeben werden.

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Tim Reinhold

Pflegedozent & Fachautor mit Fokus auf Herzinfarkt – Erkennen, Handeln, Leben retten. Ich entwickle Inhalte, die Pflegekräfte weiterbringen – fundiert und alltagstauglich.