Blutzucker messen – Anleitung für Pflegekräfte
Kapilläre Blutglukose-Messung Schritt für Schritt: Technik, Normwerte, Fehlerquellen und Dokumentation.
Was ist kapilläre Blutzuckermessung?
Bei der kapillären Blutzuckermessung wird ein kleiner Bluttropfen aus der Fingerbeere gewonnen und mit einem Messgerät analysiert. Das Ergebnis zeigt die aktuelle Glukosekonzentration im Blut (in mg/dl oder mmol/l) und ist Grundlage für die Insulindosierung und Therapieanpassung.
Die Messung gehört zur Behandlungspflege Leistungsgruppe 1 (§ 132a SGB V) und darf von geschulten Pflegekräften – auch Pflegehelfern mit ärztlicher Delegation – durchgeführt werden. Die Häufigkeit wird ärztlich verordnet (z. B. 3×/Tag, nüchtern, präprandial).
💡 Normwerte (kapillär): Nüchtern 70–100 mg/dl · 2 h postprandial < 140 mg/dl · HbA1c-Ziel individuell (i. d. R. < 7,0 % bei Typ-2-Diabetes).
Typische Fehlerquellen bei der Blutzuckermessung
- Verunreinigte Finger – Zuckerrückstände (Obst, Saft) verfälschen den Wert nach oben
- Erster Tropfen nicht verworfen – kann Gewebsflüssigkeit enthalten (falsch-niedrig)
- Zu starkes Quetschen – vermischt Blut mit Lymphe → Wert verfälscht
- Abgelaufene Teststreifen – Enzymreaktion unzuverlässig → falscher Wert
- Falsche Codierung – Messgerät nicht zum Teststreifen passend kalibriert
- Kalte Finger – schlecht durchblutete Kapillaren → zu wenig Blut → Fehlmessung
⚠️ Wichtig: Hände müssen gewaschen und getrocknet sein. Desinfektionsmittel-Rückstände können den Wert verfälschen. Desinfizieren ist möglich, aber vollständig trocknen lassen!
Praxis: Blutzuckermessung bei Typ-2-Diabetes
Herr D., 72 Jahre, Pflegegrad 2, Diabetes mellitus Typ 2 mit Insulin (Basal + Korrekturschema). Pflegekraft Frau K. misst morgens vor dem Frühstück: Hände waschen, seitliche Fingerbeere (Mittelfinger links), Stechhilfe Stufe 2, ersten Tropfen verwerfen, zweiten Tropfen auf den Teststreifen. Gerät zeigt 158 mg/dl – laut Korrekturschema 2 IE zusätzlich zum Basal-Insulin. Wert und Maßnahme werden dokumentiert.
➔ Fazit: Hygiene → seitlich stechen → ersten Tropfen verwerfen → messen → dokumentieren → ggf. Insulin anpassen.
Blutzucker messen – 6 Schritte
Patient und Pflegekraft waschen sich die Hände mit Seife und trocknen sie gut ab. Messgerät, Teststreifen (Haltbarkeit prüfen), Stechhilfe mit frischer Lanzette, Tupfer und Handschuhe bereitlegen.
Teststreifen in das Messgerät einführen. Prüfen, ob die Codierung stimmt (moderne Geräte codieren automatisch). Gerät zeigt Bereitschaft an.
Stechhilfe an die seitliche Fingerbeere ansetzen (nicht die Fingerkuppe – weniger schmerzhaft, besser durchblutet). Bevorzugt Ring- oder Mittelfinger. Daumen und Zeigefinger meiden (Greiffunktion!).
Ersten Bluttropfen mit einem Tupfer abwischen. Er kann Gewebsflüssigkeit enthalten und den Wert verfälschen. Den zweiten Tropfen durch sanftes Massieren des Fingers gewinnen – nicht quetschen.
Bluttropfen seitlich an den Teststreifen halten – er wird automatisch eingesaugt (Kapillarkraft). Ausreichend Blut: Gerät bestätigt mit Signal. Messdauer: ca. 5 Sekunden.
Messwert notieren (mg/dl oder mmol/l), Uhrzeit, Messzeitpunkt (nüchtern/präprandial/postprandial). Bei Abweichung: ärztliches Schema prüfen, ggf. Insulindosis anpassen. Lanzette entsorgen (Abwurfbehälter!).
Blutzucker-Normwerte & Grenzwerte
| Messzeitpunkt | Normwert | Verdacht Diabetes | Soforthandlung |
|---|---|---|---|
| Nüchtern | 70–100 mg/dl | ≥ 126 mg/dl | – |
| 2 h postprandial | < 140 mg/dl | ≥ 200 mg/dl | – |
| Hypoglykämie | – | – | < 70 mg/dl → Traubenzucker, Arzt informieren |
| Schwere Hypoglykämie | – | – | < 54 mg/dl → Notfall! Sofort Arzt/112 |
| Schwere Hyperglykämie | – | – | > 300 mg/dl → Arzt informieren; >600 = Notfall! |
⚠️ Hypoglykämie < 70 mg/dl: Sofort schnell wirkende Kohlenhydrate geben (Traubenzucker, Saft). Bei Bewusstlosigkeit: Nichts oral geben! Stabile Seitenlage, Notruf.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Hände waschen und trocknen – Verunreinigungen verfälschen den Messwert
- Seitlich in die Fingerbeere stechen – weniger schmerzhaft, mehr Blut
- Ersten Tropfen verwerfen – Gewebsflüssigkeit kann Wert verfälschen
- Nicht quetschen – Lymphe vermischt sich mit Blut
- Teststreifen-Haltbarkeit prüfen – abgelaufene Streifen liefern falsche Ergebnisse
- Hypo < 70 = sofort handeln – Traubenzucker; bei Bewusstlosigkeit Notruf
- Dokumentation – Wert, Uhrzeit, Messzeitpunkt, ggf. Insulindosis
Wenn Sie sich nur einen Gedanken merken:
Merksatz: Saubere, trockene Hände → seitlich stechen → ersten Tropfen verwerfen → niemals quetschen. Jeder Fehler in der Technik kann den Wert verfälschen – und damit die Insulindosis.
Häufig gestellte Fragen zur Blutzuckermessung
Warum nicht in die Fingerkuppe stechen?
Die Fingerkuppe ist schmerzempfindlicher und wird zum Greifen benötigt. Die seitliche Fingerbeere ist besser durchblutet, weniger schmerzempfindlich und liefert einen ausreichend großen Bluttropfen.
Darf man mit Desinfektionsmittel statt Händewaschen arbeiten?
Ja, allerdings muss das Desinfektionsmittel vollständig verdampft sein. Alkoholrückstände können den Messwert verfälschen. Händewaschen mit Seife und gründliches Abtrocknen ist die sicherere Methode.
Wie oft muss der Blutzucker gemessen werden?
Das bestimmt der Arzt je nach Therapieschema: Bei Basal-Insulin oft 1–2×/Tag, bei intensivierter Insulintherapie (ICT) 4–7×/Tag, bei oraler Therapie ggf. seltener. Die Verordnung ist verbindlich.
Was bedeuten mg/dl und mmol/l?
Beides sind Maßeinheiten für die Blutzuckerkonzentration. In Deutschland ist mg/dl gängiger. Umrechnung: mg/dl ÷ 18,02 = mmol/l. Beispiel: 100 mg/dl ≈ 5,6 mmol/l. Am Gerät die richtige Einheit einstellen!
Wann muss sofort der Arzt informiert werden?
Bei Hypoglykämie < 54 mg/dl mit Symptomen (Bewusstseinsstörung, Schwitzen, Zittern), bei Hyperglykämie > 300 mg/dl (Ketoazidose-Gefahr) und bei wiederholten Werten außerhalb des Zielbereichs trotz korrekter Insulingabe.
Testen Sie Ihr Wissen
Auflösung anzeigen
Richtige Antwort: B) Er enthält möglicherweise Gewebsflüssigkeit
Der erste Tropfen kann mit Zellflüssigkeit (Lymphe) vermischt sein, was zu einem falsch-niedrigen Messergebnis führen kann. Der zweite Tropfen liefert einen zuverlässigeren kapillären Blutzuckerwert.
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