Die Behandlung von großflächigen, chronischen oder schwer heilenden Wunden stellt das Gesundheitswesen seit jeher vor erhebliche Herausforderungen. Insbesondere bei Patienten mit Verbrennungen, diabetischen Ulzera oder Dekubitus stoßen klassische Therapieansätze häufig an ihre Grenzen. Infektionen, verzögerte Heilungsprozesse und hohe Belastungen für die Betroffenen sind dabei keine Seltenheit. In diesem Kontext rückt eine Methode zunehmend in den Fokus, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, bei genauerer Betrachtung jedoch großes Potenzial offenbart: die Verwendung von Fischhaut als biologisches Transplantat.

Von der Schweinehaut zur Fischhaut – ein kurzer Rückblick

Der Gedanke, tierisches Gewebe zur Unterstützung der Wundheilung einzusetzen, ist keineswegs neu. Bereits seit Jahrzehnten werden beispielsweise Schweinehaut (Xenografts) oder andere biologische Materialien verwendet, um Wunden temporär abzudecken und die Heilung zu fördern. Diese Materialien dienen in erster Linie dazu, den Flüssigkeitsverlust zu reduzieren, die Wunde vor äußeren Einflüssen zu schützen und eine gewisse strukturelle Grundlage für die Regeneration zu bieten.

Dennoch zeigen sich in der Praxis immer wieder Limitationen. Die notwendige Aufbereitung solcher Gewebe ist komplex, da potenzielle Krankheitserreger zuverlässig entfernt werden müssen. Gleichzeitig kann die dichte Struktur dieser Materialien das Einwandern körpereigener Zellen erschweren, was den Heilungsprozess verlangsamen kann.

Kabeljau-Fischhaut – der Durchbruch aus Island

Vor diesem Hintergrund stellt die Verwendung von Fischhaut, insbesondere vom Kabeljau (Gadus morhua), einen innovativen Ansatz dar. Das isländische Unternehmen Kerecis (seit 2023 Teil von Coloplast) hat diese Technologie maßgeblich weiterentwickelt und in die klinische Anwendung gebracht. Die Fischhaut wird unmittelbar nach dem Fang verarbeitet und in einem speziellen Verfahren so aufbereitet, dass sie ihre natürliche Struktur weitgehend beibehält, während potenzielle Verunreinigungen entfernt werden. 2013 erhielt das Produkt die erste FDA-Zulassung für ein Fischhaut-Wundprodukt, 2021 folgte die Erweiterung auf Verbrennungen.

Geringes Zoonose-Risiko: Da Fische evolutionär weiter vom Menschen entfernt sind als beispielsweise Schweine oder Rinder, ist die Wahrscheinlichkeit zoonotischer Übertragungen (BSE, Schweinegrippe etc.) deutlich reduziert. Dies vereinfacht die Aufbereitung und erhöht die Sicherheit im klinischen Einsatz.

Wie wirkt Fischhaut auf der Wunde?

Noch entscheidender als die Sicherheit ist die biologische Struktur der Fischhaut selbst. Sie fungiert als sogenannte extrazelluläre Matrix (ECM), die dem menschlichen Gewebe als Gerüst dient. Dieses Gerüst ermöglicht es körpereigenen Zellen, in die Struktur einzuwandern, sich dort zu vermehren und neues Gewebe zu bilden. Im Gegensatz zu manchen anderen Materialien ist die Fischhaut ausreichend porös und durchlässig, sodass dieser Prozess effizient stattfinden kann. Das Ergebnis ist eine verbesserte Integration in das umliegende Gewebe und eine beschleunigte Wundheilung.

Ein weiterer relevanter Aspekt sind die in der Fischhaut enthaltenen Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA). Diese sind aus anderen medizinischen Kontexten bereits für ihre entzündungsmodulierenden Eigenschaften bekannt. In der Wundheilung können sie dazu beitragen, überschießende Entzündungsreaktionen zu reduzieren, die häufig eine Ursache für verzögerte Heilungsverläufe darstellen. Darüber hinaus wird angenommen, dass bestimmte Bestandteile der Fischhaut die Angiogenese, also die Bildung neuer Blutgefäße, fördern. Dieser Prozess ist essenziell für die Versorgung des regenerierenden Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen.

So läuft die Anwendung ab

Die Anwendung in der Praxis erfolgt vergleichsweise unkompliziert. Nach der gründlichen Reinigung der Wunde und gegebenenfalls einem Débridement wird das gefriergetrocknete Transplantat in steriler Kochsalzlösung rehydriert (ca. 2–5 Minuten). Anschließend wird die Fischhaut auf die betroffene Stelle aufgelegt und mit einem sekundären Verband fixiert. Sie passt sich der Wundoberfläche an und verbleibt dort, während sie schrittweise in den Heilungsprozess integriert wird.

Ein wesentlicher Vorteil: In vielen Fällen ist kein häufiges Wechseln des Materials erforderlich, da die Fischhaut vom Körper absorbiert und durch eigenes Gewebe ersetzt wird. Das bedeutet weniger schmerzhafte Verbandwechsel – sowohl für Patienten als auch für das Pflegepersonal eine spürbare Entlastung.

Was sagt die Studienlage?

Die bisherigen klinischen Erfahrungen sind vielversprechend. Eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) verglich Kerecis-Fischhaut mit konventioneller Wundversorgung bei diabetischen Fußulzera und zeigte eine signifikant höhere Verschlussrate nach 12 Wochen (67 % vs. 32 %). Weitere Studien und Praxisberichte dokumentieren schnellere Wundheilung, Reduktion von Schmerzen sowie eine geringere Infektionsrate. Eine systematische Übersichtsarbeit fasst zusammen, dass Fischhaut-ECM die Heilungszeit chronischer Wunden im Vergleich zur Standardtherapie um 30–50 % verkürzen kann.

Besonders bei chronischen Wunden, die auf herkömmliche Therapien nur unzureichend ansprechen, eröffnet diese Methode neue Perspektiven.

Tilapia – der brasilianische Weg

Neben der Kabeljau-Haut wurde auch die Haut anderer Fischarten untersucht, insbesondere die der Tilapia (Oreochromis niloticus). In Brasilien, am Instituto Dr. José Frota in Fortaleza, wird Tilapiahaut bereits seit 2017 in der Behandlung von Verbrennungswunden eingesetzt. Sie zeichnet sich durch eine hohe Festigkeit und gute Anpassungsfähigkeit aus und konnte in verschiedenen klinischen Studien von Lima-Junior et al. positive Ergebnisse erzielen: vergleichbare Heilungsraten wie Silberverbände, weniger Schmerzen und deutlich niedrigere Kosten.

Der Vergleich der beiden Ansätze im Überblick:

EigenschaftKabeljau (Kerecis®)Tilapia (Brasilien)
HerkunftNordatlantik – WildfangAquakultur – Süßwasser
FDA-ZulassungJa (2013 / 2021)Nein – regionaler Einsatz
Omega-3-GehaltHoch (Kaltwasserfisch)Niedrig (Warmwasserfisch)
HauptanwendungChronische Wunden, DFS, VerbrennungenVerbrennungswunden
EvidenzMultizentrische RCTsFallserien, Pilotstudien

Grenzen und realistische Einordnung

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse ist es wichtig, die Methode realistisch einzuordnen. Fischhauttransplantate sind kein Allheilmittel und ersetzen nicht die grundlegenden Prinzipien der Wundversorgung. Eine sorgfältige Diagnostik, die Behandlung zugrunde liegender Erkrankungen sowie eine fachgerechte Pflege gemäß der S3-Leitlinie Lokaltherapie chronischer Wunden (AWMF 091/001) bleiben weiterhin essenziell. Bei infizierten Wunden muss die Infektion zunächst behandelt werden, und bei bekannter Fischallergie ist die Anwendung kontraindiziert.

Zudem sind weitere Studien notwendig, um Langzeiteffekte und optimale Einsatzgebiete noch genauer zu definieren. Die klinische Datenlage wächst zwar stetig, aber belastbare Langzeitdaten über mehrere Jahre fehlen noch.

Hinweis zur Kostenerstattung: In Deutschland ist die Fischhauttransplantation bisher kein regulärer Bestandteil des GKV-Leistungskatalogs. Die Kostenübernahme erfolgt überwiegend über NUB-Anträge (Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden) oder Einzelfallentscheidungen. Mit zunehmender Evidenz ist eine standardmäßige Aufnahme perspektivisch möglich.

Wirtschaftliches Potenzial

Auch wirtschaftliche Aspekte sprechen für die Methode. Die Herstellung und Aufbereitung der Fischhaut sind zwar aufwendig, können jedoch durch die potenziell verkürzten Heilungszeiten und reduzierten Komplikationen langfristig Kosten im Gesundheitswesen einsparen. Die WHO schätzt die globale Krankheitslast durch Verbrennungen als erheblich ein, und in Deutschland belaufen sich die jährlichen Kosten für chronische Wundversorgung auf über 5 Milliarden Euro. Weniger Verbandwechsel, weniger Infektionen und kürzere Behandlungsdauer haben direkten Einfluss auf diese Kostenbilanz.

Ein weiterer Aspekt: Fischhaut ist ein Nebenprodukt der Lebensmittelindustrie. Statt entsorgt zu werden, wird ein Abfallstoff zu einem hochwertigen Medizinprodukt – ein Beispiel für nachhaltige Ressourcennutzung in der Medizin.

Was bedeutet das für Pflegekräfte?

Für Pflegekräfte und medizinisches Fachpersonal bedeutet dies, sich mit neuen Materialien und deren Anwendung vertraut zu machen. Die Wundversorgung entwickelt sich kontinuierlich weiter, und innovative Ansätze wie die Fischhauttransplantation zeigen, wie interdisziplinäre Forschung zu praktischen Verbesserungen im Alltag führen kann. Der DNQP-Expertenstandard „Pflege von Menschen mit chronischen Wunden“ fordert regelmäßige Aktualisierung des Wissens über neue Materialien und Verfahren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Fischhauttransplantation ein spannender und vielversprechender Ansatz in der modernen Wundbehandlung ist. Sie kombiniert biologische Verträglichkeit mit funktionalen Vorteilen und bietet insbesondere bei komplexen Wundsituationen eine sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Therapien. Auch wenn weitere Forschung notwendig ist, deutet die aktuelle Datenlage darauf hin, dass diese Methode in Zukunft eine noch größere Rolle in der medizinischen Versorgung spielen könnte.