Augenpflege in der Pflege – Beobachtung, Reinigung und Komplikationen
Professionelle Augenpflege schützt vor Infektionen, erhält die Sehfähigkeit und steigert das Wohlbefinden pflegebedürftiger Menschen.
Bedeutung der Augenpflege
Die Augen gehören zu den empfindlichsten Organen des Körpers. Bei pflegebedürftigen Menschen – insbesondere bei Bewusstlosen, beatmeten Patienten und Menschen mit eingeschränktem Lidschluss – ist die natürliche Selbstreinigung durch den Tränenfilm gestört.
Ohne regelmäßige Augenpflege drohen Austrocknung der Hornhaut, Infektionen (Konjunktivitis), Verkrustungen und im schlimmsten Fall Hornhautschäden mit bleibendem Sehverlust.
Anatomische Grundlagen
Das Auge wird durch den Tränenfilm geschützt, der aus drei Schichten besteht: der äußeren Lipidschicht (verhindert Verdunstung), der wässrigen Schicht (spült Fremdkörper aus, enthält Lysozym als antibakteriellen Schutz) und der inneren Muzinschicht (haftet am Hornhautepithel). Ein regelmäßiger Lidschlag (ca. 10–15× pro Minute) verteilt den Tränenfilm gleichmäßig. Bei bewusstlosen oder sedierten Patienten fällt dieser Schutzmechanismus weg – deshalb ist die pflegerische Befeuchtung lebensnotwendig für die Unversehrtheit der Hornhaut.
Merksatz: Die Augenpflege ist eine grundpflegerische Maßnahme und gehört zur Körperpflege. Bei Augenerkrankungen oder Augentropfen-Applikation handelt es sich um Behandlungspflege.
Wann ist besondere Augenpflege nötig?
Bewusstlose / Sedierte
Fehlender Lidschlussreflex → Hornhaut trocknet aus. Augensalbe und feuchte Kompressen notwendig. Lagophthalmus-Prophylaxe!
Beatmete Patienten
PEEP-Beatmung kann Augeninnendruck erhöhen. Augenpflegeroutine alle 2–4 Stunden. Methylcellulose-Augentropfen nach Anordnung.
Immobile ältere Menschen
Verminderte Tränenproduktion im Alter (Sicca-Syndrom). Verklebte Augen morgens. Sekretansammlung durch liegende Position.
Nach Augenoperationen
Postoperative Pflege nach ärztlicher Anordnung. Tropfenregime, Verbandskontrollen, Druckvermeidung.
Durchführung der Augenpflege
Händedesinfektion. Material: sterile Kompressen oder fusselfreie Tupfer, lauwarmes Wasser oder sterile NaCl 0,9 %, Nierenschale, ggf. Augensalbe/-tropfen. Einmalhandschuhe.
Beide Augen vergleichend beurteilen: Rötung, Schwellung, Sekret (wässrig, eitrig, schleimig?), Verkrustungen, Pupillenreaktion, Lidschwellung, Tränenfluss.
Immer vom inneren Augenwinkel (nasal) zum äußeren Augenwinkel (temporal) wischen. Pro Wischbewegung einen neuen Tupfer verwenden! Verkrustungen mit feuchter Kompresse aufweichen (nicht trocken abreiben).
Bei trockenen Augen: Tränenersatzmittel oder Augensalbe gemäß ärztlicher Anordnung. Salbe in den unteren Bindehautsack einbringen. Auge kurz schließen lassen.
Augenzustand dokumentieren: Sekretart, Rötung, Schwellung, Pupillenreaktion, Maßnahmen. Veränderungen dem Arzt melden.
CAVE – Wischrichtung: IMMER vom inneren zum äußeren Augenwinkel! So wird Sekret vom Tränenkanal weg transportiert. Umgekehrte Richtung drückt Keime in den Tränenkanal und kann zu einer Dakryozystitis (Tränensackentzündung) führen.
Beobachtungskriterien am Auge
| Beobachtung | Mögliche Ursache | Maßnahme |
|---|---|---|
| Rötung der Bindehaut | Konjunktivitis, Allergie, Fremdkörper, trockenes Auge | Ärztliche Abklärung, ggf. Abstrich |
| Eitriges Sekret | Bakterielle Infektion | Arzt – Abstrich – antibiotische Augentropfen |
| Gelblich verfärbte Skleren (Ikterus) | Lebererkrankung, Gallenabflussstörung | Sofort ärztliche Abklärung |
| Ungleiche Pupillen (Anisokorie) | Neurologischer Notfall (Hirndruck, Apoplex) | Sofort Notarzt! |
| Eingesunkene Augen / stehende Hautfalte | Exsikkose / Dehydration | Flüssigkeitszufuhr, ärztliche Rücksprache |
| Lidschwellung einseitig | Gerstenkorn (Hordeolum), Allergie, Insektenstich | Ärztliche Abklärung |
Spezielle Situationen
Lagophthalmus-Prophylaxe
Bei Patienten mit unvollständigem Lidschluss (Fazialisparese, Koma):
- Augensalbe (Dexpanthenol) alle 2–4 Stunden
- Nachts: Uhrglasverband oder feuchte Kammer
- Auge mit sterilen Kompressen abdecken
- Hornhaut darf NICHT austrocknen!
Augentropfen verabreichen
Anordnung durch den Arzt (Behandlungspflege):
- Patient schaut nach oben
- Unterlid sanft herunterziehen (Bindehautsack)
- Tropfen in den Bindehautsack – nicht auf die Hornhaut!
- Flasche nicht am Auge oder Lid berühren
- Bei mehreren Präparaten: 5 Min. Abstand
- Anbruchdatum notieren (Haltbarkeit!)
Augentropfen-Haltbarkeit: Nach Anbruch sind die meisten Augentropfen nur 4–6 Wochen haltbar (Einzeldosen-Ophtiolen meist 24 h). Anbruchdatum auf der Flasche notieren! Abgelaufene Tropfen sind Infektionsquellen.
Augenprothesenpflege
Bei Patienten mit Glasauge (Augenprothese) gehört die Prothesenpflege zur Grundpflege:
- Prothese täglich entnehmen und mit lauwarmem Wasser reinigen (keine aggressiven Reinigungsmittel)
- Prothesenhöhle sanft mit feuchtem Tupfer auswischen
- Prothese nach Reinigung feucht einsetzen (NaCl 0,9 %)
- Auf Rötung, Sekret oder Druckstellen der Höhle achten
- Prothese nicht trocken aufbewahren – in Kochsalzlösung lagern
Tipp: Viele Patienten können ihre Prothese selbst einsetzen und herausnehmen. Die Selbstständigkeit fördern! Nur bei Bedarf unterstützen und die individuelle Routine des Patienten respektieren.
Kontaktlinsenpflege in der stationären Pflege
Beim Zugang neuer Bewohner oder Patienten unbedingt abfragen, ob Kontaktlinsen getragen werden. Vergessene Kontaktlinsen können zu schweren Hornhautschäden führen (Keratitis). Weiche Linsen bei bewusstlosen Patienten sofort nach Aufnahme entfernen (ggf. mit NaCl 0,9 % befeuchten, dann vorsichtig herausschieben). Linsen im beschrifteten Behälter mit Aufbewahrungslösung aufbewahren. Nach längerer Trageunterbrechung vor dem Wiedereinsetzen augenärztliche Freigabe einholen.
Augenpflege in der Sterbephase
In der Sterbephase verändert sich das Auge häufig: Der Lidschluss wird unvollständig, die Pupillen werden weit und lichtstarr, die Bindehaut wird trocken und matt. Auch wenn der Sterbende nicht mehr reagiert, sollte die Augenpflege fortgesetzt werden – sie ist ein Zeichen der Würde und des Respekts. Die Hornhaut wird mit Augensalbe (Dexpanthenol) feucht gehalten, die Lider werden vorsichtig geschlossen oder mit einer feuchten Kompresse bedeckt. Nach Eintritt des Todes werden die Augen sanft geschlossen und ggf. mit feuchten Wattepads für einige Minuten beschwert, damit sie geschlossen bleiben.
Häufige Fehler in der Augenpflege
- Wischrichtung verwechselt (von außen nach innen → Infektionsgefahr)
- Denselben Tupfer für beide Augen verwenden (Keimverschleppung!)
- Kamillentee oder Hausmittel verwenden (allergisierend, nicht steril)
- Augentropfen direkt auf die Hornhaut tropfen (Reflexbläschen, Reizung)
- Anbruchdatum von Augentropfen nicht notieren (Infektionsrisiko nach Verfall)
- Augenpflege bei Demenzpatienten unter Zwang durchführen statt geduldig anzuleiten
Häufige Fragen zur Augenpflege
Warum nicht von außen nach innen wischen?
Der Tränenkanal (Ductus nasolacrimalis) liegt am inneren Augenwinkel. Wischt man von außen nach innen, drückt man Keime und Sekret in den Tränenkanal. Das kann zu einer bakteriellen Entzündung des Tränensacks (Dakryozystitis) führen.
Darf man Leitungswasser für die Augenpflege verwenden?
Für die allgemeine Augenreinigung kann abgekochtes oder körperwarmes Leitungswasser verwendet werden. Bei Intensivpatienten, Infektionen oder nach Operationen: nur sterile NaCl 0,9 %. Kamillentee etc. sind kontraindiziert (Allergierisiko, Keime).
Wie häufig muss die Augenpflege durchgeführt werden?
Im Rahmen der täglichen Körperpflege (morgens). Bei bewusstlosen oder beatmeten Patienten: alle 2–4 Stunden inkl. Befeuchtung. Bei Infektionen: nach ärztlicher Vorgabe, ggf. häufiger.
Was tun bei stark verklebten Augen am Morgen?
Feuchte, lauwarme Kompresse auf das geschlossene Auge legen und einige Minuten einwirken lassen. Verkrustungen weichen auf und können dann sanft abgewischt werden. Niemals trocken abkratzen! Bei wiederkehrenden Verklebungen: Häufigkeit und Sekretart dokumentieren und ärztlich abklären lassen.
Was ist bei Augentropfen mit mehreren Präparaten zu beachten?
Zwischen verschiedenen Augentropfen sollte ein Abstand von mindestens 5 Minuten eingehalten werden, damit das erste Präparat resorbiert wird und nicht durch das zweite ausgespült wird. Salben werden immer zuletzt appliziert, da sie einen Film bilden und nachfolgende Tropfen an der Resorption hindern. Die Reihenfolge sollte mit dem Arzt oder Apotheker abgestimmt und dokumentiert werden.
Woran erkenne ich eine Konjunktivitis?
Typische Zeichen: Rötung der Bindehaut, vermehrter Tränenfluss, Fremdkörpergefühl, eitriges oder wässriges Sekret, verklebte Augenlider morgens. Bei bakterieller Konjunktivitis ist das Sekret meist gelblich-eitrig, bei viraler eher wässrig. Da die infektiöse Konjunktivitis hoch ansteckend ist, auf strikte Händehygiene achten und separate Tücher/Kompressen verwenden. Ärztliche Abklärung ist erforderlich.
Quellen & weiterführende Informationen
Examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Praxisanleiter und Pflegedienstleitung. Gründer von Weiterbildungen Reinhold (Hattingen) seit 2020. Über 1.500 Unterrichtseinheiten Fachqualifizierung in Behandlungspflege, Palliativ Care und Beatmungspflege. Mehr zur Person ›
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