Prophylaxe

Dekubitusprophylaxe – Maßnahmen im Überblick

Druckgeschädigungen sind vermeidbar. Evidenzbasierte Maßnahmen nach DNQP-Expertenstandard 2017.

DNQP 2017
Expertenstandard Dekubitusprophylaxe
Grad I–IV
EPUAP-Klassifikation
95 %
aller Dekubitus sind vermeidbar

Was ist Dekubitusprophylaxe?

Dekubitusprophylaxe umfasst alle pflegerischen Maßnahmen, die verhindern, dass ein Dekubitus (Druckgeschwür) entsteht. Grundlage ist der DNQP-Expertenstandard „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ (2. Aktualisierung 2017).

Ein Dekubitus entsteht durch anhaltenden Druck auf die Haut – meist an Knochenvorsprüngen (Sakrum, Fersen, Trochanter, Hinterhaupt). Risikofaktoren sind Immobilität, Mangelernährung, Inkontinenz, reduziertes Schmerzempfinden und schlechter Ernährungszustand.

💡 Hinweis: Der DNQP empfiehlt seit 2017 keine standardisierten Risikoskalen (Braden, Norton, Waterlow) als primäres Assessment-Instrument. Das klinische Assessment durch die Pflegefachkraft hat Vorrang.

Warum ist Prävention so entscheidend?

Ein Dekubitus bedeutet Leiden für den Betroffenen und massive Kosten für das Gesundheitssystem:

  • Schmerz und Lebensqualität – Grad III/IV-Dekubitus verursacht chronische Schmerzen und Immobilität
  • Infektionsgefahr – Offene Wunden sind Eintrittspforten für MRSA, Sepsis
  • Lange Heilungsdauer – Grad IV kann Monate bis Jahre dauern; oft lebenslange Rückfälle
  • Qualitätsindikator – Die QPR prüft Dekubitusentstehung als Qualitätsmerkmal der Einrichtung
  • Haftungsrisiko – Ein vermeidbarer Dekubitus kann als Pflegefehler gewertet werden

⚠️ Wichtig: Ein Dekubitus Grad IV reicht bis auf den Knochen. Die Behandlungskosten übersteigen die Prophylaxekosten um ein Vielfaches. Prävention ist immer billiger als Therapie.

Praxis: Dekubitusrisiko erkennen und handeln

Praxisbeispiel

Frau R., 88 Jahre, Pflegegrad 4, bettlägerig seit Hüft-OP, BMI 17,8, Harninkontinenz. Bei der Hautinspektion stellt Pflegekraft Herr D. eine nicht-wegdrückbare Rötung am Sakrum fest – Dekubitus Grad I. Er passt sofort den Lagerungsplan an: 2-Stunden-Intervall mit 30°-Seitenlage, Fersen freilagern, Wechseldruckmatratze anfordern, Ernährungsberatung einleiten (Proteinzufuhr erhöhen), Inkontinenzversorgung optimieren. Nach 5 Tagen ist die Rötung abgeheilt.

➔ Fazit: Früherkennung (Fingertest!) + sofortige Mehrfach-Intervention = Dekubitus gestoppt.

Die 6 Säulen der Dekubitusprophylaxe

🔄

1. Bewegungsförderung & Lagerung

Regelmäßige Umlagerung (alle 2 Std.), 30°-Seitenlage, Mikrolagerung nachts, Mobilisation so früh wie möglich. Fersenfreilagerung nicht vergessen!

👁️

2. Hautinspektion

Tägliche Kontrolle der gefährdeten Stellen (Sakrum, Fersen, Trochanter, Hinterhaupt, Ohren). Fingertest bei Rötung: Drückbar = ok, nicht drückbar = Grad I.

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3. Ernährung & Flüssigkeit

Ausreichend Protein (mind. 1,0–1,5 g/kg KG/Tag), Kalorien, Zink, Vitamin C. Dehydration verschlechtert die Hautelastizität – mind. 1,5 l/Tag trinken.

💧

4. Hautpflege & Inkontinenz

Haut trocken halten (Inkontinenzversorgung), pH-neutrale Waschlotion, keine Alkohol-haltigen Lösungen. Hautschutzprodukte (Barriercremes) bei Inkontinenz.

🛌

5. Druckverteilende Hilfsmittel

Wechseldruckmatratze, viskoelastische Auflagen, Gel-Sitzkissen. Verordnungsfähig nach § 33 SGB V. Ersetzen NICHT die Lagerung – sie ergänzen sie.

📋

6. Dokumentation & Evaluation

Risikoeinschätzung, Lagerungsprotokoll, Hautzustand, Maßnahmenplan. Evaluation: Wirken die Maßnahmen? Muss das Intervall angepasst werden?

Dekubitus-Grade nach EPUAP

Grad Beschreibung Erkennungsmerkmal Reversibilität
Grad I Nicht-wegdrückbare Rötung bei intakter Haut Fingertest: Rötung bleibt nach Drücken bestehen Vollständig reversibel bei sofortiger Druckentlastung
Grad II Teilverlust der Haut (Blase, flache Wunde) Offene, flache Wunde mit rotem/roséfarbenem Wundbett Reversibel bei konsequenter Prophylaxe
Grad III Vollständiger Hautverlust (Subkutis sichtbar) Tiefe Wunde, ggf. Taschenbildung; Knochen NICHT sichtbar Langwierige Heilung, Narbenbildung
Grad IV Vollständiger Gewebeverlust (Knochen/Sehne sichtbar) Tiefe Wunde bis auf Knochen, Muskeln oder Sehnen Monate bis Jahre; oft chirurgisch; Rezidivgefahr

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Tägliche Hautinspektion – gefährdete Stellen kontrollieren, Fingertest bei Rötung
  • 30°-Seitenlage + Fersen frei – Goldstandard der Druckentlastung
  • Max. 2 Stunden ohne Lagerungswechsel – individuell kürzer bei hohem Risiko
  • Ernährung sichern – Protein, Kalorien, Flüssigkeit; Mangelernährung = Risikofaktor
  • Inkontinenz managen – feuchte Haut erhöht Dekubitusrisiko um 50 %
  • Hilfsmittel nutzen – Wechseldruckmatratze, Gel-Kissen, Fersenschoner
  • Dokumentieren – Lagerungsprotokoll, Hautzustand, Maßnahmenplan

Wenn Sie sich nur einen Gedanken merken:

Merksatz: Dekubitusprophylaxe hat keine einzelne Wundermaßnahme – sie wirkt als Bündel: Lagerung + Hautpflege + Ernährung + Hilfsmittel + Dokumentation. Fehlt ein Baustein, bricht das System.

Häufig gestellte Fragen zur Dekubitusprophylaxe

Ist die Braden-Skala noch Pflicht?

Nein. Der DNQP (2017) empfiehlt keine standardisierten Risikoskalen als alleiniges Assessment-Instrument. Das klinische Assessment durch die Pflegefachkraft hat Vorrang. Die Braden-Skala darf ergänzend verwendet werden, ist aber nicht ausreichend als alleinige Risikoeinschätzung.

Wie funktioniert der Fingertest?

Mit dem Finger auf die gerötete Hautstelle drücken und loslassen. Wird die Rötung weiss und kehrt zurück = physiologische Reaktion (kein Dekubitus). Bleibt die Rötung bestehen (nicht wegdrückbar) = Dekubitus Grad I – sofortige Druckentlastung nötig.

Ersetzt eine Wechseldruckmatratze die Lagerung?

Nein! Wechseldruckmatratzen reduzieren den Auflagedruck, ersetzen aber nie die regelmäßige Lagerung. Das Intervall kann ggf. verlängert werden – aber nie vollständig entfallen. Verordnungsfähig als Hilfsmittel nach § 33 SGB V.

Welche Stellen sind am häufigsten betroffen?

Die häufigsten Lokalisationen: Sakrum (Rückenlage), Fersen (Rückenlage), Trochanter (Seitenlage), Hinterhaupt (Säuglinge, bewusstlose Patienten), Ohren (Seitenlage), Sitzbeinhöcker (Rollstuhlfahrer).

Was zählt als Pflegefehler bei Dekubitus?

Ein Dekubitus ist dann ein Pflegefehler, wenn die Risikoeinschätzung fehlte, keine Prophylaxe dokumentiert wurde oder bei erkanntem Risiko keine Maßnahmen eingeleitet wurden. Die QPR prüft dies als Qualitätsindikator. Korrekte Dokumentation schützt vor Haftungsansprüchen.

Testen Sie Ihr Wissen

Wissenscheck
Was zeigt der Fingertest bei Dekubitus Grad I?
A) Rötung verschwindet beim Drücken und kehrt zurück
B) Rötung bleibt bestehen (nicht wegdrückbar)
C) Es bildet sich eine Blase
D) Die Haut wird weiß und bleibt weiß
Auflösung anzeigen

Richtige Antwort: B) Rötung bleibt bestehen (nicht wegdrückbar)

Eine nicht-wegdrückbare Rötung bei intakter Haut ist das Leitsymptom von Dekubitus Grad I nach EPUAP. Sofortige Druckentlastung ist erforderlich – in diesem Stadium ist der Dekubitus vollständig reversibel.

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Tim Reinhold Dozent für Pflegeweiterbildung · Fachautor im Wissenszentrum Pflege

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