Behandlungspflege

Absaugen – Anleitung für die Pflege

Endotracheales und orales Absaugen: Indikation, aseptische Technik, Komplikationen und Sicherheitsregeln in der häuslichen und stationären Pflege.

LG 2
Behandlungspflege § 132a SGB V
≤ 15 Sek.
Max. Absaugdauer pro Vorgang
Steril
Endotracheales Absaugen = aseptisch

Was ist Absaugen?

Absaugen (Sekretabsaugung) bezeichnet das Entfernen von Sekret aus den Atemwegen mithilfe eines Absauggerätes und eines Absaugkatheters. Es wird notwendig, wenn Patienten das Sekret nicht selbstständig abhusten können – z. B. bei Tracheostoma, Beatmung, Bewusstseinsstörung oder schwerer Dysphagie.

Man unterscheidet orales/nasales Absaugen (Mund-/Rachenraum) und endotracheales Absaugen (über Tracheostoma oder Tubus). Endotracheales Absaugen ist eine Behandlungspflege LG 2 und erfordert aseptisches Arbeiten.

⚠️ Endotracheales Absaugen = invasive Maßnahme! Es erfordert Schulung, aseptische Technik und ärztliche Verordnung. Unsachgemäßes Absaugen kann zu Schleimhautverletzungen, Bradykardie und Atemstillstand führen!

Häufige Fehler beim Absaugen

  • Zu lange Absaugdauer – > 15 Sekunden verursacht Hypoxie und Bradykardie; strikt unter 15 Sek. bleiben
  • Sog beim Einführen aktiv – Katheter muss ohne Sog eingeführt werden (Schleimhautschäden!)
  • Nicht-aseptische Technik – endotracheal: sterile Handschuhe, steriler Katheter, Non-Touch-Technik
  • Fehlende Präoxygenierung – vor dem Absaugen bei beatmeten Patienten: 100 % O₂ für 30–60 Sek.
  • Zu hoher Unterdruck – Erwachsene: max. −200 mbar; zu hoher Sog schädigt Trachealschleimhaut
  • Routinemäßiges Absaugen – nur nach Bedarf absaugen, nicht nach Zeitplan; unnötiges Absaugen reizt die Atemwege

Praxis: Absaugen bei Tracheostoma-Patientin

Praxisbeispiel

Frau C., 69 Jahre, Pflegegrad 4, Zustand nach Laryngektomie, permanentes Tracheostoma. Im häuslichen Umfeld versorgt durch ambulanten Pflegedienst. Morgens: zähes Sekret, Rasselgeräusche, SpO₂ 90 %. Pfleger Herr M. lagert Frau C. in Oberkörperhochlage, bereitet sterilen Katheter (Ch 12) und Absauggerät vor (−150 mbar). Aseptisches Absaugen: Katheter ohne Sog ca. 10 cm einführen, unter Drehbewegung zurückziehen, max. 10 Sek. SpO₂ steigt auf 95 %. Dokumentation: Menge, Farbe (gelblich-zäh), Zeitpunkt.

➔ Fazit: Aseptische Technik + richtige Sogstärke + kurze Dauer = komplikationsarmes Absaugen.

Absaugarten im Überblick

Art Zugang Indikation Hygiene LG
Orales Absaugen Mund-/Rachenraum Speichel, Erbrochenes, Dysphagie Saubere Einmalhandschuhe, Einmal-Absaugkatheter LG 1
Nasales Absaugen Nasopharynx Zähes Nasensekret, Säuglinge/Kinder Saubere Einmalhandschuhe LG 1
Endotracheales Absaugen (offen) Tracheostoma/Tubus Trachealsekret, Beatmungspatienten Sterile Handschuhe, steriler Katheter, Non-Touch LG 2
Endotracheales Absaugen (geschlossen) Geschlossenes System am Tubus Beatmete Patienten, Infektionsschutz Geschlossenes System, regelmäßiger Wechsel LG 2

Endotracheales Absaugen: Schritt für Schritt

1
Vorbereitung

Händedesinfektion. Material bereitlegen: steriler Absaugkatheter (Größe nach Kanüle, max. ½ des Innendurchmessers), sterile Handschuhe, Absauggerät, NaCl 0,9 %. Sog einstellen: Erwachsene −100 bis −200 mbar.

2
Präoxygenierung (bei Beatmung)

Beatmetes Patient: 30–60 Sek. mit 100 % O₂ beatmen. Spontanatmer: O₂-Gabe erhöhen, wenn verordnet.

3
Sterile Handschuhe anziehen

Dominante Hand = sterile Führhand (berührt nur Katheter). Nicht-dominante Hand = unsterile Assistenzhand (Absaugschlauch, Gerät).

4
Katheter einführen – OHNE Sog!

Katheter ohne Sog zügig aber vorsichtig bis zum Widerstand einführen (Carina), dann ca. 1 cm zurückziehen.

5
Absaugen unter Drehbewegung

Sog aktivieren. Katheter unter leichter Drehbewegung langsam zurückziehen. Max. 15 Sekunden! Nicht hin- und herbewegen.

6
Nachsorge & Dokumentation

SpO₂ kontrollieren. Atemgeräusche auskultieren. Bei Bedarf wiederholen (nach Erholung, max. 2–3×). Dokumentation: Menge, Farbe, Konsistenz, SpO₂, Komplikationen.

Mögliche Komplikationen

💓

Bradykardie / Arrhythmie

Vagusreizung durch Katheter an der Trachealwand. Sofort abbrechen, O₂ geben, Arzt informieren.

💨

Hypoxie

Zu langes Absaugen entzieht Sauerstoff. Max. 15 Sek.! Präoxygenierung einhalten.

🩸

Schleimhautverletzung

Zu hoher Sog, zu großer Katheter oder Sog beim Einführen. Blutiges Sekret = sofort Arzt informieren.

🦠

Infektion

Unsteriles Arbeiten kann Keime in die tiefen Atemwege verschleppen → beatmungsassoziierte Pneumonie (VAP).

Katheterauswahl: Größe richtig wählen

Innendurchmesser Kanüle/Tubus Max. Kathetergröße (Charrière) Faustregel
6,0 mm Ch 10 Katheter-Durchmesser ≤ ½ des Innendurchmessers der Kanüle/Tubus
7,0 mm Ch 10–12
8,0 mm Ch 12–14
9,0 mm Ch 14

⚠️ Zu großer Katheter: verschließt den Atemweg, verstärkt Sog und Schleimhauttrauma. Zu kleiner Katheter: ineffektives Absaugen, zähes Sekret wird nicht entfernt.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Max. 15 Sekunden pro Absaugvorgang – Hypoxie- und Bradykardie-Risiko
  • Katheter ohne Sog einführen – Sog erst beim Zurückziehen aktivieren
  • Endotracheal = sterile Technik – sterile Handschuhe, steriler Katheter, Non-Touch
  • Katheter max. ½ des Innendurchmessers – Faustregel für die Größenwahl
  • Präoxygenierung bei Beatmung – 30–60 Sek. mit 100 % O₂ vor dem Absaugen
  • Nur bei Bedarf absaugen – kein routinemäßiges Absaugen nach Zeitplan
  • Sekret dokumentieren: Menge, Farbe, Konsistenz

Wenn Sie sich nur einen Gedanken merken:

Merksatz: Einführen ohne Sog, Zurückziehen mit Sog, maximal 15 Sekunden – wer diese drei Regeln beherrscht, schützt die Schleimhaut und vermeidet die gefährlichsten Komplikationen.

Häufig gestellte Fragen zum Absaugen

Warum darf der Katheter nicht mit Sog eingeführt werden?

Der Sog würde die Trachealschleimhaut ansaugen und verletzen. Außerdem wird dadurch Sauerstoff aus den tiefen Atemwegen entzogen, bevor das eigentliche Absaugen beginnt – das verlängert die Hypoxie-Phase unnötig.

Was bedeutet „Non-Touch-Technik“?

Der Teil des Katheters, der in die Atemwege eingeführt wird, darf nur mit der sterilen Führhand berührt werden. Kein Kontakt mit Handfläche, Bettkante, Kleidung oder unsterilen Gegenständen. Der Katheter wird direkt aus der Verpackung entnommen und sofort eingeführt.

Woran erkenne ich, dass abgesaugt werden muss?

Klinische Zeichen: Rasselgeräusche beim Atmen, sichtbares Sekret an der Kanüle, steigende Beatmungsdrücke, SpO₂-Abfall, Unruhe, Hustenreiz. Absaugen immer nur bei Bedarf, nicht prophylaktisch.

Wie oft darf hintereinander abgesaugt werden?

Max. 2–3 Durchgänge mit Erholungspausen dazwischen (mind. 30 Sek. Oxygenierung). Bei jedem Durchgang neuer steriler Katheter. Wenn nach 3× immer noch viel Sekret: Arzt informieren – evtl. Sekretmobilisation, Befeuchtung oder Medikation anpassen.

Dürfen pflegende Angehörige absaugen?

Orales Absaugen (Mund/Rachen) kann nach Schulung durch Angehörige durchgeführt werden. Endotracheales Absaugen erfordert fachpflegerische Schulung und gilt als Behandlungspflege. Angehörige werden ggf. durch den Pflegedienst angeleitet – die Verantwortung bleibt bei der Pflegefachkraft.

Testen Sie Ihr Wissen

Wissenscheck
Warum wird der Absaugkatheter ohne Sog eingeführt?
A) Damit der Katheter leichter gleitet
B) Um Schleimhautschäden und unnötigen Sauerstoffentzug zu vermeiden
C) Weil das Gerät erst aufgewärmt werden muss
D) Das ist nur bei Kindern so
Auflösung anzeigen

Richtige Antwort: B) Um Schleimhautschäden und unnötigen Sauerstoffentzug zu vermeiden

Wird der Katheter mit aktivem Sog eingeführt, saugt er sich an der Trachealschleimhaut fest und kann sie verletzen. Gleichzeitig wird Sauerstoff aus den tiefen Atemwegen entzogen, bevor das eigentliche Absaugen beginnt. Deshalb: Sog erst beim Zurückziehen aktivieren.

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Tim Reinhold Dozent für Pflegeweiterbildung · Fachautor im Wissenszentrum Pflege

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