Epilepsie in der Pflege – Anfallsmanagement und Sicherheit
Ein epileptischer Anfall kann jederzeit auftreten. Pflegekräfte müssen in Sekunden richtig handeln – denn veraltete Maßnahmen wie der „Beißkeil“ sind gefährlich und längst überholt.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine chronische neurologische Erkrankung, bei der es zu wiederholt auftretenden, unprovozierten epileptischen Anfällen kommt. Ein Anfall entsteht durch eine plötzliche, synchrone Entladung von Nervenzellen im Gehirn. Je nach betroffener Hirnregion äußern sich Anfälle unterschiedlich – von kurzen Bewusstseinsstörungen (Absencen) bis zu generalisierten tonisch-klonischen Krämpfen.
Die Erkrankung betrifft alle Altersgruppen, tritt aber besonders häufig im Kindesalter und bei älteren Menschen (≥ 65 Jahre) auf. Bei Älteren sind zerebrovaskuläre Erkrankungen (z. B. Schlaganfall) die häufigste Ursache. Mit konsequenter medikamentöser Therapie werden etwa 70 % der Betroffenen anfallsfrei.
Gefährliche Mythen und häufige Fehler
Im Umgang mit epileptischen Anfällen halten sich hartnäckig falsche Vorstellungen:
- Mythos „Beißkeil“: Niemals etwas zwischen die Zähne schieben! Das führt zu Zahnfrakturen, Kieferverletzungen und Aspiration – die Zunge wird beim Anfall nicht „verschluckt“
- Festhalten der Gliedmaßen: Krampfende Extremitäten nicht fixieren – Verletzungsgefahr für Patient und Pflegekraft. Nur schützend lagern
- Verspäteter Notruf: Ein Anfall über 5 Minuten ist ein medizinischer Notfall (Status epilepticus) – sofort Notruf absetzen
- Fehlende Dokumentation: Anfallsdauer, Art der Bewegungen und Bewusstseinszustand werden nicht notiert – für den Neurologen aber essenziell
- Medikamenten Non-Compliance: Antiepileptika dürfen nie eigenmnächtig abgesetzt werden – auch bei Anfallsfreiheit besteht hohes Rezidivrisiko
Lebensgefahr: Ein epileptischer Anfall, der länger als 5 Minuten dauert (Status epilepticus), ist potenziell lebensbedrohlich. Sofort Notruf 112 absetzen!
Praxisbeispiel: Anfall beim Mittagessen
Frau Q., 74 Jahre, Pflegegrad 3, hat eine bekannte Epilepsie nach Schlaganfall. Während des Mittagessens beginnt sie plötzlich zu stöhnen, die Augen verdrehen sich, und sie entwickelt einen generalisierten tonisch-klonischen Anfall mit rhythmischen Zuckungen aller Extremitäten.
Die Pflegefachkraft reagiert sofort: Sie notiert die Uhrzeit (12:14 Uhr), räumt gefährliche Gegenstände (Teller, Besteck, Gläser) weg, legt ein weiches Kissen unter Frau Q.s Kopf und schützt sie vor Verletzungen, ohne sie festzuhalten. Nach 2 Minuten enden die Zuckungen. Die Pflegekraft bringt Frau Q. in die stabile Seitenlage und überwacht die Atmung. Der Anfall hat 2:15 Minuten gedauert.
Ergebnis: Frau Q. wacht nach 10 Minuten auf (postiktaler Zustand: müde, verwirrt, gedächtnislos). Die Pflegekraft dokumentiert alles im Anfallskalender und informiert den Neurologen. Dank der professionellen Erstversorgung blieb Frau Q. unverletzt.
Richtiges Handeln beim epileptischen Anfall
Uhrzeit des Anfallsbeginns merken oder Stoppuhr starten. Die Anfallsdauer ist entscheidend für die weitere Behandlung.
Gefährliche Gegenstände entfernen. Stuhl- oder Bettkanten polstern. Den Betroffenen nicht festhalten, sondern nur vor Verletzungen schützen. Brille abnehmen, Krawatte/Schal lockern.
Kein Beißkeil, kein Löffel, kein Finger – niemals! Die Zunge kann nicht verschluckt werden. Mund gewaltsam öffnen verursacht Verletzungen.
Sobald die Krampfphase endet: stabile Seitenlage, Atemwege freimachen, Atmung überwachen. Erbrochenes absaugen falls nötig.
Dauert der Anfall länger als 5 Minuten → sofort Notruf (Status epilepticus). Ebenso bei: erstem bekannten Anfall, Verletzungen, fehlender Atmung nach dem Anfall, Anfall im Wasser.
Datum, Uhrzeit, Dauer, Art (tonisch, klonisch, tonisch-klonisch), Bewusstsein, Auslöser (Schlafmangel, vergessene Medikamente, Alkohol), postiktaler Zustand. Diese Dokumentation ist für den Neurologen unverzichtbar.
Häufige Anfallsauslöser (Trigger)
Schlafmangel
Einer der häufigsten Trigger. Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus ist essenziell für die Anfallskontrolle.
Vergessene Medikamente
Antiepileptika müssen regelmäßig und zeitgenau eingenommen werden. Bereits eine vergessene Dosis kann Anfälle auslösen.
Fieber & Infekte
Fieber senkt die Anfallsschwelle erheblich. Bei fieberhaften Infekten besondere Wachsamkeit und frühzeitige Fiebersenkung.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Etwa 500.000 Menschen in Deutschland leben mit Epilepsie – die Prävalenz steigt im höheren Alter deutlich an
- Niemals einen Beißkeil oder sonstigen Gegenstand zwischen die Zähne schieben – dieser Mythos verursacht Verletzungen
- Während des Anfalls: Umgebung sichern, nicht festhalten, Kopf schützen, Zeit stoppen
- Ein Anfall über 5 Minuten ist ein Status epilepticus – sofort Notruf 112 absetzen
- Nach dem Anfall: stabile Seitenlage, Atemweg freimachen, Bewusstsein und Atmung überwachen
- Anfallskalender konsequent führen: Dauer, Art, Auslöser und postiktaler Zustand dokumentieren
- Antiepileptika dürfen niemals eigenmnächtig abgesetzt werden – auch bei längerer Anfallsfreiheit
Merksatz: Beim epileptischen Anfall gilt: Schützen statt festhalten, Zeit stoppen statt Beißkeil, Seitenlage nach dem Anfall, Notruf ab 5 Minuten.
Häufige Fragen zu Epilepsie in der Pflege
Kann man während eines Anfalls die Zunge verschlucken?
Nein, die Zunge kann anatomisch nicht verschluckt werden. Sie ist am Mundboden befestigt. Während eines Anfalls kann die Zunge allerdings zwischen die Zähne geraten und leicht verletzt werden – das ist aber harmlos und heilt schnell. Gegenstände in den Mund zu schieben richtet weit größeren Schaden an.
Wann muss ich bei einem Anfall den Notarzt rufen?
Notruf 112 bei: Anfallsdauer über 5 Minuten, erstem bekannten Anfall, Verletzungen während des Anfalls, fehlender Atmung nach dem Anfall, Anfall im Wasser, wiederholten Anfällen ohne Aufwachen dazwischen (Anfallsserie) oder wenn Sie unsicher sind.
Was ist ein Status epilepticus?
Ein Status epilepticus liegt vor, wenn ein epileptischer Anfall länger als 5 Minuten dauert oder wenn mehrere Anfälle ohne vollständige Erholung aufeinander folgen. Es handelt sich um einen lebensbedrohlichen Notfall, der sofortige medizinische Behandlung erfordert (intravenöse Benzodiazepine).
Wie führe ich einen Anfallskalender?
Notieren Sie bei jedem Anfall: Datum, Uhrzeit, Dauer in Minuten, Anfallstyp (Zuckungen, Versteifung, Bewusstlosigkeit, Absencen), mögliche Auslöser (Schlafmangel, Stress, vergessene Medikamente), Verhalten nach dem Anfall und ob der Betroffene verletzt wurde. Viele Neurologen bieten Vordrucke oder Apps an.
Dürfen Antiepileptika abgesetzt werden, wenn lange kein Anfall mehr aufgetreten ist?
Nur in Absprache mit dem behandelnden Neurologen und unter langsamer, schrittweiser Reduktion. Selbst nach jahrelanger Anfallsfreiheit besteht ein Rezidivrisiko von 25–40 %. Abruptes Absetzen kann sogar einen Status epilepticus auslösen. Eigenmnächtiges Absetzen ist immer kontraindiziert.
Quellen und weiterführende Literatur
- DGN/DGfE – S2k-Leitlinie Erster epileptischer Anfall und Epilepsien: dgn.org
- AWMF – Leitlinienregister Neurologie: register.awmf.org
- RKI – Epidemiologie neurologischer Erkrankungen: rki.de
- Gesetze im Internet – SGB V § 37 Häusliche Krankenpflege: gesetze-im-internet.de
Selbsttest: Epilepsie-Notfallmanagement
Antwort aufdecken
Richtig: C) Ab einer Anfallsdauer von 5 Minuten spricht man von einem Status epilepticus – einem lebensbedrohlichen Notfall. Sofort 112 rufen! Bei einem bekannten Epilepsie-Patienten, dessen Anfall innerhalb von 1–3 Minuten endet, ist ein Notruf in der Regel nicht erforderlich.
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