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Ernährungstherapie

Enterale und Parenterale Ernährung – Sondennahrung und intravenöse Ernährung in der Pflege

Wenn orale Nahrungsaufnahme nicht mehr ausreicht, sichern enterale und parenterale Ernährung die Versorgung. Pflegefachkräfte spielen eine Schlüsselrolle bei Durchführung, Überwachung und Komplikationsmanagement.

Enteral
über den Magen-Darm-Trakt
Parenteral
unter Umgehung des GI-Trakts
PEG
Häufigster Sondenzugang

Grundlagen: Enteral vs. Parenteral

Die künstliche Ernährung wird eingesetzt, wenn die orale Nahrungsaufnahme nicht oder nicht ausreichend möglich ist. Man unterscheidet zwei grundsätzliche Wege:

Enterale Ernährung (EE)

  • Nahrungszufuhr über den Magen-Darm-Trakt
  • Über Sonden (nasogastral, PEG, PEJ, jejunal)
  • Physiologischer als parenteral
  • Darmzottenfunktion bleibt erhalten
  • Immer bevorzugen, wenn GI-Trakt funktionsfähig

Parenterale Ernährung (PE)

  • Nahrungszufuhr unter Umgehung des GI-Trakts
  • Über ZVK, Port oder periphere Vene
  • Bei Darmversagen oder schwerer Malabsorption
  • Höheres Komplikationsrisiko (Infektionen, Stoffwechsel)
  • Nur wenn enterale Ernährung nicht möglich

Merke: „If the gut works, use it!“ – Enterale Ernährung ist immer zu bevorzugen, wenn der Magen-Darm-Trakt funktionsfähig ist. Sie erhält die Darmbarriere, reduziert das Infektionsrisiko und ist kostengünstiger.

Sondenarten für enterale Ernährung

Sondentyp Zugangsweg Verweildauer Indikation
Nasogastrale Sonde (NGS) Nase → Ösophagus → Magen Kurzfristig (bis ca. 4–6 Wochen) Akute Schluckstörung, post-OP, Intensivstation
Nasojejunale Sonde (NJS) Nase → Ösophagus → Jejunum Kurzfristig (bis ca. 4–6 Wochen) Aspirationsrisiko, Pankreatitis, Magenentleerungsstörung
PEG (perkutane endosk. Gastrostomie) Bauchdecke → Magen (endoskopisch angelegt) Langfristig (Monate bis Jahre) Neurologische Schluckstörung, Demenz, Tumore im HNO-Bereich
PEJ (perkutane endosk. Jejunostomie) Bauchdecke → Jejunum Langfristig Hohes Aspirationsrisiko, Magenresekion, Pankreaserkrankungen
Button/Mic-Key Wie PEG, aber flach auf Hautniveau Langfristig Kosmetisch bevorzugt, bei Kindern und mobilen Patienten

PEG-Sondenpflege – Schritt für Schritt

Die PEG ist der häufigste Zugang für langfristige enterale Ernährung. Korrekte Pflege beugt Infektionen, Buried-Bumper-Syndrom und Verstopfung der Sonde vor.

1
Eintrittstelle inspizieren

Täglich die PEG-Eintrittstelle auf Rötung, Schwellung, Sekretion, Druckstellen und Granulationsgewebe kontrollieren.

2
Eintrittstelle reinigen

Mit steriler NaCl 0,9 % oder lauwarmem Wasser und Kompressen die Eintrittstelle von innen nach außen reinigen. Keine aggressiven Desinfektionsmittel.

3
Halteplatte prüfen

Die äußere Halteplatte darf nicht zu fest auf der Haut aufliegen (Drucknekrose-Gefahr). Ca. 5–10 mm Spielraum lassen.

4
Sonde mobilisieren

Täglich die PEG-Sonde um 360° drehen und ca. 1–2 cm verschieben, um ein Festwachsen der inneren Halteplatte (Buried-Bumper-Syndrom) zu verhindern.

5
Spülen

Vor und nach jeder Nahrungsgabe und Medikamentengabe die Sonde mit 20–50 ml lauwarmem Wasser spülen. Verstopfungen vorbeugen.

Achtung Buried-Bumper-Syndrom: Wenn die Sonde nicht mehr frei drehbar ist, Schmerzen an der Eintrittstelle auftreten oder die Sonde sich nicht mehr verschieben lässt → sofort Arzt informieren! Nie mit Gewalt schieben oder ziehen.

Applikationsformen der Sondenkost

🔁

Kontinuierliche Gabe (Pumpe)

Gleichmäßige Zufuhr über 16–24 Stunden via Ernährungspumpe. Beste Verträglichkeit, besonders bei jejunaler Sonde oder bei Patienten mit Diarrhö-Neigung. Förderrate langsam steigern.

Intermittierende Gabe

Mehrere Portionen über den Tag verteilt (z. B. 4–6× täglich, je 200–300 ml über 30–60 Min.). Nachahmt natürlichen Essrhythmus. Bei gastraler Sondenlage bevorzugt.

💧

Bolusgabe

Einzelne größere Portionen (100–300 ml) via Spritze über 15–30 Min. Nur bei gastraler Lage. Kontraindiziert bei jejunaler Sonde (Dumping-Syndrom-Risiko).

🌙

Nächtliche Gabe

Gabe über Nacht (8–12 Stunden), tagsüber orale Kost. Geeignet für Patienten mit eingeschränkter oraler Aufnahme, die tagsüber mobil sein möchten.

Komplikationen der enteralen Ernährung

Komplikation Ursache Pflegerische Maßnahme
Aspiration Rückfluss von Sondenkost in die Lunge, flache Lagerung Oberkörperhochlagerung 30–45°, Magenrest prüfen, Förderrate anpassen
Diarrhö Zu schnelle Förderrate, kühle Nahrung, kontaminierte Systeme, Antibiotika Geschwindigkeit reduzieren, Nahrung auf Körpertemperatur, Hygiene, Stuhlprotokoll
Obstipation Zu geringe Flüssigkeitszufuhr, ballaststoffarme Sondenkost, Immobilität Flüssigkeitszufuhr erhöhen, ballaststoffhaltige Sondenkost, Mobilisation
Sondenverstopfung Unzureichendes Spülen, zementierende Medikamente Regelmäßig spülen, Medikamente separat geben, keine Tabletten mörsern die nicht geeignet sind
Lokale Infektion (PEG) Mangelnde Stomapflege, feucht-warmes Milieu Tägliche Inspektion und Reinigung, Halteplatte lockern, Arzt bei Eiteraustritt
Refeeding-Syndrom Zu schneller Nahrungsaufbau bei langzeitiger Mangelernährung Langsam beginnen, Elektrolyte überwachen (Phosphat, Kalium, Magnesium)

Refeeding-Syndrom – Lebensgefahr! Bei Patienten mit langer Nahrungskarenz (> 5–7 Tage) die Nahrungszufuhr besonders langsam steigern. Phosphat-Abfall ist der früheste Marker. Auf Herzrhythmusstörungen, Ödeme und neurologische Symptome achten.

Parenterale Ernährung (PE) – Überblick

Die parenterale Ernährung wird eingesetzt, wenn der Magen-Darm-Trakt nicht (ausreichend) funktioniert. Die Nährlösungen werden intravenös über zentrale oder periphere Zugänge verabreicht.

Totale Parenterale Ernährung (TPE)

  • Gesamte Nährstoffzufuhr intravenös
  • Über ZVK oder Port (hochosmolar)
  • Alle Makro- und Mikronährstoffe enthalten
  • Drei-Kammer-Beutel: Glucose, Fette, Aminosäuren
  • Vitamine und Spurenelemente separat zusetzen

Partielle Parenterale Ernährung (PPE)

  • Ergänzende intravenöse Ernährung
  • Kombination mit enteraler oder oraler Kost
  • Über peripheren Zugang möglich (niedrigere Osmonalität)
  • Als Übergang bei Nahrungsaufbau
  • Peripher max. 800–900 mosmol/l

Pflegerische Aspekte der parenteralen Ernährung

🩸

Strenge Hygiene

Aseptisches Arbeiten beim Anschließen, Systemwechsel alle 24 Stunden, Drei-Wege-Hahn desinfizieren, Handschuhe und Händedesinfektion.

📈

Labormonitoring

Blutzucker (initial 4-stündlich), Elektrolyte, Leber-/Nierenwerte, Triglyceride, Phosphat. Engmaschig in der Aufbauphase, später wöchentlich.

📋

Bilanzierung

Ein-/Ausfuhr dokumentieren, Körpergewicht täglich (stabile Phase: wöchentlich), auf Ödeme und Dehydratationszeichen achten.

⚠️

Komplikationen erkennen

Katheterinfektionen (Fieber, Rötung, Schmerz), Hyperglykämie, Fettleber (Langzeit), Thrombose, Luftembolie bei Diskonnektion.

Achtung: Bei parenteraler Ernährung über periphere Venen auf Phlebitis achten – Rötung, Schwellung und Schmerz entlang der Vene sind frühe Zeichen. Zugang wechseln und Arzt informieren.

Medikamentengabe über die Sonde

Die Verabreichung von Medikamenten über enterale Sonden erfordert besondere Sorgfalt, da nicht jedes Medikament sondengeeignet ist.

  • Flüssig vor fest: Flüssige Darreichungsformen (Tropfen, Säfte, Lösungen) bevorzugen
  • Nicht mörsern: Retard-Tabletten, magensaftresistente Kapseln und Weichgelatinekapseln dürfen NICHT gemörsert werden
  • Einzeln geben: Jedes Medikament separat verabreichen, dazwischen mit 10–20 ml Wasser spülen
  • Nicht mischen: Medikamente nie direkt in die Sondenkost mischen – Wechselwirkungen und Verstopfungsgefahr
  • Sondenkost pausieren: Bei bestimmten Medikamenten (z. B. Phenytoin, L-Thyroxin) 30–60 Minuten vor und nach Gabe die Sondenkost stoppen

Tipp: Vor der Medikamentengabe über die Sonde immer in der Apotheke oder anhand der Fachinformation prüfen, ob das Medikament sondengeeignet ist. Viele Kliniken und Pflegedienste führen Sondenkost-Kompatibilitätslisten.

Ethische Aspekte – Wann ist künstliche Ernährung sinnvoll?

Künstliche Ernährung, insbesondere die PEG-Anlage, wirft ethische Fragen auf – besonders bei fortgeschrittener Demenz oder in der Palliativversorgung.

Pro – künstliche Ernährung sinnvoll

  • Heilbare Grunderkrankung mit temporärer Schluckstörung
  • Neurologische Erkrankung mit Schluckstörung bei erhaltener Lebensqualität
  • Ausdrücklicher Patientenwille (z. B. in Patientenverfügung)
  • Überbrückung akuter Krisen

Kritisch hinterfragen

  • Fortgeschrittene Demenz ohne Aussicht auf Besserung
  • Sterbephase – künstliche Ernährung verlängert nicht zwingend das Leben
  • Kein Patientenwille bekannt und keine Vorsorgevollmacht
  • PEG als „Zeitersparnis“ statt Ernährungsassistenz

Hinweis: Die Entscheidung über künstliche Ernährung sollte immer interdisziplinär (Arzt, Pflege, Angehörige, ggf. Ethikkomitee) und im Sinne des Patientenwillens getroffen werden. Eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht schafft vorab Klarheit.

Häufige Fragen

Kann man mit einer PEG-Sonde noch normal essen?

Ja, grundsätzlich schließt sich orale Nahrungsaufnahme und PEG-Ernährung nicht aus. Viele Patienten nutzen die PEG als ergänzende Versorgung und essen zusätzlich kleine Mengen oral – vorausgesetzt, die Schluckfähigkeit wird logópädisch geprüft und freigegeben.

Wie lange hält eine PEG-Sonde?

Eine PEG-Sonde kann mehrere Jahre liegen bleiben. Ein Wechsel wird empfohlen, wenn die Sonde beschädigt ist, sich verfärbt, verstopft ist oder wenn ein Buried-Bumper-Syndrom auftritt. Ein prophylaktischer Routinewechsel ist nach aktuellen Leitlinien nicht notwendig.

Was ist der Unterschied zwischen PEG und PEJ?

Die PEG endet im Magen, die PEJ im Jejunum (Dünndarm). Die PEJ wird gewählt, wenn ein hohes Aspirationsrisiko besteht oder der Magen nicht genutzt werden kann (z. B. nach Magenresektion). Bei PEJ ist nur kontinuierliche Gabe via Pumpe möglich – Bolusgabe ist kontraindiziert.

Wer darf eine PEG-Sonde spülen und Nahrung verabreichen?

Die Verabreichung von Sondenkost und das Spülen der Sonde gehören zur Behandlungspflege und können nach Einweisung von examinierten Pflegefachkräften und – je nach Landesregelung – auch von geschulten Angehörigen durchgeführt werden. Medikamentengabe über die Sonde erfordert ärztliche Anordnung.

Selbsttest
Die PEG-Sonde eines Bewohners lässt sich plötzlich nicht mehr um die eigene Achse drehen. Was vermuten Sie?
A) Die Sonde ist verstopft – mit Wasser spülen
B) Die Sonde ist zu kurz – neue bestellen
C) Verdacht auf Buried-Bumper-Syndrom – Arzt informieren
D) Normal nach langer Liegedauer – weiter beobachten
Richtig: C) – Wenn die PEG-Sonde nicht mehr frei drehbar ist, besteht der Verdacht auf ein Buried-Bumper-Syndrom. Dabei ist die innere Halteplatte in die Magenschleimhaut eingewachsen. Sofort den Arzt informieren – NIE mit Gewalt drehen oder ziehen.

Quellen & weiterführende Informationen

  • DGEM (Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin): S3-Leitlinie Klinische Ernährung
  • DNQP: Expertenstandard Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen Ernährung in der Pflege
  • ESPEN Guidelines: Clinical Nutrition in Geriatrics
  • DocCheck Flexikon: Perkutane endoskopische Gastrostomie, Parenterale Ernährung
Tim Reinhold – Gründer und Hauptdozent von Weiterbildungen Reinhold
Tim Reinhold Gründer & Hauptdozent

Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Praxisanleiter und Pflegedienstleitung. Gründer von Weiterbildungen Reinhold (Hattingen) seit 2020. Über 1.500 Unterrichtseinheiten Fachqualifizierung in Behandlungspflege, Palliativ Care und Beatmungspflege. Mehr zur Person ›

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